Von Frank Thadeusz
Als Sir John de Stricheley am 10. Oktober 1341 mit gerade mal Mitte zwanzig starb, hatte er der englischen Krone schon erheblichen Blutzoll entrichtet. Dem Ritter wurde im Schlachtgetümmel eine ganze Reihe Zähne ausgeschlagen. Einer seiner Gegner verpasste ihm überdies einen veritablen Axthieb.
Eine Delle im Schädelknochen de Stricheleys bezeugt diesen brachialen Übergriff. Doch auch diese Attacke überstand Sir John mannhaft. Zum Verhängnis wurde dem Recken allerdings die Verletzung durch einen Pfeil. Das Geschoss traf ihn, als der Kämpfer das von den Schotten belagerte Stirling Castle verteidigte.
Schon vor über zehn Jahren haben Archäologen das Skelett des Kriegers aus dem 14. Jahrhundert geborgen. Erst jüngst jedoch gelang es den Ausgräbern, die Überreste zu identifizieren. Britische Anthropologen rekonstruierten zudem das Gesicht des Adligen.
Das Resultat verblüfft: Der kantige Kopf sieht aus, als wäre Stricheley ein früher Verwandter des bulligen englischen Fußballers Wayne Rooney. Tatsächlich hatte der Haudrauf von einst ähnlich wie der Kicker aus der Gegenwart erhebliche athletische Qualitäten: "Er war ein sehr starker und durchtrainierter Edelmann mit der Physiognomie eines professionellen Rugbyspielers", berichtet der Archäologe Richard Strachan.
Warum zwängten sich Männer in die eisernen Panzer?
Die neuesten Funde begeistern die Wissenschaftler. Derart profunde Erkenntnisse über die Kriegerkaste des Mittelalters sind noch immer selten. Sie erinnern daran, dass Menschen aus Fleisch und Blut in den eisernen Rüstungen steckten, die ihr Leben immer wieder aufs Neue in aus heutiger Sicht unfassbar brutalen Schlachten riskierten.
Umso drängender stellen Historiker die Frage nach den Lebensumständen, in denen sich die Waffenträger in der Zeit vom 12. bis zum 15. Jahrhundert bewegten. Warum zwängten sich junge und zum Teil auch ältere Männer überhaupt in die eisernen Panzer, stets begleitet von dem Risiko, von einer Streitaxt erschlagen oder einer Lanze durchbohrt zu werden?
Den Kämpen war ihr Schicksal schon früh vorherbestimmt. Häufig wurden die Jungen bereits im Alter von sieben Jahren von den Eltern fort und an die Burg des Lehnsherren geschickt, um unter dessen Obhut die Ausbildung zum Ritter zu beginnen. Ein halbwegs erfolgreiches Ritterleben erfüllte sich dann mit Anfang vierzig und einem Alterssitz in einem Kloster.
Ihren Ruhestand konnten die schlachtmüden Veteranen gleichwohl nur wenige Jahre genießen. Die Männer jener Zeit wurden im Durchschnitt gerade mal 47 Jahre alt. Die einstigen Helden waren gegen Ende ihres Daseins müde Gestalten mit Arthritis, kaputtem Rücken und faulen Zähnen.
Sie taten das, worauf sie von Kindesbeinen an trainiert wurden
Ein Hundeleben also, das die Milizionäre des Mittelalters führten? Mitnichten. Die Vertreter des Berufsstandes glühten einem Leben entgegen, das in seinen Grundzügen noch heute die Zuschauer entzückt, wenn Daniel Craig als James Bond auf der Leinwand erscheint: Abends saßen die Ritter in Festkleidung neben den schönsten Frauen am Hof und parlierten wahlweise mehrsprachig und geistreich über Gott, die Welt und den König. Gutes Essen, mit Pfeffer gewürzter Wein und Tanz rundeten das Vergnügen.
Am nächsten Morgen legten die durchtrainierten Kampfmaschinen ihre Rüstung an, setzten sich auf ihr Pferd und taten das, worauf sie von Kindesbeinen an trainiert wurden: kämpfen.
Krieg war der Lebensinhalt eines Ritters schlechthin. Der Sieg auf dem Schlachtfeld versprach Ruhm und die Bewunderung der Frauen. Noch wichtiger: Seine besiegten Gegner raubte der erfolgreiche Krieger ohne Skrupel aus. Wohlstand gründete sich auf dem zerschmetterten Leib des Feindes.
Behändigkeit, Gesundheit, Schönheit und gute Umgangsformen waren die Ideale des Rittertums, doch natürlich waren die Menschen des Mittelalters nicht von einem besseren Geist beseelt. Im Getümmel der Schlacht kippte die Moral der Feldzügler im Kettenhemd häufig.
Auswüchse minderten das Ansehen eines ganzes Standes
Marodierend und brandschatzend zogen sie am Tag übers Land. Am Abend verlustierten sich die Adligen in der Manier tumber Landser mit Unmengen von Alkohol. Der bretonische Gelehrte Petrus von Blois empörte sich im 12. Jahrhundert: "Sobald sie mit dem Rittergürtel geschmückt sind, plündern und berauben sie die Diener Christi. Sie geben sich dem Nichtstun und der Trunkenheit hin, sie schänden den Namen und die Pflichten des Rittertums. Wenn unsere Ritter einen Feldzug unternehmen, werden die Pferde nicht mit Waffen, sondern mit Wein beladen, nicht mit Lanzen, sondern mit Käse, nicht mit Speeren, sondern mit Bratspießen."
Derlei Auswüchse minderten das Ansehen eines ganzes Standes. Die meisten Menschen fürchteten und verabscheuten den Typus, der hoch zu Ross nahm, was ihm gefiel - ein Ritter Gnadenlos.
Weit entfernt war solch grobschlächtiges Treiben von jenen salbungsvollen Worten, die der Dichter Gottfried von Straßburg seinem jugendlichen Helden Tristan um 1200 mit auf den Weg gab: "Jetzt ist dein Schwert gesegnet, jetzt bist du Ritter geworden, bedenke nun auch die ritterliche Ehre, deinen Stand, deine Person, deine Geburt, deinen Adel, sei demütig ohne Falsch, wohl erzogen, dem Armen gütig, den Mächtigen gegenüber hochgesinnt, halte dein Äußeres schön, ehre und liebe die Frauen, sei freigebig und treu, unverdrossen, dies immer wieder von neuem."
Moralisch gerüstet wurde der Novize mit der sogenannten Schwertleite, mit der sich Knappen in echte Ritter verwandelten. Das Zeremoniell war der bedeutendste Einschnitt überhaupt im Leben eines jungen Kämpfers.
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So weit ich sehe kritisieren Politisch Correcte immer den Westen fuer die Kreuzzuege. Warum ist dann so "sinnlos" oder "kurzsichtig" wenn es immer noch ein paar Vernuenftige gibt die dann auf die Expansion [...] mehr...
Es ist immer wieder lächerlich, wenn die heutige Journaille sich in der Vulgärgeschichtsschreibung versucht: Schon allein der Versuch die mittelalterlichen Lebensumstände mit denen der heutigen Zeit zu vergleichen ist nichts als [...] mehr...
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