Die erste Globalisierung Der Fluch des Silbers

Die Ausplünderung der Neuen Welt nach ihrer Entdeckung durch Kolumbus beschleunigte Europas Aufstieg, hat das Schicksal Lateinamerikas aber nicht so ausschließlich geprägt, wie linke Kritiker behaupten. Dennoch trägt der Kontinent bis heute schwer an seinem kolonialen Erbe.

Von , Rio de Janeiro


Ein stahlblauer Himmel wölbt sich über der Kuppe des "Cerro Rico", des "Reichen Berges" hoch in den bolivianischen Anden. Der Atem gefriert, jeder Schritt wiegt wie Blei in der dünnen Luft. Vor dem Eingang zur Mine der Kooperative "26. März" sammelt sich eine Gruppe von Bergleuten. Ihre Wangen sind ausgebeult von den Kokablättern, die sie gegen Hunger und Erschöpfung kauen. Sie schultern Talglampen, Dynamitstangen und Eisenpickel und ziehen in den Berg.

Zwölf Stunden und mehr hocken die Minenarbeiter in den engen Stollen. In Handarbeit klopfen sie das Erz aus den Wänden. Die meisten Männer sind klein und von indianischer Abstammung. Kaum einer ist älter als 30, aber sie haben die Gesichter alter Männer. Wenn sie abends aus dem Berg kommen, sind sie zu erschöpft zum Schwatzen. Schweigend trotten sie hinunter in die Stadt.

Potosí, 4.000 Meter hoch am Fuß des Cerro Rico gelegen, ist ein ungewöhnlich stiller Ort im lärmigen Bolivien. Indianerfrauen huschen durch die schmalen Gassen, ein paar Rucksacktouristen in Pullovern aus Alpaca-Wolle ziehen schwer atmend durchs hügelige Stadtzentrum. Die Kälte ist trocken und schneidend.

Heute fällt es schwer, sich vorzustellen, dass in dieser unwirtlichen Stadt einst die Hauptschlagader des spanischen Kolonialreichs verlief. Mit dem Silber aus dem Cerro Rico finanzierten Spaniens Könige ihre Armada, bezahlten sie ihre Paläste, kauften sie Stoffe, Möbel und Tücher für ihren Hofstaat. Ein Mitglied des englischen Parlaments warnte um 1620, das Silber aus Potosí nähre "den ehrgeizigen Wunsch des spanischen Königs, eine universelle Monarchie zu errichten". Das Silber, das Indios aus dem Cerro Rico kratzten, nährte Europas moderne Geldwirtschaft.

Der Indianer Diego Huallpa hatte 1545 zufällig eine Silberader im Cerro Rico entdeckt. Bald darauf bemächtigten sich die Spanier des erzhaltigen Berges. Sie zwangen die Indios zur Fronarbeit in den Minen. Hunderttausende verreckten im Cerro Rico, während die Kolonialelite in Saus und Braus lebte.

1572 ließ der damalige Vizekönig Francisco de Toledo die erste Münzpresse in Potosí errichten. In Truhen wurden die Silbertaler über Lima nach Spanien verschifft. Der Name Potosí wurde zum Symbol für Reichtum, Ruhm und Macht. Miguel de Cervantes nahm den Satz "Vale un Potosí" (Das ist ein Potosí wert) in seinen "Don Quijote" auf.

Hunderttausende Tonnen Gestein haben die Bergarbeiter im Laufe der Jahrhunderte vom Cerro Rico abgetragen. Noch immer treiben sie neue Stollen in den Berg, er ist von Hunderten Tunnel ausgehöhlt und niedriger als zu Kolonialzeiten. Eine staatliche Minengesellschaft und mehrere private Kooperativen bauen vor allem Zinn ab.

Die "Casa de la Moneda", die berühmte Münzpresse, ist heute ein Museum. Über dem Eingang hängt eine lachende Fratze, die Herkunft des Kunstwerks ist unklar. Historiker spekulieren, das feixende Antlitz zeige den Weingott Bacchus. Die Einwohner von Potosí erzählen eine andere Version: Die Fratze aus dem 19. Jahrhundert stelle einen Indio dar, der den Spaniern zum Abschied hinterhergrinse, nachdem Bolivien unabhängig geworden war.

Dabei hatten Boliviens Ureinwohner auch nach dem Abzug der Besatzer nichts zu lachen: Die Arbeitsbedingungen für die Bergarbeiter besserten sich kaum, noch heute sterben jedes Jahr etliche bei Unfällen in den Stollen. Die berüchtigte Staublunge rafft die meisten Männer dahin, bevor sie 50 werden. Bolivien, genannt der "Bettler auf dem silbernen Thron", ist das zweitärmste Land Südamerikas.

Oder verharrt das Land womöglich gerade wegen seines natürlichen Reichtums im Elend? Beuten die reichen Länder der sogenannten Ersten Welt auch 500 Jahre nach der Eroberung Lateinamerikas die ehemaligen Kolonien aus? Sind sie noch immer verantwortlich für das Elend der Indios?

Diese These stellte der uruguayische Autor Eduardo Galeano in seinem Buch "Die offenen Adern Lateinamerikas" auf, der Bibel der lateinamerikanischen Linken. Jüngst machte das fast 40 Jahre alte Werk wieder Furore: Venezuelas linkspopulistischer Präsident Hugo Chávez überreichte das Buch im April seinem amerikanischen Kollegen Barack Obama als Geschenk bei einem gesamtamerikanischen Gipfeltreffen - damit der US-Amerikaner "die Region besser versteht", so Chávez. Sogleich schnellte das Brevier in der Verkaufsstatistik von Amazon unter die Top Ten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
mark anton, 29.07.2009
1. Leider ist dies ein menschlicher Zug sich zu bereichern und korrupt zu sein, auch heu
Zitat von sysopDie Ausplünderung der Neuen Welt nach ihrer Entdeckung durch Kolumbus beschleunigte Europas Aufstieg, hat das Schicksal Lateinamerikas aber nicht so ausschließlich geprägt, wie linke Kritiker behaupten. Dennoch trägt der Kontinent bis heute schwer an seinem kolonialen Erbe. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,638682,00.html
Egal wie das Regim beschaffen ist, ob freie,kapitalistische Wirtschaft wo in der Regel die Regale voll sind, oder Kommunisten, mit leeren Regalen (bei regulierter Planwirtschaft) die Versuchung sich zu bereichern lockt und wird oft umgesetzt wo Kontrollinstanzen fehlen oder ebenfalls korrupt sind. Der SED Staat war da keine Ausnahme, im Gegenteil die Topgenossen und hoeheren Funktionaere konnten auch in Sonderlaeden zugreifen auf sog. Westartikel, von denen das gemeine Volk nur traeumen konnte. Die Hypokratie konnte im klassenlosen Arbeiter und Bauernstaat nicht ueberboten werden. Einige deren Nutzniesser mit Stasivergangenheit, schwimmen auch heute in der Bundesrepublik wieder oben mit.
JEW-T 29.07.2009
2. Hijos de algo
Zitat von sysopDie Ausplünderung der Neuen Welt nach ihrer Entdeckung durch Kolumbus beschleunigte Europas Aufstieg, hat das Schicksal Lateinamerikas aber nicht so ausschließlich geprägt, wie linke Kritiker behaupten. Dennoch trägt der Kontinent bis heute schwer an seinem kolonialen Erbe. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,638682,00.html
An seinem post-kolonialem Erbe trägt er weitaus schwerer, angesichts absurder Potentaten und Potentätchen, die sich nur mit Hilfe diverser ausländischer Sponsoren und dem Raubbau an den vorhandenen Bodenschätzen des jeweiligen Landes (einschließlich des Bodens selbst) an der Macht und den Fleischtöpfen halten konnten und können. Ironischerweise ist das angestrebte Ideal dabei der koloniale Großgrundbesitzer, als post-kolonialer Hidalgo natürlich, von dem sie sich so glorreich befreit zu haben meinen...
ofelas 29.07.2009
3. welche Eliten, ueber Ausbeutung zu Wohlstand
"doch ihre eigenen Eliten trugen zum Elend der Massen bei" denn ihre eigenen "Eliten" sind fast allesamt nachfahren von Europaer. Die Spanier, Italiener und Deutsche sehen sich bis heute nicht als Lateinamerikaner. Es gibt keinen sozialen Zusammenhalt, die anderen sind Indios, Schwarze oder "gemischt", und werden als minderwertig betrachtet. Mir ist nirgends so viel Rassimus und Scheinheiligkeit begegnet wie in Lateinamerika. Das Europaer ueber Jahrhunderte einen gewaltiges Konjunkturpacket aus Amerika erhalten hat, und damit auch in der Lage war die Forschung, Ausbildung und Militaer zu finanzieren, sollte dem Spiegel mal ein Beitrag wert sein.
mypart 29.07.2009
4. Trauriger Eintrag
Es ist echt schon traurig was der Spiegel in Herrn Glüsing für einen schlechten Südamerika Korrespondenten hat. Haben Sie das Buch welches Sie zu hinterfragen suchen, dessen Thesen Sie laut Ihrer Einleitung auf ihre Standhaftigkeit hin untersuchen wollen überhaupt gelesen? Wenn, dann haben Sie entweder nicht mitbekommen wollen was Sie lesen oder Sie haben einfach weit vor der Hälfte aufgehört! Eduardo Galeano zeigt eindeutig auf wer die tatsächliche Herrschaft übernahm als die spanische Krone zu schwach war um selbst genügend Unterdrückung auszuüben, von Europa gesteuerte Eliten die sich fast ausschließlich aus Nachkommen der Conquistadoren zusammensetzten. Nach Ihrer Unabhängigkeit wurden die lateinamerikanischen Staaten von ihren europäischen und nordamerikanischen "Geschäftspartnern" in ein Freihandelssystem gezwungen, von dem sie auf Grund ihrer zurückgebliebenen Wirtschaftsstrukturen nur weiter in den Abgrund getrieben worden. Eine kleine Elite konnte von diesem System aber weiter profitieren und sich mit dem Geld welches sie zur Unterstützung der Ausbeutung von ihren "westlichen" Partnern bekamen konnten sie die Massen unterdrücken. Dies ist die "direkte Linie von der Conquista zu den ökonomischen und politischen Interventionen der USA in Mittelamerika. So wie die Spanier die Indios unterwarfen, so beute im 20. Jahrhundert ein Unternehmen wie die United Fruit Company die Arbeiter auf seinen Bananenplantagen aus." Und die mehrfach genannten Eliten waren und teilweise sind eben immer noch die örtlichen Statthalter der United Fruit, der Standard Oil oder der Shell. Es sind die selben Eliten die 2002 den Putsch in Venezuela versuchten, die vor einem Jahr die Massaker im bolivianischen Tiefland anrichteten und die jetzt den Putsch in Honduras anführen.
martinhlindemann 29.07.2009
5. ...
Zitat von mark antonEgal wie das Regim beschaffen ist, ob freie,kapitalistische Wirtschaft wo in der Regel die Regale voll sind, oder Kommunisten, mit leeren Regalen (bei regulierter Planwirtschaft) die Versuchung sich zu bereichern lockt und wird oft umgesetzt wo Kontrollinstanzen fehlen oder ebenfalls korrupt sind. Der SED Staat war da keine Ausnahme, im Gegenteil die Topgenossen und hoeheren Funktionaere konnten auch in Sonderlaeden zugreifen auf sog. Westartikel, von denen das gemeine Volk nur traeumen konnte. Die Hypokratie konnte im klassenlosen Arbeiter und Bauernstaat nicht ueberboten werden. Einige deren Nutzniesser mit Stasivergangenheit, schwimmen auch heute in der Bundesrepublik wieder oben mit.
Aber dann stampfen Sie bitte auch die angeblich überlegene christlich-abendländische Moral ein. Überlegen ist/war sie in lediglich ausbeuterischer Hinsicht, hat durch Zwangsmissionierungen die Versklavung gefördert. Sie haben Recht, wenn Sie anmerken, auch der Kommunismus nicht zur nachhaltigen Gerechtigtkeit führte. Doch hat wer das Recht die SED-Nutznießer vom Wohlstand auszuschliesen? Wenn man nur den Splitter im Auge (System) des Anderen betrachtet, übersieht man leicht den Balken im eigene Auge.
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