Siedlerstrom nach Osten: Wirtschaftswunder an der Ostsee

Von Christoph Gunkel

Mit kaufmännischem Geschick, aber auch mit brachialer Gewalt sicherte sich die deutsche Hanse eine Einflusszone im Osten Europas. Sie wirkte mit an der Gründung von Städten wie Riga, Reval und Dorpat.

Hansestadt Danzig (um 1625): Wiederaufbau zum wichtigsten Handelsplatz der Region Zur Großansicht
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Hansestadt Danzig (um 1625): Wiederaufbau zum wichtigsten Handelsplatz der Region

Iwan III. hatte seinen Handstreich perfekt vorbereitet. Der Moskauer Großfürst, der sich als erster Russe den Titel Zar anmaßte, traf seinen mächtigen Gegner völlig unvorbereitet: Mit einem simplen Befehl stürzte er die Hanse, diese seit Jahrhunderten dominante Handelsmacht im Ostseeraum, in eine schwere Krise.

Am 6. November 1494 ließ der Großfürst deutsche Fernhändler, Gesellen und Priester im Hansekontor Nowgorod gefangen nehmen und verschleppen. Kurz danach verhaftete er sogar zwei Diplomaten der Hanse. Damit nicht genug: Iwan plünderte das Lager des Kontors, beschlagnahmte alle Waren. Weil die Deutschen in Nowgorod überwintern mussten, war das Magazin prall gefüllt gewesen.

Vielleicht träumte der ehrgeizige Herrscher schon damals von einem großen russischen Reich bis an die Ostsee und dachte an seine eigenen Kaufleute. Vielleicht wollte er dem Heiligen Römischen Reich auch nur symbolisch seinen Machtanspruch demonstrieren und sich für vergangene diplomatische Kränkungen rächen.

Die Nachricht von der Schließung ihres östlichen Kontors traf die Hanse jedenfalls bis ins Mark. Iwans Attacke richtete sich nicht nur gegen die älteste und wichtigste Außenstelle der Hanse im Osten. Sie stellte gleichzeitig ein wirtschaftliches Erfolgsmodell in Frage, das seit drei Jahrhunderten prächtig funktioniert hatte: den blühenden Handel auf der Achse Nowgorod-Lübeck- Brügge.

Diplomatie und Drohungen

Mit einer Mischung aus Diplomatie und Drohungen hatte sich die Hanse hier schon seit dem 12. Jahrhundert entscheidende Vorteile gegenüber der Konkurrenz erkämpft. Lange besaß niemand an der Ostsee so umfangreiche und vorteilhafte Privilegien wie die deutschen Kaufleute, die auch den lukrativen Handel von Pelzen und Wachs in den Westen nahezu monopolisieren konnten - und ihre Vorrechte mit allen Mitteln verteidigten.

Dieser erstaunliche Aufstieg der Kaufmannschaft und ihr Drang bis ins ferne Nowgorod, im Spätmittelalter eine autonome Stadtrepublik, hatten bereits 1143 begonnen. Damals wurde Lübeck als erste deutsche Ostseestadt gegründet. Mehrmals zerstört, zog die Stadt dennoch Fernhändler aus dem ganzen Reich an - und fand im Sachsenherzog Heinrich dem Löwen einen umtriebigen Förderer. Überall warb er für den neu-en Handelsort. Schnell erkannte Heinrich, dass der Weg von Lübeck in den Osten nur über die Insel-Drehscheibe Gotland mit ihrer Metropole Visby führen konnte. Dort siedelten auch deutsche Händler.

1161 söhnte Heinrich daher vertraglich die verfeindeten deutschen und Gotländer Kaufleute aus, um "Hassausbrüche, Feindschaften und Morde" zwischen ihnen zu beenden. Der Herzog garantierte den Gotländern Rechtssicherheit und Zollfreiheit in seinem Machtbereich, vorausgesetzt, "die Gotländer gewähren unseren Leuten in dankbarer Wechselseitigkeit dasselbe". Ein geschickter Schachzug mit langfristig ungleichen Vorteilen: Visby wurde für die Deutschen zum Sprungbrett auf den russischen Markt, von dem die Neulinge die Gotländer später rücksichtslos verdrängen sollten.

"Gemeinschaft der deutschen Gotlandfahrer"

Um ihre Interessen besser durchsetzen zu können, schlossen sich die Kaufleute durch einen Schwur zur "Gemeinschaft der deutschen Gotlandfahrer" zusammen. Sie gaben sich eine eigene Verfassung, wählten einen "Oldermann" an ihre Spitze und gingen nur im Verbund auf Reisen. Ohne es zu ahnen, hatten sie damit die Blaupause für das spätere Erfolgsrezept der Hanse geliefert: Aus dem losen Zusammenschluss gleichgesinnter Unternehmer entwickelte sich langfristig die Idee einer engen Zusammenarbeit potenter Städte.

Die Deutschen folgten nun den erfahreneren Skandinaviern Richtung Osten und gelangten über die Flüsse Newa und Wolchow bis nach Nowgorod. Dort lag der wichtigste Umschlagsort für Pelze, Felle und Wachs - Luxusgüter, nach denen die ständebewusste Feudalgesellschaft nur so gierte: Wer etwas auf sich hielt, schmückte sich mit kostbaren Zobeln aus Russland und erleuchtete sein Anwesen mit duftenden Wachskerzen, statt übelriechendes Fett abzubrennen.

Der Handel florierte. Hansekaufleute verschifften tonnenweise Pelze und brachten aus dem Westen Tuche, Salz, Silber, Buntmetalle und Heringe zurück. Immer mehr Unternehmer strömten nach Russland, so dass der Fürst von Nowgorod sie 1199 mit umfangreichen Schutzprivilegien ausstattete: Die Händler sollten "ungeschädigt" nach Nowgorod gelangen und auch in Kriegszeiten "unbehelligt nach Hause ziehen" können. Zur Absicherung entwarf der Fürst einen detaillierten Strafenkatalog: Für jeden erschlagenen deutschen Boten waren 20, für jeden Kaufmann 10 Mark Silber fällig. Schon Hiebe mit einer Waffe sollten den Täter Bußgeld kosten.

Zudem durften die Deutschen ihr eigenes Kontor errichten, das sie "Peterhof" nannten. Hinter den hohen Palisaden des Hofs wuchs eine Kleinstadt mit Brauhaus, Backstube, Hospital und Kirche heran, schließlich mussten die Kaufleute hier Monate verbringen. Nachts sicherten Doggen das Gelände vor Eindringlingen. Und selbst das Gotteshaus diente nicht nur dem Seelenheil: Es war in Wahrheit auch ein Versteck für die Geldkasse und ein Warenlager, streng bewacht, rund um die Uhr. Manchmal türmten sich die Güter bis auf den Altar.

Weit weniger harmlos verzahnten Kaufleute Gottesfurcht und Unternehmensgeist zur selben Zeit auch in Livland. Dort, auf Gebieten des heutigen Lettlands und Estlands, hatten die Deutschen bisher nicht richtig Fuß gefasst. Doch 1193 rief Papst Coelestin III. zum Kreuzzug gegen die heidnischen Balten auf. Das war die Chance für die Fernhändler auf klingende Kassen - und besonders Lübeck nutzte sie.

1198 versammelte sich dort aus dem ganzen Reich "eine große Menge von Prälaten und anderen Geistlichen, von Rittern und Kaufleuten", wie Chronist Arnold von Lübeck berichtet. Die Männer hätten "Schiffe, Waffen und Lebensmittel" gekauft, dann brachen sie nach Livland auf. Die Finanzkraft und die Logistik der Händler ermöglichten den religiösen Eiferern den Krieg, von dem schon bald die ganze Hanse profitieren sollte.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Der Schwertbrüderorden...
hier_entlang 13.02.2011
... war nicht deutsch (sondern livländisch). Erst nach seiner vernichtenden Niederlage gegen `Litauen` ging er im Deutschen Orden auf.
2. Zucht + Ordnung
systemfeind 13.02.2011
Zitat von sysopMit kaufmännischem Geschick, aber auch mit brachialer Gewalt sicherte sich die deutsche Hanse eine Einflusszone im Osten Europas. Sie wirkte mit an der Gründung von Städten wie Riga, Reval und Dorpat. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,742731,00.html
jedenfalls hätte es bei der Hanse einen v.Beust oder einen Aalhaus nicht gegeben . Die hamburger Kaufleute hatten noch ein gesundes Verhältnis zur Todesstrafe und einen gewissen Abstand zum Pöbel .
3. Weissrussische Städte
kohlfirst 13.02.2011
Smolensk war nie weissrussisch; abgesehen von einer kurzen Episode 1918/19.
4. Aufbauschen von Geschichte
Jackie Treehorn 14.02.2011
Es ist immer wieder erstaunlich wie in vielen Medien ueber Geschichte berichtet wird. Geurteilt wird mit heutigen Masstaeben und nicht im Zusammenhang mit der damaligen Situation. Eigentlich koennte der Beitrag ueber die Hanse, positiv gefaerbt sein, ala die Hanse foerderte den Handel und Entwicklung des im Vergleich zum Westen, rueckstaendigen Osteuropas. Aber, nein der Beitrag prangert die Handelspraktiken und brutale Methoden der Hanse an. Typische Geisteshaltung deutscher Medien ueber die eigene Geschichte.
5. Der Unsinn steckt schon inder Überschrift
Mertrager 14.02.2011
Schlimm, was heutzutage sich so an sie Öffentlichkeit traut. Dieser Artikel verzerrt die Leistungen und die Bedeutung der Hanse erheblich. Er ist eine fehlerhafte Betrachtung eines kleinen Teilaspekts und das Auffälligste: Es werden Jahreszahlen hingeschrieben, aber der Zeitrahmen wird nicht verstanden. Die Hanse hat über einen langen Zeitraum funktioniert. Dieser ist so gross, dasz er mit heutigen Maszstäben wohl nicht mehr von Jedem begriffen wird. StG
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