Von Rolf Reichardt
Die Revolutionspolitiker wollten alle Lebensbereiche der Franzosen bis ins Innerste rationalisieren und demokratisieren. Der äußere Ausdruck dieses Bestrebens waren Maßnahmen wie Frankreichs Gliederung in Départements, die Abschaffung der Binnenzölle, die Einführung einheitlicher Maße und Gewichte. Nationale Wiedergeburt hieß ihr Motto, das 1793 in dem Brunnen der "Régénération" auf dem Bastilleplatz monumentale Gestalt gewann.
Die Umwertung der gesellschaftlichen Grundwerte begann bei der Sprache. In einem regelrechten Wörterkrieg, von dessen Heftigkeit eine ganze Zeitschrift zeugt (das "Journal de la langue française" von Urbain Domergue), propagierten die Wortführer der Revolution eine neue "Sprache der Freiheit": Die obrigkeitsstaatliche Bezeichnung "Untertan" (sujet) wurde geächtet und durch "Staatsbürger" (citoyen) ersetzt; der am absoluten Monarchen orientierte Begriff des "Staatsverbrechens" (crime de lèse-majesté) wurde auf die "Nation" umgepolt (crime de lèse-nation), um nur zwei Beispiele zu nennen.
Ab 1792, als sich die Radikalisierung der Revolution beschleunigte, griff diese Sprachpolitik tausendfach auf die Straßen-, Orts- und Personennamen über: So wurde die "Rue royale" in Paris in "Rue de la Liberté" umbenannt, Orte wie Saint-Antonin entledigten sich des ersten Teils ihres Namens, und Neugeborene wurden nicht länger auf "Joseph" oder "Marie", sondern auf "Brutus" oder "Égalité" getauft. Zugleich wurde es üblich, sich in der Öffentlichkeit zu duzen. Und mit alldem verband sich die visuelle Zeichensprache der Revolutionssymbole - von der Nationalkokarde über den Freiheitsbaum bis zur Jakobinermütze.
Wiedergeburt, das hieß auch die Heranbildung eines "Neuen Menschen" als Voraussetzung des republikanischen Gemeinwesens. "Ich bin überzeugt", rief Robespierre am 13. Juli 1793 im Konvent aus, "dass wir eine völlige Regeneration ins Werk setzen und, wenn ich mich so ausdrücken darf, ein neues Volk erschaffen müssen." Mit diesen Worten propagierte der spätere Spiritus Rector des Wohlfahrtsausschusses ein gigantisches Programm und Gesetzeswerk zur "nationalen Erziehung", das mit der allgemeinen Schulpflicht unentgeltliche Grundschulen einführte, Preisausschreiben für neue Lehrbücher veranstaltete und die zuvor meist kirchlichen Oberschulen verstaatlichte. Ein Projekt, das neue Maßstäbe setzte und engagierte Lehrer mobilisierte, wenn es auch in den Wirren der Revolution nur ansatzweise zu verwirklichen war.
Neue Sprache, neue Erziehung, neuer Kalender - und neuer Glaube
Wiedergeburt - in diesem Leitbegriff drückte sich überdies das Bewusstsein einer historischen Zäsur aus. Symbolisch empfingen beim Republik-Fest des 10. August 1793 die Vertreter der Départements am Brunnen der "Régénération" aus den Brüsten einer Naturgöttin das reine Wasser ihrer politischen Kommunion. So erlebten die Franzosen insgesamt - und viele Beobachter im Ausland mit ihnen - die Revolution als Beginn einer "Neuen Zeit". Es ging um mehr als um den Wechsel vom "Ancien Régime" (so der Neologismus von 1789) zu einer neuen Staatsordnung: Die Revolution markierte die Stunde null der Geschichte. Beginnend mit dem Juli 1789 datierten daher patriotische Schriftsteller und Journalisten ihre Publikationen spontan nach "Jahren der Freiheit". Die Konventsabgeordneten gingen 1793 noch weiter: Sie vollzogen eine systematische Kalender-Revolution.
Eine neue Sprache, eine neue Erziehung, ein neuer Kalender - da fehlte nur noch ein neuer "Glaube", um die Menschen ganz zu erfassen und auf die Revolution einzuschwören. Anfangs, als der Pfarrklerus sich auf die Seite des dritten Standes schlug und politische Feiern mit einem Tedeum begannen, bestand noch Aussicht, Anhänger und Kritiker der katholischen Kirche unter dem Dach einer liberalisierten "Réligion nationale" zu vereinen: so der Titel einer programmatischen Schrift des einstigen Königlichen Predigers Claude Fauchet. Als dann aber die Priester 1790 zu Staatsbediensteten erklärt wurden und viele von ihnen den Eid auf diese "Zivilkonstitution des Klerus" verweigerten, fühlten sich die Protagonisten der Revolution in ihrem Antiklerikalismus bestätigt.
In Konkurrenz mit der traditionellen Heiligenverehrung entwickelte sich ein Kult um die "Freiheits-Märtyrer". Zu den neuen Idolen zählte zum Beispiel der Konventsabgeordnete Le Peletier de Saint-Fargeau, der von einem Royalisten ermordet wurde, weil er für die Hinrichtung des Königs gestimmt hatte. Die größte Verehrung genoss der von Charlotte Corday erdolchte "Volksfreund" Marat: Sein Leichenbegängnis wurde zur Prozession, sein aus dem Körper herausgenommenes Herz zur Reliquie, sein Grab zur Pilgerstätte. Revolutionäre Clubs errichteten ihm Altäre, ließen Marat-Büsten anfertigen und schmückten ihre Sitzungssäle mit seinem Porträt. Die Marat gewidmeten Lieder, Gebete und Gedenkfeiern wollten kein Ende nehmen.
Ihren Höhepunkt erreichten die Revolutionskulte schließlich 1793 - im Jahre II der Republik - beginnend mit der feierlichen Umwidmung der Kathedrale Notre-Dame zum "Vernunfttempel".
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© SPIEGEL Geschichte 1/2010
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