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Hildegard von Bingen "Posaune Gottes"

Hildegard von Bingen: Heilige, Heilkundige und Hellseherin
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3. Teil: Hildegard mahnte zu häufigem Waschen und Zähneputzen

Hildegards Visionen hat der britische Neurologe Oliver Sacks als bloße Symptome einer Migräne interpretiert. Sie habe womöglich an einem "Flimmerskotom" gelitten, einer Begleiterscheinung schwerer Kopfschmerzen, die zu Lichthalluzinationen führt. Tatsächlich soll die Heilige von klein auf gekränkelt haben, "so dass sie äußerst selten ihre Füße zum Gehen nutzte", wie ihr Sekretär, Mönch Volmar, festhielt.

Volmar kam als einziger Mann mit, als Hildegard ihre nächste Großtat in Angriff nahm: den Bau eines eigenen Frauenklosters auf dem Rupertsberg bei Bingen. Zwar wehrte sich der Abt von Disibodenberg energisch, schließlich drohten mit den Nonnen auch deren Reichtümer dem Kloster zu entgehen. Doch die Mutter von Hildegards Lieblingsnonne Richardis von Stade, eine Markgräfin, setzte sich beim Erzbischof für sie ein - mit Erfolg.

Die ersten Jahre auf dem Rupertsberg waren hart für die hochwohlgeborenen Nonnen; einige verließen die Gründerin. Auch Richardis von Stade ging weg, um selbst Äbtissin zu werden. Ein bitterer Moment für Hildegard. Richardis, die ihr beim Schreiben half, bedeutete ihr vielleicht mehr, als erlaubt war: "Schmerz steigt in mir auf", schreibt sie an die Abtrünnige, er "tötet das große Vertrauen und die Tröstung, die ich in einem Menschen besaß". Sogar den Papst bekniete sie, ihr Richardis zu lassen; eine Trennung würde die "Tochter" nicht überstehen.

Doch diesmal gewann Hildegard nicht. Dabei sollte sie Recht behalten: Richardis erkrankte rasch in ihrem neuen Amt und starb.

Kloster Rupertsberg indes prosperierte. Alle Arbeitsräume waren an Frischwasserleitungen angeschlossen - für damalige Verhältnisse Luxus pur. Die Heilkundige wusste um die Wichtigkeit von Hygiene; Hildegard mahnte zu häufigem Waschen und Zähneputzen.

Als der belgische Mönch Wibert von Gembloux nach Volmars Tod 1173 dessen Stelle antrat, staunte er über die harmonische Atmosphäre: "Schwestern und Meisterin sind ein Herz und eine Seele. Alles atmet Andacht, Heiligkeit und Frieden. An Werktagen regen sich geschäftig die Hände. Sie sticken, spinnen, weben und nähen vom Morgengrauen bis zum Abendbrot. In Bescheidenheit und Würde waltet die Äbtissin. Sie sucht allen alles zu werden. Obwohl gebeugt von Alter und Krankheit, ist sie unermüdlich."

Der Zulauf war bald so groß, dass Hildegard 1165 ein Tochterkloster in Eibingen bauen ließ. Zweimal die Woche setzte die greise Äbtissin mit dem Kahn über den Rhein, um dort Gottesdienste zu feiern. An Sonntagen zeigte sich Hildegards sinnenfrohe Seite. In "bräutlicher Zier" zogen ihre Benediktinerinnen zur Messe, in weißen Schleiern, mit Kränzen geschmückt, an den Fingern Ringe.

Eine Rebellin blieb die alte Dame bis zuletzt. In ihrem letzten Lebensjahr, 1179, wurde über Rupertsberg die kirchliche Höchststrafe verhängt, das Interdikt. Die Schwestern durften weder Gottesdienst feiern noch singen, weil Hildegard auf ihrem Friedhof einen Adligen hatte beerdigen lassen, der exkommuniziert worden war.

Das Mainzer Domkapitel verlangte, den Leichnam des Ketzers zu exhumieren. Doch die Äbtissin blieb stur. Sie verwischte die Grenzen des Grabs - und erklärte, der Mann sei kurz vor seinem Tod durch einen Priester vom Kirchenbann befreit worden, das Interdikt ergo ungerechtfertigt. Nach langem Ringen gab der Erzbischof nach, nicht ohne die widerspenstige 81-Jährige zu mahnen: Es sei "höchst gefährlich, den Einspruch der Geistlichen zu missachten".

Was bleibt vom geistigen Erbe der Äbtissin, die in der katholischen Kirche als Heilige verehrt wird und deren Gebeine in einem neuen Kloster in Eibingen aufbewahrt sind?

Hildegards Visionen "bringen im Grunde genommen nichts Neues", hat schon ihre Biografin Rosel Termolen nüchtern festgestellt; die Geistliche habe altbekannte Kirchenlehre aufgegriffen und sie zu "Bildern von einprägsamer Leuchtkraft", aber auch "düsterer Unverständlichkeit" verarbeitet.

Beliebt ist indes heute noch die nach ihr benannte "Hildegard-Medizin". Sie wurde 1970 von einem österreichischen Arzt erfolgreich herausgebracht; zumindest im Marketing stand der Mann der Namensgeberin nicht nach.

Der Würzburger Klostermediziner Mayer entdeckte allerdings frappante Widersprüche zum Original. Kurios sei etwa das propagierte "Hildegard-Fasten". Im ganzen Werk der Benediktinerin fand Mayer dazu nur einen Satz: "Das Fasten sollst du nicht übertreiben."

Mayer glaubt, dass die Klosterfrau ihr Wissen vor allem aus zwei Quellen bezog: dem Hörensagen und der eigenen Anschauung, nach dem schlichten Motto: "Was mir gut tut, ist gesund." Der zeitlebens Kränkelnden scheint alles, was bläht, nicht bekommen zu sein; von Erbsen, Linsen und Porree rät sie ab.

Dabei erstreckte sich ihr Wissen nicht nur auf Erzeugnisse des Klostergartens. Mit dem Fernhandel gelangten vier Ingwergewächse in ihre Hände. Hildegard war hierzulande die Erste, so Mayer, die die Heilwirkung der scharfen Wurzeln erkannte, bei Atembeschwerden bis hin zu Übelkeit. Ein weiterer "Coup" sei ihre Ringelblumensalbe.

Manche Historiker zweifeln allerdings die Echtheit von Hildegards naturkundlichen Schriften in Gänze an. Im Gegensatz zu den Visionstexten tauchten erste Abschriften erstmals im 14. Jahrhundert auf, ganz offenkundig erweitert und umgestellt. Mayer hält dagegen die eigentümlich holprige Sprache der Texte für einen Beleg der Echtheit. "Ihr Stil ist unnachahmlich."

In der Tat stolperte schon im frühen 18. Jahrhundert der Altphilologe David Langius über Hildegards Behauptung, ihre "ungefeilten lateinischen Worte" raune ihr das Jenseits selbst ins Ohr.

Dem Heiligen Geist einen derart schlechten Stil zuzuschreiben, spottete Langius, grenze an Blasphemie.

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insgesamt 21 Beiträge
schna´sel 21.08.2010
Hildegard von Bingen war eine Ausnahmepersönlichkeit. Das sie so eine exponierte Stellung einnimmt hat eben damit zu tun, dass sie es geschafft hat trotz ihrer Andersartigkeit innerhalb der Grenzen des Klerus zu bleiben. Was sie [...]
Zitat von sysopDie Benediktinerin Hildegard von Bingen wird bis heute als große Heilkundige verehrt. Sie selbst empfand sich als Seherin - und mischte sich auch in die kaiserliche Politik ein. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,711479,00.html
Hildegard von Bingen war eine Ausnahmepersönlichkeit. Das sie so eine exponierte Stellung einnimmt hat eben damit zu tun, dass sie es geschafft hat trotz ihrer Andersartigkeit innerhalb der Grenzen des Klerus zu bleiben. Was sie so erreicht hat war viel, sehr viel für eine so mutige Frau, die dadurch ja auch in der Welt ganz praktisch und ganz offiziell für ihre Zeit ungeheure Dinge durchsetzen konnte. Aber sie war tatsächlich keine Mystikerin. Ihre Visionen habe nie den Charakter der Einheit mit dem Göttlichen gehabt. Die Vermittlung mit dem Höchsten hatte ihrer Auffassung nach immer in den Händen der Kirche zu liegen. Dabei gab es wesentlich radikalere Menschen. Auch Frauen. Mechthild von Magdeburg zum Beispiel. Über die wir längst nicht so viel wissen. Ich hoffe, dass die Beschäftigung mit diesem Thema dazu führt den Anspruch der katholischen Kirche auf das Monopol aufzuweichen der alleinige Weg zu Gott zu sein.
Haio Forler 21.08.2010
Großart'che Sportlerin.
Zitat von schna´selHildegard von Bingen war eine Ausnahmepersönlichkeit.
Großart'che Sportlerin.
evolut 21.08.2010
Sonst wäre sie nicht so alt geworden. ---Zitat--- Ihre Visionen habe nie den Charakter der Einheit mit dem Göttlichen gehabt. ---Zitatende--- Ich könnte sowas nicht beurteilen. Sie garantiert auch nicht. ---Zitat--- Die [...]
Zitat von schna´selHildegard von Bingen war eine Ausnahmepersönlichkeit. Das sie so eine exponierte Stellung einnimmt hat eben damit zu tun, dass sie es geschafft hat trotz ihrer Andersartigkeit innerhalb der Grenzen des Klerus zu bleiben.
Sonst wäre sie nicht so alt geworden. ---Zitat--- Ihre Visionen habe nie den Charakter der Einheit mit dem Göttlichen gehabt. ---Zitatende--- Ich könnte sowas nicht beurteilen. Sie garantiert auch nicht. ---Zitat--- Die Vermittlung mit dem Höchsten hatte ihrer Auffassung nach immer in den Händen der Kirche zu liegen. ---Zitatende--- Sie kannte nichts anderes als das Klosterleben, den Despotismus der Kirche. Wie sollte sie vom gängigen Schema abweichen, wollte sie überleben?
kyon 21.08.2010
Bei soviel Bewunderung für diese Frau muß man wohl psychiatrische Abstriche machen, falls es sichn um Störungen gehandelt hat, oder charakterliche, falls es sich um Hochstapelei gehandelt hat. Wer sich für die "Posaune [...]
Zitat von sysopDie Benediktinerin Hildegard von Bingen wird bis heute als große Heilkundige verehrt. Sie selbst empfand sich als Seherin - und mischte sich auch in die kaiserliche Politik ein. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,711479,00.html
Bei soviel Bewunderung für diese Frau muß man wohl psychiatrische Abstriche machen, falls es sichn um Störungen gehandelt hat, oder charakterliche, falls es sich um Hochstapelei gehandelt hat. Wer sich für die "Posaune Gottes" hält und an den Satan glaubt, zeigt seine Hybris und seinen Wahnsinn.
sowosammerneger 21.08.2010
Was sollen dem Leser diese Worte eigentlich sagen? War sie eigentlich eine Revolutionärin, die durch widerwärtigste Umstände dazu gezwungen war, sich zu verstecken und verstellen, weil sie sonst die böse Kirche umgebracht [...]
Zitat von evolutSonst wäre sie nicht so alt geworden. Ich könnte sowas nicht beurteilen. Sie garantiert auch nicht. Sie kannte nichts anderes als das Klosterleben, den Despotismus der Kirche. Wie sollte sie vom gängigen Schema abweichen, wollte sie überleben?
Was sollen dem Leser diese Worte eigentlich sagen? War sie eigentlich eine Revolutionärin, die durch widerwärtigste Umstände dazu gezwungen war, sich zu verstecken und verstellen, weil sie sonst die böse Kirche umgebracht hätte? Dann, ja dann wäre der Blick in das ein oder andere Geschichtsbuch, anstatt dem hundertdrölften Kirchengeschwurbel des SPON, der Weg der Erleuchtung ...
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