Der ewige Konflikt "Hauptstadt unseres Lebens"

Der israelische Präsident Schimon Peres über die Traumstadt seiner Kindheit, die Kriege um Jerusalem und die gescheiterten Friedensgespräche mit den Palästinensern


SPIEGEL: Herr Präsident, wir wollen mit Ihnen heute über Jerusalem reden ...

Peres: ... Jerusalem ist unser Gravitationszentrum seit mehr als 3000 Jahren, das Herz des jüdischen Volkes. Ihre ewige Sehnsucht führte die Juden immer wieder hierher zurück. Aber gleichzeitig ist uns klar, dass es die Metropole der großen monotheistischen Religionen ist, die das innerste Wesen der Menschheit in sich bergen.


SPIEGEL:
Jerusalem ist nicht Ihre Geburtsstadt, aufgewachsen sind Sie weit entfernt im damaligen Polen, in einem Ort, der heute zu Weißrussland gehört. Sie waren ein tiefreligiöser Junge. Dachten Sie damals an Jerusalem?

Peres: Oh ja, Jerusalem war ein Traum für mich, der einzige wahrhaft heilige Ort des Judentums.

SPIEGEL: Hatten Sie eine Vorstellung , wie die Stadt aussah?

Peres: Ich kannte Bilder, Fotos. Doch die zeigen nicht, was so besonders ist an Jerusalem. Sie ist ja eine der wenigen Hauptstädte, die nicht an einem Fluss liegen, sie hat auch sonst keine geografischen Vorteile, keine Kohleminen, keine Öl- oder Wasserquellen. Also was macht Jerusalem zu solch einer Attraktion?

SPIEGEL: Was denken Sie?

Peres: Bestimmt 30-mal wechselten hier die Herrscher. Es gab kaum einen König, der die Stadt nicht besitzen wollte. Alle dachten wohl, Jerusalem verleiht ihrer Herrschaft auch spirituelle Macht. Es liegt etwas Mystisches in unserem Klima hier, die Farben haben ein besonderes Gold, wie ein Anstrich des Göttlichen. Zum anderen ereignete sich hier die erste Revolte gegen den Götzenglauben. Unser erster König David hat die Stadt gebaut, Jesus Christus wurde hier hingerichtet. Für die Muslime ist es eine andere Geschichte - Mohammed war ja nicht wirklich hier, bloß im Traum flog er auf seinem Pferd hierher. Aber für alle drei ist Abraham der verehrte Urvater.

SPIEGEL: Wie kamen Sie ins Gelobte Land?

Peres: Meine gesamte Familie bestand aus hundertprozentigen Zionisten. Zu Hause sprachen wir Hebräisch, Russisch und Jiddisch. In dem Dorf, in dem wir lebten, gab es keine Nicht-Juden, es war ein klassisches jüdisches Schtetl. Ich wuchs in dem Bewusstsein auf, dass unser Leben dort temporär ist. Meine religiöse Geburtsstadt war Jerusalem.

SPIEGEL: Sie waren elf Jahre alt, als Sie schließlich in Palästina landeten.

Peres: Ja, das war 1934. Ungefähr die Hälfte der jüdischen Gemeinde aus meinem Geburtsort Wischnewa emigrierte. Die andere Hälfte, die unglücklicherweise blieb, wurde in der Schoa ausgelöscht.

SPIEGEL: Ihre Familie zog nach Tel Aviv, Sie lebten später in einem Kibbuz. Wann sahen Sie Jerusalem zum ersten Mal?

Peres: Ziemlich bald nach unserer Ankunft fuhr ich mit dem Bus dorthin. Ich erinnere mich noch, wie ich im Mondschein auf den Mauern spazierte. Leider konnte ich nicht übernachten, das konnte ich mir nicht leisten.

SPIEGEL: Sie haben früh an der Seite von Staatsgründer David Ben-Gurion für die jüdischen Selbstverteidigungskräfte, die Haganah, gearbeitet.

Peres: Ja, 1947, wir lebten noch unter britischer Mandatsverwaltung, sandte Ben-Gurion mir einen Boten in den Kibbuz, wo ich lebte, um mich anzuwerben. So kam ich ins Haganah-Hauptquartier in Tel Aviv. Ich war für die Waffenbeschaffung zuständig. Da ich der Jüngste war, kam ich praktisch ohne Schlaf aus und sprang ein, wo immer jemand gebraucht wurde. Wir waren noch nicht besonders gut organisiert damals.

SPIEGEL: Wann fiel die Entscheidung, Jerusalem zur Hauptstadt zu machen - und nicht Tel Aviv?

Peres: Mitten im Krieg 1948/49. Und Ben-Gurion tat es gegen den Rat etlicher seiner Minister - ich gehörte nicht dazu - und der Vereinigten Staaten: Außenminister George C. Marshall warnte ihn in einem persönlichen Brief, Jerusalem zur Hauptstadt zu machen.

SPIEGEL: Aber warum setzte er sich darüber hinweg?

Peres: Weil Jerusalem die Hauptstadt unseres Lebens war. Es war eine moralische Entscheidung. Wir kehrten in unsere Heimat zurück, und Ben-Gurion wollte wieder zu unseren Ursprüngen. Die Diaspora, so dachte er, hat das jüdische Leben verdorben.

SPIEGEL: Wie haben Sie den Kampf um Jerusalem erlebt, den Fall des jüdischen Viertels in der Altstadt?

Peres: Es war tragisch. Ich hatte mit Ben-Gurion und anderen unter heftigem Beschuss Nahrungsmittel in die belagerte Stadt gebracht. Obwohl uns die Uno mit einem Waffenembargo belegt hatte, gaben wir nicht auf. Ben-Gurion hatte den Krieg um die Stadt zur obersten Priorität gemacht. Wie übrigens auch der jordanische König Abdullah I. setzte er sich dabei über sein Militär hinweg: Unser Generalstabschef Jigael Jadin fand es wichtiger, die Ägypter im Süden zurückzuwerfen. Abdullahs Generalstabschef wollte Israel weiter im Norden bekämpfen. Aber Abdullah sagte: Jerusalem hat Priorität. Da sehen Sie auch etwas von der verborgenen Kraft Jerusalems. Beide Staatsmänner bezahlten einen hohen Preis in der verlustreichen Schlacht. Doch wir konnten zumindest einen Teil Jerusalems retten.

SPIEGEL: Warum verließ Ben-Gurion später Jerusalem und zog die Negev-Wüste als Wohnsitz vor?

Peres: Er wollte in den Ruhestand gehen und dachte, es ist an der Zeit, den Negev zu entwickeln. Er sehnte sich nach einem Platz, der weder von Eroberern noch von der Zivilisation verdorben war, einem Ort wie in der biblischen Genesis.

SPIEGEL: Wie lebten die Israelis nach 1948 mit der Teilung? Sie konnten ja auch nicht zur Klagemauer ...

Peres: Von unserem Herzen war die Stadt nie getrennt. Die Jordanier brachen ihr Versprechen, den Zugang zur Klagemauer offen zu halten. In unserer Tradition ist Abraham der beste aller Gastgeber, die Idee ist die eines Zeltes, das in alle vier Himmelsrichtungen offen ist. Daran halten wir uns heute: Wir hindern keinen Gläubigen einer anderen Religion, zu den heiligen Stätten zu kommen und auf seine Weise zu beten.

SPIEGEL: 1967 holten Sie aber nicht nur das jüdische Viertel zurück, sondern gleich die ganze Altstadt und das übrige Ost-Jerusalem.

Peres: Wir haben uns nicht um diesen Krieg gerissen, wir wurden angegriffen. Ich selbst hatte den Auftrag, immer wieder Alternativen zu prüfen. Als das jüdische Viertel zurückerobert war, ging ich mit Ben-Gurion zur Klagemauer. Wegen eines dicht angrenzenden Wohnviertels lagen nur etwa zwei Meter zwischen der heiligen Mauer und den nächsten Häusern. Irritiert entdeckte er am Ende der Klagemauer ein Schild in Arabisch, das vom "Burak Areal" sprach, nach dem Pferd Mohammeds. Ein Soldat, der die Reaktion Ben-Gurions sah, riss das Schild herunter. Es wurde später ersetzt.

SPIEGEL: Aber warum ließen Sie das arabische Wohnviertel davor abreißen?

Peres: Er wollte den Platz, der früher ein Gebetsort gewesen war, wieder öffnen. Er ließ ja auch die Trennmauer niederreißen. Ben-Gurion war gegen die geteilte Stadt, aber er hätte von sich aus keinen Krieg um Jerusalem geführt. Er dachte auch, wir sollten die Araber nicht regieren.

SPIEGEL: Aber warum haben die Israelis dann mehr getan, als sich nur zu verteidigen? Sie wurden zu Eroberern.



© SPIEGEL Geschichte 3/2009
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