Glanz und Elend nach 1800 Das Eisenbahnfieber

Die industrielle Revolution in England brachte nicht nur die Fabrik, das Proletariat und den modernen Kapitalismus hervor - sie schuf auch die Bedingungen für riesige Spekulationen und zyklische Wirtschaftskrisen.

Von Georg Bönisch


Ein paar Jahrzehnte nur, vielleicht acht, vielleicht zwölf, es waren Wimpernschläge in der Geschichte der Menschheit. Und doch brachten sie die "gründlichste Umwälzung, die jemals in schriftlichen Dokumenten festgehalten wurde", schreibt der große Sozialhistoriker Eric Hobsbawm.

Das epochale Geschehen ist als Industrielle Revolution in die Geschichte eingegangen. Sie fand in Hobsbawms Heimat Großbritannien statt, und sie erzeugte den ersten kapitalistischen Industriestaat. Seit Beginn des Ackerbaus, seit der Entdeckung der Metalle und seit den Siedlungen in der Jungsteinzeit, so Hobsbawms Befund, sei "keine Veränderung im Leben der Menschen ... so fundamental" gewesen.

Sie machte die Reichen noch reicher, während die Armen in der Regel arm blieben. Großbritannien, das lange schon eine bedeutende Handels- und Seemacht gewesen war, stieg auf zur Nummer eins, zur Werkstatt der Welt - mit so viel Macht wie kein anderer Staat dieser Größe zuvor oder danach. Binnen eines Jahrhunderts, zwischen 1740 und 1840, hatte sich die Zahl britischer Bürger fast verdreifacht und deren Wirtschaftsleistung mehr als vervierfacht. Die Briten produzierten damals etwa die Hälfte der weltweiten Eisen- und Baumwollerzeugnisse, fünf Siebtel der (noch recht geringen) Stahlmenge, sie förderten zwei Drittel aller Kohle. Und sie bewiesen sich immer wieder als Entdecker und Erfinder: automatisch arbeitende Webstühle, das Prinzip Fabrik, die Dampfmaschine, deren Kraft Tausende Hände ersetzte. Schließlich die Eisenbahn als Dampfmaschine auf Schienen: für viele Zeitgenossen ein Höllengerät, aber eines mit starkem Zug in die Zukunft.

Jetzt konnten in wenigen Stunden Strecken überwunden werden, für die ein Pferdegespann Tage benötigte. Eine "Verkehrsrevolution", schreibt der Geschichtswissenschaftler Hans Rosenberg, komplettierte die Industrielle Revolution. Denn der Eisenbahnbau habe als "Marktbildner" gewirkt, "indem er die Schwierigkeiten der Raumüberwindung beseitigte".

Die Ingenieurleistung Eisenbahn wurde ganz schnell zu einer Erfolgsgeschichte und zum Synonym für Ultramodernes, "ähnlich wie ,atomar' nach dem Zweiten Weltkrieg" (Hobsbawm). Und so begann die ungeheure Expansion der Wirtschaftsmacht Großbritannien - und eine Art erste Globalisierung.

Dazu gehörte der Umbau des englischen Finanzmarktes. Plötzlich spielten Aktien eine große Rolle und der Ort, an dem sie gehandelt wurden - die Börse. Der Staatskredit verbreitete sich ebenso wie private Investitionskredite, Fonds, öffentliche Anleihen, eben "neue Methoden der Kapitalbeschaffung" (Rosenberg). Ganz weit öffnete sich nun auch das Tor zur Spekulation, die bis dahin in der Wirtschaftsgeschichte nur episodisch aufgetreten war.

Das Geld- und Bankensystem wurde instabil und fragil und glich einem Mikadospiel. Eine falsche Bewegung, und alles konnte zusammenbrechen.

Genauso kam es 1857, im Jahr der ersten Weltwirtschaftskrise. Serienweise wurden zunächst amerikanische Unternehmen in den Ruin getrieben, Hunderttausende Menschen mussten darben. "Pleite", schlagzeilte eine Zeitung, "ist ein anderes Wort für Hunger." Schuld war das Symbol der neuen Zeit: die Eisenbahn.

Ein gutes Jahrhundert früher. Manchester im Nordwesten Englands ist weltweit die erste Großstadt der Industrialisierung. Hier, so berichtete es ein Reisender, "bemerken wir Hunderte fünf- bis sechsgeschossiger Fabriken, jede mit einem turmhohen Schornstein daneben, der schwarzen Kohlenrauch ausstößt". Da wurde Baumwolle gesponnen - wer heute über den Beginn der Industriellen Revolution spricht, der meint Baumwolle - nicht Kohle, nicht Eisen, nicht die Schwerindustrie. Und Manchester steht symbolisch für eine Neuausrichtung der Wirtschaft, deren Bewertung abhängig ist von der Betrachtungsweise. Wer vor allem das Leid der Arbeiter sieht, der spricht vom Manchesterkapitalismus; wer die Vorzüge meint - den Freihandel, keinen Protektionismus -, der spricht vom Manchesterliberalismus.

Was an unmenschlich langen Arbeitstagen - 12 bis 16 Stunden am Stück waren keine Seltenheit, auch nicht für Kinder - mit Maschinenhilfe produziert wurde, musste schnellstmöglich zu den Käufern gebracht werden. Großbritannien besaß, im Gegensatz zum europäischen Festland, ein gutausgebautes Kanal- und Straßensystem. Doch Kähne und Gäule sind langsam.

Der Erste, der die wundersame Erfindung Dampfmaschine im Verkehr einsetzte, war der Ingenieur Richard Trevithick. Sein Vehikel zog, 1804, auf dem Schienenweg nahe Merthyr Tydfil bei Cardiff, immerhin eine tonnenschwere Last. Doch dauerte es noch fast eine Generation, bis die Lokomotive "aus dem experimentellen in das wirtschaftlich lebensfähige Stadium trat", notiert die englische Historikerin Phyllis Deane.



© SPIEGEL Geschichte 4/2009
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