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Erfinder & Pioniere Der Universalmensch

Da Vinci: "Mit Leichtigkeit zur Vollendung bringen"
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3. Teil: Auf vielen Feldern betätigte er sich als produktiver Dilettant

Friedrich Nietzsche hat bei Leonardo einen "überchristlichen Blick" ausgemacht. Er ist in der Tat nicht religiös, sondern setzt als Materialist auf die Naturwissenschaften. Wirkliches Wissen basiert für Leonardo auf sinnlicher Erfahrung. Er argumentiert wie ein moderner Agnostiker: Ob es einen Gott oder eine Seele gebe, darüber ließe sich ewig streiten. Unstrittig aber sei, dass zwei mal drei sechs ist. Bei aller Wertschätzung der Mathematik lernte er allerdings zeit seines Lebens nicht richtig zu dividieren. Anders als der Leonardo-Mythos es will, war er kein Gott.

Der Autodidakt hat sich selbst keineswegs als Universalmenschen gesehen, sondern als "uomo senza lettere", als unbelesenen Mann. Sein Selbstbewusstsein wurde von Selbstkritik ausbalanciert.

Auf vielen Feldern betätigte er sich als produktiver Dilettant. So waren seine militärtechnischen Einfälle zahlreich, aber nicht bahnbrechend. Er entwarf gigantische Armbrüste, die angesichts des schon gängigen Schießpulvers keine Zukunft hatten. Ihm fehlte einfach die Kriegserfahrung, um wirkungsvolle Waffen zu bauen. Seine militärischen Maschinen seien, so der Leipziger Kunsthistoriker und Leonardo-Experte Frank Zöllner, "noch utopischer, als man ohnehin vermutet".

Manche seiner gern gerühmten Erfindungen - eine Art Hubschrauber oder Taucheranzug zum Beispiel - haben andere früher als er ersonnen. Er hat sie allerdings besser gezeichnet.

Bei den meisten seiner Ideen muss Leonardo klar gewesen sein, dass sie nie umgesetzt werden würden. Keine einzige der gezeichneten Wunderwaffen, kein einziges der von ihm entworfenen Gebäude wurde je realisiert.

"Wenig von dem großen Werk begonnen"

Besonders fasziniert war Leonardo vom Fliegen. Aber erst nachdem er lange Zeit verschiedenste Flugapparate gezeichnet hatte, begriff er, dass die Muskelkraft eines Menschen zu gering ist, um ihn samt einem Vehikel in der Luft zu halten. Weitsichtig waren aber seine Studien von Flügeln, bei denen er sich an Fledermäusen orientierte. Sie ähneln schon den Flügeln, die der deutsche Flugpionier Otto Lilienthal erst Ende des 19. Jahrhunderts baute und bei erfolgreichen Flugversuchen verwendete.

Leonardo kassierte gern Vorschüsse für Kunstwerke, ging aber dann lieber seinen wissenschaftlichen Interessen nach. So klagte ein Mitarbeiter des Florentiner Magistrats, der berühmte Maler habe "eine gute Summe Geldes erhalten und nur wenig von dem großen Werk begonnen".

"Weh mir!", rief Papst Leo X. über Leonardo aus. "Dieser Mann wird nichts zustande bringen, weil er zuerst an das Ende der Arbeiten denkt, bevor er sie überhaupt begonnen hat." Als es Leonardo 1513 nach Rom verschlug, waren dort Michaelangelo und Raffael die gefeierten großen Künstler. Der Mann aus Vinci galt als genialischer Sonderling, nennenswerte Aufträge bekam er nicht.

Leonardos OEuvre als Maler ist überraschend klein. Nur neun Gemälde gelten als seine eigenhändigen Arbeiten. Weitere neun lassen sich ihm zuschreiben; sechs Werke gingen verloren, so dass Leonardo in rund 40 Jahren lediglich zwei Dutzend Gemälde geschaffen oder begonnen hat.

Für unvollendet hielt er in unerbittlicher Selbstkritik sogar das Bild aller Bilder: das Porträt von Lisa del Giocondo, der Gattin eines reichen Florentiner Seidenhändlers, "Mona Lisa" genannt. Der Auftraggeber erhielt es nie - stattdessen gelangte das 77 mal 53 Zentimeter große Gemälde kurz vor Leonardos Tod in den Besitz des französischen Königs Franz I.

Mona Lisa in Napoleons Schlafzimmer

Zeitweilig zierte das bekannteste Bild der Welt das Schlafzimmer Napoleons. Heute lockt es im Pariser Louvre im Schnitt 20.000 Betrachter pro Tag an. Der Surrealist Marcel Duchamp hat der Dame mit dem angeblich geheimnisvollen Lächeln ein Bärtchen verpasst; Andy Warhol hat sie in eine Pop-Ikone verwandelt.

Leonardos Bewunderer Franz I. von Frankreich ernannte ihn zum "Ersten Maler und Ingenieur und Architekten des Königs" und überließ ihm einen Herrensitz bei seinem Schloss in Amboise an der Loire, in dem er bis zu seinem Tod im Mai 1519 lebte. Der junge König fand "großen Gefallen" daran, Leonardo "konversieren zu hören" und schätzte ihn als "großen Philosophen".

Das war denn doch übertrieben. Bewundernswert aber ist und bleibt Leonardos Blick auf die Welt. "Er lebt nicht im autoritären Totalwissen", hat der Philosoph Karl Jaspers über ihn geschrieben, "sondern im fragenden und findenden Voranschreiten."

So repräsentiert Leonardos schöpferische Neugier den Aufbruch aus einer Epoche fragloser Jenseits-Gewissheiten in die moderne Erforschung der Rätsel des Diesseits.

Wer ihn kritisieren will, wirft ihm gern seine Unbeständigkeit vor. Vasari kolportiert eine Anekdote, nach der Leonardo dem König von Frankreich unmittelbar vor seinem Tode gestanden habe, "wie sehr er sich gegen Gott und die Menschen versündigt hatte, indem er seine Kunst nicht so ausgeübt hatte, wie er es hätte tun sollen".

Auch von Leonardo selbst wissen wir, dass er in seiner Vielseitigkeit manchmal ein Problem sah. "Ganz wie ein Königreich in sein Verderben läuft, wenn es sich teilt", schrieb er, "so verwirrt und schwächt sich der Geist, der sich mit zu vielen Themen beschäftigt." Doch solche gelegentlichen Bedenken stellte er mit gutem Grund wieder zurück. "Durch verworrene und unbestimmte Dinge", hatte er erkannt, "wird nämlich der Geist zu neuen Erfindungen wach." Angesichts von Leonardos umfassenden Interessen und Forschungen hat Karl Jaspers ihn in positivem Sinn einen "Fragmentarier" genannt.

Leonardo da Vinci, der immer mehr vom Künstler zum Wissenschaftler wurde, hatte verstanden, dass Versuch und Irrtum den Weg markieren, der das Ziel ist.

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insgesamt 8 Beiträge
dasky 11.10.2009
Na so unvollendet wäre ich auch gerne.
Na so unvollendet wäre ich auch gerne.
Polymorph 11.10.2009
Nichts für ungut, aber die Frage, ob Leonardo homosexuell war, ist nicht unumstritten. Das sollte man auch so schreiben - und nicht Vermutungen als Gewissheiten verkaufen.
Nichts für ungut, aber die Frage, ob Leonardo homosexuell war, ist nicht unumstritten. Das sollte man auch so schreiben - und nicht Vermutungen als Gewissheiten verkaufen.
michaxl 11.10.2009
Die Vermutung ist doch auch nur ein Ergebnis einer weit hergeholten Fallstudie von S. Freud, die auf einem Kindheitstraum von Leonardo beruht. Freudjünger sind nun mal gläubig.
Zitat von PolymorphNichts für ungut, aber die Frage, ob Leonardo homosexuell war, ist nicht unumstritten. Das sollte man auch so schreiben - und nicht Vermutungen als Gewissheiten verkaufen.
Die Vermutung ist doch auch nur ein Ergebnis einer weit hergeholten Fallstudie von S. Freud, die auf einem Kindheitstraum von Leonardo beruht. Freudjünger sind nun mal gläubig.
Websingularität 11.10.2009
Naja, da gibt's wirklich schlimmere Lebensläufe. Die Vielseitigkeit dieses Mannes ist zumindest Krisensicher. Hier waren bestimmt auch wirtschaftliche Zwänge im Spiel, denn das Leben damals war ein hartes Brot. Wenn ich zu [...]
Naja, da gibt's wirklich schlimmere Lebensläufe. Die Vielseitigkeit dieses Mannes ist zumindest Krisensicher. Hier waren bestimmt auch wirtschaftliche Zwänge im Spiel, denn das Leben damals war ein hartes Brot. Wenn ich zu meiner Lebenszeit das gleiche Vertrauen genießen würde, hätte ich bestimmt auch das Zeug zum Universalverehrten. Hier zeigt sich: Genialität ist keine von der Natur verliehene Eigenschaft, sondern wird von Menschen zugeschrieben. Wird die Leistung eines Menschen nicht gewürdigt, ist er folglich auch kein Genie. Das ist nur ein Begriff. Die wenigen Naturgenies werden doch garnicht erkannt oder wahrgenommen. Das Leben wahrer Genies ist meistens das Elend, und nicht der Ruhm für grandiose Leistungen. Trotzdem war dieser Herr aus Vinci wahrscheinlich ein ebensolches Naturgenie, welches das Glück hatte wahrgenommen zu werden. Ich persönlich lese solches Zeug gerne und mit Interesse.
Rockker 11.10.2009
Ich habe mich schon immer gewundert und habe immer eine Frage gestellt: Woher weiß man das? Ich meine nicht nur die Frage ob Leonardo schwul war, oder auch ob Alexander der Große auch schwul war,...ob Kaligula psychisch krank [...]
Zitat von PolymorphNichts für ungut, aber die Frage, ob Leonardo homosexuell war, ist nicht unumstritten. Das sollte man auch so schreiben - und nicht Vermutungen als Gewissheiten verkaufen.
Ich habe mich schon immer gewundert und habe immer eine Frage gestellt: Woher weiß man das? Ich meine nicht nur die Frage ob Leonardo schwul war, oder auch ob Alexander der Große auch schwul war,...ob Kaligula psychisch krank war...usw...oder was auch immmer, über welche Geschichtspersönlichkeit auch immer die Rede war... Das nenne ich mal "Historientratsch". Denn, das alles stützt sich auf bloßen Vermutungen, ohne wirklich feste Beweiße. Denn in den historischen Quellen findet man ganz ganz wenige Angaben vom Leben der Personen und daraus bastellt man, aber so was von Riesengeschichten zusammen, als hätte es damals vor 500, bzw. 2300 Jahren, "RTL explosiv", "Bild Zeitung", "Gala"...oder Internet gegeben. Ich glaube, vieles was da von Personen aus der ganz fernen Geschichte geschrieben wurde, ist einfach reine Dichtung. Die manchmal dann auch in allerlei Gaga-Theorien umschlägt, wie bei Dan Brown und seiner Bessenheit von der Verschwörungestheorien um das berühmte Leonardo Bild. Und daraus entseht meistens ein Wunschdenken des Authors der über eine Person oder ein Thema schreibt. So ist das Wunschdenken Dan Browns und der Gleichgesinnten daß L.d.V ein schräger schwuler genialer Freak gewesen war, der angeblich gegen die Kirche und die damalige Weltanschauung war usw.. ein fast linksliberaler fortschrittlicher Demokrat... Und das ist es was mich immer stört-daß man bestimme Persönlichkeiten der Geschichte aus der heutigen Zeit betrachtet, bzw. sie nach heutigen Maßstäben versucht zu betrachten, bzw sie in die heutige Zeit zwangshaft zu versetzen. Man ist nicht in der Lage sich in der damalige Zeit zu versetzen, eine ganz, ganz andere Zeit, die man in keiner Art und Weise vergleichen kann. WAhrscheinlich war LdV für seine Zeit ein Sonderling, wie auch heute viele Künstler für die heutige Zeit, als Sonderlinge gelten. Aber, er und alle andere Künstler waren auch in der Zeit eingebunden, die von Gott+Kirche geprägt wurde. Und in der Hinsicht war er auch nicht viel anders bzw. viel weiter als die meisten Menschen aus der damaligen Zeit. Bzw. er konnte ja gar nicht anders. Ein Mensch aus dem 16. Jh. kann keinesfalls das Denken eines Menschen aus dem 21. Jh. besitzen. Ich meine nicht jetzt im wissenschaftlichen Sinne, sondern allgemein die Betrachtung der Welt der Menschen usw.. Und schwul sein in der Zeit? Erstens; wenn es jemand war, mußte er dies bestens verstecken, sprich; darüber konntec dann keiner erfahren. Zwitens; im heutigen Sinne was das heute bedeutet, war derjenige der schwul war, wahrscheinlich dessen gar nicht bewußt.
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Heft 5/2009 Die Geburt der Moderne Zeitenwende um 1500 - Als die Welt sich neu erfand






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