Römisches Erbe "Anreiz fürs Denken"

Der Münchner Altphilologe und begeisterte Latein-Sprecher Wilfried Stroh über Ciceros Tonfall, beflissene Bildungsapostel und den Boom der Römersprache in deutschen Schulen


SPIEGEL: Herr Professor Stroh, Sie halten regelmäßig Vorlesungen auf Latein. Käme aber Cicero plötzlich hier zur Türe herein, würden Sie sich mit ihm unterhalten können?

Wilfried Stroh alias "Valahfridus" (in der Dombibliothek von Freising): Der Philologe, 69, wirbt mit Witz und Energie für lebendiges Latein
Wolfgang Maria Weber

Wilfried Stroh alias "Valahfridus" (in der Dombibliothek von Freising): Der Philologe, 69, wirbt mit Witz und Energie für lebendiges Latein

Stroh: Ohne Zweifel ja. Er wäre über manches an meiner Aussprache sicherlich befremdet, aber verstehen würde er mich gewiss - eher hätte wohl ich Mühe, mich in seinen Sound hineinzuhören. Zwar wissen wir von jedem einzelnen Laut der lateinischen Sprache, wie er geklungen hat, aber die Gesamtmelodie können wir nur ungefähr über das Italienische und Spanische rekonstruieren.

SPIEGEL: Käme Papst Benedikt hinzu, gäbe es also einen netten Dreiergipfel?

Stroh: Der Papst ist ein vorzüglicher Lateiner, aber er kümmert sich vermutlich weniger um gute Aussprache. Und Cicero hätte wohl auch Schwierigkeiten mit dem Vokabular des Kirchenlateins.

SPIEGEL: Worüber würden Sie denn mit Cicero am liebsten diskutieren?

Stroh: Ich würde ihn fragen: Wie sind Sie dazu gekommen, auf diesen Freibeuter Octavian zu setzen, der alles zerstört hat, wofür Sie Ihr Leben lang gekämpft haben, die Erhaltung der römischen Republik? Wie konnten Sie glauben, dass ausgerechnet Caesars Adoptivsohn der richtige Mann sei? Spielten wirklich Träume eine Rolle, wie Plutarch berichtet? Wann merkten Sie, dass Sie sich geirrt hatten?

SPIEGEL: Was erwarten Sie als Antwort?

Stroh: Ciceros Fehler war fatal, das Bündnis mit Octavian hat ihn das Leben gekostet. Das würde er sicher zugeben. Aber auf die Erklärung wäre ich sehr gespannt.

SPIEGEL: Mit Ihrer Frage hätten Sie das Selbstbewusstsein des erfolgreichen Anwalts, Politikers und Philosophie-Vermittlers wohl sofort erschüttert. War sich Cicero eigentlich klar, dass sein Latein einmal als Höhepunkt der Sprachentwicklung gelten würde?

Stroh: Rhetorisch-stilistisch gewiss, er sah sich als neuer Demosthenes, vielleicht sogar als römischer Platon. Aber in der grammatischen Substanz? Das glaube ich kaum.

SPIEGEL: In Ihrem Buch über die Geschichte des Lateinischen behaupten Sie, Latein sei tot, etwa seit Cicero. Aber Sie könnten doch mit ihm reden?

Stroh: Tot ist Latein nur insoweit, als es sich nicht mehr entwickelt. Es mögen neue Vokabeln hinzutreten, neue Stile und Ausdrucksformen aufkommen, aber in Formenlehre und Satzbau hat sich bald nach Cicero und Vergil, diesen Erzklassikern, nichts mehr getan. Eben darum könnte ich ja mit Cicero parlieren. Das meine ich mit meiner verwegenen These - der übrigens interessanterweise noch niemand widersprochen hat.

SPIEGEL: Dabei liefern Sie auch selbst Gegenargumente: zum Beispiel, dass im Vulgärlatein die komplexe Syntax der Sprache zerbricht und ihre Formenvielfalt schrumpft.

Stroh: Ja, das fängt im ersten Jahrhundert nach Christus an; wir kennen diese sonst nur mündliche Alltagssprache der Ungebildeten zuerst aus den Wandkritzeleien in Pompeji. Aber seltsamerweise kommt das Vulgärlatein ebenso zu einem gewissen Stillstand, scheint mir - weil letztlich Arm und Reich, Ungebildet und Gebildet im ganzen Imperium sich irgendwie verständigen mussten. Jedenfalls hat sich das Vulgärlatein nicht, wie frühere Gelehrte annahmen, immer weiter regional getrennt fortentwickelt, bis allmählich aus ihm die verschiedenen romanischen Sprachen entstanden.

SPIEGEL: Wie muss man sich die Entwicklung dann denken?

Stroh: Als das Römische Reich zerfällt und es keinen nennenswerten Grammatik-Unterricht mehr gibt, schießen die romanischen Sprachen förmlich aus dem Humus des Vulgärlateinischen, in nur 200 Jahren. Darüber wissen wir leider sehr wenig, weil fast nichts Schriftliches überliefert ist. Vulgärlatein ist ja schon per definitionem etwas Mündliches.

SPIEGEL: Sobald danach wieder Latein unterrichtet wird, ist es, wie Sie erklären, die Zweitsprache. War sie das denn nicht auch vorher für die Mehrheit der Reichsbewohner?

Stroh: Schwer zu sagen. Aber zumindest nicht für den harten Kern der Lateiner. Der gebildete Abkömmling einer Senatorenfamilie sprach von Haus aus bestimmt kein Vulgärlatein, sondern sogleich die Hochsprache. Es gab eben Sprachschichten, wie beim Englischen in "My Fair Lady".

SPIEGEL: Geht es nicht sogar so weit, dass über etliche Generationen etwas wie ein Vertrag zu gelten scheint, beim klassischen Latein zu bleiben?

Stroh: Allerdings, selbst die Aussprache war festgelegt, wie man von den spätantiken Grammatikern erfährt. Die Römer haben eben überhaupt große Freude an Vorbildern. Der Grieche Polybios fand es ungeheuer eindrucksvoll, als er in Rom zum ersten Mal einen Begräbniszug sah, wo die Totenmasken aller großen Ahnen der Gens, der Familie, aufmarschierten. Dieser konservative Stolz galt wohl ebenso für die Sprache.

SPIEGEL: Welchen Erfolg Rom damit gehabt hat, zeigt sich im Mittelalter - von Karl dem Großen angefangen.

Stroh: Ja, die Dichter um ihn rufen geradezu ein neues augusteisches Zeitalter aus. Alltagssprache wurde Latein nie mehr. Aber für Kirche, Verwaltung, Recht und Wissenschaften blieb es weiterhin die Grundlage.

SPIEGEL: Gab es keine Alternative?

Stroh: Nein - für welche Volkssprache hätte man denn Lehrbücher und Grammatiken gehabt? In Latein war alles da. Und die gelehrten Sprachpädagogen wie seinen "Kultusminister" Alkuin holte sich Karl mit Vorliebe von den Britischen Inseln, wo immer Zweisprachigkeit geherrscht hatte, also besonders lange Erfahrung vorhanden war.

SPIEGEL: Das Latein der Scholastiker im späteren Mittelalter ist als philosophisches Gestrüpp berüchtigt. Kam es den Gelehrten auf eleganten Ausdruck dann doch nicht mehr so an?

Stroh: Es gibt immer wieder glänzende Stilisten im Mittelalter; man wusste durchaus, was möglich war. Der Philosoph Johannes von Salisbury oder der Geschichtsdenker Otto von Freising bieten durchaus Lesefreuden, und die kessen Verse des Archipoeta reißen noch heute jeden, der Latein kann, vom Sitz. Die Theologen und Philosophen des Spätmittelalters allerdings pflegten tatsächlich ein sehr sprödes Latein, vermutlich um der reinen göttlichen Wahrheit willen. Thomas von Aquins Begriffszerlegungen, so scharfsinnig sie sein mögen, kann ich nicht mit Genuss lesen.



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