Hildegard von Bingen "Posaune Gottes"

Die Benediktinerin Hildegard von Bingen wird bis heute als große Heilkundige verehrt. Sie selbst empfand sich als Seherin - und mischte sich auch in die kaiserliche Politik ein.

Concorde Film

Von Annette Bruhns


Sogar feuchte Träume kannte die ehrwürdige Kirchenfrau. Es widerfahre "dem Menschen im Schlaf ohne jedes Traumspiel rein aus der Natur heraus". Auch "bei leichtsinnigen Gedankenspielereien" könnten junge Männer Samen "aus sich herausschwitzen".

Mädchen würden bei "schlüpfrigen Phantasien" ab dem zwölften Lebensjahr den "Schaum der Wollust" auswerfen. Abklingen würde die "Glut der Begierde" bei beiden Geschlechtern dann im gleichen Alter: mit etwa 70 Jahren.

Die Beschreibung von Sexualität in den Schriften der Äbtissin Hildegard von Bingen ist für ihre Zeit einzigartig. Gewiss, in Klosterbibliotheken standen die Schriften des römischen Arztes Galen über die Funktion der Körperteile. Doch wer hätte es gewagt, sie um Beobachtungen der menschlichen Libido zu erweitern so wie die Benediktinerin? Das leibfeindliche Mittelalter warnte vor der Lust als teuflischem Laster. Und die Beschreibung des weiblichen Körpers war ganz und gar tabu.

Hildegard kannte da keine Scham: Nüchtern notierte sie, dass das weibliche Ejakulat im Verhältnis zum männlichen so viel sei "wie ein Bissen im Vergleich zum ganzen Brot". Die zur Keuschheit verpflichtete Ordensfrau wusste nicht nur, dass auch Frauen den "Wind der Lust" erleben können, sondern sogar, dass deren Sekret oft "nach dem Genuss" nicht austrete. Es werde "mit dem Monatsflusse ausgeschieden".

Der Würzburger Medizinhistoriker Johannes Mayer staunte deshalb beim Studium von Hildegards Schriften nicht schlecht: "Das eigentliche Wunder ist, dass sie nicht als Ketzerin verbrannt wurde." Ein überraschendes Urteil. Denn in die Geschichte eingegangen ist die Vielschreiberin als Heilige, Heilkundige und Hellseherin.

Von ihren seherischen Eingebungen kündet ein bibeldickes Werk. Zwei Drittel beschäftigen sich mit den Beziehungen zwischen Gott, dem Menschen, der Welt sowie mit dem großen Gegenspieler, Satan. Die Autodidaktin hat außerdem mehr als 70 liturgische Musikkompositionen hinterlassen.

Bis heute bekannt ist die Klosterfrau für ihre heilenden Rezepturen. In ihren biomedizinischen Traktaten beschreibt sie 290 Pflanzen, 153 Tierarten, 25 Mineralien sowie 8 Metalle.

Für Hildegard hing alles zusammen - der Heilige Geist, der Mensch, die Sterne, Fauna und Flora. Die Benediktinerin schuf eine eigene Kosmologie, "in weiten Teilen im Denken des Mittelalters verhaftet", sagt Mayer. "Aber sie landete auch geniale Treffer."

Die Nonne mit dem Draht zum Jenseits war zugleich eine höchst diesseitige Akteurin. Wohl keine Frau hat je so viel Raum in der Papstkirche eingenommen. Sie predigte sogar - zwar nicht im für das weibliche Geschlecht verbotenen Altarraum, sondern auf Kanzeln draußen vor den Kirchen, zu denen sie reiste. Sektierern las sie da die Leviten, aber auch korrupten Klerikern.

Sogar Friedrich I. Barbarossa tadelte sie. Unerschrocken schrieb sie - im Namen des Allerhöchsten - an den römisch-deutschen Herrscher, nachdem dieser 1164 einen weiteren Gegenpapst eingesetzt hatte: "Wehe, wehe diesem bösen Tun der Frevler, die Mich verachten! Das höre, König, wenn du leben willst! Sonst wird Mein Schwert dich durchbohren!"

Allerdings ist Hildegards Korrespondenz mit Vorsicht zu genießen. Überliefert sind 127 Briefe, an Geistliche, Adlige, Herrscher. Der Anzahl nach wird sie so viele verfasst haben. Aber für die Nachwelt überarbeitete sie ihre Episteln, vertauschte Adressaten, verschmolz Inhalte. "Sie hat bewusste Manipulationen, die ihren Ruhm zu vermehren beabsichtigten, genehmigt oder wenigstens geduldet", glaubt der belgische Historiker Lieven van Acker, Herausgeber ihrer Briefe. Den Briefwechsel mit Papst Eugen III. etwa hält van Acker für echt - die Briefe an zwei andere Päpste in ihrem Nachlass dagegen für Fälschungen.

Wer war Hildegard von Bingen wirklich? Die einen halten sie für ein Genie, andere für eine auserwählte Prophetin - manche sehen sie dagegen schlicht als Hochstaplerin. Sie selbst nannte sich "Posaune Gottes". Dass sie hochintelligent war und, getreu dem Neuen Testament, ihr Licht "auf das Lampengestell" statt unter den Scheffel stellte, steht indes außer Frage.

Auf jeden Fall war Hildegards Gott ein Gott der Ratio. Sie reiht sich in die Vordenker des hohen Mittelalters ein, wenn sie in ihrem letzten Visionswerk "Liber divinorum operum" ("Buch der Gotteswerke") verkündet: "Die Vernunft ist die Wurzel, das tönende Wort erblühet aus ihr."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
schna´sel, 21.08.2010
1. Visionärin
Zitat von sysopDie Benediktinerin Hildegard von Bingen wird bis heute als große Heilkundige verehrt. Sie selbst empfand sich als Seherin - und mischte sich auch in die kaiserliche Politik ein. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,711479,00.html
Hildegard von Bingen war eine Ausnahmepersönlichkeit. Das sie so eine exponierte Stellung einnimmt hat eben damit zu tun, dass sie es geschafft hat trotz ihrer Andersartigkeit innerhalb der Grenzen des Klerus zu bleiben. Was sie so erreicht hat war viel, sehr viel für eine so mutige Frau, die dadurch ja auch in der Welt ganz praktisch und ganz offiziell für ihre Zeit ungeheure Dinge durchsetzen konnte. Aber sie war tatsächlich keine Mystikerin. Ihre Visionen habe nie den Charakter der Einheit mit dem Göttlichen gehabt. Die Vermittlung mit dem Höchsten hatte ihrer Auffassung nach immer in den Händen der Kirche zu liegen. Dabei gab es wesentlich radikalere Menschen. Auch Frauen. Mechthild von Magdeburg zum Beispiel. Über die wir längst nicht so viel wissen. Ich hoffe, dass die Beschäftigung mit diesem Thema dazu führt den Anspruch der katholischen Kirche auf das Monopol aufzuweichen der alleinige Weg zu Gott zu sein.
Haio Forler 21.08.2010
2. .
Zitat von schna´selHildegard von Bingen war eine Ausnahmepersönlichkeit. Das sie so eine exponierte Stellung einnimmt hat eben damit zu tun, dass sie es geschafft hat trotz ihrer Andersartigkeit innerhalb der Grenzen des Klerus zu bleiben. Was sie so erreicht hat war viel, sehr viel für eine so mutige Frau, die dadurch ja auch in der Welt ganz praktisch und ganz offiziell für ihre Zeit ungeheure Dinge durchsetzen konnte. Aber sie war tatsächlich keine Mystikerin. Ihre Visionen habe nie den Charakter der Einheit mit dem Göttlichen gehabt. Die Vermittlung mit dem Höchsten hatte ihrer Auffassung nach immer in den Händen der Kirche zu liegen. Dabei gab es wesentlich radikalere Menschen. Auch Frauen. Mechthild von Magdeburg zum Beispiel. Über die wir längst nicht so viel wissen. Ich hoffe, dass die Beschäftigung mit diesem Thema dazu führt den Anspruch der katholischen Kirche auf das Monopol aufzuweichen der alleinige Weg zu Gott zu sein.
Großart'che Sportlerin.
evolut 21.08.2010
3. ...
Zitat von schna´selHildegard von Bingen war eine Ausnahmepersönlichkeit. Das sie so eine exponierte Stellung einnimmt hat eben damit zu tun, dass sie es geschafft hat trotz ihrer Andersartigkeit innerhalb der Grenzen des Klerus zu bleiben. Was sie so erreicht hat war viel, sehr viel für eine so mutige Frau, die dadurch ja auch in der Welt ganz praktisch und ganz offiziell für ihre Zeit ungeheure Dinge durchsetzen konnte. Aber sie war tatsächlich keine Mystikerin. Ihre Visionen habe nie den Charakter der Einheit mit dem Göttlichen gehabt. Die Vermittlung mit dem Höchsten hatte ihrer Auffassung nach immer in den Händen der Kirche zu liegen. Dabei gab es wesentlich radikalere Menschen. Auch Frauen. Mechthild von Magdeburg zum Beispiel. Über die wir längst nicht so viel wissen. Ich hoffe, dass die Beschäftigung mit diesem Thema dazu führt den Anspruch der katholischen Kirche auf das Monopol aufzuweichen der alleinige Weg zu Gott zu sein.
Sonst wäre sie nicht so alt geworden. Ich könnte sowas nicht beurteilen. Sie garantiert auch nicht. Sie kannte nichts anderes als das Klosterleben, den Despotismus der Kirche. Wie sollte sie vom gängigen Schema abweichen, wollte sie überleben?
kyon 21.08.2010
4. Befleckung
Zitat von sysopDie Benediktinerin Hildegard von Bingen wird bis heute als große Heilkundige verehrt. Sie selbst empfand sich als Seherin - und mischte sich auch in die kaiserliche Politik ein. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,711479,00.html
Bei soviel Bewunderung für diese Frau muß man wohl psychiatrische Abstriche machen, falls es sichn um Störungen gehandelt hat, oder charakterliche, falls es sich um Hochstapelei gehandelt hat. Wer sich für die "Posaune Gottes" hält und an den Satan glaubt, zeigt seine Hybris und seinen Wahnsinn.
evolut 21.08.2010
5. ...
Dass Sie nicht zitieren können, sondern aus dem Zusammenhang reissen. Das mit Sicherheit. Ich gebe bei Bedarf Nachhilfe. Keineswegs. Was verstehen Sie eigentlich nicht? Auch heutzutage unterwerfen sich noch viele Leute der Kirche, vermutlich aus ähnlichen Gründen wie diese historische Figur. Ein oft gelesener Spruch in diesen Foren. In diesem Fall mal ein freundliches Winke-Winke zurück ;)
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