Handelswege Wie die Weihrauchstraße Arabien reich machte

REUTERS

Von Claudia Stodte

2. Teil: Grundsatz von Vergeltung, Blutrache und Blutgeld


Die antike Gesellschaft Nordarabiens unterschied sich von der Altsüdarabiens: Hier existierten Stadtkultur, Landwirtschaft und Nomadentum in einer engen Wechselbeziehung. Die Nomaden lieferten Milch, Fleisch, Felle, Häute und Wolle, dazu Reit- und Lasttiere. Im Tausch erhielten sie Produkte des täglichen Bedarfs. In der Hierarchie der Beduinen standen die Kamelnomaden und Pferdezüchter an der Spitze. Sie blickten auf die sesshaften Bauern und Städter herab und priesen ihre Ideale: Ehre, Stolz, Freiheitsliebe und Gastfreundschaft.

"Die Sesshaften sind in ihrem Wohlleben erschlafft, ihr Charakter ist verdorben; bei den bescheiden lebenden Beduinen dagegen haben sich Tugend und Manneszucht erhalten", schreibt noch Ibn Chaldun, der große arabische Historiker des 14. Jahrhunderts.

Vor allem in Krisenzeiten kam es zu handfesten Konflikten: Bei Dürren oder politischen Wirren griffen die Nomaden die sesshafte Bevölkerung an oder überfielen Handelskarawanen - das Wort "Razzia" stammt aus dem Arabischen. Die Oasenbauern ihrerseits versuchten oft, ihre Anbaugebiete auf Kosten der Nomaden zu erweitern.

Sowohl die Beduinen als auch die Städter und Bauern waren in Stämmen organisiert, die sich aus Familien und Clans zusammensetzten. Ein Stamm konnte einige hundert bis zu vielen tausend Menschen umfassen. Verbunden fühlten sie sich durch den gleichen arabischen Dialekt und durch ihre gemeinsame Abstammung, die sie auf einen oft legendären Stammvater zurückführten. Zentral für den Zusammenhalt eines Stammes waren jedoch die wirtschaftlichen Interessen. Der Scheich führte den Stamm, bei Streitigkeiten bemühte man oft geachtete Männer als Schlichter: Auch der Prophet Mohammed übernahm diese Rolle, als er in die Oasenstadt Jathrib (Medina) übersiedelte.

Nur selten schlossen sich arabische Stämme zu größeren und dauerhaften Bündnissen zusammen. Eine Ausnahme war das Königreich der Nabatäer, deren Hauptstadt Petra zu großer Blüte gelangte. Sie beherrschten den Fernhandel von Ägypten bis zum Zweistromland - bis das Reich 106 n. Chr. zur römischen Provinz "Arabia Petraea" wurde. Auch der Stamm der Kinda konnte für zwei Jahrhunderte im heutigen Saudi-Arabien ein Nomadenkönigreich errichten (bis 528 n. Chr.).

Grundsatz von Vergeltung, Blutrache und Blutgeld

Das Recht orientierte sich in Nordarabien am "Brauch der Väter" (arab. Sunna). Es war nicht religiös begründet, so die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer: "Das Recht beruhte auf dem Grundsatz von Schädigung und Entschädigung, sprich: Vergeltung, Blutrache und Blutgeld." Eine übergeordnete Obrigkeit gab es nicht - der Einzelne war auf den Schutz der Familie oder des Clans angewiesen. In ihrer überaus reichhaltigen Sprache mit einer Vielzahl an Dialekten sieht Krämer die "größte kulturelle Leistung der vorislamischen Araber".

Von der Religion der Beduinen und Oasenbauern ist, anders als in Altsüdarabien, wenig bekannt. Sie beschränkte sich wohl auf die Verehrung von heiligen Steinen und Bäumen, die man als Verkörperungen männlicher und weiblicher Naturgottheiten auffasste. Wesentlich war der Glaube an Geister und Dämonen (arab. Dschinn). Wahrsager versuchten, mit dem Losorakel die Zukunft zu deuten.

Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr., vor allem aber im 4. Jahrhundert, ließen sich Juden und Christen auf der Halbinsel nieder, eingewandert über Syrien oder Äthiopien. Größere jüdische Gemeinden entstanden, in Medina herrschten Juden sogar zeitweise über die Araber. Einige arabische Stämme traten zum Christentum über, im Süden verbreitete sich die Religion stark im Königreich Himjar, das dem Reich der Sabäer folgte.

Ende des 6. Jahrhunderts brach die altsüdarabische Zivilisation zusammen

Der Niedergang des einst so glänzenden Altsüdarabien hatte da bereits begonnen. Die Entdeckung der Monsunwinde sowie die ptolemäisch-ägyptische Erschließung des Seeweges durch das Rote Meer hatten das jemenitische Handelsmonopol beendet und den Verfall der alten Hochkulturen eingeleitet. Ende des 6. Jahrhunderts, so der Berner Alttestamentler Axel Ernst Knauf, brach die altsüdarabische Zivilisation gänzlich zusammen, der Jemen wurde nun von nordarabischen Beduinen "arabisiert". Mekka stieg neben Jathrib zur bedeutendsten Handelsstadt der Halbinsel auf, zentral auch als Wallfahrtsort mit der Kaaba, an der Hunderte von Götterstatuen aufgestellt waren; verehrt wurden auch drei weibliche Gottheiten.

Längst strahlten nun im Norden glanzvolle Reiche, vor allem das der Lachmiden mit der Hauptstadt Hira im heutigen Südirak, das von christlichen Nestorianern und iranischen Mazdaisten geprägt war.

Hier entwickelte sich vom 4. Jahrhundert an eine Frühform der arabischen Schrift, hier lag auch ein Zentrum altarabischer Dichtkunst. Die am höchsten geschätzte Gedichtform war die Ode, die stets mündlich vorgetragen wurde. Die Dichter priesen das beduinische Leben, die Solidarität und Tapferkeit ihres Stammes, besangen die Vergänglichkeit.

Beduinen wie Städter liebten die Poesie, und die altarabische Dichtung wurde zu dem einheitsstiftenden Element Arabiens. Erst durch sie bildete sich im 3. und 4. Jahrhundert eine gemeinsame nordarabische Hochsprache heraus - und das unbestimmte Gefühl einer arabischen Einheit. Der lachmidische König Imru al-Kais war der Erste, der sich 323 n. Chr. selbst als "Araber" bezeichnete: Seine Grabinschrift preist ihn als "König aller Araber".

Doch erst der Islam sollte die heterogene Bevölkerung Arabiens einen - sowie den Sieg über die angrenzenden Großmächte Byzanz und Sasanidenreich erringen, denen es nie gelungen war, in Arabia Fuß zu fassen.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vindex_sine_nomine 13.06.2011
1.
Der Artikel ist ein ziemliches Durcheinander (die Alternative wäre der Schreiber hätte, obgleich in der Geschichte unterwegs ist, keine Ahnung von ihr), was hat das ptolemäische Ägypten mit dem Niedergang eines Reiches in den Jahrhunderten nach 0 zu tun? Ägypten war da schon lange eine Provinz des Imperiums und die Ptolemäer schon lange Geschichte, zumal der Seeweg bereits im 1. Jhd. v.Chr. entdeckt wurde. Wie schnell ein Handelsimperium untergeht, wenn seine Grundfesten erschüttert werden, sieht man nicht nur am Beispiel der Hanse und der islamischen Reiche. Wieso werden dann auch noch Figuren aus dem Bestand von Religionen, die noch am Leben sind, wie historische Personen behandelt, während tote Religionen ins Reich der Mythen verabschiedet werden. Wieso beruft man sich auf einen Theologen und nicht auf Historiker und Archäologen, die eine zuverlässigere und bessere Quelle darstellen, insbesondere wenn man diesen Herrn als Quelle über die Zeit nach 0 und auch noch geographisch und zeitlich fern seines Interessensbereichs bemüht. Das Thema ist zu global und umfangreich, um es von jemanden behandeln zu lassen, für den eine Religion eine feste geistige Grenze ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL Geschichte 3/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.