Die Hohenzollern Eine unsichere Existenz

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Von Frank-Lothar Kroll

4. Teil: Herrscherliches Engagement für die Wissenschafts- und Kulturpolitik


Die massive Kaiserschelte, die im Rahmen der "Daily Telegraph"-Affäre auf den Träger der Krone niederhagelte, verwies auf eine latent vorhandene grundsätzliche Unzufriedenheit vieler Repräsentanten des politischen Systems mit dem Verhalten des Kaisers. Eine tiefgreifende Krise des Kaisergedankens, gar eine prinzipielle Opposition gegen das monarchische System war damit nicht verbunden.

Den Kaiser selbst traf die Kritik unerwartet und unvorbereitet. Auf dem Höhepunkt der Krise dachte er kurzzeitig an Abdankung und hat sich hinfort in seinen öffentlichen politischen Stellungnahmen deutlich zurückzuhalten versucht. Geglückt ist ihm das nicht immer.

Dagegen widmete er in den ihm bis zum Kriegsausbruch noch verbleibenden sechs Regierungsjahren einem Bereich seine verstärkte Zuwendung, den er immer schon als ureigenste Domäne seines herrscherlichen Engagements angesehen hatte: der Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturpolitik. Seine Anteilnahme am Ausbau des preußisch-deutschen Kulturstaats war beträchtlich, und sie wurde von ihm selbst ausdrücklich in die Tradition fürstlichen Mäzenatentums seiner hohenzollernschen Vorfahren hineingestellt. Die von ihm hier entfalteten Aktivitäten zeichneten sich durch finanzielle Großzügigkeit und thematische Vielfalt aus, wenn sie sich auch nicht durch Tiefgang empfahlen.

Begeisterung für technische Innovationen

Es waren in erster Linie Fragen der technisch-industriellen Entwicklung, die den Kaiser faszinierten. Seine Begeisterung für technische Innovationen verband sich in manchen Fällen - etwa bei der Motoren-, Funk- und Elektrotechnik - mit außergewöhnlicher Sachkenntnis, welche die Zeitgenossen umso mehr in Erstaunen versetzte, weil sie auf eigentümliche Weise zu Wilhelms im Grunde vormoderner Herrschaftsauffassung kontrastierte, die als weitgehend unzeitgemäß galt.

Bei allen seinen bildungs- und wissenschaftspolitischen Bemühungen konzentrierte er sich stark auf praxisnahe und angewandte Wissenschafts- und Bildungsinhalte. Bereits während der Diskussion über die Reform des höheren Schulwesens, ganz zu Anfang seiner Regierung 1889/90, hatte er mehrfach persönlich zugunsten der Verfechter einer stärker realitätsorientierten Unterrichtsgestaltung Partei ergriffen.

Eingedenk seines eigenen Kasseler Gymnasialunterrichts, den er als lebensfern und verstaubt empfunden hatte, unterstützte er mit Eifer die Bemühungen um Relativierung der rein humanistischen Bildungsidee des altsprachlichen Gymnasiums und bekannte sich in einem seiner frühesten kaiserlichen Erlasse mit bemerkenswerter Wortwahl "zur Erkenntnis dessen, was wahr, was wirklich und was in der Welt möglich ist" (1889). Sein schulreformerischer Einsatz gipfelte damals in der Einberufung zweier Schulkonferenzen (1890 und 1900), bei der ersten hielt er selbst zur Überraschung der Teilnehmer eine programmatische Eröffnungsrede.

Des Kaisers schulreformerischer Einsatz

Im Ergebnis führten die Beschlüsse dieser Konferenzen dann tatsächlich zu jener weitgehenden Gleichstellung von humanistischem Gymnasium, neusprachlichem Realgymnasium und mathematisch-naturwissenschaftlicher Oberrealschule, wie der Kaiser sich dies wünschte.

In eine ähnliche Richtung ging sein beharrliches Bestreben, einen Ansehenszuwachs der von ihm favorisierten und durch Neugründungen in Danzig (1904) und Breslau (1910) vermehrten Technischen Hochschulen gegenüber den in Deutschland traditionell privilegierten Universitäten durchzusetzen. Mit Einführung des Promotionsrechts (Dr.-Ing.) für alle Technischen Hochschulen in Preußen führte dieser Einsatz 1899 zum Erfolg, was ihm die Rektoren aller elf deutschen Technischen Hochschulen 1913 mit der gemeinschaftlichen Verleihung der Ehrendoktorwürde (Dr.-Ing. E. h.) dankten. Tatsächlich war damit für die Technikwissenschaften, die im akademischen Milieu bisher eher mit Geringschätzung behandelt worden waren, der Weg frei zur vollständigen Integration in den universitären Lehr- und Forschungsbetrieb.

Wilhelm II. hat hier einen Emanzipationsprozess vorangetrieben, der sich wahrscheinlich auch ohne sein Zutun durchgesetzt hätte. Dass er sich gleichwohl zu einem beredten Fürsprecher dieser Entwicklung gemacht hat und durch seinen Einsatz die soziale Akzeptanz der Ingenieurberufe in Deutschland nachdrücklich befördern half, wirft ein bezeichnendes Licht auf sein facettenreiches Verhältnis zum gesellschaftlichen Fortschritt.

Zusammenarbeit von Staat, Wissenschaft und Wirtschaft

Das gilt schließlich auch für die seinerzeit noch sehr innovative Idee einer institutionalisierten Zusammenarbeit von Staat, Wissenschaft und Wirtschaft, die man als eine Art kaiserliches Steckenpferd bezeichnen könnte. Mit großem persönlichen Einsatz gelang ihm 1911 die Gründung der "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft", Vorläuferin der heutigen "Max-Planck-Gesellschaft". Sie folgte ausdrücklich Vorbildern des nordamerikanischen Wissenschaftsbetriebs. Durch privatwirtschaftliche Zuwendungen finanzierte sie mit staatlicher Unterstützung den Unterhalt zahlreicher eigenständiger Forschungsinstitute, besonders auf dem Gebiet der Naturwissenschaften. Als Protektor der Gesellschaft engagierte sich der Kaiser in rastlosem und zuweilen als aufdringlich empfundenem Einsatz für die Einwerbung von Spenden, wobei ihm seine freundschaftlichen Verbindungen zu führenden Vertretern des Wirtschaftsbürgertums erheblich zugute kamen.

Nimmt man zu alledem noch die kaiserlichen Vorlieben für ethnologische und archäologische Feldforschung, sein Interesse an den Kulturen des Alten Orients sowie seine intensive Kontaktpflege zu namhaften Gelehrten aus den unterschiedlichsten fachlichen Disziplinen, so ergibt sich ein beachtliches wissenschaftspolitisches Engagement, wie es damals kein anderes Staatsoberhaupt in vergleichbaren Ausmaßen entfaltet hat. Es wurde von vielen Zeitgenossen des In- und Auslands als spezifisch "modern" empfunden, weil es sich nicht nur aus einem lebhaften Verständnis für die gewandelten Rahmenbedingungen des Wissenschaftsbetriebs speiste, sondern auch sehr bewusst den Interessen deutscher "Weltgeltung" dienen wollte.

In deutlichem Kontrast zu alledem stand allerdings der literarische und künstlerische Geschmack des Kaisers. Bei hoher eigener Begabung fürs Zeichnen und Malen verharrte er in einem durchaus konventionellen Kunstverständnis, welches allerdings die Mehrheit seiner Mitbürger geteilt haben dürfte. Seine architektonische Vorliebe entsprach der am Historismus orientierten Zeitmode und fand in seiner bis ins Detail gehenden Mitarbeit an den Entwurfsplanungen zum Berliner Dom einen repräsentativen Ausdruck. Das im neobarocken Stil errichtete Bauwerk wurde 1905 mit großem zeremoniellem Aufwand eingeweiht. Der im neuen Jahrhundert zum Durchbruch gelangenden künstlerischen und literarischen Moderne hingegen stand der Kaiser vollkommen verständnislos gegenüber.



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Koltschak 25.04.2011
1. "Majestät brauchen Sonne!"
"Majestät brauchen Sonne!" Und das war zu Wilhelm II. Zeiten das Problem. Hätten Majestät in Italien gelebt, hätte es keinen Weltkrieg gegeben und Majestät hätten genug Sonne bekommen. Wilhelm II war nur ein schlimmer Finger, weil, was soll einem schon bei acht Monaten Nebel und Regen Vernüfntiges einfallen? Genau: Krieg! Immerhin machen die Hohenzollern jetzt jedes Jahr Open-Air-Kino in Ihrer unvergleichlichen Burg! Wer die Burg noch nicht gesehen hat, hat etwas verpasst! Per Fahrrad und zu Fuß sind es rund zwei bis sechs Wochen ins Land Baden-Württemberg von Hamburg aus. Wir wollen ja mehr per Pedes und Rad unternehmen. Herr Kretschmann lässt grüßen. P.S.: Wirklich eine unvergleichliche Burg mit unvergleichlicher Lage.
andynm 25.04.2011
2. leider
Das meinen Sie doch nichts ernst. Das Kaiserreich war ein militaristischer und nationalistischer Staat, der letztlich genau an diesen Eigenschaften zugrunde gegangen ist. Leider ist die Verklärung Preußens und des Bismarck-Reichs seit der Wiedervereinigung stark gestiegen.
Pepito_Sbazzagutti 25.04.2011
3. ....
"Der letzte Kaiser scheiterte jedoch an seiner Renommiersucht und mangelnden Durchsetzungskraft." Er scheiterte außerdem an der Tatsache, dass er sein Leben lang von Arschkriechern umgeben war, die ihm einredeten, dass er der absolut Größte sei.
Pepito_Sbazzagutti 25.04.2011
4. ....
Zitat von andynmDas meinen Sie doch nichts ernst. Das Kaiserreich war ein militaristischer und nationalistischer Staat, der letztlich genau an diesen Eigenschaften zugrunde gegangen ist. Leider ist die Verklärung Preußens und des Bismarck-Reichs seit der Wiedervereinigung stark gestiegen.
Mangelhafte oder nicht vorhandene Geschichtskenntnisse. Traurig, aber wahr.
Mahatschmanladen 25.04.2011
5. achso?
Zitat von andynmDas meinen Sie doch nichts ernst. Das Kaiserreich war ein militaristischer und nationalistischer Staat, der letztlich genau an diesen Eigenschaften zugrunde gegangen ist. Leider ist die Verklärung Preußens und des Bismarck-Reichs seit der Wiedervereinigung stark gestiegen.
Vielleicht sollten Sie bei der Beurteilung des Reiches nicht heutige Maßstäbe auf alte Zeiten anwenden, sondern z.B das Reich von damals mit dem britischen Empire, den Zarenreich oder Frankreich vergleich.
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