Von Michael C. Burda
Lobbyisten steckten auch hinter einer anderen fatalen Entscheidung: Das war der Beschluss der US-Behörde für die Aufsicht über den Wertpapierhandel, die fünf größten Investmentbanken ( Goldman Sachs, Merrill Lynch, Lehman Brothers, Bear Stearns, Morgan Stanley) aus den Vorschriften über die Kapitalhinterlegung zu entlassen, die das Risiko begrenzten. Ihr Verhältnis von Fremdkapital zu Eigenkapital ist demzufolge von 12:1 auf 30:1 bis 40:1 angestiegen.
Einige Jahre später fielen diese einst großmächtigen Investmentbanken, weil sie sich gewaltig verhoben hatten, den "normalen" (von der Einlagensicherung geschützten) Banken in den Schoß - und den Steuerzahlern zu Last.
Überhaupt sind Finanzblasen dadurch gekennzeichnet, dass Leichtsinn und Herdentrieb an die Stelle von Sorgfalt und Diskussionskultur rücken. Die Menschheit scheint dabei einem Kollektivrausch zu verfallen: Das Denken wird gleichgeschaltet, aus Angst vor Blamagen und Demütigungen wagt niemand mehr, etwas gegen den Mainstream zu sagen.
Alles was man über Lehman Brothers und ihre riskanten Geschäfte hätte wissen wollen, stand schon immer in deren Jahresberichten - im Anhang zwar, aber deutlich lesbar. Offensichtlich haben auch Analysten und Wirtschaftsjournalisten versagt, die diese Informationen hätten publizieren müssen - oder die Investoren waren selbst zu faul, sich damit auseinanderzusetzen.
Es wird heutzutage gern gegen die Ökonomen polemisiert, die vor der Krise nicht gewarnt hätten. So einfach ist es nicht. Unter anderen haben Robert Shiller, Nouriel Roubini, Raghuram Rajan und der Deutsche Max Otte frühzeitig auf die Gefahren hingewiesen.
Wahr ist aber, dass diese Sachkenner als "ewige Kassandras" verpönt, wenn nicht einfach ignoriert wurden. Genauso erging es übrigens dem gebürtigen Hamburger Bankier Paul Warburg, der als eingebürgerter Amerikaner zum geistigen Vater der US-Zentralbank wurde: Als er Anfang 1929 vor der Aktienspekulation auf Pump warnte, schlug ihm vernichtende Kritik mit antisemitischer Tendenz entgegen. Auch die prophetischen Warnungen des US-Börsenchefs Alan Greenspan vor "irrationalem Überschwang" an den Börsen quittierte man 1996 mit Hohn und Spott. Und die Clinton-Regierung mobbte die Anwältin Brooksley Born, die an der Spitze der US-Aufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission stand, aus dem Amt. Sie wurde dafür abgestraft, dass sie 1998 vor dem unüberwachten und unregulierten Handel mit Finanzderivaten gewarnt hatte.
Nicht nur die Ökonomen schwiegen. Wo waren die Wirtschaftsjournalisten, als Herr Ackermann Renditen von 25 Prozent auf das Eigenkapital seiner Deutschen Bank ankündigte? Jeder Volkswirtschaftsstudent weiß aus der Einführung in die Finanztheorie, dass dieses Versprechen auf Dauer mit ganz erheblichen Risiken verbunden ist.
Das Fatale aber ist, dass Vorstände den Wünschen ihrer Aktionäre nachgeben müssen. Und wenn US-amerikanische Banken eine Kapitalrendite von 25 Prozent erwirtschaften, will das natürlich auch die Deutsche Bank - sonst verliert sie ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem internationalen Kapitalmarkt und Herr Ackermann vielleicht auch seinen Job. "Solange die Musik gespielt wird, musst du weitertanzen": So drückte es der gescheiterte Citi-Banker Charles Prince aus.
Ich fürchte, dass sich das Glücksrad weiter drehen wird und muss. Diese Krise ist nicht die letzte Heimsuchung ihrer Art. Die nächste lauert schon um die Ecke. Wir können bestenfalls versuchen, den Kollateralschaden intelligent zu begrenzen und die Kosten so eng wie möglich mit den Verursachern zu verbinden. Und deshalb müssen wir die richtigen Konsequenzen aus den Fehlern ziehen.
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© SPIEGEL Geschichte 4/2009
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