Der SPIEGEL

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30. November 2010, 00:00 Uhr

Mythos und Legende

Die Allzweck-Barbaren

Von Till Hein

Einst galten sie als Dämonen, dann als edle Wilde. Richard Wagner machte sie zu deutschen Herrenmenschen. Heute werben sogar Gurkenhändler mit dem Mythos der Wikinger.

Hillary Clinton liebt sie heiß und innig - denn ihre Leidenschaft für die nordischen Barbaren hat sie in die Arme ihres Mannes getrieben. "Er erinnerte an einen Wikinger", schwärmt sie in ihrer Autobiografie "Gelebte Geschichte" über die erste Begegnung mit Bill im Jahr 1970, im Studentenclub an der University of Yale. Besonders auffällig fand Hillary seinen roten Bart und die langen rötlich-blonden Haare: Diesem "Wikinger aus Arkansas" konnte sie unmöglich widerstehen.

Nicht nur die US-Außenministerin findet die Seefahrer aus dem alten Skandinavien sexy. Jean-Jacques Rousseau verklärte die Wikinger zu "edlen Wilden", und Richard Wagner machte sie zu Vorzeige-Deutschen. Als Yogalehrer mussten sie herhalten, als Herrenmenschen, Internetpioniere, romantische Helden, als frühe Kapitalisten und Witzfiguren im Zeichentrickfilm. Nichts scheint so wandelbar zu sein wie der Wikinger-Mythos. Doch wo liegen die Gründe für die spektakuläre postume Karriere der Nordmänner? Weshalb wurden sie immer wieder neu erfunden?

Im frühen Mittelalter denkt man an sie vor allem mit Angst und Schrecken. Unholde mit Namen wie Erik Blutaxt oder Geirmundr Höllenhaut lassen christliche Klöster in Flammen aufgehen, massakrieren Mönche, erbeuten mit Edelsteinen verzierte Evangelienbücher und goldene Kruzifixe. Sie meucheln, plündern, saufen, fressen und huren - zum Entsetzen auch der Chronisten. "A furore Normannorum libera nos, domine!", beten die Menschen, "Befreie uns, Herr, von der Raserei der Wikinger!" Viele halten sie für Dämonen, die der Satan geschickt hat.

Doch schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts erstrahlt die blutrünstige Wikinger-Zeit in einem neuen Licht. Skandinavische Intellektuelle blicken sehnsuchtsvoll Richtung Mittelmeer, wollen die Kultur ihrer Heimat in die Tradition der römischen Antike einbetten. In lateinischer Sprache verfasst der dänische Gelehrte Saxo um das Jahr 1200 die erste Historie seiner Heimat. Aus der realen Wikinger-Zeit sind nur wenige Quellen überliefert, das lässt ihm viel Raum für Wunschdenken. Saxo schreibt eine von glorreichen Herrschern geprägte Erfolgsstory, in der die brutalen Beutezüge von einst keine Rolle spielen.

Als ein machtvolles Selbstbewusstsein die Skandinavier erfasste

Zunächst bleibt die neue Sichtweise auf einen kleinen Kreis dänischer Intellektueller beschränkt, schon weil im Norden nur wenige Leute Latein verstehen. Gut 300 Jahre später jedoch, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, werden Saxos "Gesta Danorum" ("Die Taten der Dänen") in seine dänische Muttersprache übersetzt. Das Buch erlangt große Popularität und regt skandinavische Humanisten dazu an, sich auf die Suche nach Überresten der glorreichen Vergangenheit zu begeben. Sie fangen an, Runenschriften an Felsen zu entschlüsseln und altnordische Mythen zu studieren. Ein neues, machtvolles Selbstbewusstsein erfasst die Skandinavier.

Besonders in Schweden wächst sich der nationale Überschwang bald zum Größenwahn aus: Der Universalgelehrte Olof Rudbeck behauptet in seinem Werk "Atland eller Manhem" ("Atlantis oder Menschenheim") um das Jahr 1700, seine Heimat sei nichts Geringeres als das sagenumwobene Atlantis, Mittelpunkt der Welt und Wiege aller Kultur. Die Normannen selbst charakterisiert er als Entdecker und Pioniere.

Nur etwa fünfzig Jahre später rollt in anderen europäischen Ländern eine völlig neue Wikinger-Welle an: Nun werden die mittelalterlichen Seefahrer aus dem Norden, näher an der historischen Realität, als raubeinige, archaische Barbaren beschrieben - und gerade deshalb zu Helden erklärt. Der einflussreiche französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau schwärmt von den "edlen Wilden". Alles Ursprüngliche, noch nicht von der Zivilisation Korrumpierte verklärt er in seinen Essays zum Ideal, seien es Naturvölker in der Südsee oder eben die Wikinger. "Freie, gesunde, glückliche Menschen" stellt sich Rousseau vor, die untereinander "die Süße eines unabhängigen Verkehrs genießen".

Griff nach dubiosen Traditionen-Mix in Deutschland

Beflügelt von solcher Aufwertung früher Zeitalter, kommen auch deutsche Geisteswissenschaftler auf den Wikinger. Als sie die altnordische Mythologie erforschen, fällt ihnen auf, dass in der "Edda" und in den Sagas aus Island ähnliche Motive und Figuren wie im mittelhochdeutschen "Nibelungenlied" verewigt sind. Nicht wenige folgern daraus, dass Deutsche und Skandinavier eigentlich Brudervölker mit gemeinsamem kulturellem Erbe seien.

Prompt vermischt der Brandenburger Dichter Friedrich de la Motte Fouqué Anfang des 19. Jahrhunderts bedenkenlos Elemente aus der Wikinger-Welt mit Motiven aus dem Hochmittelalter - so lässt er an der Seite der nordischen Piraten "deutsche" Ritter kämpfen. Um das Jahr 1810 feiert das deutsche Theaterpublikum seine Dramentrilogie "Der Held des Nordens" über den Nibelungenrecken Sigurd (Siegfried), den Fouqué als deutschen Nationalheros in Szene setzt.

Die Kraft der Musik wird Siegfrieds Siegeszug weiter vorantreiben. Denn wenige Jahrzehnte später greift der Komponist Richard Wagner Fouqués dubiosen Traditionen-Mix auf: Mit dem "Ring des Nibelungen" synthetisiert er einen teutonischen Kunstmythos mit starken Anleihen bei den altnordischen Götter- und Heldenliedern der "Edda". Die tragische Tetralogie um Wotans Vertragsprobleme und das Liebesleben der Wälsungen macht musikalisch Epoche und erlangt dank der Bayreuther Festspiele Kultstatus. Alles vermeintlich Wikingisch-Germanische fasziniert die Menschen von nun an noch mehr.

Der Wikinger wird zum sensiblen jungen Mann, dem bei Schicksalsschlägen schon mal die Tränen kommen

Auch der wohl populärste Irrglaube über die Nordmänner geht zum großen Teil auf Wagners Konto: dass sie Helme getragen hätten, die mit den Hörnern des Auerochsen bewehrt gewesen seien. In Wirklichkeit ist das reine Fiktion. Doch genau wie Fellkleidung und Zottelbärte werden Helme mit Hörnern oder auch Flügeln bald als Erkennungszeichen einer ominösen wikingisch-deutschen Geschichte und Identität akzeptiert.

In Skandinavien selbst gilt über Jahrhunderte das von Saxo gezeichnete Bild wikingischer Größe: Voll Wehmut erinnert man sich an eine kulturelle Blütezeit mit großen Herrscherpersönlichkeiten. Nun aber, Anfang des 19. Jahrhunderts, beginnen auch die Menschen in Nordeuropa, inspiriert von Rousseaus Schriften, ihre Vorfahren als noble Naturburschen und heroische Kämpfer zu feiern. Die Epoche der Wikinger-Fahrten gilt nun gerade wegen ihrer urwüchsigen Brutalität als Goldenes Zeitalter. So sehen das zunächst nur ein paar Akademiker in Stockholm, Kopenhagen und Uppsala, bald aber verbreitet sich diese Sichtweise unter weiten Teilen der Bevölkerung.

In der Tragödie "Hakon Jarl der Mächtige", die der dänische Dichter Adam Oehlenschläger im Jahr 1807 verfasst, bleibt der Titelheld allen christlichen Bekehrungsversuchen zum Trotz den alten Göttern treu. "Bei Odin und Thor!", ruft er aus. "Du sollst nicht löschen Norwegens Heldenfeuer mit deinen frommen, feuchten Traumwolken. Ha, Thor soll das Kreuz mit seinem Hammer zerschlagen!"

Viele Skandinavier sind gläubige Christen, die sonntags in die Kirche gehen. Dennoch begeistern sie sich für Hakon Jarl - vor allem wohl, weil die Gegenwart wenig Heldenhaftes zu bieten hat: Norwegen und Island sind verarmt, Dänen und Schweden trauern den Großmachtzeiten hinterher. So versucht man, sich an der starken Schultern der einst in der ganzen Welt gefürchteten Vorfahren aufzurichten.

Als Schweden, der größte Staat Nordeuropas, 1809 im Krieg von Russland besiegt wird und Finnland an das Zarenreich abtreten muss, steigert sich der Wikinger-Kult: In Stockholm gründen Akademiker und Offiziere den "Götiska förbundet", eine Vereinigung von Gesinnungsnormannen. Durch Rückbesinnung auf einen angeblichen nordischen Nationalcharakter wollen sie zu neuer militärischer Stärke finden. Auf ihren Zusammenkünften trinken die Mitglieder aus Hörnern Met (Honigwein), geben sich die Namen von Sagahelden, rezitieren Passagen aus der "Edda" und verfassen Gedichte über die großen Wikinger-Zeiten.

Mischung aus altnordischem Mythos und romantischen Versen

Ausgerechnet in diesem männerbündlerischen Dunstkreis entsteht zudem ein neues Wikinger-Bild. 1825 veröffentlicht Bischof Esaias Tegnér, ein Mitglied des "Götiska förbundet", seine "Frithiofs Saga", eine Mischung aus altnordischem Mythos und romantischen Versen, mit kräftigen Anleihen beim deutschen Bildungsroman. Bauernsohn Frithiof, zu Unrecht vom Zorn der Götter und Menschen verfolgt, wird in der rührseligen Geschichte als Wikinger aufs Meer hinausgetrieben. Doch er beweist Tapferkeit, findet zu seiner Geliebten zurück und erlebt ein Happy End.

Frithiof ist ein sensibler junger Mann, dem bei Schicksalsschlägen schon mal die Tränen kommen. Mit einem solchen Wikinger können sich die schöngeistigen, gebildeten Leser des 19. Jahrhunderts wunderbar identifizieren. Die Neo-Saga wird in zahlreiche Sprachen übersetzt. In Weimar findet Johann Wolfgang von Goethe an ihr Gefallen, in London Prinzessin Victoria - schon bald ist Frithiof zum ersten europaweit bekannten Wikinger der Neuzeit aufgestiegen.

Sogar Reformpädagogen lassen sich vom vorbildlich zartbesaiteten Frithiof beeindrucken. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts Jahren entwirft der dänische Priester Nikolai Grundtvig ein neues Schulsystem: ohne Zensuren, dafür mit viel nordischer Mythologie im Lehrplan. An Grundschulen wird sich sein Modell nicht durchsetzen. Doch drei Jahrzehnte später gründen seine Anhänger erste Volkshochschulen, in deren Kursen Erwachsene etwa patriotische Lieder über Wikinger-Helden einstudieren. Solche Bildungseinrichtungen tragen bald in ganz Skandinavien dazu bei, dass immer mehr Bauern und Kleinbürger von den edlen Normannen schwärmen.

Schon entdeckt auch die Wirtschaft den Wikinger: Gewerbetreibende und Industrielle aus Skandinavien betrachten die Plünderungsfahrten ihrer Vorfahren nun als Ausdruck eines angeborenen Unternehmergeistes. Die flinken Drachenboote gelten jetzt als das Ergebnis von Erfindertalent und technischem Know-how. Die Eroberungen der Wikinger seien nur durch Einsatzwillen und Mut zum Risiko möglich geworden. Fabrikanten und Kleinunternehmer berufen sich Mitte des 19. Jahrhunderts auf diese Tradition. Die erste dänische Lokomotive taufen sie auf den Namen "Odin".

Grenzenlose Bewunderung für das "Nordvolk"

Ganz Skandinavien scheint nun in einen Wikinger-Taumel zu verfallen: Künstler verewigen Helden der altnordischen Geschichte in Ölgemälden. An öffentlichen Gebäuden prangen Drachenköpfe und Runen-Inschriften, Bürger veranstalten Kostümbälle in Wikinger-Tracht.

Im späten 19. Jahrhundert schwappt die Begeisterung in weitere europäische Länder über, besonders nach Deutschland. Eltern geben ihren Kindern altnordische Namen wie Frithiof oder Ingeborg. Der "nordische Drachenstil", der Tier- und Pflanzenornamente aus der Wikinger-Zeit aufgreift, prägt Architektur und Möbeldesign.

Während in Schweden der Dramatiker August Strindberg die Verklärung der Wikinger schon ins Lächerliche zieht, kennt in Deutschland die Bewunderung für das "Nordvolk", dem man sich eng verwandt fühlt, kaum mehr Grenzen. Wer es sich leisten kann, reist nach Norwegen, denn der Anblick von Fjorden gilt als Balsam für die deutsche Seele, eine Reise ins "Nordland" als Rückkehr in die Heimat der Ahnen.

Ein besonderer Norwegen-Liebhaber ist Kaiser Wilhelm II. Zwischen 1889 und 1914 fährt er jeden Sommer auf der Yacht "Hohenzollern" mit seinem Hofstaat durch die Fjorde. Er verfasst Gedichte zu Ehren der Wikinger-Götter und schwärmt von der "Mannestreue" dieses "kernigen Volks". Von einer der Reisen bringt er als Souvenir eine altnordische Stabkirche mit, die er in der Heimat wieder aufbauen lässt, Holzbalken für Holzbalken.

Nach dem moralischen Bankrott des Zuchtrecken folgt der Antiheld - ungehobelt, aber unterhaltsam

Nach dem Ersten Weltkrieg berufen sich völkisch-nationale Kreise in Deutschland erst recht lautstark auf die nordischen Kerle. Sowohl Wikinger als auch Germanen seien "rassische Ahnen" der Deutschen; sie stammten aus einer uralten Hochkultur - wahlweise als "Atlantis" oder "Thule" bezeichnet -, die selbst die griechisch-römische Antike in den Schatten stelle: Linderung für die Pein der militärischen Niederlage.

Unmerklich geht naive Normannen-Verehrung in politische Instrumentalisierung über: In Freilicht-Arenen werfen sich Hobby-Wikinger mit Hörnerhelmen auf dem Kopf in Pose, und "Hojotoho!"-brüllende Walküren blicken grimmig ins Publikum, während sie mit Speeren fuchteln. Der Astrologe Friedrich Marby entwickelt in den zwanziger Jahren seine Runengymnastik: Wer den Leib verbiege, um die Form einer Rune nachzuahmen, und dazu den entsprechenden Laut "raune", verbinde sich mit der kosmischen Kraft, die diese Rune repräsentiere. Marby behauptet, seine Yoga-ähnlichen Übungen basierten auf uralten Wikinger-Traditionen und hätten heilsame Wirkung.

Von 1933 an, während der Herrschaft der Nationalsozialisten, verliert der Wikinger-Kult in Deutschland endgültig seine Unschuld. Die Nazis beginnen, die nordischen Seefahrer systematisch für ihre politischen Ziele zu missbrauchen.

Besonders Heinrich Himmler, der "Reichsführer SS", ist fanatischer Anhänger eines Neo-Wikingertums. Nicht nur dass er seiner SS gezackte Runen als Logo verpasst und gemeinsam mit Archäologen der SS-Forschungsgemeinschaft "Ahnenerbe" Großgrabungen in ehemaligen Wikinger-Siedlungen organisiert, er glaubt auch: "Ein Volk steht und fällt damit, ob es genügend nordisches, gutes Blut gibt, ob dieses gute Blut sich weiter vermehrt." In sogenannten Lebensborn-Heimen sollen arische Nachkommen mit nordischem Blut gezüchtet werden. Gerade die Norweger hätten als direkte Nachfahren der Wikinger Kühnheit und Stärke in ihren Adern. Kreuze man einen deutschen Soldaten mit einer blonden Norwegerin, so Himmlers Formel, dann müsse Gewaltiges entstehen.

Adolf Hitler selbst bewundert die römischen Diktatoren der Antike und hat für die barbarischen Met-Säufer aus dem Mittelalter nur Spott übrig. "Wir sind Nationalsozialisten", so der "Führer" in einer Rede, "und haben überhaupt nichts zu tun mit wallenden Bärten und Haupthaar. Wir haben alle die Haare kurz geschnitten." Doch Himmler lässt sich nicht beirren. "Lebensborn" könne mittelfristig eine zusätzliche "Armee von 400.000 Mann" für den Kampf um die Weltherrschaft produzieren, rechnet er Hitler vor.

Die deutschen Soldaten im besetzten Norwegen erfahren davon durch einen ungewöhnlichen Kampfauftrag. "In tiefstem sittlichen Ernst" wird ihnen in einem Rundschreiben mit dem Titel "SS für ein Großgermanien, Schwert und Wiege" nahegelegt: "So viele Kinder wie möglich zeugen, egal, ob ehelich oder unehelich." Tatsächlich kommen dann allein in den "Lebensborn"-Heimen im Land der Fjorde etwa 12.000 Kinder zur Welt.

Der nächste Imagewandel

Ein Werbeplakat aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zeigt einen SS-Soldaten, der einem blonden jungen Norweger vor einem Wikinger-Schiff die Hand schüttelt: "Mit Waffen-SS und Norwegischer Legion gegen ihren gemeinsamen Feind. Gegen den Bolschewismus." Und eine berüchtigte Division der SS, in der Freiwillige aus Nordeuropa kämpfen, taufen die Nazis "Wiking".

Die meisten Menschen im besetzten Norwegen und Dänemark sind jedoch wenig begeistert von den deutschen Verbrüderungsversuchen. Dänische Widerstandskämpfer entwerfen sogar eine Gegenversion aus wikingischer Überlieferung: Hitler und seine Schergen bezeichnen sie als "Weltenschlange" - jene dämonenhaft die gesamte Welt umschlingende Bestie, die Donnergott Thor schließlich mit seinem Hammer vernichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird es um die schwer missbrauchten nordischen Seefahrer erst einmal stiller. Doch die isländischen Sagas und die "Edda" bleiben Quellen literarischer Inspiration. Nachhaltig berühmt wird die Fantasy-Trilogie "Der Herr der Ringe", die Mitte der fünfziger Jahre erscheint. Ihr Autor John R. R. Tolkien, Oxford-Professor für englische Sprache und Literatur und ein großer Freund isländischer Dichtkunst, bedient sich für Eigennamen direkt aus der "Edda"; der Figur des Zauberers Gandalf verleiht er Züge des Gottes Odin.

Bald darauf sind die Wikinger reif für den nächsten Imagewandel. Nach dem moralischen Bankrott des Naturburschen mit Herz und erst recht des arischen Zuchtrecken erstehen sie auf als barbarisch-ungehobelte, aber unterhaltsame Antihelden, mit Vorliebe in Kinderbüchern, Zeichentrickfilmen und Comics.

Ist das Mythos endgültig zur Lachnummer verkommen?

Seit den siebziger Jahren freuen sich Kinder weltweit an der aus vergnüglichen Büchern entstandenen Trickfilmserie "Wickie und die starken Männer", wo der wache Geist des kleinen Titelhelden gegen die Dumpfheit der Wikinger-Krieger die Oberhand behält. Vorlage war die Kinderbuchreihe "Vicke Viking" des schwedischen Autors Runer Jonsson.

Mit dem leicht beschränkten, grobschlächtig-mürrischen, aber im Grunde gutmütigen Wikinger-Häuptling "Hägar der Schreckliche" wiederum, der unzählige Krieger befehligt, daheim aber unterm Pantoffel seiner Frau Helga steht, fühlen sich viele moderne Männer seelenverwandt.

Mittlerweile erscheinen "Hägar"-Comics in 13 Sprachen und 58 Ländern. Wikinger, so die Botschaft, sind rührend-tapsige Grobmotoriker, originelle Freaks mit eindrucksvollem Mut, großer Kraft, aber wenig Grips, harmlose, ulkige Sympathieträger aus dem finsteren Mittelalter. Ist ihr Mythos endgültig zur Lachnummer verkommen?

Die Nordmänner gelten in den USA als echte Helden und Pioniere der See

Spätestens das große US-Wikinger-Jubiläum bringt im Jahr 2000 abermals die Wende: Erneut werden dort die Normannen zu echten Helden stilisiert. Unter dem Motto "1000 Jahre Wikinger" steigen in den USA Dutzende Festivals.

Amerika könne stolz sein auf seine nordischen Wurzeln, schwärmt etwa Hillary Clinton, damals die First Lady der USA, in einer Festrede. Den "seefahrenden Pionieren", die als erste Weiße in der Neuen Welt an Land gingen, gebühre Ruhm und Ehre: Denn ihre Drachenschiffe, mit deren Hilfe sie "Menschen und Orte miteinander verbunden" hätten, seien das "Internet des Jahres 1000" gewesen - Amerika zelebriert die Geburt der Nation aus dem Geist des Hörnerhelms.

Auch in Europa flackert der Heldenmythos wieder auf: Auf der Expo 2000 präsentiert sich Deutschland mit einem Wikinger-Schiff, und Journalisten überschlagen sich vor Ehrfurcht vor den nordischen Barbaren: Die Wikinger "kultivierten die Küste von Irland und England", meldet "Focus"; eine ZDF-Dokumentation charakterisiert sie als "Genies aus der Kälte".

Sind das die Vorboten neuer Aufwertung? Der Glaube an die uralten Götter, die Asen, wurde 2003 in Dänemark als offizielle Religion anerkannt. In der Stadt Odense wird demnächst ein Friedhof für Neo-Heiden eröffnet. Dort sollen Menschen, die an Odin, Thor und Freyja glauben, ihre letzte Ruhestätte finden.

Wikingerrock, Wikingerdiät, Wikingersex

In Deutschland wiederum kochen ein paar Unverbesserliche weiter braune Suppe: Rechtslastige Rockbands besingen die Heldentaten Odins oder Siegfrieds und wollen aus den alten nordischen Mythen Kraft schöpfen, um das völkische Erbe hochzuhalten. "Wir marschieren Hand in Hand - nur für unser Vaterland", heißt es in einem Song der Band "Nordwind" aus Fürth, die sich dem "Vikingrock" verschrieben hat. "Nimmt das Schicksal seinen Lauf - diesmal hält uns keiner auf!"

Doch das sind Randerscheinungen. Heute geht es vor allem ums Geschäft: Die Gentest-Firma Igenea aus Zürich fragt im Internet: "Sind Sie ein Wikinger? Durch einen DNA-Test können wir Ihre biologischen Wurzeln entdecken." Ab 179 Euro. Skandinavische Ernährungswissenschaftler propagieren eine "Wikingerdiät". Ein deutscher Reiseveranstalter, spezialisiert auf Kultur- und Wanderferien, nennt sich werbewirksam nach den Nordmännern.

Fischkonserven, Würfelzucker und Senf werden unter dem Zeichen des Drachenboots vermarktet, aber auch Gurken, Würstchen, Trüffel und Marzipan. Sogar eine Berliner Prostituierte wirbt im Internet mit den Barbaren aus dem Norden. "Hallo, ich bin Lene - und ich komme aus Dänemark." Ihren Freiern verspricht die Dame heißen "Wikingersex".

Mit oder ohne Hörnerhelm.

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