Imperium in der Krise Bier für die Landser

Bis in den Norden der britischen Insel stießen römische Legionen vor - und hinterließen reiche Spuren ihres Alltagslebens. Selbst Einladungen und Mannschaftslisten haben sich im feuchten Boden erhalten.

Von Kai Brodersen


Wir schreiben das Jahr 83 nach Christus. Ganz Britannien ist von den Römern besetzt. Ganz Britannien? Ja - von Rom aus betrachtet.

Der Befehlshaber Gnaeus Julius Agricola hat die Legionen des Imperium Romanum aus dem Südosten der Insel, der schon seit 40 Jahren unter römischer Herrschaft steht, über die Landenge zwischen Solway Firth und Tyne, zwischen Carlisle und Newcastle upon Tyne, nach Norden geführt. Im schottischen Inchtuthil am Ufer des River Tay hat er ein großes Lager anlegen lassen und schließlich die "barbarischen" Truppen am "Mons Graupius" in Nordostschottland geschlagen.

"Perdomita Britannia", "Ganz Britannien ist besetzt", erklärt daraufhin Agricolas Schwiegersohn, der römische Historiker Tacitus. Er fügt allerdings hinzu: "... et statim omissa", "... und wird sofort wieder aufgegeben". Kaiser Domitian gibt dem erfolgreichen Agricola nämlich eine neue Aufgabe und befiehlt den Abzug aus Nordengland und Schottland - Kommando zurück, andere strategische Prioritäten.

So wird das Legionslager in Inchtuthil nicht einmal mehr fertiggestellt: Das Haus des Kommandanten ist noch nicht gebaut, und die Badeanlagen haben noch keinen Wasseranschluss, als die Römer abziehen. Alles, was anderen noch von Nutzen sein könnte, wird einfach verbrannt oder verscharrt: Bei Ausgrabungen hat man in einer Grube fast eine Million Eisennägel im Gesamtgewicht von einer Tonne gefunden.

Die Legionen werden wieder in die Südhälfte der Insel verlegt, nach Isca Silurum (Caerleon), Deva (Chester) und Eburacum (York); nur noch "auxilia", Hilfstruppen, sichern die Landenge zwischen Solway Firth und Tyne. Ein paar Lager zwischen Luguvalium (Carlisle) und Coria (Corbrigde) sind mit einer Straße verbunden, die nach ihrem mittelalterlichen Namen heute "Stanegate-Linie" genannt wird; von dort lässt sich die Zone zwischen dem zunehmend romanisierten Süden und dem aufgegebenen Norden leidlich überwachen.

Eines der Auxilia-Lager, das unter Kaiser Trajan (98 bis 117) genutzt wird, heißt Vindolanda (heute Chesterholm). Der kleine Ort ist ein besonderer Glücksfall für die Historiker. Denn neben allerlei anderen Bodenfunden entdeckten Archäologen in Vindolanda nahezu einzigartige Zeugnisse: Schriftstücke auf vergänglichem Material, wie es sonst praktisch nur noch im trockenen Wüstensand auf Papyrus erhalten geblieben ist.

In Vindolanda schrieben die Römer auf dünne Holztäfelchen. Die ersten von ihnen fand der Brite Robin Birley 1973 in einem verschütteten Graben, bald kamen an die 1000 ans Tageslicht. 20 Jahre später stieß er noch einmal auf über 300 weitere dieser Dokumente. Sie hatten verbrannt werden sollen, als der Lager-Präfekt Flavius Cerialis 105 nach Christus an die Donau-Front versetzt wurde. Doch offenbar löschte damals ein Platzregen das Feuer, und dann blieben Holz und Schrift im dauerfeuchten Modder unter Luftabschluss erhalten.



© SPIEGEL Geschichte 1/2009
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