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26.01.2010
 

Die Konstitutionelle Monarchie

Wissen für alle

Von Rolf Reichardt

Medien, Öffentlichkeit, Bewusstsein, Sprache, Moral - Frankreichs Kultur wird radikal umgewälzt.


Kaum hatten aufständische Handwerker und Krämer am 14. Juli 1789 die Bastille gestürmt, da erschien vor ihren Mauern ein untersetzter, etwas vierschrötiger Mann an der Spitze von 500 Arbeitern. Auf eigene Faust begann er, den verhassten "Staatskerker" zu schleifen.

Es war Pierre-François Palloy, der zum reichen Bauunternehmer aufgestiegene Sohn eines Pariser Weinhändlers. Der Fall der Bastille war sein politisches Erweckungserlebnis. Es elektrisierte ihn dermaßen, dass er fortan seine ganze Tatkraft und sein Vermögen der neuen Revolutionssymbolik widmete. Nicht genug damit, dass er offiziell mit dem Abriss der Bastille beauftragt wurde - er verspürte überdies die Mission, aus ihren Trümmern Andenken herzustellen und landesweit als Revolutionsreliquien zu verbreiten.

  • Aus den Steinquadern der Festung ließ er detailgetreue Modelle der Bastille meißeln und gründete eigens eine Bruderschaft, "Freiheitsapostel" genannt, um diese "Votivgaben der Freiheit" in die Hauptstädte der 83 Départements zu transportieren, wo sie mit feierlichen Reden und öffentlichen Umzügen eingeweiht wurden. Aus den eisernen Schlössern, Ketten und Schleifkugeln des Gefängnisses schlug er Medaillen mit Freiheitsmotiven, insgesamt an die 60.000 Stück, und verehrte sie Abgeordneten, Bürgermeistern und Revolutionsclubs.

  • Als "patriotischer Künstler", wie er sich prätentiös nannte, entwarf Palloy revolutionäre Denkmäler, etwa eine Freiheitssäule auf dem Bastilleplatz, zu der er am 14. Juli 1792 auch den Grundstein legte - im Beisein des Königs und der Nationalversammlung.

  • Als sangesfreudiger Patriot verfasste er revolutionäre Lieder, um sie bei feierlichen Anlässen selbst vorzutragen: so zum Jahrestag der Hinrichtung Ludwigs XVI., an dem er ein Schweinskopfessen zu veranstalten pflegte.

  • Besessen von der multiplikatorischen Wirkung der Printmedien, ließ er seine unzähligen Rundbriefe im Druck vervielfältigen - nicht ohne ihnen jeweils Medaillen und Flugschriften beizulegen. Und wenn ihn die Texte anderer überzeugten, ließ er sie kurzerhand nachdrucken und weiterverteilen, mit Vorliebe als illustrierte Plakate.

  • Als Impresario der Revolution führte er den Vorsitz im Jakobinerclub der Kleinstadt Sceaux bei Paris und organisierte beispielsweise zu den Jahrestagen des 14. Juli populäre Tanzfeste auf den Trümmern der Bastille.

Der "patriote Palloy", dieser hyperaktive Mediendesigner mit seinen theatralischen Bekenntnissen zur Revolution, wird in den klassischen Darstellungen der Historiker allenfalls nebenbei und abschätzig erwähnt. Gewiss, er stellt einen Extremfall dar, aber gerade dadurch illustriert er besonders deutlich die kulturelle Dimension der Revolution. Denn deren Volksnähe, Vielfalt und mediale Vernetzung stehen einzigartig da: Sie war ein grundlegender kultureller Umbruch, in dem alles mit allem zusammenhing: die Medien, die Clubbewegung, die Umwertung der Werte.

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© SPIEGEL Geschichte 1/2010
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Zum Autor

Rolf Reichardt. Der Mainzer Historiker, 69, ist einer der besten Revolutionskenner und -forscher in Deutschland. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Kultur und Bildpublizistik der Umsturzjahre.





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