Von Jens Glüsing, Rio de Janeiro
Nur in Potosí kam der Aufschwung nicht an. Die Silberminen waren weitgehend versiegt. Das Edelmetall, das in Europa zur Geburt des Kapitalismus, zur industriellen Revolution und zur Vorherrschaft über den Rest der Welt so viel beigetragen hatte, hatte in Südamerika eine Feudalgesellschaft genährt. Es verhinderte die Herausbildung eines bürgerlichen Standes und damit die Entstehung eines modernen Kapitalismus.
Was das Silber für das spanischsprachige Amerika bedeutete, war der Zucker für Brasilien und das portugiesische Kolonialreich. Portugal war traditionell eine Nation von Seefahrern. Als im 15. Jahrhundert in Europa das Gold knapp wurde und deshalb an Wert gewann, suchten die Portugiesen zunächst in Afrika nach dem Edelmetall. Von dort brachten sie Leder, Färbemittel und Sklaven mit, die in Europa teuer gehandelt wurden.
Im Jahr 1500 entdeckte der Seefahrer Pedro Álvares Cabral Brasilien. Die Portugiesen errichteten sogenannte Feitorias, Verwaltungseinheiten, die den Vizekönigreichen in Hispanoamerika entsprachen und später in "Capitanias" umbenannt wurden.
Zunächst exportierte die junge Kolonie vor allem Brasilholz nach Europa, Mitte des 16. Jahrhunderts wuchs die Nachfrage nach Zucker. Grundlage der brasilianischen Kolonialwirtschaft waren die Fazendas: riesige Farmen, die meist Zuckerrohr oder Getreide in Monokultur anbauten. Der portugiesische König besaß das Handelsmonopol, er vergab Lizenzen für private Geschäftsleute. In den Kolonien herrschte Tauschwirtschaft. Sklaven stellten die wichtigste Währung dar. "Die Sklaverei war der Motor der Kolonialwirtschaft", sagt der brasilianische Historiker Oswaldo Munteal Filho.
Die Capitanias importierten Sklaven aus Afrika, die sie gegen Zucker, Pfeffer und andere Produkte eintauschten. Zunächst hatten sie versucht, Brasiliens Ureinwohner zu versklaven, aber die Indios lehnten sich gegen die Kolonialherren auf. Afrikaner galten als kräftiger, fleißiger und gehorsamer.
Seefahrer vermieteten Stauraum in den Karavellen, die im Dreieckshandel zwischen Portugal, Afrika und Brasilien verkehrten. In Afrika begaben sich viele Stammesfürsten in den Dienst der Portugiesen. Sie tauschten Angehörige unterworfener Stämme gegen Stoffe, Salz und Tand aus Europa ein.
Das kleine Portugal war bald von seinen Übersee-Besitzungen abhängig. "Im 16. Jahrhundert stand Portugal an der Spitze der Weltökonomie", sagt Historiker Munteal Filho. "Aber die Iberische Halbinsel schaffte es nicht, sich aus der Abhängigkeit von den Kolonien zu lösen. Wirtschaftlich wurde Portugal zu einem Anhang Brasiliens."
Bis Ende des 17. Jahrhunderts dominierte der Zuckerhandel das portugiesische Kolonialsystem; der süße Stoff stieg neben den Sklaven zur wichtigsten Tauschwährung auf. Erst 1694, als im Hinterland von Rio de Janeiro Gold gefunden wurde, errichtete die Kolonialverwaltung von Bahia, der wichtigsten Capitania, eine Münzpresse, um eine eigene Kolonialwährung auszugeben.
In Brasilien führte der Gold- und später Diamantenrausch zur Entstehung neuer Städte und der Erschließung des Landesinneren. "Der Bergbau erlaubte die Ausweitung der Geldzirkulation und beschleunigte den Austausch von Gütern", schreibt der Historiker Arno Wehling. "Das trug dazu bei, die verschiedenen Wirtschaftsregionen der Kolonie untereinander zu verbinden und transformierte sie in einen relativ geeinten Kontinent namens Brasilien."
Aber die Sklaverei wurde in Brasilien erst 1888 endgültig abgeschafft. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dominierte die Plantagenwirtschaft der Kolonialzeit Brasiliens Wirtschafts- und Sozialstruktur. Die Abschaffung der Sklaverei führte nicht zu einer Landreform, der Großgrundbesitz blieb bestehen. Die "befreiten" Sklaven verdingten sich zumeist als Lohnarbeiter auf den Fazendas. Oft erhielten sie nur Verpflegung und eine Schlafstätte.
Immer noch wird Landbesitz in Brasilien höher geachtet als Geld und produktive Investitionen. Viele Politiker sind Großgrundbesitzer. Wer etwas Geld angespart hat, kauft eine Fazenda oder andere Immobilien.
Europas Aufstieg zum Handels- und Wirtschaftszentrum der Welt wurde vom Reichtum seiner Kolonien begünstigt. Doch in Lateinamerika zementierte der Überfluss natürlicher Ressourcen Großgrundbesitz und Sklavenwirtschaft. Die Ideen der Aufklärung erreichten in Lateinamerika nur die Eliten, die industrielle Revolution blieb aus.
So ist Lateinamerika bis heute in vieler Hinsicht vom Erbe der Kolonialepoche geprägt. Auch deshalb ist der moderne Kapitalismus dort nie angekommen.
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