Mythos und Legende Die Allzweck-Barbaren

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Von Till Hein

2. Teil: Der Wikinger wird zum sensiblen jungen Mann, dem bei Schicksalsschlägen schon mal die Tränen kommen


Auch der wohl populärste Irrglaube über die Nordmänner geht zum großen Teil auf Wagners Konto: dass sie Helme getragen hätten, die mit den Hörnern des Auerochsen bewehrt gewesen seien. In Wirklichkeit ist das reine Fiktion. Doch genau wie Fellkleidung und Zottelbärte werden Helme mit Hörnern oder auch Flügeln bald als Erkennungszeichen einer ominösen wikingisch-deutschen Geschichte und Identität akzeptiert.

In Skandinavien selbst gilt über Jahrhunderte das von Saxo gezeichnete Bild wikingischer Größe: Voll Wehmut erinnert man sich an eine kulturelle Blütezeit mit großen Herrscherpersönlichkeiten. Nun aber, Anfang des 19. Jahrhunderts, beginnen auch die Menschen in Nordeuropa, inspiriert von Rousseaus Schriften, ihre Vorfahren als noble Naturburschen und heroische Kämpfer zu feiern. Die Epoche der Wikinger-Fahrten gilt nun gerade wegen ihrer urwüchsigen Brutalität als Goldenes Zeitalter. So sehen das zunächst nur ein paar Akademiker in Stockholm, Kopenhagen und Uppsala, bald aber verbreitet sich diese Sichtweise unter weiten Teilen der Bevölkerung.

In der Tragödie "Hakon Jarl der Mächtige", die der dänische Dichter Adam Oehlenschläger im Jahr 1807 verfasst, bleibt der Titelheld allen christlichen Bekehrungsversuchen zum Trotz den alten Göttern treu. "Bei Odin und Thor!", ruft er aus. "Du sollst nicht löschen Norwegens Heldenfeuer mit deinen frommen, feuchten Traumwolken. Ha, Thor soll das Kreuz mit seinem Hammer zerschlagen!"

Viele Skandinavier sind gläubige Christen, die sonntags in die Kirche gehen. Dennoch begeistern sie sich für Hakon Jarl - vor allem wohl, weil die Gegenwart wenig Heldenhaftes zu bieten hat: Norwegen und Island sind verarmt, Dänen und Schweden trauern den Großmachtzeiten hinterher. So versucht man, sich an der starken Schultern der einst in der ganzen Welt gefürchteten Vorfahren aufzurichten.

Als Schweden, der größte Staat Nordeuropas, 1809 im Krieg von Russland besiegt wird und Finnland an das Zarenreich abtreten muss, steigert sich der Wikinger-Kult: In Stockholm gründen Akademiker und Offiziere den "Götiska förbundet", eine Vereinigung von Gesinnungsnormannen. Durch Rückbesinnung auf einen angeblichen nordischen Nationalcharakter wollen sie zu neuer militärischer Stärke finden. Auf ihren Zusammenkünften trinken die Mitglieder aus Hörnern Met (Honigwein), geben sich die Namen von Sagahelden, rezitieren Passagen aus der "Edda" und verfassen Gedichte über die großen Wikinger-Zeiten.

Mischung aus altnordischem Mythos und romantischen Versen

Ausgerechnet in diesem männerbündlerischen Dunstkreis entsteht zudem ein neues Wikinger-Bild. 1825 veröffentlicht Bischof Esaias Tegnér, ein Mitglied des "Götiska förbundet", seine "Frithiofs Saga", eine Mischung aus altnordischem Mythos und romantischen Versen, mit kräftigen Anleihen beim deutschen Bildungsroman. Bauernsohn Frithiof, zu Unrecht vom Zorn der Götter und Menschen verfolgt, wird in der rührseligen Geschichte als Wikinger aufs Meer hinausgetrieben. Doch er beweist Tapferkeit, findet zu seiner Geliebten zurück und erlebt ein Happy End.

Frithiof ist ein sensibler junger Mann, dem bei Schicksalsschlägen schon mal die Tränen kommen. Mit einem solchen Wikinger können sich die schöngeistigen, gebildeten Leser des 19. Jahrhunderts wunderbar identifizieren. Die Neo-Saga wird in zahlreiche Sprachen übersetzt. In Weimar findet Johann Wolfgang von Goethe an ihr Gefallen, in London Prinzessin Victoria - schon bald ist Frithiof zum ersten europaweit bekannten Wikinger der Neuzeit aufgestiegen.

Sogar Reformpädagogen lassen sich vom vorbildlich zartbesaiteten Frithiof beeindrucken. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts Jahren entwirft der dänische Priester Nikolai Grundtvig ein neues Schulsystem: ohne Zensuren, dafür mit viel nordischer Mythologie im Lehrplan. An Grundschulen wird sich sein Modell nicht durchsetzen. Doch drei Jahrzehnte später gründen seine Anhänger erste Volkshochschulen, in deren Kursen Erwachsene etwa patriotische Lieder über Wikinger-Helden einstudieren. Solche Bildungseinrichtungen tragen bald in ganz Skandinavien dazu bei, dass immer mehr Bauern und Kleinbürger von den edlen Normannen schwärmen.

Schon entdeckt auch die Wirtschaft den Wikinger: Gewerbetreibende und Industrielle aus Skandinavien betrachten die Plünderungsfahrten ihrer Vorfahren nun als Ausdruck eines angeborenen Unternehmergeistes. Die flinken Drachenboote gelten jetzt als das Ergebnis von Erfindertalent und technischem Know-how. Die Eroberungen der Wikinger seien nur durch Einsatzwillen und Mut zum Risiko möglich geworden. Fabrikanten und Kleinunternehmer berufen sich Mitte des 19. Jahrhunderts auf diese Tradition. Die erste dänische Lokomotive taufen sie auf den Namen "Odin".

Grenzenlose Bewunderung für das "Nordvolk"

Ganz Skandinavien scheint nun in einen Wikinger-Taumel zu verfallen: Künstler verewigen Helden der altnordischen Geschichte in Ölgemälden. An öffentlichen Gebäuden prangen Drachenköpfe und Runen-Inschriften, Bürger veranstalten Kostümbälle in Wikinger-Tracht.

Im späten 19. Jahrhundert schwappt die Begeisterung in weitere europäische Länder über, besonders nach Deutschland. Eltern geben ihren Kindern altnordische Namen wie Frithiof oder Ingeborg. Der "nordische Drachenstil", der Tier- und Pflanzenornamente aus der Wikinger-Zeit aufgreift, prägt Architektur und Möbeldesign.

Während in Schweden der Dramatiker August Strindberg die Verklärung der Wikinger schon ins Lächerliche zieht, kennt in Deutschland die Bewunderung für das "Nordvolk", dem man sich eng verwandt fühlt, kaum mehr Grenzen. Wer es sich leisten kann, reist nach Norwegen, denn der Anblick von Fjorden gilt als Balsam für die deutsche Seele, eine Reise ins "Nordland" als Rückkehr in die Heimat der Ahnen.

Ein besonderer Norwegen-Liebhaber ist Kaiser Wilhelm II. Zwischen 1889 und 1914 fährt er jeden Sommer auf der Yacht "Hohenzollern" mit seinem Hofstaat durch die Fjorde. Er verfasst Gedichte zu Ehren der Wikinger-Götter und schwärmt von der "Mannestreue" dieses "kernigen Volks". Von einer der Reisen bringt er als Souvenir eine altnordische Stabkirche mit, die er in der Heimat wieder aufbauen lässt, Holzbalken für Holzbalken.



insgesamt 10 Beiträge
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Noctim 03.12.2010
1. Wikinger
Ich hätte mir in dem durchaus interessanten Artikel noch ein "so war es wirklich"-Absatz gewünscht. Der Wikinger ist halt die nordeuropäische Antwort auf den Samurai, den Ninja, den römischen Legionär, den Cowboy oder den antiken Maya-Krieger und wird gnadenlos romantisiert. Dass die heutigen Vorstellungen nicht mehr dem Original entsprechen, tut bei der "Heldenverehrung" nicht mehr viel zur Sache. Es geht vielmehr um die Suche nach der eigenen Herkunft und Geschichte, die für uns Deutsche nicht zwingend bei den Amis, Nazis, Kommunisten oder Römer aufhört.
Drabblschuder 03.12.2010
2. Betr: Große Hörner auf den Helmen
Zitat von sysopEinst galten sie als Dämonen, dann als edle Wilde. Richard Wagner machte sie zu deutschen Herrenmenschen. Heute werben sogar Gurkenhändler mit dem Mythos der Wikinger. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,731980,00.html
Man muss sich das im übertragenen Sinne vorstellen: Während die wilden Männer die meiste Zeit unterwegs waren, blieben ihre Frauen alleine im kalten, dunklen Norden...
marcmiltz 03.12.2010
3. Cover
Ich frage mich nur, wer vom Spiegel denn das Cover der Spiegel-Geschichte Ausgabe verbockt hat? Ist derjenige schon gefeuert worden? Der Helm der auf dem Cover zu sehen ist datiert früher als die Wikingerzeit. Und zwar einige Jahrhunderte zu früh.
beutzemann 03.12.2010
4. ..............grrrüße....................
Zitat von sysopEinst galten sie als Dämonen, dann als edle Wilde. Richard Wagner machte sie zu deutschen Herrenmenschen. Heute werben sogar Gurkenhändler mit dem Mythos der Wikinger. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,731980,00.html
Ich stelle mir Merkel im Thing vor... geht nicht! (Mal abgesehen vom Geschlecht; Westerwelle - Meine Güte -) Liebe Grüße, Beutz.
Peddersen, 03.12.2010
5. ...naja....
...der weitverbreitendste Irrtum wird mal wieder nicht korrigiert: Keineswegs waren die Nordmannen bzw. die nordischen Völker u.a. rund um die Ostsee alles "Wikinger". Als "Wiking" wurde nur bezeichnet, welcher auf "Wikingfahrt" (Entdeckung/Eroberung/Plünderung) ging - meist junge Männer und auch nur zeitweise. Der weitaus größere Teil der Bevölkerung blieb daheim, ernährte sich von Fischfang, Landwirtschaft, Handel und Handwerk. Ist natürlich weder für Wagner noch für den Spiegel attraktiv :)) peddersen
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