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Islam: "Die Männer stehen über ihnen"

Von Katrin Elger

Ist es die Schuld der Religion, wenn muslimische Frauen unterdrückt werden? Zwei unterschiedliche Lebensgeschichten geben aufschlussreiche Antworten.

Furcht vor Verfolgung: Hülya Yilmaz und Meltem Dogan Zur Großansicht
Stefan Thomas Kroeger

Furcht vor Verfolgung: Hülya Yilmaz und Meltem Dogan

Als Hülya Yilmaz aus der Ankunftshalle des Flughafens tritt, ist ihr speiübel. Vor ihr steht ihr Ehemann. Er hat kaum noch Haare auf dem Kopf, sein Bauch wölbt sich über den Gürtel. Er lächelt sie an. An diesem Wintertag im fahlen deutschen Morgenlicht sieht er noch unattraktiver aus, als sie ihn in Erinnerung hatte.

Er ist Mitte 60, sie Anfang 20. Er ist hässlich, sie ist schön. Er wird bald mit ihr schlafen wollen. Sie wird protestieren. Aber das tut nichts zur Sache. Sie gehört ihm. Ihr Vater hat sie von der Südtürkei nach Norddeutschland verheiratet. Sie könne sich glücklich schätzen, dass eine wie sie überhaupt noch einen Mann abbekommt. Das hat er gesagt. "Wahrscheinlich sogar geglaubt", sagt sie fünf Jahre später. Es war damals ihre zweite Zwangsheirat.

Meltem Dogan war noch nie verheiratet. "Da war bisher keiner dabei, der in Frage gekommen wäre", sagt sie. Die 30-jährige Türkin aus Niedersachsen hatte immer wieder Beziehungen. Im Moment ist sie Single, geht viel aus. Flirtet. Ihre Eltern sähen es ganz gern, wenn sie heiraten würde. "Aber das entscheide immer noch ich", sagt sie und lacht.

Die beiden sitzen in Meltems Büro, einem hellen Raum mit Blick zum Hinterhof, zwei Kaffeetassen vor sich. Beide tragen Jeans und Turnschuhe, die langen schwarzen Haare offen.

Sie haben sich über eine Telefonnummer kennengelernt: 0800-0667-888.

Wer dort anruft, landet beim niedersächsischen "Krisentelefon gegen Zwangsheirat", einer sozialen Einrichtung für notleidende Frauen und Mädchen. Für diejenigen, die Schutz suchen vor rachsüchtigen Ehemännern, gewalttätigen Brüdern, Cousins und Vätern. Sie bekommen dort Beratung, wie sie sich ein neues Leben aufbauen können.

"Für so etwas fehlt einem die Vorstellungskraft"

Meltem Dogan arbeitet beim Krisentelefon, seitdem sie ihr Jurastudium beendet hat. Hülya Yilmaz hat die Notrufnummer vor vier Jahren gewählt, nachdem sie ihren Mann verlassen hatte, immer in Panik, dass einer aus der Sippe sie finden könnte. Sie haben ihr mit Mord gedroht.

Deshalb nennt sie nie ihren echten Namen. Anonymität ist eines der höchsten Gebote beim Krisentelefon. Auch die drei Mitarbeiterinnen machen ihre richtigen Namen nicht öffentlich, damit keine Spur zu den Opfern führt. Eine Adresse ist im Internet nirgends zu finden, nur die Telefonnummer.

"Hülyas Erzählungen haben mich fassungslos gemacht", sagt Meltem. "Für so etwas fehlt einem die Vorstellungskraft."

Kindheit und Jugend der beiden Musliminnen hätten tatsächlich unterschiedlicher kaum verlaufen können. Während Hülyas Lebensgeschichte selbst die schlimmsten Vorurteile über unterdrückte Frauen im Islam bestätigt, ist Meltem unbeschwert und behütet aufgewachsen. Ihre Biografie passt so gar nicht zum Stereotyp der geknechteten Muslimin. Sie hatte Freiheiten, von denen Hülya bis vor einiger Zeit noch nicht einmal zu träumen wagte.

Die Erfahrungen der beiden Türkinnen zeigen, wie schwierig es ist, pauschal die Frage nach der Rolle der Frau im Islam zu beantworten. Wie viel Schuld trägt die Religion tatsächlich daran, dass Frauen wie Hülya so übel mitgespielt wird? Dass sie im Namen des Islam zwangsverheiratet, misshandelt, sogar ermordet werden? Warum hatte es Meltem so leicht und Hülya so schwer? Die beiden Frauen haben ihre eigenen Antworten auf diese Frage gefunden.

Im Koran wird die Frau meist im Kontext der Familie gesehen

Die Hitze in der Region Diyarbakir ist im Sommer so drückend, dass kaum jemand im Haus schlafen mag. Hülyas Familie wohnt in einem einfachen, weiß getünchten Gebäude. Möbel gibt es kaum, sie sitzen und essen auf dem Teppichboden. Auf dem Dach stehen zwei riesige Bettgestelle aus Metall, ein paar Matratzen liegen auf dem Boden. Darauf schlafen Hülya und ihre neun Geschwister in den Sommernächten. Oben weht ein leichter Wind, das macht die Hitze erträglicher.

Es ist besser, wenn die Kinder ausgeschlafen sind, sonst quengeln sie auf dem Feld. Sie arbeiten dann nicht gut.

Hülya weiß nicht mehr, wie alt sie war, als sie zum ersten Mal auf den Acker musste. Klein war sie, nicht älter als sechs oder sieben. Eine Schule hat sie in der Türkei nie von innen gesehen. Ihre beiden Brüder schon, wenn auch nur die Grundschule. Denn die Jungs in ihrem Dorf haben Rechte, die Mädchen nicht.

Im Koran gibt es viele Passagen, die sich auf die Rolle der Frau beziehen: Sie wird hauptsächlich im Kontext der Familie gesehen, als Mutter, Tochter oder Ehefrau.

Einige Stellen verheißen den Frauen nichts Gutes: "Die Männer stehen über ihnen", beginnt ein Vers.

Auch gibt es eine Vielzahl von frauenfeindlichen Hadithen, also überlieferten Geschichten aus dem Leben des Propheten, die als moralische Richtschnur für Muslime gelten. "Ich hinterlasse dem Manne keinen schädlicheren Unruhestifter als die Frauen", lautet etwa ein Hadith. Eine Vorlage für jeden Mann, der sich überlegen fühlen möchte.

"Einfach gewohnt, recht zu haben und bedient zu werden"

Es existieren jedoch auch Überlieferungen, die den Mann ermahnen, seine Frau gut zu behandeln: "Der ist der beste unter euch, der zu seinen Frauen am besten ist."

Hülya glaubt, dass die Männer in ihrer Familie weder die einen noch die anderen Passagen wirklich kennen. "Sie sind es einfach gewohnt, dass sie immer recht haben, und dass sie bedient werden", sagt sie. "So ist die Tradition bei uns auf dem Land. Und das wird von Generation zu Generation so weitergegeben." Was in den religiösen Schriften stehe, sei nebensächlich. "Die Männer in meiner Familie haben sich auch nie darum geschert, dass Muslime keinen Alkohol trinken sollen."

Auch Meltem macht vor allem die rückständige, feudale Lebensweise für das verantwortlich, was den Frauen widerfährt, die bei ihr anrufen. "Das Problem sind die patriarchalischen Strukturen", sagt sie. "Vorlagen hierfür gibt es nicht nur im Koran, sondern genauso auch in der Bibel." So gilt die Frau im Alten Testament als "Besitz des Mannes", und selbst im Neuen Testament ist noch die Rede davon, dass die Frau nur "ein Abglanz" des Mannes sei.

Die Mitarbeiterinnen des Krisentelefons arbeiten deshalb nach einem "feministischen Ansatz", wie sie sagen. Es gehe nicht um Religionsfragen, sondern darum, Frauen in ihrem Kampf gegen diese patriarchalischen Strukturen zu unterstützen. Auch zwangsverheiratete Russisch-Orthodoxe und irakische Christinnen haben die Notrufnummer schon gewählt. "Die haben ähnliche Geschichten zu erzählen wie die Musliminnen", sagt die Türkin.

"Wie bei den Christen, die zweimal im Jahr in die Kirche gehen"

Meltem wächst gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder in einem Vorort von Hannover in einer kleinen Eigentumswohnung auf. Vor ihrem Haus gibt es einen Garten mit Schaukel. Sie hat ihr eigenes Kinderzimmer - vollgepackt mit Spielsachen und Büchern. Während Hülya auf dem Feld Mais erntet, spielt Meltem Memory.

Als sie ins Teenageralter kommt, sind ihre Eltern manchmal "ein bisschen übervorsorglich". Ihr Vater holt sie von jeder Party persönlich ab. "Das war nervig, aber ich konnte es auch verstehen", sagt Meltem. "Die haben sich halt Sorgen gemacht."

Dogans sind Muslime, aber nicht sehr religiös. "Bei uns ist das wahrscheinlich so wie bei den Christen, die zweimal im Jahr in die Kirche gehen", sagt Meltem. "An Weihnachten und an Ostern." Solche Traditionen gebe es auch im Islam, das gemeinsame Fastenbrechen etwa.

Der Vater ist Ende der Sechziger nach Deutschland gekommen. In den ersten Jahren arbeitet er als Übersetzer für Griechisch, Türkisch und Deutsch. Eine Zeitlang besitzt er ein Reisebüro, später wird er Maschinenschlosser. Seine Frau lernt er im Urlaub in der türkischen Küstenstadt Izmir kennen. Bald darauf folgt die Hochzeit. "Aus Liebe", wie Meltem sagt. Und so will sie es auch einmal halten.

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Islam
Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.

Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.

Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .

Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.

Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.

Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.

Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.

Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.

Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
"Corpus Coranicum"
Das Projekt "Corpus Coranicum", das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, hat sich drei große Aufgaben gestellt: Zum einen soll die Entstehungsgeschichte des Korantextes nachvollzogen und dokumentiert werden. Dabei soll es auch darum gehen, frühe Handschriften mit Koranfragmenten auszuwerten und unterschiedliche Lesarten des Korantextes darzustellen. Zum Zweiten wird eine Datenbank von "Texten zur Umwelt des Koran" erstellt. Diese sogenannten Intertexte sollen helfen, das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem der Koran entstand. Schließlich sollen die neuen Daten und Erkenntnisse in einem Buchprojekt zusammengeführt und gedeutet werden.

Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
"Intertexte"
Mit diesem Begriff beschreiben Neuwirth und ihr Team Texte, die sich zu bestimmten Passagen des Korantextes in Beziehung setzen lassen - dabei kann es sich um alttestamentarische Texte handeln, aber auch um christliche, christlich-apokryphe, altarabische, hellenistische oder noch andere Texte handeln. Es geht allerdings ausdrücklich nicht darum, vermeintliche Quellen des Koran zu identifizieren - sondern eher die "Kontrastfolie" (Neuwirth) zu dem, was der Koran sagt.

Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".

Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".

Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.


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