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28.07.2009
 

Die erste Globalisierung

Der Fluch des Silbers

Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro

2. Teil: Der Niedergang der spanischen Kolonialmacht

Auch an europäischen und amerikanischen Universitäten haben Generationen von Studenten Galeanos Werk verschlungen. Es gilt als Standardwerk der "Dependenztheorie", die eine ganze Denkschule von Sozialwissenschaftlern geprägt hat. Zusammengefasst besagt sie, dass die Abhängigkeit der ehemaligen Kolonialstaaten von den Metropolen in Europa und den USA nach der Unabhängigkeit weiterbestehe. Solange die kapitalistische Erste Welt die Dritte Welt ausbeute, gebe es keine Chance für eine Besserung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in den Ex-Kolonien.

Galeano zieht eine direkte Linie von der Conquista zu den ökonomischen und politischen Interventionen der USA in Mittelamerika. So wie die Spanier die Indios unterwarfen, so beute im 20. Jahrhundert ein Unternehmen wie die United Fruit Company die Arbeiter auf seinen Bananenplantagen aus.

Aber hält seine Analyse einer historischen Überprüfung stand? Ist das Elend in Lateinamerika wirklich nur eine Folge der Ausbeutung?

"Die Kolonialwirtschaft und die Handelsbeziehungen mit Europa waren komplexer, als es die Dependenztheoretiker wahrhaben wollen", sagt der brasilianische Historiker Carlos Gabriel Guimarães.

In den Kolonien regte sich früh Widerstand gegen das Wirtschaftsmonopol der Metropole. Das Silber aus den Minen bewirkte Inflation. Vor allem Grundnahrungsmittel wurden teuer, Hungersnöte drohten. Der unstillbare Hunger des Hofes nach Silbermünzen führte dazu, dass in den Kolonien oft Geldstücke fehlten. In vielen Regionen des spanischen Kolonialreiches entstand deshalb eine rege Tauschwirtschaft.

Spanien war ein Agrarland, es schickte vor allem Wein, Getreide und Olivenöl in die Kolonien. Textilien und andere Fertigprodukte ließ die Krone aus Genua oder Flandern nach Amerika schaffen, Direktimport war den Kolonien verboten. Schmuggel blühte.

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2009


TITEL
Geld!
Von den Fuggern zur Finanzkrise: Eine Chronik des Kapitals

Weil Madrid die Nachfrage der Kolonien nach Luxusgütern nicht befriedigen konnte, lebte der Handel zwischen den überseeischen Besitzungen auf. Die Eliten von Mexiko kauften chinesische Seide und Stoffe in Manila, der Hauptstadt der spanisch beherrschten Philippinen. 1597 schickte Mexiko mehr Silber auf die Philippinen als nach Spanien.

1631 verbot Madrid den Handel zwischen Peru und Mexiko. Der Hof entsandte neue Statthalter nach Amerika, sie sollten über das Handelsmonopol der Krone wachen und bei den lokalen Händlern Steuern eintreiben. Doch die Einheimischen fanden immer neue Wege, wie sie die Kolonialverwaltung austricksen konnten. Fleisch und Getreide wurden bald in den Kolonien produziert. Rinderzüchter trugen wesentlich zur Erschließung des Landesinneren bei, sie ließen sich nicht von der Kolonialverwaltung gängeln.

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann der Niedergang der Kolonialmacht Spanien. Der spanische Hof war hochverschuldet, er schickte immer weniger Waren. So erhöhten die Kolonien ihre eigene Produktion. Mexiko, Peru und Chile wurden zu Selbstversorgern bei Getreide und bis zu einem gewissen Grad auch bei Wein, Öl, Eisen, Holz und Möbeln. Durch den Austausch zwischen den Kolonien bildete sich eine eigene amerikanische Wirtschaft heraus. Mexico City und Lima wuchsen zu Handelszentren heran.

Nach und nach entglitt Madrid die Kontrolle. Die aufstrebenden Mächte aus Nordeuropa verdrängten die Spanier auf den Weltmeeren. Piraten und Freibeuter, die im Auftrag der britischen und französischen Krone agierten, machten die "Carrera de las Indias", wie die Hauptverkehrsroute zwischen Sevilla und den Kolonien genannt wurde, zu einem Abenteuer. Sie kaperten und versenkten ungezählte spanische Karavellen und Galeonen. Vor allem in der Karibik trauten sich spanische Schiffe nur in großen Flottenverbänden und begleitet von Kriegsschiffen aufs offene Meer.

Der Niedergang des spanischen Weltreichs ging einher mit Dürren und Hungersnöten auf der iberischen Halbinsel. Die einstige Weltmacht war Ende des 17. Jahrhunderts Peripherie geworden.

Erst die Herrschaft der Bourbonen bescherte Spanien im 18. Jahrhundert ein neues, wenn auch kurzes goldenes Zeitalter. Madrid straffte die Verwaltung in seinen überseeischen Kolonien und baute die Silberproduktion in Mexiko aus. Der Handel zwischen den Kolonien blühte auf, viele von ihnen erlebten "eine wahre Wiedergeburt", so der Lateinamerika-Historiker Murdo MacLeod.

Vor allem Kuba profitierte von der Liberalisierung des Seehandels. Havanna wurde zur wichtigsten Hafenstadt der Karibik, mit 70.000 Einwohnern war es Ende des 18. Jahrhunderts die zweitgrößte Stadt Hispanoamerikas. Eine "komplexe und vielfältige" interne Wirtschaft und Gesellschaft attestiert der britische Historiker David Brading den spanischen Kolonien jener Ära.

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