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Wikinger-Schiffe: In die Wellen geschmiegt

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Der Stolz der Wikinger waren ihre Schiffe: Wendig, belastbar und pfeilschnell, blieben die kühnen Langboote in Krieg und Frieden überlegen. Erst während des 12. Jahrhunderts änderte sich das.

Wikinger-Schiffe: In die Wellen geschmiegt Fotos
DPA

Schnell wird das erste zaghafte Knistern des Feuers zu einem lauten Brüllen. Die Flammen fressen sich durch den trockenen Holzstapel. Dann leuchtet die Warnung hell durch die graue Morgendämmerung des 2. Juni 1079: "Alarm! Alaaarm! Die Flotte kommt! Die Norweger sind da, um Roskilde anzugreifen!"

Nervös schaut der Wächter im kleinen Fischerdorf Kikhavn am Eingang des Roskildefjords abwechselnd auf die schnell vor der Küste vorbeigleitenden Langschiffe und dann wieder nach Süden. Es ist 3.40 Uhr.

Wenige Minuten später glimmt endlich der erlösende Funke durch die Dämmerung. Der nächste Posten hat das Signal gesehen und sein Feuer entzündet. Die Warnkette ist in Gang gesetzt. In 15 Minuten, kurz vor vier, werden die Männer unten in Skuldelev wissen, dass die Angreifer kommen. Drei Stunden Zeit bleiben ihnen dann, bis die Flotte den Fjord hinuntergesegelt sein wird. Drei Stunden, um die Fahrrinne vor Skuldelev zu sperren und so Roskilde zu schützen.

Ob sich die Szene im Sommer 1079 tatsächlich so abspielte, weiß keiner. Die historischen Quellen dieser Jahre sind dünn und nebulös. Doch es gibt ein Zeugnis, das unzweifelhaft von einem Angriff erzählt: die Sperre des Roskildefjords an seinem engsten Punkt, die in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstand.

Sobald die Posten in Skuldelev das Feuersignal bemerkten, zogen sie hastig einige Schiffe in das Wasser der ohnehin flachen Fahrrinne. Sie fixierten sie mit Pflöcken quer über die gesamte Breite und begannen, Steine in die offenen Boote zu hieven. Bald strömte das Wasser über die niedrigen Bordwände, und die Schiffe sanken auf den Grund. Nun konnte keines der feindlichen Langschiffe diese Stelle mehr passieren. Die Angreifer mussten an Land gehen und die verbleibenden 20 Kilometer zu Fuß zurücklegen.

Damit war natürlich jedes Überraschungsmoment dahin, und die Roskildenser konnten sich in aller Ruhe auf einen gebührenden Empfang der Feinde vorbereiten. Was ihnen offensichtlich gelang - denn eine Eroberung Roskildes in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts wird in den historischen Quellen mit keinem Wort erwähnt.

Ohne Schiff ging bei den Wikingern gar nichts

Es war nicht gerade der Stolz der dänischen Flotte, den die Roskildenser auf den Grund ihres Fjords beförderten. Eher fluteten sie wohl die betagtesten Kähne, die sie in ihren Bootshallen finden konnten. Doch für die Archäologen sind die Wracks von Skuldelev ein Schatz, der mit Gold nicht aufzuwiegen ist.

Der dichte Schlick auf dem Fjordboden konservierte das Holz über die Jahrhunderte und bewahrte so eine repräsentative Auswahl von Wikinger-Schiffen des 11. Jahrhunderts. Auch wenn sie am Ende ihrer Tage nur noch zum Blockadebau taugten, waren schließlich auch diese Fahrzeuge einmal neu und stolz und schnell gewesen. Es waren Schiffe wie diese, auf denen die Wikinger viele Küsten Europas erobert hatten. Auf denen sie zum Handel mit Russen und Arabern ausfuhren. Auf denen sie bis Grönland und weiter nach Amerika segelten - und wieder zurück.

Ohne Schiff ging bei den Wikingern gar nichts. Wohin man sich in Südskandinavien auch wendet - überall ist Wasser. Das heutige Dänemark misst zwar von Nord nach Süd und von Ost nach West nur 368 und 452 Kilometer, doch begrenzt wird das Land von stattlichen 7314 Kilometer Küstenlinie mit zahllosen zerklüfteten Buchten und vielen Inseln.

443 der Inseln haben einen Namen, ihre Fläche entspricht ungefähr einem Drittel des gesamten Landes. Der Versuch, zu Fuß oder Pferd von einer Stadt zur nächsten zu kommen, endet unweigerlich am Ufer zahlreicher Flüsse, Fjorde und Meeresbuchten. Kein Wunder also, dass die Bewohner dieser Region seit jeher viel Zeit, Mühe und Einfallsreichtum auf den Bau seetüchtiger Gefährte verwendeten, um damit sich und ihre Habe bei Bedarf von A nach B schaffen zu können.

Schon in der Jungsteinzeit schipperten die Nordeuropäer fleißig herum. Das Meer vor der Haustür bot reichlich Nahrung, man musste sie nur herausholen - und das ging am besten vom Boot aus. Was vom Fang übrig blieb oder was man sonst an interessanten Gegenständen entbehren konnte, ließ sich mit nahen und fernen Nachbarn tauschen. Auch zu denen gelangte man natürlich mit dem Boot. Wollten Uneinsichtige nicht handeln, konnte man ihnen ihr Eigentum auch einfach wegnehmen, ins Boot laden und ohne Gegenleistung nach Hause rudern.

Wie diese Fahrzeuge aussahen, ist in jungsteinzeitlichen Ritzungen an Felswänden dokumentiert: Es waren Kanus aus einem einzigen ausgehöhlten Baumstamm. Bis zu zehn Meter lang waren solche Boote, mit reichlich Platz für Männer, Fang und Beute.

Drachenköpfe kündeten von der Gefährlichkeit des herannahenden Trupps

Irgendwann gegen Ende der Jungsteinzeit kam ein cleverer Kopf auf die Idee, die Seitenwände der Einbäume zu erhöhen. Fortan bohrten die Schiffsbauer Löcher in den Rand des Kanus, ebenso in eine Planke. Mit Bast oder Tiersehnen konnten sie nun die Planke überlappend am Bootsrumpf festzurren. Den Zwischenraum dichteten sie mit Wolle ab, die in Teer oder Harz getränkt war.

In der Bronzezeit (etwa 1800 bis 500 v. Chr.) kam eine weitere Erfindung hinzu: die hochgezogenen Vorder- und Achtersteven. Deren Enden waren oft verziert. Pferde-, Schlangen- oder Drachenköpfe thronten hoch oben über den Ruderern und kündeten von der Gefährlichkeit des herannahenden Trupps.

Auf bronzezeitlichen Kunstwerken ist auch die Tracht dieser Seefahrer zu erkennen: Tatsächlich trugen Nordmänner jener fernen Tage gelegentlich Helme mit Hörnern. Die kamen allerdings bald wieder aus der Mode, und als die späteren Wikinger plündernd und handelnd um die Welt zogen, muteten gehörnte Helme längst an wie ein Relikt aus Urururgroßvaters Kostümkiste. Ein Wikinger des 10. Jahrhunderts hätte sich mit solch einem unpraktischen Ding, in dem sich beim Nahkampf die Waffen verfangen konnten, gründlich lächerlich gemacht.

Das früheste skandinavische Kriegsschiff, das man kennt, stammt aus einem Torfmoor nahe dem Hjortspringhof auf der dänischen Insel Alsen. Hier lag es, seit es um 350 v. Chr. wahrscheinlich als Opfergabe samt einem kleinen Waffenarsenal in einem See versenkt wurde.

Das sogenannte Hjortspringboot hat bereits fast alles, was ein echtes Wikinger-Schiff braucht: geringen Tiefgang, so dass man bequem auf beinahe jeden Strand rudern konnte, sowie einen Steven am Bug wie am Heck. Diese symmetrische Bauweise ermöglichte einen besonderen Trick: Die Boote waren vorwärts wie rückwärts fahrtauglich. Nach einem geglückten - oder gescheiterten - Überfall etwa konnte die Besatzung blitzschnell die Flucht ergreifen, ohne ihr Boot wenden zu müssen. Diese Konstruktion fand der römische Historiker Tacitus noch im 1. Jahrhundert nach Christus so bemerkenswert, dass er sie in seiner Beschreibung Germaniens erwähnt.

Das Hjortspringboot über die See zu bewegen artete allerdings in echte Arbeit aus. Noch nutzte man nämlich nicht die Windkraft, sondern paddelte ganz profan voran. Auf den 19 Metern Länge hatten 20 Paddler Platz, je zwei auf einer Ruderbank. In Bug und Heck konnten sich noch ein paar zusätzliche Männer hinkauern.

Das mag auf den ersten Blick nicht besonders vertrauenerweckend für ein Kriegsschiff wirken. Doch bei Versuchen auf offener See mit einer Rekonstruktion des Hjortspringboots kam die Mannschaft auf eine Spitzengeschwindigkeit von 8,2 Knoten. Auf längeren Strecken pendelte sich die Reisegeschwindigkeit bei 6 Knoten ein. Und selbst wenn die See rauer wurde und die Wellen eine Höhe von einem Meter erreichten, blieb das große Kriegskanu erstaunlich stabil und sicher.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Wikingerschiffe.
Dr.Strangelove, 12.12.2010
Nun mögen zwar die Wikingerschiffe verschwunden sein, aber die Konstruktionsweise lebte bis in unsere Zeit fort und zwar in Form kleinerer Fischer-, Ruder- und Handelsboote. Ruderboote sind vor allem da angebracht gewesen, wo der Wind oft zu schwach war. http://home.online.no/~joeolavl/viking/nordlandsbaat.htm
2. .
Herz_aus_Stahl 12.12.2010
Die Planken sind hauchdünn: Nur 2 bis 2,5 Zentimeter Eichenholz trennten die Männer von der See. Hauchdünn? Das ist billige Effekthascherei. Das sind ganz schön dicke Planken. Das Schiff konnte damit ne Menge Rempler vertragen und musste auch eine Eisscholle nicht Fürchten.
3. Über tausend jährige Geschichte?
langenscheidt 12.12.2010
Schreibt SpOn die Geschichte der Wikinger neu? Die Wikinger waren kein Volk. Und die Skandinavier auf ihren Schiffen nannten sich selbst bei ihren Beutefahrten nicht Wikinger. 1079 war nach heutigen historischen Kenntnissen die Wikingerzeit schon vorbei. Die Gründung der christianisierten Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden besiegelten das Ende der "Wikingerzeit". Alles in Allem gab es die Wikingerzeit höchstens 300 Jahre.
4. x
Jochen Binikowski 12.12.2010
Über 1.000 Jahre vor den Wikingern gab es im Mittelmeer bereits riesige Galeeren mit 3 Ruderdecks. Dagegen waren die berühmten Entdeckerschiffe im 15. und 16. Jahrhundert nur lächerliche Nußschalen. Vieleicht kann mir mal ein Historiker erklären warum es zumindest im Bereich des Schiffbaus über 1.500 Jahre nur technischen Rückschritt gegeben hat?
5. Wikingerregatta ...
Micha_R3 12.12.2010
Zitat von Jochen BinikowskiÜber 1.000 Jahre vor den Wikingern gab es im Mittelmeer bereits riesige Galeeren mit 3 Ruderdecks. Dagegen waren die berühmten Entdeckerschiffe im 15. und 16. Jahrhundert nur lächerliche Nußschalen. Vieleicht kann mir mal ein Historiker erklären warum es zumindest im Bereich des Schiffbaus über 1.500 Jahre nur technischen Rückschritt gegeben hat?
Ich versuch das, selbst als "Oberbayer", mal kurz zu erklären: Fortschritt im Schiffbau gab's seit der Antike, insbesonders bei der Besegelung durchaus! Galeeren waren im Mittelmeer bis ins 16.Jhdt. in Gebrauch. Mit gutem Grund bei der Kriegsmarine: Man konnte unabhängig vom Wind auf sehr engen Raum manövrieren, angreifen oder Flüchten. Erst mit weitreichenden Kanonen konnten ähnliche Manöver mit Ausreichenden Abstand durchgeführt werden. "Nussschalen": Für die ersten Enteckungsfahrten des Kolumbus oder die der Portugiesen nach Indien: Das waren die IDEALEN Transportmittel. "Dickschiffe" wie für den Handel oder den Transport von Militär wären unsinnig gewesen. ... Die wurden kurze Zeit später ausgeschickt.
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