Von Christoph Gunkel
Inejiro Asanuma blickte überrascht nach links. Aus den Augenwinkeln muss er den jungen Mann noch gesehen haben, der mit großem Tempo auf ihn zurannte. Sekundenbruchteile später rammte ihm der Angreifer eine lange, leicht gebogene Klinge in den Brustkorb. Asanuma, wortgewaltiger Führer der japanischen Sozialisten, starb, regelrecht hingerichtet, vor laufenden Kameras während einer Wahlkampfrede - und zwar auf höchst symbolische Weise: durch ein Wakizashi, dem kürzeren der zwei traditionellen Samurai-Schwerter.
Das Attentat vom 12. Oktober 1960, verübt vom erst 17-jährigen rechtsextremen Fanatiker Otoya Yamaguchi, schockierte ganz Japan. Das Bild vom Mörder, der gerade mit fanatischem Blick das Schwert aus dem massigen Leib seines Opfers gezogen hatte, ging um die Welt. Einer der bekanntesten Politiker des Landes war mit einer Waffe erstochen worden, mit denen die Samurai einst ihren getöteten Gegnern den Kopf abschnitten, um ihn dann als Trophäe in einem speziellen Kopfsack vom Schlachtfeld zu tragen. Und das fast hundert Jahre nachdem der Kriegerstand der Samurai abgeschafft worden war.
Der rituelle Mord zeigte schlagartig, dass der Mythos der alten Samurai-Kämpfer, die sieben Jahrhunderte das Schicksal des Landes geprägt hatten, noch immer in der modernen japanischen Gesellschaft sein Unwesen trieb. Bis heute werden ihre Legenden weitergesponnen in Hunderten folkloristischer Bücher, Kinofilmen und Theaterstücken. Während Filmemacher die Samurai als ethisch tadellose Ritter glorifizieren und Ultranationalisten sie zu Vorkämpfern für die Rückkehr zum Gott-Kaisertum stilisieren, geißeln Linke sie als Vertreter eines überkommenen Kadavergehorsams.
Dabei waren die gepanzerten Reiter der ersten Stunde weder monarchisch gesinnte Ritter noch todesverachtende Edelleute. Die frühen Samurai, zunächst noch "Bushi" (Krieger) genannt, waren anfangs einfach mehr oder weniger gut ausgebildete Söldner, die bei Gefahr oft wegliefen, statt bis zur Selbstaufgabe zu kämpfen. Ihr Aufstieg konnte erst beginnen, nachdem der Kammu-Kaiser Ende des 8. Jahrhunderts die Wehrpflicht abgeschafft hatte; zu schwach, zu unzuverlässig erschien ihm die zwangsrekrutierte Bauernarmee.
Samurai als "Zähne und Klauen" des Kaiserhofs
Die Samurai, viele von ihnen zuvor Bauern und Räuber, stießen in diese Lücke. Manche schlossen sich zu Banden zusammen und plünderten ganze Landstriche aus. Andere zogen für Großgrundbesitzer in den Krieg oder stiegen zu Leibwächtern der mächtigen Regionalherrscher auf. Einige garantierten auch den Provinzbeamten des Kaisers sicheres Geleit und trieben für sie die Steuern ein. Diese Samurai galten bald als "Zähne und Klauen" des Kaiserhofs, der ihre Treue mit Ämtern und vererbbarem Landbesitz belohnte - misstrauisch beäugt vom arrivierten Hofadel, der in den Emporkömmlingen sittenlose Barbaren sah.
So waren die Samurai von Beginn an eine ziemlich heterogene Schicht, allerdings mit einem bald recht einheitlichen Auftreten: Sie profilierten sich als meisterhafte Bogenschützen und Schwertkämpfer. Mit aufwendigen, aus mindestens 23 Einzelteilen bestehenden Rüstungen und furchteinflößenden, mit Hörnern verzierten Gesichtsmasken zogen sie in den Kampf. Und nur sie besaßen das Recht, zwei Schwerter zu tragen, die sogar religiös geweiht waren.
Geprägt einerseits vom Autoritätsglauben des Konfuzianismus, andererseits von der Flüchtigkeit des Lebens, die der Zen-Buddhismus lehrte, entwickelten die Samurai im Laufe der Zeit einen eigenen, strengen Sittenkodex. Werte wie Mut, Pflichtbewusstsein und Ehrlichkeit spielten eine wichtige Rolle. Kern der Ethik war dabei die unbedingte Treue zum jeweiligen Fürsten, selbst wenn dies bedeutete, gegen den eigenen Sohn kämpfen zu müssen. Dieses enge Verhältnis, das nicht selten auch ein sexuelles war, galt bis in den Tod. Starb ihr Fürst, begingen viele Samurai Selbstmord. So vermieden sie ein ehrloses Schicksal als "Wellenmenschen", wie herrenlose Glücksritter genannt wurden, die durch das Land vagabundierten.
Der Samurai als kämpfender Philosoph
"Wenn man überlebt, ohne ein gerechtes Ende erlangt zu haben, ist man ein Feigling", heißt es in einer der bedeutendsten Samurai-Schriften. Denn "Bushido", der "Weg des Kriegers", führe in den Tod - nur wer dazu jederzeit bereit sei, könne "rein wie ein Diamant" leben. Im Idealfall war der Samurai also ein kämpfender Philosoph; ein Ästhet, der sich vom Schlachtenlärm bei meditativen Teezeremonien erholte; ein selbstbeherrschter Asket und ein Krieger, für den Tugend und Töten kein Widerspruch waren.
Auch der eigene Freitod, "Seppuku" genannt (in Europa und den USA meist als Harakiri bezeichnet) wurde zu einem quasireligiösen Ritual überhöht. Es regelte bis ins Detail, wie sich der Samurai den Bauch, der als Sitz der Seele galt, aufzuschlitzen habe: von links nach rechts, mit einem schnellen Schnitt zur Brustmitte. Diese Demonstration schier übermenschlicher Selbstdisziplin war sogar ein exklusives Vorrecht der Samurai; Adlige hatten sich banal mit Gift umzubringen.
Damit war der Nährboden gelegt für das Pathos, das die Kriegerkaste bis heute umwabert.
Und gleich der erste geschichtsnotorische Auftritt der Samurai mündete in ein beispielloses Drama, wie es sich selbst die phantasiereichsten japanischen Filmregisseure nicht besser hätten ausdenken können. Es ist die Geschichte einer mörderischen Bruderfehde in einem von Bürgerkrieg und Intrigen zerrissenen Land. Seit Mitte des 12. Jahrhunderts rangen die zwei mächtigsten Kriegersippen Japans, die Minamoto und die Taira, um die Vorherrschaft. Der amtierende Kaiser war schwach und kämpfte gegen seinen abgesetzten Vorgänger - darin lag die Chance für die Samurai, ihre Macht auszubauen.
Nach Jahren zwangen die Taira unter ihrem Anführer Kiyomori schließlich die Minamoto nieder und schrieben Geschichte: Erstmals dominierten die Samurai faktisch die Politik des Kaiserhofs. Doch Kiyomori verspielte diesen glänzenden Erfolg durch einen damals unüblichen Akt der Milde. Er tötete die jungen Söhne seines Erzfeindes nicht: Den erst einjährigen Minamoto no Yoshitsune verbannte er ins Kloster, dessen zwölf Jahre älteren Halbbruder Yoritomo auf eine abgelegene Halbinsel.
Jahrzehnte später rächte sich diese Gnade, als die beiden Brüder gegen die Taira in den Krieg zogen und sie binnen weniger Jahre vernichteten. Dabei war es besonders der heißblütige Yoshitsune, dessen verwegene Attacken spätere Chronisten mit immer abenteuerlicheren Details ausschmückten: Mal trieb er seine Männer eine schier unüberwindbare Klippe hinab, mal segelte er bei tosendem Orkan nachts über die See.
Sein älterer Halbbruder Yoritomo war dagegen ein nüchterner Machtpolitiker. Geschickt nutzte er die anhaltende Gewalt, um dem Kaiser wichtige Privilegien abzutrotzen. Als erster Samurai überhaupt erhielt Yoritomo 1183 die militärische Befehlsgewalt über ganz Japan. Damit durfte er fortan selbst Lehen und Ämter vergeben und konnte sich so dauerhaft eine starke Gefolgschaft sichern.
Als zwei Jahre später die Minamoto die Taira endgültig besiegt hatten, glaubte Yoritomo, nur noch einen Konkurrenten zu haben - seinen populären Bruder Yoshitsune. Er erklärte ihn zum Rebellen und ließ ihn jahrelang durch das ganze Land jagen. Das war der Stoff für Legenden, die noch heute jedes Kind in Japan kennt: Etwa die historisch nicht gesicherte Geschichte des riesenhaften Mönchs Benkei, der den hoffnungslos Umzingelten so lange verteidigt haben soll, dass der noch Harakiri begehen konnte - der erste große tragische Held der Samurai war geboren. "Die Starken werden stets vernichtet", schrieb ein Chronist bedauernd, "sie sind wie Staub im Wind."
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© SPIEGEL Geschichte 5/2011
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