Von Michael C. Burda
Der Internationale Währungsfonds hat im September 2008 das Ausmaß der Finanzkrise, gemessen an den weltweiten Verlusten aus Kreditgeschäften, auf 1,3 Billionen Dollar beziffert: $ 1.300.000.000.000. Das waren damals schon zwei Prozent der geschätzten globalen Wirtschaftsleistung. Sechs Monate später hat die US-Finanzagentur RGE Monitor eine noch weit höhere Verlustschätzung vorgelegt, die allein für US-Wertpapiere und Derivate auf 3,6 Billionen kommt. Das entspricht einem guten Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung der weltgrößten Volkswirtschaft.
Wären die Verluste in dieser Höhe realisiert worden, hätten sie die Gesamtkapitalisierung der US-Banken überstiegen und viele Finanzinstitute ruiniert. Deshalb mussten große Teile des Bankensektors erhebliche staatliche Hilfen in Anspruch nehmen.
Trotz des keimenden Optimismus ist die Krise noch nicht ausgestanden: Vor allem das Bankensystem in den USA ist kaum in der Lage, weitere Störungen der Weltwirtschaft auszuhalten. Weil die heutige Ökonomie so sehr auf die Funktionsfähigkeiten von Banken angewiesen ist, wuchs sich die Finanzkrise zu einer Wirtschaftskrise aus: Der Schock brachte das Kreditwesen zum Stillstand - mit drastischen Folgen für den Außenhandel, für die Anschaffung von langlebigen Gebrauchsgütern und für den Ausbau von Produktionskapazitäten. Deutschland als stolzer Exportweltmeister wurde im Auto- und Maschinenbau besonders hart getroffen. Die Weltrezession ist der gigantische Kollateralschaden der Finanzkrise.
Ungeachtet dieser düsteren Ausgangslage bin ich mir sicher, dass die Herausforderungen der globalen Finanzkrise, so unfassbar ihre Dimensionen scheinen, zu meistern sind. Jede Finanzkrise besteht letztlich, stark vereinfacht gesagt, in der Ausdehnung endloser finanzieller Ansprüche auf eine endliche, reale Wirtschaft: auf Büros und Fabriken, auf die darin beschäftigten Arbeitskräfte, auf Wohnungen und Land, aber auch auf Ideen, Technologien, Institutionen und unternehmerische Menschen. Nach der Anpassung, Beschneidung oder Vernichtung dieser Ansprüche wird die reale Wirtschaft mit ihrem Produktionspotential weiter existieren und weiter wachsen - wie sie es in den vergangenen 150 Jahren getan hat.
Um die Krise zu bewältigen, muss der Konflikt der Ansprüche schnell und transparent gelöst und das verlorene Vertrauen wieder hergestellt werden. Die Überwindung der Krise wird schon deshalb gelingen, weil die damit verbundenen Kosten, so hoch sie absolut auch sein mögen, relativ gering sind - jedenfalls im Vergleich zum ansonsten drohenden Totalverlust ökonomischer Funktionsfähigkeit. Ein solches Risiko für unser Wirtschaftssystem, das Wohlstand und Sozialstaat ermöglicht, wird niemand eingehen.
Aber auch dann, wenn wir aus der Krise herauskommen, steht die Frage im Raum, ob so etwas wieder geschehen kann und darf. Von der Finanzkrise erfasst wurden selbst Länder, die eigentlich völlig unbeteiligt waren. Ob man das alles stillschweigend hinnehmen muss - das zu fragen, ist das gute Recht der Steuerzahler, die nun die Aufräumarbeit zu finanzieren haben. Um zu verhindern, dass dergleichen wieder passiert, müssen wir die Finanzwelt mittel- und langfristig verändern. Gegen unheilvolle Krisen dieser Größenordnung, die riesige Kollateralschäden anrichten, tut Vorbeugung not.
Erstens ist festzuhalten, dass die US-Zentralbank nach dem 11. September 2001 bis Mitte 2005 die Leitzinsen zu niedrig gehalten hat. Geld war so leicht zu bekommen, dass enorm viel Liquidität nach neuen Anlagemöglichkeiten suchte. Wegen der billigen Importe aus China und anderen Ländern führte die Niedrigzinsphase nicht sofort in die Inflation, wie es sonst fast immer der Fall ist, sondern blähte die Märkte für Vermögenswerte auf.
Zweitens hat eine besonders lasche Regulierung des Marktes für Immobilienfinanzierung in den USA Häuser und Grundstücke zum unmittelbaren Objekt der Spekulationswelle gemacht. Die Politik der Regierungen Clinton und Bush ermutigte viele US-Bürger, die keinerlei Sicherheiten bieten konnten, sich Geld zu leihen. Anderen verhalf sie aufgrund der gestiegenen Immobilienpreise zu unverhofftem Reichtum: Die Preise kletterten laut dem Case-Shiller-Index, der die Entwicklung in den 20 wichtigsten US-Metropolenregionen wiedergibt, zwischen 1995 und 2006 um kaum glaubliche sieben Prozent pro Jahr - und zwar inflationsbereinigt. Im Gegensatz dazu hatten sie sich zuvor mehr als ein Jahrhundert lang, zwischen 1890 und 1995, kaum verändert.
Drittens haben Erneuerungen im Finanzbereich dazu geführt, dass sich die gesamte globalisierte Welt am US-Immobilienboom beteiligen konnte. Die Hypotheken, die sich vor dem Entstehen der Spekulationsblase in lokalen US-Bankbilanzen befunden hatten, wurden aus diesen herausgelöst. Man schnürte viele Einzelhypotheken zu unüberschaubaren Kreditbündeln zusammen, die unter klangvollen Begriffen wie Mortgage Backed Securities oder Collateralized Debt Obligations an Großinvestoren rund um die Erde weiterverkauft wurden. Jene Banken, die ursprünglich die Hypotheken bewilligt hatten, konnten sich auf diese Weise ihres Verlustrisikos entledigen. Es wurde in kaum noch erkennbarer Form an Dritte weitergereicht.
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© SPIEGEL Geschichte 4/2009
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