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Dreißigjähriger Krieg: Hunger, Flöhe, Hass

Von Georg Bönisch

Erst die Verkettung vieler Unglücksfaktoren hat das Desaster heraufbeschworen. Eine der Ursachen war die "Kleine Eiszeit".

Flämische "Gewitterlandschaft mit zwei Reitern" aus dem frühen 17. Jahrhundert Zur Großansicht
akg-images / Cameraphoto

Flämische "Gewitterlandschaft mit zwei Reitern" aus dem frühen 17. Jahrhundert

Causa belli, Kriegsvorwand, Kriegsanlass - Kriegsgrund. Das Warum, die Frage aller Fragen. Nie zuvor in der deutschen Geschichte hatte es eine längere Periode friedlicher Zeiten gegeben als jetzt, immerhin währte sie von 1555 bis 1618. Und dann: Verzweiflung, Verbitterung, Verelendung, Terror und Tod.

Warum? Warum mussten Millionen Menschen sterben, warum wurden ganze Landstriche verwüstet und entvölkert? Während der vielen Schlachten, bei Raubzügen, in Feuersbrünsten, auch als Opfer von Seuchen?

Gewiss, dieser Krieg gilt als ein Krieg zwischen Christen: hier Katholiken, da Protestanten. Und jede Partei hätte für sich reklamieren können, einen "gerechten Krieg" geführt zu haben, wie ihn einst der römische Staatsmann und Philosoph Marcus Tullius Cicero definierte oder Jahrhunderte später der Kirchenvater Augustinus. "Gerecht" war ein Krieg immer dann, wenn er des Seelenheils wegen geführt wurde.

Ein ganz spezieller Glaubenskrieg also unter dem Dach einer Religion? Oder doch ein Krieg, der stattfand, weil die "Feudalgesellschaft" kriselte? Weil der große wirtschaftliche Aufschwung Europas im 16. Jahrhundert "die sozialen Spannungen verschärfte", so die These des Geschichtsforschers Heiner Haan, und die "feudalen Führungsschichten" dazu verleitete, ihren "Anteil bei der Verteilung des Sozialproduktes zu vergrößern"? Was sich am "rationellsten und schnellsten" durch einen Krieg habe machen lassen?

Gestörte politische Kommunikation?

Diese durchaus marxistisch grundierte Beschreibung widerstrebt wahrscheinlich den allermeisten Historikern. Nein, nein, hält zum Beispiel Haans Kollege Axel Gotthard dagegen. Der Krieg sei ausgebrochen, weil die konfessionellen Gegner nur noch übereinander schrieben, statt miteinander zu sprechen, und damit die Verfassungsorgane des Reiches zunehmend blockierten. "Die politische Kommunikation im Reichssystem um und nach 1600 war großflächig gestört", und diese "Sprachlosigkeit" habe zwangsläufig dazu geführt, "die Waffen sprechen" zu lassen. Kein Krieg aus wirtschaftlichem Interesse also. Ein Konfessionskrieg.

Gotthards Kollege Johannes Burkhardt, einer der führenden Kenner dieser dunklen Jahrzehnte mitten im Herzen Europas, ist da völlig anderer Meinung. Er diagnostiziert für jene Zeit eine "frühneuzeitliche Kriegsverdichtung", gerade weil es noch kein etabliertes europäisches Staatensystem gab. Und "wenn es sich um unfertige Staaten handelte", sagt Burkhardt, stehe "nicht die staatliche Organisation, sondern eher ihre Unfertigkeit unter dem Verdacht, der kriegstreibende Schwachpunkt zu sein".

Kein Staatenkrieg mithin. Sondern, und damit schuf der Wissenschaftler ein neues Wort: "Staatsbildungskrieg". Der religiös-konfessionellen Variante misst er vergleichsweise wenig Bedeutung bei, konzediert freilich alles in allem eine "schwer überschaubare Konfliktbündelung".

Das Wetter spielte verrückt

Vielleicht war alles ganz anders. Vielleicht lebten hier einfach nur zu viele Menschen, was die ökonomischen Strukturen stark veränderte und zu scharfen Versorgungskrisen führte. Oder das Wetter spielte verrückt, bis hin zur klimatischen Katastrophe, die in die Geschichte als "Kleine Eiszeit" eingegangen ist. Bis hin zum Verderben.

Die deutschen Lande waren, in den Jahrzehnten vor dem Dreißigjährigen Krieg, Einwanderungsland - wegen der vergleichsweise liberalen Bedingungen, die seit dem Augsburger Religionsfrieden 1555 hierzulande für Protestanten galten. Zwischen 1500 und 1618 hat sich die Bevölkerung fast verdoppelt; Wissenschaftler glauben, dass eine solch spürbare Bevölkerungsvermehrung zumindest zwei Folgen zeitigt: Bezahlte Arbeit wird knapp, und zu gleicher Zeit steigt die Nachfrage, besonders nach Lebensmitteln.

Auch wenn der britische Ökonom John Maynard Keynes die Phase kurz vor und kurz nach 1600 als "eine der größten Aufschwungszeiten" beschreibt, gar als Start in den "Kapitalismus" - die neuere Geschichtsforschung sieht jedoch bereits in den letzten Dekaden dieses Jahrhunderts deutliche Krisenphänomene.

Ständig am Rande des Weltuntergangs

"Die Lebenswelt der Frühmoderne", notiert der Freiburger Geschichtsprofessor Johannes Arndt, sei "eine Welt des Mangels" gewesen, und dies galt speziell hierzulande. In jedem Jahrzehnt kam es gewöhnlich zu drei unterdurchschnittlich guten Ernten; wenn die schlechten Erträge ungünstigerweise aufeinanderfolgten, schossen die Preise gefährlich hoch, "nicht selten lebensgefährlich" (Arndt). Zu wenig Geld für zu teure Waren, zu wenig Arbeit für zu viele Menschen - etliche konnten sich vielleicht gerade noch Brot leisten.

Kein Wunder, dass derlei existentielle Bedrohungen sich widerspiegelten in der beherrschenden Symbolik jener Zeit: den vier apokalyptischen Reitern aus der Johannes-Offenbarung, Boten des nahenden Weltuntergangs. Pest, Krieg, Tod. Und Hunger. Die Natur sorgte dafür, dass sich die Krisen verschärften. Seit etwa 1570 gingen die Temperaturen stetig zurück. Die Sommer waren in aller Regel nass und kalt, die Winter oft extrem lang, eine Katastrophe für Landwirte und Fischer, Winzer oder Viehbauern.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 145 Beiträge
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1. Der wahre Klimawandel oder der politisch korrekte Klimawandel
wanderprediger, 14.08.2011
Zitat von sysopErst die Verkettung vieler Unglücksfaktoren hat das Desaster heraufbeschworen. Eine der Ursachen war die "Kleine Eiszeit". http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,778430,00.html
So wie in den vergangenen 3 Jahren bei uns. "Die Sommer waren in aller Regel nass und kalt, die Winter oft extrem lang. Was zunächst eine Katastrophe für die Landwirte war, wurde zum Fluch eines ganzen Kontinents."
2. So etwas gibt es heute natürlich nicht! Oder?
DeGe_Richter 14.08.2011
---Zitat--- *Aus moderner Sicht sind solcherlei Vorstellungen schwerlich nachvollziehbar*, doch existierten sie in den Köpfen der meisten Menschen. *Jedwedes Ereignis*, sei es Blitz oder Donner, sei es zu viel Regen oder zu wenig, sei es zu warm oder zu kalt, *wurde als Symptom der Weltlage insgesamt gedeutet - und zudem eingeordnet in ein persönliches Sündenregister*. ---Zitatende--- Wem das nciht beklannt vorkommt, der sollte einmal die Medienstimmen zu und Publikationen der Klimaforschung verfolgen. Nein, so dämlich und selbstbezogen wie die Menschen des Mittelalters sind wir heute zum Glück nicht mehr ...
3. Einfluß der Ausrottung heidnischer Kultur im Artikel "vergessen"
kalumeth 14.08.2011
Zitat von sysopErst die Verkettung vieler Unglücksfaktoren hat das Desaster heraufbeschworen. Eine der Ursachen war die "Kleine Eiszeit". http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,778430,00.html
Interessanter Ansatz mit der Eiszeit. Habe das schonmal bei einem historischen Vortrag gehört: "Warum die Hexen verfolgt wurden" Diese Thema kommt in diesem Artikel leider zu kurz. Während bis Ende des 14. Jahrhundert die katholische Kirche heidnische Bräuche noch weitgehend tolerierte, ja ihre Rituale und Weisheit sogar zu großen Teilen isn kirchliche Leben übernahm, hörte dies mit einsetzendem Kliamwandel plötzlich auf. Wenn vorher das Klima reiche Ernten bescherte, lebeten Volk, Kirche und Adel in relativem Wohlstand. Der Naturglaube war nicht unterdrückt, ja in unzähligen astrologischen Kirchenuhren des 14. Jahrhundert und heidnischer Symbolik vereweigte er sich auch in Kirchenmauern (heute gibt es astrol. KirchenUhren noch im Dom zu Münster, dem Straßburger Münser, der Marienkirche zu Stendal, Lit.: Die Handschrift Gottes lesen - Astrologie, Kösel Verlag 2010) Die Pest, parallel zum Klimawandel eingeschleppt, vernichtete 50% der mitteleurop. Bevölkerung!! Der Papst beauftragte die Dominikaner, -theologische- Ursachen dafür zu suchen. Und die wurden in den heidnischen Bräuchen, (heidnischer) Verhütung und (überwiegend heidnischer) Naturheilmedizin, sowie in deren (auch bzgl. Sexualität) toleranterer, heidnischer "Badehauskultur" gefunden. Wie bei anderen Anlässen zu leicht die Juden, wurden nun die sog. Hexen zum "theologisch untermauerten" Sündenbock herhalten. Die Selbstgeißelungsbewegung der Dominikaner wurde zum Gegenmittel befördert. Dem Adel fehlten durch die Pesttoten genügend Nachwuchs bei den Bauern, die Abgaben zahlen konnten. All das wurde Auftakt der bis dahin beispiellosen Hexenverfolgung (auch Luther lehnte solche Bräuche völlig ab - im Gegensatz zum Mitreformator Melanchthon, der Theologe UND angesehener Professor für Astrologie war http://pathfinder.oyla14.de). Weil natürliche Verhütung jetzt plötzlich kirchlicherseits völlig tabu war, explodierte die Bevölkerung nun förmlich! Was bei ungünstigerem Klima der kl. Eiszeit -was der Artikel zutreffend beschreibt- zu Hunger und Krankheit führte, so wie es auch zum psychologischen Auslöser von Neid, Hass und Unverständnis wurde. Und so im 30-jährigen Krieg mündete - an dessen Ende die alte heidnische Urkultur völlig zerstört und angstbelegt tabuisiert war! Gewonnen hatten beide Staatskirchen.
4. Alles wiederholt sich da wir nicht einsichtig werden!
heinrichp 14.08.2011
Zitat von sysopErst die Verkettung vieler Unglücksfaktoren hat das Desaster heraufbeschworen. Eine der Ursachen war die "Kleine Eiszeit". http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,778430,00.html
Alles wiederholt sich da wir nicht einsichtig werden! Auf der Erde wird es enger: Um 1800 gab es etwa eine Milliarde Menschen, innerhalb von nur 200 Jahren hat sich die Weltbevölkerung versechsfacht. Die Erde verändert ihr Gesicht!! Ausmaß und Tempo der Veränderungen werden davon beeinflusst, was wir in nächster Zukunft tun. Vielleicht aber auch davon, was die Erde tut. Denn ihre Regelkreise und Mechanismen, von denen erst ein winziger Teil erforscht ist, lassen vermuten, dass hinter allem eine überragende Intelligenz steckt. Eine ordnende Kraft, die weit über den Rahmen des menschlichen Ermessens und Berechnens hinausgeht! http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/article-geht-die-welt-unter-47794425.html
5.
Jolly65 14.08.2011
Zitat von DeGe_RichterWem das nciht beklannt vorkommt, der sollte einmal die Medienstimmen zu und Publikationen der Klimaforschung verfolgen. Nein, so dämlich und selbstbezogen wie die Menschen des Mittelalters sind wir heute zum Glück nicht mehr ...
Das trifft eher auf die Leugner dieses Klimawandels zu, die in ihrem Verschwörungsglauben das Naheliegende nicht sehen. Jolly65
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