Von Dan Diner
Im Anfang war alle Welt Amerika. Diese kategorische Aussage über die Bedeutung des neuen Kontinents traf John Locke in seinem 1690 erschienenen Werk "Zwei Abhandlungen über die Regierung". Adam Smith, der Begründer der modernen politischen Ökonomie, glaubte 1778, während der Amerikanischen Revolution, in der Entdeckung des neuen Kontinents einen der folgenreichsten Einschnitte der Menschheitsgeschichte zu erkennen.
Von da an galt es, die Welt neu zu interpretieren. Um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts diagnostizierte Hannah Arendt in ihrem Buch "Über die Revolution", mit der Gründung der Vereinigten Staaten sei die Geburt der Freiheit erfolgt. Dabei pries sie die Vorzüge der Amerikanischen Revolution - im Unterschied zur nachfolgenden Französischen Revolution. Ersterer sei es gelungen, politische Institutionen auf Dauer zu etablieren. Letztere sei hingegen von der ungelösten sozialen Frage in die Abgründe des Terrors gerissen worden.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind ein paradoxes Produkt der Aufklärung. Paradox insofern, als sie als Inkarnation der Neuen Welt zugleich das älteste Gemeinwesen der Moderne sind. In ihnen bildeten sich die universellen, dem Prinzip der Freiheit und der Gleichheit verpflichteten Institutionen zuerst aus. Und von Amerika aus traten sie ihren Siegeszug an. Das mochte John Locke gemeint haben, als er davon sprach, im Anfang sei alle Welt Amerika.
Demokratische Institutionen sind in der Tat das Herzstück der Vereinigten Staaten von Amerika. Während sich in der Alten Welt Völker und Nationen in langwierigen Kämpfen ihrer Anciens Régimes zu entledigen hatten, erfanden in der Neuen Welt die im Prinzip der Freiheit verankerten demokratischen und republikanischen Institutionen das amerikanische Volk. Ihm konnte sich jeder anschließen.
Von den Zugehörigkeiten der alten Welten her gesehen, handelt es sich bei Amerika um die Heimat von Fremden - um ein Land vormals Verfolgter oder vor dem Elend und dem Hunger Entronnener. Und es bleibt ein solches Land, auch wenn seine Bewohner in der Neuen Welt zu Wohlstand, gar zu Reichtum gelangt sind. Denn Amerika als Land von Einwanderern ist recht eigentlich ein Land der zweiten Wahl. Niemand verlässt grundlos seinen angestammten Ort, um in die Fremde zu ziehen. Dass Amerika über lange Zeit das ersehnte "Asyl Europas" gewesen war, macht den traurigen Umstand nicht ungeschehen, dass es zugleich, so der Historiker Manfred Henningsen, die "Schlachtbank für Indianer" und ein "Gefängnis Afrikas" gewesen ist.
Was die Fremden zu Amerikanern macht, ist ihr Verfassungspatriotismus. Er ist zentrales Merkmal der Zugehörigkeit zum amerikanischen Volk. Bekenntnisse und Rituale zur Regulierung des Zusammenlebens in der Gegenwart sind wichtiger als alle Erinnerungen an die Vergangenheit. Dieser Verfassungspatriotismus und die Neutralisierung von Herkunft zugunsten von Zukunft bewirken, dass sich das Land ständig neu erfindet. Darauf spielte der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama im März in seiner Rede in Philadelphia an.
1787 tagte hier der Verfassungskonvent und versprach die Gleichheit aller. Das Versprechen blieb lange unerfüllt. Vor allem das Kainsmal der Sklaverei strafte das Freiheitspathos Amerikas Lügen. Aber Generationen von Amerikanern, so Obama, hätten dazu beigetragen, die Diskrepanz zwischen Verheißung und Lebenswirklichkeit zu schließen. In seiner, Obamas, Biografie verwirkliche sich die Idee Amerikas.
Obama erzählte die Geschichten seiner Eltern und Großeltern als integrale Bestandteile des amerikanischen Narrativ. Der Vater afrikanischer Emigrant; der weiße Großvater mütterlicherseits marschiert in der Armee des Haudegens General Patton im Zweiten Weltkrieg in Deutschland ein, um das Regime der Nationalsozialisten zu stürzen. Die Großmutter steht am Fließband, um Bomber für den strategischen Luftkrieg zu montieren. Obamas Ehefrau ist Abkömmling von Sklaven und Sklavenhaltern. Er selbst habe Brüder, Schwestern, Nichten, Neffen, Onkel und Vettern "jeglicher Rasse und jeglicher Hautfärbung" über drei Kontinente verstreut - eine Lebensgeschichte also, die in keinem Land der Erde möglich sei, außer eben in Amerika.
E pluribus unum - aus vielen eins, nicht von ungefähr ist dieses Motto auf dem amerikanischen Wappen und vielen Münzen zu finden. Die Vereinigten Staaten sind das Land sichtbarer Vielheit in der Einheit der Republik. Da ist zuerst die Akzeptanz der religiösen Vielfalt, später auch die der ethnischen und kulturellen Mannigfaltigkeit.
Seinen Ursprung hat das Prinzip der Vielheit in der englischen Tradition des konfessionellen Pluralismus. Seine Träger waren die protestantischen Sekten, die es schon früh über den Atlantik trieb. Ein solcher Pluralismus relativiert jeden Absolutheitsanspruch von Religion. Als Konfession, als internalisierter Glaube, wird jede Religion zu einer neben anderen. Die Verwandlung von Religion in ein Bekenntnis unter vielen trug beispielsweise dazu bei, dass in Amerika das Reformjudentum zur bedeutendsten jüdischen Glaubensrichtung aufstieg. Oder dass dort mehr als irgendwo sonst auf der Welt sich der Islam zunehmend in Konfession verwandelt. Auch der Katholizismus ist in den Vereinigten Staaten eine mehr oder weniger "protestantische" Konfession.
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