Der SPIEGEL

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25. Januar 2011, 00:00 Uhr

Siedler im Osten

"Nach Ostland wollen wir reiten"

Von Georg Bönisch

Der dünnbesiedelte Raum vom Baltikum bis zum Balkan zog im Mittelalter eroberungslüsterne Kolonisatoren, vor allem aber fleißige Bauern, Handwerker und Kaufleute aus dem Westen Europas an.

Stunden zuvor hat es geregnet, und kaum ist die Sonne am Himmel, lastet über der auserwählten Kampfesstätte drückende Schwüle. Es ist der 15. Juli 1410. In der wunderbaren Landschaft Masurens, nahe den Dörfern Tannenberg und Grünfelde, nicht weit entfernt von Allenstein, stehen sich auf einer Frontlänge von drei Kilometern stundenlang zwei gigantische Heere gegenüber. Das Niemandsland zwischen beiden ist gerade mal 200 Meter breit, drei Steinwürfe, die Soldaten können sich fast in die Augen schauen.

Ein "grosser streyth" soll durch eine Entscheidungsschlacht beendet werden - die seit Jahrzehnten schwelende Auseinandersetzung um Grund und Boden und um Menschen, die darauf siedeln.

Auf der einen Seite hat sich eine Armee von Polen und Litauern versammelt, unterstützt von Ruthenen aus dem heutigen Weißrussland und tatarischen Reitern, fast 40.000 Mann. Ihnen gegenüber stehen etwa 27.000 Kämpfer unter dem Befehl des Deutschen Ordens, der im Osten des europäischen Kontinents mit Verve die gewaltsame Christianisierung heidnischer Völker betrieben und riesige Landstriche kolonisiert hatte - um dann einen eigenen Staat zu errichten, eine Art Gottesstaat, der am Ende 200.000 Quadratkilometer umfasste, fünfmal so groß wie die Schweiz.

Hunderte der siegverwöhnten Ordensritter stecken nach einem gewaltigen, kräftezehrenden Nachtmarsch in ihrer immer heißer werdenden Rüstung, auch Ulrich von Jungingen, der Oberkommandierende. Das schlaucht und macht nervös, unkonzentriert. Seine Kontrahenten, der polnische König Wladyslaw II. Jagiello und der litauische Großfürst Vytautas, warten hingegen geduldig im Schatten großer Bäume, die Geste ist klar: Wir haben Zeit, viel Zeit.

"Kriegerischer, eroberungslüsterner Drang der Fürsten"

Jungingen will endlich die Schlacht, die eine der gewaltigsten des späten Mittelalters werden soll. Deshalb schickt er den beiden Regenten um die Mittagszeit einen Abgesandten, der ihnen zwei blanke Schwerter überreicht. Es ist ein Akt des Übermuts. Kämpft, soll dies heißen, kämpft, eine Chance habt ihr freilich nicht, "nehmet sie euch zur Hilfe, diese Schwerter".

Als Reiter des Polenkönigs vorpreschen, um den Zustand des Bodens zu testen, gibt Jungingen seinen Leuten den Befehl zum Angriff - tausendfach erschallt, als müssten sie sich Mut machen, das Osterlied "Christ ist erstanden". Und die Polen antworten mit der "Bogurodzica", der Hymne an die Gottesmutter.

Mehrfach setzt der Hochmeister an, die feindlichen Linien zu durchbrechen - ohne Erfolg. Am Abend ist die masurische Heide blutgetränkt, 17.000 Kämpfer sind tot, auch Jungingen und die meisten seiner Ordensritter. Über 50 ihrer Fahnen fallen den Siegern in die Hände, zusammen mit den Schwertern werden sie später in feierlicher Prozession auf die Krakauer Königsburg gebracht - Symbole einer vernichtenden Niederlage.

Zwar bedeutete sie nicht den Todesstoß für den Orden, aber er hatte den Nimbus seiner Überlegenheit eingebüßt. Damit begann der Niedergang einer Macht, die, nachdem sie zu Hilfe gerufen worden war, als überaus gieriger Eindringling auftrat.

Das ist ein Aspekt jenes Phänomens, das als "Ostsiedlung" oder, aus heutiger Sicht durchaus negativ, "Ostkolonisation" in die deutsche Geschichte eingegangen ist: der "Drang nach Osten", wie es der französische Mediävist Charles Higounet definiert, ein "kriegerischer, eroberungslüsterner Drang der Fürsten".

Ganze Landstriche wurden zeitweise deutsch

Die andere Betrachtungsweise sieht es als "Zug nach Osten" - von Bauern, Handwerkern und Kaufleuten, und Higounet vergleicht ihn mit den Trecks amerikanischer Pioniere gen Westen viel später. Teils suchten sie ihr Glück, teils wurden sie von berufsmäßigen Anwerbern ("Lokatoren") gerufen; das "langsame Einsickern Tausender friedlicher kleiner Gruppen" habe, resümiert der Experte, "auf Jahrhunderte die ethnische Zusammensetzung und die Landschaft Ostmitteleuropas von der Ostsee bis zu den Karpaten und zur Drau tiefgreifend verändert".

So verzahnten sich die Slawen - ihr Name bedeutet: die Schweigsamen - enger mit der Völkerfamilie Europas. Andererseits wurden ganze Landstriche, wie etwa das heute zu Rumänien gehörende Siebenbürgen, zeitweise deutsch - und allerorten zeugten Familiennamen von der Herkunft der Immigranten: Baier und Hesse, Franke oder Schwab oder Sachs.

Es mag überraschend klingen, aber es ist gesicherte Erkenntnis: Seit der Jahrtausendwende war die Zahl der Menschen so stark angestiegen, dass der Westen Europas bereits als übervölkert galt. Schon um das Jahr 1100 gab es kaum noch Waldgebiete, deren Rodung nennenswert genug Land geboten hätte für gewinnbringenden Ackerbau.

Hinzu kam die wirtschaftliche und soziale Situation vor allem der Bauern, die, weil sie "unfrei" waren und damit so gut wie rechtlos, alle Knechtungen ihrer adligen Chefs zu erdulden hatten. Die Verarmung nahm schon deshalb beständig zu, weil das in weiten Teilen des Deutschen Reiches bestehende Erbrecht nur den ältesten Sohn berücksichtigte. Alle anderen Kinder, und das konnten viele sein, mussten sich irgendwo als Billigstkräfte verdingen.

Die Landwirtschaft erlebte einen ungeahnten Aufschwung

Leben, leben lassen, neue Lebensräume erschließen mit Unterstützung jener, die anderswo die Herren waren - der Osten freilich bot diese Chance, er war nur dünn besiedelt.

Deshalb, notierte der Mönch Helmold von Bosau in seiner um 1167 verfassten "Slawenchronik", habe sein Graf Boten geschickt "in alle Lande, nämlich nach Flandern und Holland, Utrecht, Westfalen und Friesland" - "auf dass alle, die von der Landnot bedrückt wurden, mit ihren Hausgenossen kämen, um schönsten Boden, weiten Raum, reich an Früchten, überreich an Fischen und Fleisch und einladend durch üppige Weiden, zu empfangen".

Im "Lied der Ostlandfahrer", einem ursprünglich flämischen Auswandererlied aus dem 12. Jahrhundert, klang denn auch schon bald viel Optimismus mit. "Nach Ostland wollen wir reiten, nach Ostland wollen wir mit", lautete eine Strophe, "frisch über die grüne Heiden, da ist eine bessere Stätt."

Und nach gefährlich-strapaziöser wochenlanger Tour stellten die meisten Übersiedler fest, dass tatsächlich genug Land für jeden da war, sie konnten einigermaßen frei leben und nach Gutdünken über ihren neuen Besitz verfügen, oftmals veredelten sie ihn mit Techniken, die den Alteingesessenen fremd waren.

Flüsse eindeichen, Sümpfe trockenlegen - "letztlich ausschlaggebend für den Erfolg des Kolonisationswerkes" sei die "deutsche Kultivierungstechnik" gewesen, lobt der Würzburger Geschichtsforscher Winfried Stadtmüller. Vor allem Mönche, besonders die ursprünglich aus Frankreich stammenden Zisterzienser, waren Spezialisten darin, Land urbar zu machen, und deshalb regelrechte Entwicklungshelfer.

"Der Vater findet den Tod, der Sohn hat noch Not, erst der Enkel hat das Brot"

Die Landwirtschaft erlebte einen ungeahnten Aufschwung. Bislang hatten hölzerne Hacken oder Steinpflüge die Böden nur oberflächlich bearbeiten können, die eisernen Räderpflüge der Neuankömmlinge griffen viel tiefer und schafften selbst schwere Böden. Und wenn die Slawen das Getreide noch mit einer Sichel geschnitten hatten, so kamen nun Sensen zum Einsatz. Mehl produzierten, statt der üblichen Handmühlen, viel effizientere Wasser- oder Windmühlen.

Dennoch, das Leben in der neuen Heimat war ausgesprochen hart, wie ein alter Siedlerspruch belegt: "Der Vater findet den Tod, der Sohn hat noch Not, erst der Enkel hat das Brot."

Den Zugezogenen gewährten die Landesherren Zollfreiheit und Marktrecht, verzichteten eine Zeitlang auf Abgaben und stellten kostenlos Bauholz zur Verfügung; vielfach wurde in den Ortschaften das Recht der Städte übernommen, aus denen die Übersiedler stammten. "Nur in wenigen Fällen", schreibt Stadtmüller, seien "Ansässige verdrängt" worden, die Regel sei ein "friedliches, teilweise konkurrierendes Nebeneinander" gewesen.

Freilich gibt es auch Beispiele höchst unfriedlicher Koexistenz. In einem angeblich vom Kanoniker Dalimil Meziricsky verfassten Geschichtswerk wird von massiven Feindseligkeiten gegen Siedler berichtet. Ein antideutsch gesinnter Herrscher soll gar jedem 100 Mark Silber Belohnung versprochen haben, der ihm "100 Nasen brachte, die den Deutschen abgeschnitten waren".

Die Kolonisierung des Ostens, die erst unter anderem wegen der großen Pestepidemie gegen 1350 ins Stocken geriet, trug zwar das Adjektiv deutsch, aber unter diesen Begriff - es gab ja den Nationalstaat noch nicht - fielen genauso gut Österreicher oder Niederländer, auch Schotten und Dänen.

Generation über Generation wagten den Marsch gen Osten

Wie viele Menschen in Richtung Osten marschierten, lässt sich nur schätzen - es können eine halbe Million gewesen sein, vielleicht auch viel mehr. Klar ist, dass sie oftmals in längeren Etappen, Generation über Generation, den Marsch wagten: etwa erst einmal über die Eider hinweg, die Elbe, die Saale, dann weiter nach Polen, Böhmen, in die Karpaten oder die Gegend um Riga und nach Schlesien. Deutsche Orte in den neuen Siedlungsgebieten trugen hübsche Namen: Königssaal oder Paradies oder Himmelpforte.

Klar ist auch, dass all dies nichts zu tun hatte mit monarchischen Ideen einer Ausweitung des Imperiums; wer will, der kann die Zeit der Ostabwanderung als gesamteuropäischen Prozess stetiger Intensivierung definieren - präzise als "Ausdruck des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums" (Higounet).

Allerdings soll beispielsweise der ungarische König Géza II. (er regierte von 1141 bis 1162) Menschen vom Rhein und von der Mosel deswegen nach Siebenbürgen geholt haben, um sie gewissermaßen als Wehrbauern einzusetzen zur Verteidigung der Krone ("ad retinendam coronam") gegen angriffslustige Kumanen, ein asiatisches Steppenvolk. Später bildeten sie Bollwerke gegen Mongolen und Türken.

Gegen diese Version der Geschichte gibt es Einwände. Die Überlegung, Géza habe die Siedler "aus sicherheitspolitischen und zivilisatorischen Gründen" ins Land gelockt, hält etwa der Publizist Wilhelm Andreas Baumgärtner für eine "Legende, die durch ihre notorische Wiederholung inzwischen einen Wahrheitsanspruch erhebt". Wie die "Siebenbürger Sachsen" nach Siebenbürgen kamen, auch Transsilvanien genannt, die Heimat Draculas, ist für ihn ein Rätsel. Bis heute habe es "niemand wirklich gelöst".

"Sachsen, Franken, Lothringer, Flamen, ihr berühmten Weltbezwinger, auf!"

Als die Kreuzzügler 1099 Jerusalem, die geistliche Kapitale dreier Religionen, eroberten und ein Blutbad unter der jüdisch-muslimischen Bevölkerung anrichteten, hatte die Mordaktion eine ungeahnte Vorbildfunktion - quasi vor der Haustür. Jenseits der Elbe saßen die Wenden, auch "Heiden des Nordens" genannt, religiöse Eiferer konnten sich hier abarbeiten, ohne Tausende Kilometer marschieren zu müssen.

"Sachsen, Franken, Lothringer, Flamen, ihr berühmten Weltbezwinger, auf!", hieß die schmeichelnd-geschickte Losung der Landesherren, alle müssten "zum Krieg für den Heiland" eilen und damit den "Streitern Christi zu Hilfe kommen". Und sie versprachen: "Hier könnt ihr euer Seelenheil erwerben und, wenn es euch gefällt, das beste Land zum Bewohnen gewinnen."

Dies war vielleicht die wichtigere Aussage, denn wie bei den Kreuzzügen ins Morgenland wurden nicht nur religiöse Ziele verfolgt - auch wirtschaftliche und machtpolitische. Der Aufruf im Jahr 1108, gegen die Wenden vorzugehen, habe schnell die "Gestalt eines Siedlungsplanes" angenommen, resümiert Charles Higounet. Knapp zwei Generationen später, 1147, folgte eine zweite, gewaltigere Welle, auch Polen und Dänen beteiligten sich an der Heerfahrt.

Zwar ließen sich die Wenden nach brutaler Gewaltanwendung taufen, schließlich gab es nur eine Alternative: Bekehrung oder Tod. Weil aber militärische Erfolge im Rahmen dieser dreimonatigen Expedition fast ausblieben, galten die Unternehmungen eigentlich als Misserfolg - nicht aber bald darauf das Engagement der Ordensritter, die ursprünglich im Heiligen Land karitativ-medizinisch tätig gewesen waren. Als "Orden der Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens in Jerusalem", verpflichtet auf die Gelübde der ehelosen Keuschheit, des Gehorsams - und der Armut.

"Fehdebriefe" für die polnisch-litauische Koalition

Solche Typen, trotz allem kampferprobt, brauchten ungarische und polnische Herrscher, um im 13. Jahrhundert ihre Länder von Heiden säubern und, praktischerweise gleich mit, die Grenzen sichern zu lassen gegen ungläubige Aggressoren. Sowohl vom Kaiser als auch vom Papst ließen sich die Ritter juristisch verbindlich zusichern, dass nach der Missionierung und der damit verbundenen Unterwerfung des Baltikums, der Heimat der Prussen, dieses Land dem Orden gehören solle: als Souverän, niemandem verpflichtet.

Dann fasste der Deutsche Orden in Livland Fuß, 1308 holte er sich Pommerellen samt Danzig, 1346 das bis dahin zu Dänemark gehörende Estland, 1398 Gotland, den Hauptsitz der überaus lästig und gefährlich gewordenen Piraten in der Ostsee, 1402 die Neumark. Manches Territorium wurde auch gekauft, dem Orden verpfändet oder ihm übertragen - etwa Samaiten, das Verbindungsstück zwischen Preußen und Livland.

Ein mächtiges Land, nur Litauen konnte nicht bezwungen werden. Es blieb, wie das ab 1569 staatlich mit ihm vereinte Polen, Hauptgegner des Ordensstaates und dessen Neigung, sich auf Kosten anderer immer weiter auszubreiten. Weil seine Anführer die Gefahr spürten, die seit 1386 von der polnisch-litauischen Koalition ausging, ließ Hochmeister Jungingen im August 1409 beiden Kontrahenten "Fehdebriefe" zukommen - hieß: Kriegserklärung.

Zu den Verirrungen einer stark nationalistisch geprägten Vergangenheitsdeutung im 19. Jahrhundert gehört Heinrich von Treitschkes Beschreibung der folgenden Niederlage der Deutschen bei Tannenberg. Die Ordensbrüder definierte er als Kulturträger, die mit "deutschem Fleiß" Gaben "deutscher Gesittung über die leichtlebigen Völker des Ostens" verteilt hätten, der Ordensstaat sei wie ein "fester Hafendamm" gewesen, "verwegen hinausgebaut in die wilde See der östlichen Völker", die bis dahin "im Zustand der Tierheit" gelebt hätten.

Der Aggressor als Sinnstifter - Treitschkes Bewertung geisterte lange durch die Welt der Deutschen.

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