Mythos und Legende Die Allzweck-Barbaren

Einst galten sie als Dämonen, dann als edle Wilde. Richard Wagner machte sie zu deutschen Herrenmenschen. Heute werben sogar Gurkenhändler mit dem Mythos der Wikinger.

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Von Till Hein


Hillary Clinton liebt sie heiß und innig - denn ihre Leidenschaft für die nordischen Barbaren hat sie in die Arme ihres Mannes getrieben. "Er erinnerte an einen Wikinger", schwärmt sie in ihrer Autobiografie "Gelebte Geschichte" über die erste Begegnung mit Bill im Jahr 1970, im Studentenclub an der University of Yale. Besonders auffällig fand Hillary seinen roten Bart und die langen rötlich-blonden Haare: Diesem "Wikinger aus Arkansas" konnte sie unmöglich widerstehen.

Nicht nur die US-Außenministerin findet die Seefahrer aus dem alten Skandinavien sexy. Jean-Jacques Rousseau verklärte die Wikinger zu "edlen Wilden", und Richard Wagner machte sie zu Vorzeige-Deutschen. Als Yogalehrer mussten sie herhalten, als Herrenmenschen, Internetpioniere, romantische Helden, als frühe Kapitalisten und Witzfiguren im Zeichentrickfilm. Nichts scheint so wandelbar zu sein wie der Wikinger-Mythos. Doch wo liegen die Gründe für die spektakuläre postume Karriere der Nordmänner? Weshalb wurden sie immer wieder neu erfunden?

Im frühen Mittelalter denkt man an sie vor allem mit Angst und Schrecken. Unholde mit Namen wie Erik Blutaxt oder Geirmundr Höllenhaut lassen christliche Klöster in Flammen aufgehen, massakrieren Mönche, erbeuten mit Edelsteinen verzierte Evangelienbücher und goldene Kruzifixe. Sie meucheln, plündern, saufen, fressen und huren - zum Entsetzen auch der Chronisten. "A furore Normannorum libera nos, domine!", beten die Menschen, "Befreie uns, Herr, von der Raserei der Wikinger!" Viele halten sie für Dämonen, die der Satan geschickt hat.

Doch schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts erstrahlt die blutrünstige Wikinger-Zeit in einem neuen Licht. Skandinavische Intellektuelle blicken sehnsuchtsvoll Richtung Mittelmeer, wollen die Kultur ihrer Heimat in die Tradition der römischen Antike einbetten. In lateinischer Sprache verfasst der dänische Gelehrte Saxo um das Jahr 1200 die erste Historie seiner Heimat. Aus der realen Wikinger-Zeit sind nur wenige Quellen überliefert, das lässt ihm viel Raum für Wunschdenken. Saxo schreibt eine von glorreichen Herrschern geprägte Erfolgsstory, in der die brutalen Beutezüge von einst keine Rolle spielen.

Als ein machtvolles Selbstbewusstsein die Skandinavier erfasste

Zunächst bleibt die neue Sichtweise auf einen kleinen Kreis dänischer Intellektueller beschränkt, schon weil im Norden nur wenige Leute Latein verstehen. Gut 300 Jahre später jedoch, zu Beginn des 16. Jahrhunderts, werden Saxos "Gesta Danorum" ("Die Taten der Dänen") in seine dänische Muttersprache übersetzt. Das Buch erlangt große Popularität und regt skandinavische Humanisten dazu an, sich auf die Suche nach Überresten der glorreichen Vergangenheit zu begeben. Sie fangen an, Runenschriften an Felsen zu entschlüsseln und altnordische Mythen zu studieren. Ein neues, machtvolles Selbstbewusstsein erfasst die Skandinavier.

Besonders in Schweden wächst sich der nationale Überschwang bald zum Größenwahn aus: Der Universalgelehrte Olof Rudbeck behauptet in seinem Werk "Atland eller Manhem" ("Atlantis oder Menschenheim") um das Jahr 1700, seine Heimat sei nichts Geringeres als das sagenumwobene Atlantis, Mittelpunkt der Welt und Wiege aller Kultur. Die Normannen selbst charakterisiert er als Entdecker und Pioniere.

Nur etwa fünfzig Jahre später rollt in anderen europäischen Ländern eine völlig neue Wikinger-Welle an: Nun werden die mittelalterlichen Seefahrer aus dem Norden, näher an der historischen Realität, als raubeinige, archaische Barbaren beschrieben - und gerade deshalb zu Helden erklärt. Der einflussreiche französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau schwärmt von den "edlen Wilden". Alles Ursprüngliche, noch nicht von der Zivilisation Korrumpierte verklärt er in seinen Essays zum Ideal, seien es Naturvölker in der Südsee oder eben die Wikinger. "Freie, gesunde, glückliche Menschen" stellt sich Rousseau vor, die untereinander "die Süße eines unabhängigen Verkehrs genießen".

Griff nach dubiosen Traditionen-Mix in Deutschland

Beflügelt von solcher Aufwertung früher Zeitalter, kommen auch deutsche Geisteswissenschaftler auf den Wikinger. Als sie die altnordische Mythologie erforschen, fällt ihnen auf, dass in der "Edda" und in den Sagas aus Island ähnliche Motive und Figuren wie im mittelhochdeutschen "Nibelungenlied" verewigt sind. Nicht wenige folgern daraus, dass Deutsche und Skandinavier eigentlich Brudervölker mit gemeinsamem kulturellem Erbe seien.

Prompt vermischt der Brandenburger Dichter Friedrich de la Motte Fouqué Anfang des 19. Jahrhunderts bedenkenlos Elemente aus der Wikinger-Welt mit Motiven aus dem Hochmittelalter - so lässt er an der Seite der nordischen Piraten "deutsche" Ritter kämpfen. Um das Jahr 1810 feiert das deutsche Theaterpublikum seine Dramentrilogie "Der Held des Nordens" über den Nibelungenrecken Sigurd (Siegfried), den Fouqué als deutschen Nationalheros in Szene setzt.

Die Kraft der Musik wird Siegfrieds Siegeszug weiter vorantreiben. Denn wenige Jahrzehnte später greift der Komponist Richard Wagner Fouqués dubiosen Traditionen-Mix auf: Mit dem "Ring des Nibelungen" synthetisiert er einen teutonischen Kunstmythos mit starken Anleihen bei den altnordischen Götter- und Heldenliedern der "Edda". Die tragische Tetralogie um Wotans Vertragsprobleme und das Liebesleben der Wälsungen macht musikalisch Epoche und erlangt dank der Bayreuther Festspiele Kultstatus. Alles vermeintlich Wikingisch-Germanische fasziniert die Menschen von nun an noch mehr.



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insgesamt 10 Beiträge
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Noctim 03.12.2010
1. Wikinger
Ich hätte mir in dem durchaus interessanten Artikel noch ein "so war es wirklich"-Absatz gewünscht. Der Wikinger ist halt die nordeuropäische Antwort auf den Samurai, den Ninja, den römischen Legionär, den Cowboy oder den antiken Maya-Krieger und wird gnadenlos romantisiert. Dass die heutigen Vorstellungen nicht mehr dem Original entsprechen, tut bei der "Heldenverehrung" nicht mehr viel zur Sache. Es geht vielmehr um die Suche nach der eigenen Herkunft und Geschichte, die für uns Deutsche nicht zwingend bei den Amis, Nazis, Kommunisten oder Römer aufhört.
Drabblschuder 03.12.2010
2. Betr: Große Hörner auf den Helmen
Zitat von sysopEinst galten sie als Dämonen, dann als edle Wilde. Richard Wagner machte sie zu deutschen Herrenmenschen. Heute werben sogar Gurkenhändler mit dem Mythos der Wikinger. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,731980,00.html
Man muss sich das im übertragenen Sinne vorstellen: Während die wilden Männer die meiste Zeit unterwegs waren, blieben ihre Frauen alleine im kalten, dunklen Norden...
marcmiltz 03.12.2010
3. Cover
Ich frage mich nur, wer vom Spiegel denn das Cover der Spiegel-Geschichte Ausgabe verbockt hat? Ist derjenige schon gefeuert worden? Der Helm der auf dem Cover zu sehen ist datiert früher als die Wikingerzeit. Und zwar einige Jahrhunderte zu früh.
beutzemann 03.12.2010
4. ..............grrrüße....................
Zitat von sysopEinst galten sie als Dämonen, dann als edle Wilde. Richard Wagner machte sie zu deutschen Herrenmenschen. Heute werben sogar Gurkenhändler mit dem Mythos der Wikinger. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,731980,00.html
Ich stelle mir Merkel im Thing vor... geht nicht! (Mal abgesehen vom Geschlecht; Westerwelle - Meine Güte -) Liebe Grüße, Beutz.
Peddersen, 03.12.2010
5. ...naja....
...der weitverbreitendste Irrtum wird mal wieder nicht korrigiert: Keineswegs waren die Nordmannen bzw. die nordischen Völker u.a. rund um die Ostsee alles "Wikinger". Als "Wiking" wurde nur bezeichnet, welcher auf "Wikingfahrt" (Entdeckung/Eroberung/Plünderung) ging - meist junge Männer und auch nur zeitweise. Der weitaus größere Teil der Bevölkerung blieb daheim, ernährte sich von Fischfang, Landwirtschaft, Handel und Handwerk. Ist natürlich weder für Wagner noch für den Spiegel attraktiv :)) peddersen
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© SPIEGEL Geschichte 6/2010
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