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Siedler im Osten: "Nach Ostland wollen wir reiten"

Von Georg Bönisch

Der dünnbesiedelte Raum vom Baltikum bis zum Balkan zog im Mittelalter eroberungslüsterne Kolonisatoren, vor allem aber fleißige Bauern, Handwerker und Kaufleute aus dem Westen Europas an.

Deutsche Siedler: Lockruf nach Osten Fotos
Erich Lessing / AKG

Stunden zuvor hat es geregnet, und kaum ist die Sonne am Himmel, lastet über der auserwählten Kampfesstätte drückende Schwüle. Es ist der 15. Juli 1410. In der wunderbaren Landschaft Masurens, nahe den Dörfern Tannenberg und Grünfelde, nicht weit entfernt von Allenstein, stehen sich auf einer Frontlänge von drei Kilometern stundenlang zwei gigantische Heere gegenüber. Das Niemandsland zwischen beiden ist gerade mal 200 Meter breit, drei Steinwürfe, die Soldaten können sich fast in die Augen schauen.

Ein "grosser streyth" soll durch eine Entscheidungsschlacht beendet werden - die seit Jahrzehnten schwelende Auseinandersetzung um Grund und Boden und um Menschen, die darauf siedeln.

Auf der einen Seite hat sich eine Armee von Polen und Litauern versammelt, unterstützt von Ruthenen aus dem heutigen Weißrussland und tatarischen Reitern, fast 40.000 Mann. Ihnen gegenüber stehen etwa 27.000 Kämpfer unter dem Befehl des Deutschen Ordens, der im Osten des europäischen Kontinents mit Verve die gewaltsame Christianisierung heidnischer Völker betrieben und riesige Landstriche kolonisiert hatte - um dann einen eigenen Staat zu errichten, eine Art Gottesstaat, der am Ende 200.000 Quadratkilometer umfasste, fünfmal so groß wie die Schweiz.

Hunderte der siegverwöhnten Ordensritter stecken nach einem gewaltigen, kräftezehrenden Nachtmarsch in ihrer immer heißer werdenden Rüstung, auch Ulrich von Jungingen, der Oberkommandierende. Das schlaucht und macht nervös, unkonzentriert. Seine Kontrahenten, der polnische König Wladyslaw II. Jagiello und der litauische Großfürst Vytautas, warten hingegen geduldig im Schatten großer Bäume, die Geste ist klar: Wir haben Zeit, viel Zeit.

"Kriegerischer, eroberungslüsterner Drang der Fürsten"

Jungingen will endlich die Schlacht, die eine der gewaltigsten des späten Mittelalters werden soll. Deshalb schickt er den beiden Regenten um die Mittagszeit einen Abgesandten, der ihnen zwei blanke Schwerter überreicht. Es ist ein Akt des Übermuts. Kämpft, soll dies heißen, kämpft, eine Chance habt ihr freilich nicht, "nehmet sie euch zur Hilfe, diese Schwerter".

Als Reiter des Polenkönigs vorpreschen, um den Zustand des Bodens zu testen, gibt Jungingen seinen Leuten den Befehl zum Angriff - tausendfach erschallt, als müssten sie sich Mut machen, das Osterlied "Christ ist erstanden". Und die Polen antworten mit der "Bogurodzica", der Hymne an die Gottesmutter.

Mehrfach setzt der Hochmeister an, die feindlichen Linien zu durchbrechen - ohne Erfolg. Am Abend ist die masurische Heide blutgetränkt, 17.000 Kämpfer sind tot, auch Jungingen und die meisten seiner Ordensritter. Über 50 ihrer Fahnen fallen den Siegern in die Hände, zusammen mit den Schwertern werden sie später in feierlicher Prozession auf die Krakauer Königsburg gebracht - Symbole einer vernichtenden Niederlage.

Zwar bedeutete sie nicht den Todesstoß für den Orden, aber er hatte den Nimbus seiner Überlegenheit eingebüßt. Damit begann der Niedergang einer Macht, die, nachdem sie zu Hilfe gerufen worden war, als überaus gieriger Eindringling auftrat.

Das ist ein Aspekt jenes Phänomens, das als "Ostsiedlung" oder, aus heutiger Sicht durchaus negativ, "Ostkolonisation" in die deutsche Geschichte eingegangen ist: der "Drang nach Osten", wie es der französische Mediävist Charles Higounet definiert, ein "kriegerischer, eroberungslüsterner Drang der Fürsten".

Ganze Landstriche wurden zeitweise deutsch

Die andere Betrachtungsweise sieht es als "Zug nach Osten" - von Bauern, Handwerkern und Kaufleuten, und Higounet vergleicht ihn mit den Trecks amerikanischer Pioniere gen Westen viel später. Teils suchten sie ihr Glück, teils wurden sie von berufsmäßigen Anwerbern ("Lokatoren") gerufen; das "langsame Einsickern Tausender friedlicher kleiner Gruppen" habe, resümiert der Experte, "auf Jahrhunderte die ethnische Zusammensetzung und die Landschaft Ostmitteleuropas von der Ostsee bis zu den Karpaten und zur Drau tiefgreifend verändert".

So verzahnten sich die Slawen - ihr Name bedeutet: die Schweigsamen - enger mit der Völkerfamilie Europas. Andererseits wurden ganze Landstriche, wie etwa das heute zu Rumänien gehörende Siebenbürgen, zeitweise deutsch - und allerorten zeugten Familiennamen von der Herkunft der Immigranten: Baier und Hesse, Franke oder Schwab oder Sachs.

Es mag überraschend klingen, aber es ist gesicherte Erkenntnis: Seit der Jahrtausendwende war die Zahl der Menschen so stark angestiegen, dass der Westen Europas bereits als übervölkert galt. Schon um das Jahr 1100 gab es kaum noch Waldgebiete, deren Rodung nennenswert genug Land geboten hätte für gewinnbringenden Ackerbau.

Hinzu kam die wirtschaftliche und soziale Situation vor allem der Bauern, die, weil sie "unfrei" waren und damit so gut wie rechtlos, alle Knechtungen ihrer adligen Chefs zu erdulden hatten. Die Verarmung nahm schon deshalb beständig zu, weil das in weiten Teilen des Deutschen Reiches bestehende Erbrecht nur den ältesten Sohn berücksichtigte. Alle anderen Kinder, und das konnten viele sein, mussten sich irgendwo als Billigstkräfte verdingen.

Chronik 963-1226
Der römisch-deutsche Kaiser Otto I. gibt große Teile Schlesiens als Reichslehen an den polnischen Fürsten Mieszko I.
Der Prager Bischof Adalbert wird auf Missionsreise im Prussen-Land erschlagen und 999 als "Märtyrer" heiliggesprochen.
Der König von Ungarn ruft westliche Siedler ins Land.
Wendenkreuzzug deutscher, dänischer und polnischer Fürsten gegen die heidnischen Elbslawen.
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Auf Drängen des polnischen Teilherzogs Konrad von Masovien beginnt der Deutsche Orden den Kampf gegen die heidnischen Prussen und erobert ihr Land.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
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1. "Am schlimmsten wüteten die Ritter des Deutschen Ordens"
A.D.H. 06.02.2011
"Natürlich", eine andere Sichtweise wäre ja auch politisch inkorrekt... Die Deutschen hatten vor allem den Osten erschlossen, Nutzflächen geschafften, und ihn aufgebaut: Viele Bauwerke stehen bis heute.
2. Nachtrag
A.D.H. 06.02.2011
Folgt man der Logik des Autors, war das antike Römische Imperium auch nur ein Agressor, und kein Sinnstifter oder Kulturträger.
3. erst lesen
fastlander 06.02.2011
Zitat von A.D.H.Folgt man der Logik des Autors, war das antike Römische Imperium auch nur ein Agressor, und kein Sinnstifter oder Kulturträger.
...dann antworten. Wenn sich ein Artikel auf Charles Higounet bezieht, kann man sicher sein, dass er ausgewogen ist ;-) mein Primärquellentipp: Les Allemands en Europe centrale et orientale au Moyen âge 1989 - das gibt es auch auf Detusch und ist super spannend. grüsse aus Estland
4. ist es nicht wert
scientist-on-hartz4 06.02.2011
Hier wird wiedermal die Geschichtsschreibung gefälscht, dass es nur so kracht. Allein führ die angeblich 15 Millionen Zivilisten die im Russlandfeldzug ums Leben gekommen sein sollen vermisse ich jeden Beleg, alle mir bekannten Quellen reden von 7-8 Millionen. Was beim Spiegel an sog. "Historikern" rumläuft, gehört zu jener politisch korrekten Mischpoke, die russische Partisanen und Fallschirmjäger als Zivilisten und deutsche Feuerwehrmänner und Krankenschwestern als Militärangehörige definiert, aber nichtsdestotrotz bei jeder Abiturprüfung in Geschichte durchfallen würde.
5. historisches Papperlapapp
w.-d.w 06.02.2011
Zitat von sysopDer dünnbesiedelte Raum vom Baltikum bis zum Balkan zog im Mittelalter eroberungslüsterne Kolonisatoren, vor allem aber fleißige Bauern, Handwerker und Kaufleute aus dem Westen Europas an. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,742730,00.html
wird hier wiedergegeben - fast im Stile des Volksmärchenerzählers und von GEZ Zwangsabgaben gespeisten Guido Knopp, dem Prof ohne Dr ...
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