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26.01.2010
 

Republik und Terror

Ein eiserner Windhauch

Von Jan Puhl

2. Teil: Tests an Schafen und Leichen verdrängen alle Zweifel


Erst 1792 liegt Guillotins Vorschlag wieder auf dem Tisch. Vor allem Sanson, der Henker, drängt darauf, die Köpfungen künftig zu mechanisieren. Allzu mühselig sei es, die Urteile mit dem Beil oder Schwert zu vollstrecken. Der Delinquent habe die nötige "Ruhe zu bewahren" und nicht zu zucken. Und selbst dann hieben die Henker noch oft genug daneben und bräuchten mehrere Streiche. In seinem "Mémoire" an den Justizminister argumentiert Sanson auch mit Unwirtschaftlichkeit der Hinrichtung von Hand: "Nach jeder Exekution ist das Schwert unbrauchbar. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, einen ausreichenden Vorrat an einsatzbereiten Schwertern zu Verfügung zu haben."

Der Leibarzt des Königs, Antoine Louis, wird mit dem Gutachten über eine Enthauptungsmaschine betraut. Der lässt sich von primitiven Fallbeilen in England und Genua anregen. In enger Abstimmung mit Sanson wird dann der deutsche Klavierbauer Tobias Schmidt beauftragt, die erste Maschine zu bauen. Tests an Schafen geben zu Optimismus Anlass, nach Versuchen an Leichen werden letzte Schwächen beseitigt: Die halbrunde Klinge wird gegen eine schräge Schneide ausgetauscht.

Ein Räuber ist der Erste

Premiere ist am 25. April 1792, 15.30 Uhr. Auf der Place de Grève stirbt der Räuber Nicolas-Jacques Pelletier unter der ersten Guillotine - die Bezeichnung bürgert sich zum Entsetzen des unfreiwilligen Namensgebers schnell ein.

Aber die Uraufführung einer Hinrichtung mit dem mechanischen Fallbeil enttäuscht die Zuschauer, die sich um das erwartete Spektakel betrogen fühlen. Der Tod kommt, so ein Beobachter, schnell wie ein "eiserner Windhauch". Das "Journal de Paris" dagegen ist begeistert von dem sauberen Fortschritt: "Die neue Erfindung befleckt keines Menschen Hand mit der Ermordung eines Mitmenschen."

Bis dahin hat dem Henker Sanson noch immer der Ruch eines blutigen Schinders angehaftet, wie seinen mittelalterlichen Vorgängern. Nun aber avanciert er zum respektablen Bürger: Er dient nicht mehr als Racheengel einer überkommenen Ordnung, sondern als unverzichtbarer Vollstrecker dem von der Bürgerschaft gewollten Gesetz.

Und sein Arbeitspensum steigt. Die Revolution hat sich radikalisiert. Aus König Ludwig XVI. wird der Bürger Louis Capet, den der Nationalkonvent zum Tode verurteilt wegen "Verschwörung gegen die Freiheit der Nation".

Augenzeugen wollen gesehen haben, wie der Henker verstohlen weinte

Am 21. Januar 1793 steht auf der Place de la Révolution Sanson bei seiner dunkelrot gestrichenen Guillotine bereit. Im Grunde seines Herzens Monarchist, erlaubt er dem ehemaligen König, sich die Haare im Nacken selber abzuschneiden, und seine Knechte binden ihm die Hände auf dem Rücken zusammen. Sie schnallen ihn auf die "Schaukel" - ein aus der Vertikalen in die Horizontale kippbares Brett, das den Delinquenten in Stellung bringt. Die Hölzer des "Kragens" schließen sich um dessen Hals, dann fährt das "Messer der Gleichheit", wie es unter Patrioten heißt, herab. Ein Gehilfe reißt das einst gekrönte Haupt aus dem Korb und zeigt es der Menge. "Es lebe die Republik"-Rufe ertönen, als Gaffer sich vordrängen, um Taschentücher in königliches Blut zu tauchen.

Für anderthalb Jahre steht die Guillotine nicht mehr still. "Man muss mit dem Beil diejenigen regieren, die nicht durch die Justiz zu beherrschen sind. Man muss Tyrannen vernichten", dekretiert der jakobinische Scharfmacher Antoine Saint-Just.

Zuerst trifft es Monarchisten und Aristokraten, darunter die Königin Marie Antoinette. Dann gerät die Guillotine immer mehr zum Werkzeug der Fanatiker; deren Haupt Robespierre ist nun vom Nutzen der Todesstrafe überzeugt.

Aber der Oberhenker wird seines Amtes nicht froh. In den langen Monaten des Terrors, der erst nach der Guillotinierung des selbsternannten Tugend-Terroristen Robespierre im Juli 1794 endet, legt sich ein Schatten auf seine Seele. Immer öfter verschwindet Sanson von der Richtstätte, bevor alle seine Delinquenten geköpft sind. Augenzeugen wollen gesehen haben, wie er im Schatten des Schafotts verstohlen weinte.

Fast 3000 Menschen hat die Guillotine allein in Paris unter seiner Aufsicht vom Leben zum Tod gebracht. Sanson zieht sich, ausgelaugt vom einst herbeigesehnten Tötungsfortschritt, aufs Altenteil zurück. Der Menschenfreund Dr. Joseph-Ignace Guillotin lebt noch bis 1814. Er hätte es gewiss vorgezogen, wegen seiner vergessenen Verdienste um die Pockenimpfung berühmt zu werden.

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insgesamt 81 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
09.02.2010 von bernjul: ...

"Man muss mit dem Beil diejenigen regieren, die nicht durch die Justiz zu beherrschen sind." Warum nur bekomme ich bei solchen Sätzen ganz sehnsüchtige Gefühle...? mehr...

09.02.2010 von Grosskotz: Enthauptungen heute noch - in Bayern

In Bayern: jährlich immer wieder neu, zum Oktoberfest beim Schichtl. Übrigens geht alles sehr human zu: der Kopf wird hinterher wieder angenäht. mehr...

09.02.2010 von clicker: Heuchlerisch?

Was bitteschön ist an meinem Plädoyer heuchlerisch? Eine Gesellschaft, die der Verführung zur Anwendung der Todesstraße auch angesichts schwerster Verbrechen widersteht und sich niederen, oftmals populistisch gesteuerten [...] mehr...

08.02.2010 von derfflingert: Wen wollen Sie da hinrichten?

Sie behaupten hier aber doch, dass es die Feudalherren und Adligen waren, die von der fronarbeitenden Bevölkerung alimentiert wurden ? Wollen Sie jetzt mit der Guillotine das H IV Problem angehen??? Ich hoffe doch sehr, dass [...] mehr...

08.02.2010 von derfflingert: c2h5o3??

Das ist ungefähr genauso wenig wahr, als wenn ich behaupten würde jeder H IV - Empfänger sei ein Sozialschmarotzer, obwohl ich weiss, dass sie nur ihre R e c h t e in Anspruch nehmen. Bush hat von einer Grand Jury gefällte [...] mehr...

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