Arabiens Wissenschaften: Licht aus dem Osten

Von Johannes Saltzwedel

Arabiens Wissensschätze haben Europas geistige Welt im Hochmittelalter entscheidend verändert: mit Lehrbüchern für Ärzte, mit Naturwissenschaft, vor allem aber durch kühne, aufklärerische Philosophie.

Arabiens Wissenschaften im Mittelalter: Licht aus dem Osten Fotos
Corbis

Was war so erstaunlich an dem Seehändler, der da um 1075 im italienischen Hafen Salerno einlief? Machte sein Sprachtalent Eindruck, oder waren es die erlesenen Kräuter seiner Fracht? Hatte er wundersam hilfreiche Rezepturen dabei? Irgendwie jedenfalls verblüffte er die Gelehrten des Ortes mit ärztlichem Fachwissen - so sehr, dass sie den weitgereisten Mann zu bleiben baten.

Sie sollten es nicht bereuen. Der arabische Pflanzenexperte ließ sich auf den Namen Constantinus Africanus taufen, wurde gar benediktinischer Laienbruder und begann, arabische Medizinliteratur ins Lateinische zu übersetzen. Zwei umfangreiche Handbücher und ein kürzeres Übersichtswerk brachte er hervor; außerdem entstanden Einzelstudien: zur Fieberlehre und zum Puls, über Depressionen, Augenkrankheiten und Bauchleiden.

Für Salerno, die junge Hochburg der Heilkunde, kam die Informationsspritze aus der muslimischen Welt wie ein Wunder. Endlich konnten Ärzte nachlesen, wozu Galen, der legendäre Meisterdoktor aus der römischen Kaiserzeit, wirklich riet und wie arabische Experten sein Lehrgebäude ausgebaut hatten. Constantinus, der bald eine Klause im nahen Kloster Monte Cassino beziehen durfte, wurde als "Weiser von Orient und Okzident" und "neu erglänzender Hippokrates" gefeiert.

Als er 1087 starb, setzten jüngere Fachleute sein Werk zwar in Kommentaren fort, aber geistiger Nachschub aus Arabien fehlte fürs Erste. Neue Kontakte entstanden seit etwa 1130 in ganz anderer Umgebung: mitten auf der iberischen Halbinsel, in Toledo. Hier, nahe der umkämpften Grenzzone von muslimischer und europäischer Kultur, bot sich die Chance, das überlegene Wissen der Araber gründlich zu erkunden, keineswegs nur in der Medizin.

Ein ganzes Team von Spezialisten um die Italiener Gerhard von Cremona und Dominicus Gundissalinus stürzte sich nun auf arabische Handschriften, die sie so wörtlich wie möglich ins Lateinische brachten. Weit über ein Jahrhundert lang lösten sich die fleißigen Übersetzer ab. Was sie zutage förderten, machte unauslöschlichen, ja epochalen Eindruck.

Wahrer Fürst der Wissenschaften

Da hatte Plato von Tivoli, ein Experte für Mathematik und Himmelskunde, anfangs mit großem Recht gewettert, auf Latein gebe es kein einziges gescheites Kompendium für Astronomie, "nur Narrheiten, Träume und Altweibergeschichten". Jetzt standen die lang vermissten Grundlagenbücher bereit: Das Œuvre des Erd- und Himmelskundlers Ptolemaios, die Standardwerke der Mathematik-Gründerväter Euklid und Archimedes, auch große Portionen aus dem reichen Werkkatalog Galens. All diese antiken Schätze waren in arabischer Fassung erhalten.

Nicht minder imponierte, was die Araber selbst geleistet hatten: Gabir Bin Aflah und al-Chwarismi in der Mathematik, Alhazen in der Optik, Abu al-Kasim in der Medizin, das waren nur die wichtigeren Namen. Ganz obenan stand der persische Arzt und Universalgelehrte, den man lateinisch Avicenna nannte: Abu Ali al-Hussein Ibn Sina, 1037 nach bewegtem Leben in Hamadan gestorben, ein wahrer Fürst der Wissenschaften.

Natürlich hatte Avicenna für seine enzyklopädischen Bücher nicht bei null angefangen; vielfach berief er sich auf Aristoteles, den Patriarchen empirischer Forschung im alten Athen. Goldgräberstimmung muss unter den Übersetzern von Toledo aufgekommen sein, als sie in den arabischen Großbibliotheken auch Übersetzungen eines Großteils der erhaltenen Werke des Aristoteles selbst fanden.

Bei orientalischen Gelehrten hieß der Weise, der als Lehrer Alexanders des Großen legendär geworden war, oft einfach "der Philosoph". Mit Recht: Was immer Aristoteles über Politik und Tierkunde, Seelenlehre, Himmelsbau und viele weitere Wissenszweige zusammengetragen hatte, alles sollte sich zu einem Gefüge ordnen, das auf klaren philosophischen Grundlagen fußte.

Das Anfänger-Lehrbuch hierüber, die sogenannten "Kategorien", war den Intellektuellen Europas lange vertraut. Nun aber kam nicht nur Aristoteles' Lehrbuch über logische Schlüsse dazu, sondern vor allem seine Metaphysik, eine bis zur Vertracktheit dichte Abhandlung über die Grundbegriffe des Denkens. Zu allem Überfluss hatte eine ganze Schar arabischer Autoren kluge Bemerkungen und Einsprüche beigesteuert.

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insgesamt 353 Beiträge
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1. ...
kimba2010 03.07.2011
Das Problem ist nur, dass der Orient geistig im Mittelalter stehengeblieben ist, besonders in religiösen und sozialen Fragen.
2. ...damals
Panto 03.07.2011
Ja, interessant zu wissen. Nur haben die Araber maßgebliche Teile ihres Wissens aus der Antike übernommen. Und leider ist die islamische Welt, und hier vor allem Arabien, heute kein Vorbild in Sachen Wissen und Toleranz mehr.
3. .... ohne Worte....
tsuggitschuggi 03.07.2011
Remi Brague meint, dass fast alle der antiken griechischen Texte von Christen ins Arabische übersetzt wurden. Remi Brague ist Professor für mittelalterliche und arabische Philosophie an der Universität Paris. Was sagen Sie dazu Herr Saltzwedel? Dazu eine Quelle im Internet: http://diepresse.com/home/kultur/news/378506/Rmi-Brague_Das-islamische-Volk-ist-das-belogenste
4. Bunt ist alle Theorie...
cingulator 03.07.2011
Was der Autor lieber unter den Tisch fallen ließ: Averroes (= Ibn Rushd) versuchte sich an einer eher philosophischen Herangehensweise an den Koran anstelle einer fundamentalistischen wortwörtlichen Auslegung (die ja auch im Koran vorgeschrieben wird). Hätte man diese Denkrichtung weiterverfolgt, hätte man sich in der islamischen Welt eventuell etwas von der drastischen Einschränkung durch das starre und harte islamische Recht lösen können. Ibn Rushds Ansichten wurden zuerst im arabischen Spanien durchaus positiv angenommen, aber nach einem Machtwechsel landeten seine Bücher auf dem Scheiterhaufen, er selbst 'nur' am Pranger. Aus die Maus. Dafür wurden seine Ideen ausgerechnet in der ach so engstirnigen christlichen Welt mit großem Interesse aufgenommen, z.B. von Thomas von Aquin. Interessant wäre auch eine Auflistung, was heute an technischen, medizinischen und philosophischen Erkenntnissen aus der islamischen Welt zu uns kommt. PS: Wer angesichts der heutigen Zustände am angeblichen Idyll des friedlichen multireligiösen Zusammenlebens in Al-Andalus berechtigermaßen zweifelt, dem sei dieser Artikel empfohlen: http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2005-35/artikel-2005-35-das-land-wo-blut.html
5. ...
Newspeak 03.07.2011
Für das Heute völlig gleichgültig, ob die Araber oder die Griechen oder sonstwer irgendwann einmal in der geistigen Blüte standen. Natürlich sind solche Erkenntnisse wichtig, um die historische Entwicklung nachvollziehen zu können. Oft genug aber hat diese Erkenntnis keine konstruktiven Folgen. Zum einen, weil man lieber in der ruhmreichen Vergangenheit lebt, als im Heute ebenso ruhmreich zu wirken, was der schwierigere Weg ist. Zum anderen weil man nicht sieht, daß dieselben Gründe für den Verfall dieses Wissens auch heute noch existieren. Wir rühmen uns in einer wissenschaftlichen Zeit zu leben, aber Naturwissenschaft wird doch im Alltag oft genug verachtet, verteufelt, oder einfach nur ignoriert. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es vielbesuchte Abendvorlesungen zu den damals Neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften. Wo gäbe es vergleichbares heute? Außerdem muß man relativieren. Naturwissenschaftlich sind so viele Erkenntnisse der Antike und des Mittelalters überhaupt nicht wertvoll. Das meiste war schlicht falsch. Die Geisteswissenschaften gefallen sich darin, das alles als gleichwertig zu betrachten, und auch die früheren Ansätze zu würdigen. Wie gesagt, historisch ist das ja ok. Aber es hat seine Gründe, warum vermutlich in keinem Standardwerk der Medizin der Name Galen mehr auftaucht. Das meiste war einfach blanker Unsinn. Gleiches gilt für viele andere.
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