Von Jan Puhl
Es ist Damiens letzte Fahrt. Die Richter haben seine Hinrichtung verfügt, doch es wird lange dauern, bis er tot ist.
Zunächst darf er in der Kirche um Pardon für seine Sünden flehen. Dann rollt der Karren zur Place de Grève. Dort hat der Henker Charles-Henri Sanson mit seinen Knechten das Foltergerät aufgebaut. Es ist eine der ersten Hinrichtungen des gerade 17-jährigen Fachmanns. Und schon hat er Gelegenheit, alle Register seines Könnens zu ziehen.
Zuerst kneifen sie Damiens mit glühenden Zangen in Arme und Beine. In die klaffenden, blutenden Wunden gießen sie geschmolzenes Blei, siedendes Öl, heißes Pech. Mit brennendem Schwefel verstümmeln sie sodann die Tathand. Sanson achtet vorschriftsmäßig darauf, dass Damiens die Torturen bei vollem Bewusstsein erleidet.
Zuckt der Rumpf noch?
Der Höhepunkt der Hinrichtung soll die Vierteilung des Opfers mit Hilfe von Pferden werden. Aber die schaffen es nicht, Damiens Arme und Beine auszureißen, und der Henker muss mit dem Messer nachhelfen. Augenzeugenberichte widersprechen einander: War Damiens schon zu Beginn der Vierteilung tot, oder zuckt der Rumpf noch, als man ihn auf den Scheiterhaufen wirft?
Doch solch bestialische Racheakte an aufmüpfigen Untertanen können das Ancien Régime nicht mehr retten. Die Revolution wird Todgeweihte blitzschnell mit einer "einfachen Maschine" ins Jenseits befördern. Henker Sanson blickt einer arbeitsreichen Zukunft entgegen.
Aber am Vorabend der Umwälzung ist der Blutrausch noch nicht zu erahnen. Die Wegbereiter und Wortführer der Revolution sind inspiriert von der Aufklärung. Der junge Jesuitenschüler Joseph-Ignace Guillotin zum Beispiel, Sohn eines Juristen, sagt sich von seinem Orden los. Er studiert in Reims Medizin und kommt 1768 ins vorrevolutionär brodelnde Paris.
Guillotin ist Gast in den feinen Salons und lehrt später an der Universität. Der König beruft den Prominentenarzt in medizinische Kommissionen. Das liberale Denken der Freimaurer fasziniert den Doktor, er schließt sich der Loge Les Neuf S urs an.
Köpfen mit einer "einfachen mechanischen Vorrichtung"
Und er gehört zu denen, die den Umsturz vorantreiben. Im Mai des Revolutionsjahres lässt sich Guillotin in die Nationalversammlung wählen. Als Ludwig XVI. voller Wut deren Tagungsort, das Hôtel des Menus-Plaisirs, verschließen lässt, führt Guillotin die Abgeordneten ins Jeu de Paume, das Ballhaus. Dort schwören die Volksvertreter, nicht auseinanderzugehen, bevor der Staat eine Verfassung hat.
Seinen wichtigsten Antrag zu dieser Konstitution bringt Dr. Guillotin am 10. Oktober 1789 ein. Sechs Punkte umfasst der Vorschlag des Mediziners. Punkt 1: "Vergehen der gleichen Art werden durch die gleiche Strafe geahndet, welchem Rang und Stand die Schuldigen auch immer angehören mögen." Punkt 2: Zum Tode Verurteilte werden geköpft. Die Strafe wird "ausschließlich vermittels einer einfachen mechanischen Vorrichtung durchgeführt".
Doch die Pariser Abgeordneten vertagen die Köpfungsfrage vorerst - ein gewisser Maximilien Robespierre wird sogar noch 1791 die Todesstrafe generell ablehnen: "Einen Sieger, der seine gefangenen Feinde tötet, nennt man Barbar! Ein Beschuldigter, den die Gesellschaft verurteilt, ist für sie nichts weiter als ein besiegter und machtloser Feind."
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"Man muss mit dem Beil diejenigen regieren, die nicht durch die Justiz zu beherrschen sind." Warum nur bekomme ich bei solchen Sätzen ganz sehnsüchtige Gefühle...? mehr...
In Bayern: jährlich immer wieder neu, zum Oktoberfest beim Schichtl. Übrigens geht alles sehr human zu: der Kopf wird hinterher wieder angenäht. mehr...
Was bitteschön ist an meinem Plädoyer heuchlerisch? Eine Gesellschaft, die der Verführung zur Anwendung der Todesstraße auch angesichts schwerster Verbrechen widersteht und sich niederen, oftmals populistisch gesteuerten [...] mehr...
Sie behaupten hier aber doch, dass es die Feudalherren und Adligen waren, die von der fronarbeitenden Bevölkerung alimentiert wurden ? Wollen Sie jetzt mit der Guillotine das H IV Problem angehen??? Ich hoffe doch sehr, dass [...] mehr...
Das ist ungefähr genauso wenig wahr, als wenn ich behaupten würde jeder H IV - Empfänger sei ein Sozialschmarotzer, obwohl ich weiss, dass sie nur ihre R e c h t e in Anspruch nehmen. Bush hat von einer Grand Jury gefällte [...] mehr...
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© SPIEGEL Geschichte 1/2010
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