Die Hohenzollern Eine unsichere Existenz

Wilhelm II. wollte die Deutschen "herrlichen Tagen" entgegenführen. Er förderte die Wissenschaft und reformierte das Schulwesen. Der letzte Kaiser scheiterte jedoch an seiner Renommiersucht und mangelnden Durchsetzungskraft.

Getty Images

Von Frank-Lothar Kroll


Er war der letzte Träger der preußischen Königs- und deutschen Kaiserwürde - und dürfte von allen regierenden Angehörigen der Hohenzollerndynastie die schillerndste und wohl auch problematischste Herrschergestalt gewesen sein. Wie kein zweiter zeitgenössischer europäischer Monarch hat er die nach ihm als "wilhelminisch" bezeichnete Epoche geprägt und repräsentiert. Mit etwas mehr Fortune und etwas weniger Renommiersucht hätte er die Deutschen vielleicht tatsächlich jenen "herrlichen Tagen" entgegenführen können, die er ihnen in einer seiner zahllosen Reden zu Beginn seiner Regierungszeit verheißen hatte.

Das Reich, dem er als Staatsoberhaupt präsidierte, befand sich auf dem Gipfel seiner weltpolitischen Machtstellung. Wirtschaft, Wissenschaft und Gelehrsamkeit blühten wie kaum jemals zuvor. Und auch das politische System wurde, bei aller Reformbedürftigkeit im Einzelnen, von der Bevölkerungsmehrheit akzeptiert.

Doch die Katastrophe des Ersten Weltkriegs - eine Katastrophe für ganz Europa - entschied nicht nur über die Gesamtbilanz der Regierungszeit Wilhelms II. Mit ihr endete auch die 500-jährige Epoche aktiver politischer Anteilnahme der Hohenzollerndynastie am geschichtlichen Schicksal Preußens, Deutschlands und Europas.

Wilhelm II. übte sich in strikter Selbstdisziplin

Nichts von alledem war bei der Geburt des Prinzen Friedrich Wilhelm Viktor Albert - so sein vollständiger Taufname - am 27. Januar 1859 vorauszusehen. Damals herrschte noch sein Großonkel Friedrich Wilhelm IV., der ihm in manchen Charakterzügen verblüffend ähnelte. Allerdings war der König durch mehrere Schlaganfälle bereits regierungsunfähig und wurde daher dauerhaft vertreten von seinem jüngeren Bruder Wilhelm I., dem Großvater des Kaisers.

Es ist üblich geworden, aus den unglücklichen Umständen der Geburt des Prinzen Rückschlüsse auf Charakter, Persönlichkeit und Politik des späteren Königs und Kaisers zu ziehen. Tatsächlich kam Wilhelm mit einer schweren körperlichen Missbildung zur Welt, wofür die sträfliche Unachtsamkeit der bei der Geburt anwesenden Helfer verantwortlich gewesen sein dürfte: Der linke Arm war nahezu ganz aus dem Gelenk gerissen und blieb infolgedessen dauerhaft verkürzt, gelähmt und missgeformt. Alle Bemühungen, die Behinderung durch schmerzhafte Behandlungen und langwierige Übungen zu beheben, blieben erfolglos. Prinz Wilhelm war so - in der Terminologie der Zeit - ein "Krüppel", oder, modern gesprochen, ein Körperbehinderter.

Wer aber darin die Passform zu seiner Persönlichkeit erblickt und aus der entstellten Physis auf eine deformierte Psyche schließt, verkennt doch sehr, wie komplex der Bildungsweg eines Menschen war, der im Milieu der alteuropäischen Adelswelt heranwuchs. Den Anforderungen monarchischer Repräsentation wurde er jedenfalls, ungeachtet seiner Missgestalt, in strikter Selbstdisziplin gerecht - trotz ständiger Schmerzen und Beeinträchtigungen des körperlichen Gleichgewichts.

Bewunderung für die englische Lebensweise

Prägender für die Kindheits- und Jugendentwicklung des künftigen Kronprinzen war vielmehr der tiefe Gegensatz Wilhelms zu seinen Eltern, speziell zur britischen Mutter. Victoria war die älteste Tochter der gleichnamigen britischen Königin Victoria, die später, 1901, in den Armen ihres erklärten Lieblingsenkels Wilhelm starb. Wilhelms Mutter war eine intellektuell rege, jedoch menschlich kühle Frau, die sich zeitlebens in offen bekundeter Geringschätzung ihres preußischen Lebensumfelds gefiel, in das sie 1858 eingeheiratet hatte.

Ihre damit einhergehende, teilweise attitüdenhaft wirkende Anglophilie übertrug sich in gebrochener Form auf den ältesten Sohn. Denn Wilhelm II., der in seiner Kindheit zunächst besser Englisch als Deutsch sprach, schwankte in seiner Einstellung zum Inselreich zeitlebens zwischen Bewunderung für englische Lebensweise und Abneigung gegen das von beiden Elternteilen gleichermaßen bevorzugte Modell des britischen Parlamentarismus.

Als Prinz hatte Wilhelm eine vielseitige Ausbildung genossen. Die kindliche Erziehung durch den Hauslehrer Georg Hinzpeter, einen strengen Calvinisten - der Unterricht dauerte täglich bis zu zwölf Stunden - war bestrebt, dem Zögling die Tugenden strikter Pflichterfüllung, konsequenter Arbeitsgesinnung, stoischer Selbstbeherrschung und karitativen Empfindens zu vermitteln. Nicht zuletzt die sozialpolitischen Initiativen des jungen Kaisers verdankten den auf tätige Nächstenliebe gerichteten Erziehungsgrundsätzen Hinzpeters entscheidende Impulse. Humanistisch umfassend gebildet, hatte der Prinz dann 1877 das Abitur an einem altsprachlichen Kasseler Gymnasium abgelegt, danach in Bonn Rechts- und Staatswissenschaften studiert, in Potsdam den Militärdienst absolviert und in Berlin Erfahrungen auf dem Gebiet der Staatsverwaltung und auf dem Feld der auswärtigen Angelegenheiten gesammelt.

Stark ausgeprägte Empfänglichkeit gegenüber sinnlichen Eindrücken

Rasch wurde bei alledem deutlich, dass Wilhelm mancherlei Begabungen und Talente besaß, die von seiner Umgebung mit Genugtuung registriert wurden. Ein rasches Auffassungs- und Assoziationsvermögen, gepaart mit einem guten Gedächtnis, gehörte zu den Aktivposten des künftigen Monarchen. Hinzu kam eine stark ausgeprägte Empfänglichkeit gegenüber sinnlichen - ästhetischen wie auch erotischen - Eindrücken. Auch war er wissensdurstig und begeisterungsfähig und zeigte weitgespannte Interessen, Rednertalent und Unterhaltungsgabe, Charme, Liebenswürdigkeit und Spontaneität im persönlichen Umgang. Er konnte großzügig sein und hatte eine Vorliebe für einen etwas ungeschliffenen, nicht selten die Grenze zur Albernheit streifenden Humor.

Alle diese unbestreitbaren Qualitäten gingen allerdings mit einer Reihe gleichfalls schon früh sichtbarer Persönlichkeitsdefizite und Charaktermängel einher: Konzentrationsschwäche, Sprunghaftigkeit und eine hektisch-nervöse Betriebsamkeit beim Verfol-gen auch der kleinsten Ziele. Er neigte zu übereilter Einmischung und erteilte gern nicht erbetene Ratschläge. Ruhelos, forsch im Auftreten und oft taktlos, fehlten ihm Augenmaß und Einfühlungsvermögen. Mit seiner ungezügelten Impulsivität und einem stark übersteigerten Geltungs- und Mitteilungsbedürfnis kompensierte der Thronfolger schon in jungen Jahren latent vorhandene Unsicherheit. So gab es Anlass zu vielfältigen Klagen über die spannungsgeladene Unausgeglichenheit der kronprinzlichen Existenz.

Auch zahlreiche literarisch ambitionierte Zeitgenossen haben sich um eine Schilderung der komplexen Charakter- und Persönlichkeitsstruktur bemüht, die aus solchen Wesenszügen resultierte und dem letzten Träger der Kaiserkrone zum Verhängnis werden sollte.

"Jugendlicher Mann in bunter Uniform"

Eine dieser Schilderungen, die beste vielleicht, stammt aus der Feder Walther Rathenaus. 1901, damals noch als Vorstandsmitglied der von seinem Vater gegründeten AEG, hatte ihn Wilhelm II. zu einem Vortrag geladen, und dem Redner selbst bot sich Zeit und Gelegenheit, seinen ihm gespannt lauschenden Zuhörer genau zu beobachten. "Da saß" - so berichtete Rathenau in der Rückschau seines 1919 veröffentlichten Buches "Der Kaiser" - "ein jugendlicher Mann in bunter Uniform, ... die weißen Hände voll farbiger Ringe, Armbänder an den Handgelenken; zarte Haut, weiches Haar, kleine weiße Zähne ...; auf den Eindruck bedacht, dauernd mit sich selbst kämpfend, seine Natur bezwingend, um ihr Haltung, Kraft, Beherrschung abzugewinnen ...; eine ahnungslos gegen sich selbst gerichtete ... Natur, die den Riss nicht spürt."

Was angesichts einer derart problematischen Konstellation vielleicht als Korrektiv für die noch offene Entwicklungsrichtung des Heranwachsenden hätte dienen können, blieb Wilhelm damals wie später versagt: die Verbindung mit einer ausgleichend wirkenden Partnerin, die seinen Talenten wie seinen Schwächen gleichermaßen Rechnung zu tragen wusste. 1881 heiratete er Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, eine Frau mit einem großen Herzen - noch heute tragen viele Krankenhäuser und Wohltätigkeitsstiftungen ihren Namen -, jedoch ohne jede intellektuelle Neigung. Sie schenkte ihrem Mann zwar sechs Söhne und eine Tochter, konnte ihn aber nicht im mindesten geistig fordern.



insgesamt 163 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Koltschak 25.04.2011
1. "Majestät brauchen Sonne!"
"Majestät brauchen Sonne!" Und das war zu Wilhelm II. Zeiten das Problem. Hätten Majestät in Italien gelebt, hätte es keinen Weltkrieg gegeben und Majestät hätten genug Sonne bekommen. Wilhelm II war nur ein schlimmer Finger, weil, was soll einem schon bei acht Monaten Nebel und Regen Vernüfntiges einfallen? Genau: Krieg! Immerhin machen die Hohenzollern jetzt jedes Jahr Open-Air-Kino in Ihrer unvergleichlichen Burg! Wer die Burg noch nicht gesehen hat, hat etwas verpasst! Per Fahrrad und zu Fuß sind es rund zwei bis sechs Wochen ins Land Baden-Württemberg von Hamburg aus. Wir wollen ja mehr per Pedes und Rad unternehmen. Herr Kretschmann lässt grüßen. P.S.: Wirklich eine unvergleichliche Burg mit unvergleichlicher Lage.
andynm 25.04.2011
2. leider
Das meinen Sie doch nichts ernst. Das Kaiserreich war ein militaristischer und nationalistischer Staat, der letztlich genau an diesen Eigenschaften zugrunde gegangen ist. Leider ist die Verklärung Preußens und des Bismarck-Reichs seit der Wiedervereinigung stark gestiegen.
Pepito_Sbazzagutti 25.04.2011
3. ....
"Der letzte Kaiser scheiterte jedoch an seiner Renommiersucht und mangelnden Durchsetzungskraft." Er scheiterte außerdem an der Tatsache, dass er sein Leben lang von Arschkriechern umgeben war, die ihm einredeten, dass er der absolut Größte sei.
Pepito_Sbazzagutti 25.04.2011
4. ....
Zitat von andynmDas meinen Sie doch nichts ernst. Das Kaiserreich war ein militaristischer und nationalistischer Staat, der letztlich genau an diesen Eigenschaften zugrunde gegangen ist. Leider ist die Verklärung Preußens und des Bismarck-Reichs seit der Wiedervereinigung stark gestiegen.
Mangelhafte oder nicht vorhandene Geschichtskenntnisse. Traurig, aber wahr.
Mahatschmanladen 25.04.2011
5. achso?
Zitat von andynmDas meinen Sie doch nichts ernst. Das Kaiserreich war ein militaristischer und nationalistischer Staat, der letztlich genau an diesen Eigenschaften zugrunde gegangen ist. Leider ist die Verklärung Preußens und des Bismarck-Reichs seit der Wiedervereinigung stark gestiegen.
Vielleicht sollten Sie bei der Beurteilung des Reiches nicht heutige Maßstäbe auf alte Zeiten anwenden, sondern z.B das Reich von damals mit dem britischen Empire, den Zarenreich oder Frankreich vergleich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL Geschichte 2/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.