Der Aufstieg des Kapitals "Wir brauchen neue Banken"

Der Harvard-Historiker Niall Ferguson über die wechselvolle Geschichte des Geldes, die Unausweichlichkeit von Finanzkrisen und den fatalen Einfluss der Mathematiker auf das monetäre System


SPIEGEL: Professor Ferguson, würden Sie bitte einmal Ihr Portemonnaie öffnen?

Ferguson: Wenn Sie möchten, gern. Schauen Sie nach, ich habe ungefähr hundert Dollar dabei.

SPIEGEL: Warum halten die Menschen solche Scheine aus grünbedrucktem Papier für wertvoll?

Ferguson: Diese Papierstücke sind zugleich auch Zahlungsversprechen. Vor 4000 Jahren im alten Babylon übernahmen Tontafeln diese Funktion, heute operieren wir mit Banknoten. Sie sind nur das wert, was ein anderer dafür zu geben bereit ist. Geld ist Vertrauenssache, egal, ob es sich beim Trägermaterial um Ton, Gold, Papier oder auch einen Computermonitor mit Flüssigkristallanzeige handelt.

SPIEGEL: Der Dollar hat innerhalb von 50 Jahren rund 86 Prozent seiner Kaufkraft verloren. Wieso erschüttert ein solcher Wertverlust nicht das Vertrauen in Papiergeld?

Ferguson: Ganz einfach: weil Papiergeld so bequem ist. Die Menschen verfügen damit über ein Tauschmittel und eine Verrechnungseinheit, die standardisiert ist und allgemein akzeptiert wird. Dafür nehmen sie ein gewisses Maß an Inflation in Kauf. Es ist der Preis, den wir für ein Papiergeldsystem zahlen.

SPIEGEL: Diese Geldordnung, die allein auf Papier basiert, hat keine lange Tradition. Bis 1971 war der Dollar noch an Gold gekoppelt. Ist Edelmetall nicht das viel bessere Geld?

Ferguson: Es mag zwar für manchen gerade in diesen Zeiten attraktiv sein, Gold in seinem Portfolio zu haben. Und zweifellos besitzt Gold eine besondere Ausstrahlung: Ich habe kürzlich in Athen die Totenmaske des Agamemnon gesehen; sie stammt aus dem 16. Jahrhundert vor Christus und hat nichts von ihrem Glanz verloren. Ich halte es aber für ausgeschlossen, dass Gold jemals wieder die Funktion von Geld übernehmen wird. Es wäre doch höchst unpraktisch, wenn Sie beispielsweise Ihr Flugticket nach Boston in Gold hätten bezahlen müssten. Was hat es gekostet?

SPIEGEL: Knapp 400 Euro.

Ferguson: Das entspricht derzeit dem Wert von annähernd einer halben Unze Gold, also ungefähr 15 Gramm. Nun stellen Sie sich vor, Sie wollten bloß einen Apfel mit Gold bezahlen ...

SPIEGEL: Aber über Jahrhunderte, sogar Jahrtausende bestand doch eine enge Verbindung zwischen Geld und Edelmetallen. Warum hat sie sich aufgelöst?

Ferguson: Dieses System hat sich als überaus unflexibel erwiesen. Wenn die Geldmenge an den Bestand von Edelmetallen gekoppelt ist, lässt sie sich nicht so einfach erweitern, die Wirtschaft kann wegen der Knappheit von Gold oder Silber nicht recht wachsen. So besteht die Gefahr einer Deflation, also eines andauernden Preisverfalls, der die Wirtschaft lähmt. Die Deflation im Deutschland der frühen dreißiger Jahre beispielsweise ist vom Goldstandard mitverursacht worden.

SPIEGEL: Sie meinen, dass finanzpolitische Gründe zum Niedergang der Weimarer Republik beigetragen haben?

Ferguson: Der Aufstieg Adolf Hitlers hat viel mit der deutschen Finanzgeschichte zu tun. Deutschland hatte Anfang des 20. Jahrhunderts das beste Bildungssystem der Welt, es verfügte über eine gewisse demokratische Tradition, und es besaß das allgemeine Wahlrecht. Dass sich dennoch der Nationalsozialismus ausbreiten konnte, dafür sind in großem Maß die fiskalischen Traumata verantwortlich, die das Land in kurzer Abfolge erlitten hatte: die Hyperinflation 1922/23 und die Deflation während der Weltwirtschaftskrise nach 1929.

SPIEGEL: Welche Rolle spielt Geld überhaupt in der Geschichte?

Ferguson: Geld kommt beim Aufstieg der Menschheit eine wesentliche Bedeutung zu. Der Barterhandel, der direkte Austausch von Ware gegen Ware, war nicht besonders effizient. Die Defizite zeigten sich, seit die Arbeitsteilung begann, als die einen als Bauern tätig waren, andere als Handwerker, wieder andere als Händler: Geld erleichterte es ihnen, Geschäfte miteinander zu machen. Ich glaube, Geld ist die Quelle - oder besser der Geburtshelfer - beinahe allen Fortschritts in der Geschichte.

SPIEGEL: Eine kühne These. Wie lässt sie sich belegen?

Ferguson: Der Ruhm von Florenz, der Boom der Architektur und des Kunstmarktes, beruhte beispielsweise darauf, dass die Medici Bankiers waren und mit dem Geldwechsel ein Vermögen machten; Botticellis Gemälde wären ohne die Medici kaum denkbar. Oder nehmen Sie die Französische Revolution: Sie ist zumindest indirekt die Folge davon, dass die Monarchie nach den Kriegen des Sonnenkönigs Ludwig XIV. in eine finanzielle Notlage geraten war. Oder das Ende von Napoleon 1815 bei Waterloo: Die Schlacht war auch ein Wettstreit zwischen zwei Finanzsystemen. Die Franzosen finanzierten den militärischen Konflikt durch Plünderung, die Engländer dagegen nutzten den Anleihemarkt und nahmen Schulden auf. So gelang ihnen der Aufstieg zur Weltmacht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
drexl 06.08.2009
1. Da fehlt was
Wie lautet SPIEGELs Bemerkung, die von Ferguson auf Seite 3 als "töricht" bezeichnet wird?
flowpower22 06.08.2009
2. Hier irrte Ferguson
---Zitat--- Ferguson: Das war eine törichte Bemerkung. Man könnte ebenso behaupten, die Demokratie sei ein Monster. Die Finanzmärkte sind doch nur der Spiegel unseres ökonomischen Handelns, und es ist nicht der Fehler des Spiegels, wenn er unsere Makel widergibt. Wir sollten die Finanzmärkte nicht dämonisieren. Wir erleben doch gerade, wie sich die Märkte bereinigen, wie das "Unangepasste und Lebensunfähige" verschwindet, so hat es der Ökonom Joseph Schumpeter einmal beschrieben. ---Zitatende--- Lieber Prof. Ferguson, dies ist reichlich naiv. Von Spiegel keine Spur, aber viel Monster, das es endlich zu erledigen gilt. HaLaLi!! Warum spricht man heute so häufig von der Realwirtschaft in Abgrenzung zu den virtuellen Transaktionen auf den Finanzmärkten, auf denen die Maserati Yuppies es krachen lassen? Realwirtschaft: Du gibst mir Deins und kriegst dafür Meins. Lass es uns mit Bareld, oder besser einer Bankanweisung handeln. Ein einfaches, gerechtes und befriedigendes Konzept. Finanzmärkte: Die Politik und Systembanken bestimmen über die Geldmengen und den Geldwert (zum Beispiel durch Wechselkurse). Das grosse Monopoly (Stichwort George Soros) geht nie an der politik vorbei. Dieses Investmentbanking ist in zweifacher Hinsicht fatal für die Wirtschaft. 1) Damit einige wenige richtig reich werden können, wird so lange herumjongliert bis es dann mal kracht und die Realwirtschaft mit badengeht. 2) Da dies für alle so wunderschön ist (ohne Risiko und Arbeit so richtig Asche machen) interessiert man sich natürlich nicht mehr für so dumme Geschäfte wie die Vergabe von Krediten an kleine Mittelständler - das sind Peanuts und auch einer Bank für Wiederaufbau oder einer Landesbank heute nicht mehr würdig.
Interessierter0815 06.08.2009
3. Neue Banken?
Zitat von sysopDer Harvard-Historiker Niall Ferguson über die wechselvolle Geschichte des Geldes, die Unausweichlichkeit von Finanzkrisen und den fatalen Einfluss der Mathematiker auf das monetäre System http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,639307,00.html
Neue Banken? Neues Finanzsystem - schluss mit leistungslosem Einkommen, ächtung des Zins! Gerade die Nutznießer dieses Kriegs- und Chaosbringenden Finanzsystem fasseln doch immer von "Chancengleichheit" - wenn Sie er ernst meinen, sollten Sie helfen dieses asoziale und korrumpierende Finanzsystem einzustampfen!
Deluminatus 06.08.2009
4. Das kann ja gar nicht gut gehen
Man sehe sich beliebige historische Charts an - man erkennt ein sehr langfristiges exponentielles Wachstum. Das Zinseszinssystem generiert ebenfalls exponentiellen Geldzuwachs. Als Naturwissenschaftler sind mir exponentiell wachsende Systeme zuwider, da sie unweigerlich zu einem Kollaps führen müssen. Nichts könnte also weniger überraschend sein als die Tatsache, dass ein monetäres System, das nicht an reale Werte (die ja niemals exponentiell wachsen können) gekoppelt ist, in einer Krise enden muss. Der Wert bedruckter Papierscheine ist virtuell. Finanzdienstleistungen (die man sich in Form von Zinsen bezahlen lässt) sind ebenfalls virtuelle Leistungen - an dieser Stelle findet eine totale Abkopplung von realen Werten statt, denn der Zinszahlung steht bestenfalls ein realer Wert gegenüber, der vielleicht in der Zukunft erzeugt wird - bis dahin sind aber schon wieder Zinseszinsen fällig. Ein derartiges System ist in seinen Grundfesten nicht auf Stabilität angelegt, sondern auf "kurzfristige" (das mögen Dekaden sein) Gewinne, die man möglicherweise zwischen zwei Krisen erreichen kann. Langfristiges Vertrauen in ein solches Finanzsystem ist pure Naivität.
normanstresskopf, 06.08.2009
5. der fatale Einfluss der Mathematiker auf das monetäre System
Schöne Überschrift: die Mathematiker (und -innen?) haben also die Finanzkrise verursacht. Auch Tacitus wußte bereits: "Mathematicis [...] genus hominum potentibus infidum, sperantibus fallax, quod in civitate nostra et vetabitur semper et retinebitur"
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