Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

26. Juli 2011, 00:00 Uhr

Post und Zeitung

Die Macht der Nachricht

Von

Post und Zeitung, damals engverwandt, zählten zu den wichtigen Motoren des Krieges. Desinformation war eine übliche List.

Johann Carolus war gerade 30 Jahre alt, als er sich 1605 an den Rat der Stadt Straßburg wandte. Höflich bat er um ein "Privilegium", das ihm das Monopol verschafft hätte, in Straßburg eine Zeitung herauszugeben. Die Bittschrift des jungen Mannes ist ein Glücksfall für Historiker: Sie ist das erste erhaltene Dokument, das von der Existenz eines regelmäßig gedruckten Nachrichtenblatts berichtet.

In seiner vier Seiten langen "Unterthenigen Supplication" schildert Carolus, dass er schon länger eine Zeitung in Straßburg herausgebe. Vor einiger Zeit aber habe er eine Druckerei gekauft. Nun erscheine schon "das zwölffte mahl" sein Blatt in gedruckter Form, weil es "mit dem Abschreiben langsam Zugangen" sei.

Carolus hatte die Effizienz seiner Zeitungsproduktion erheblich gesteigert, indem er nicht mehr, wie bisher, die eingehenden Nachrichten mit der Hand auf seine Seiten übertrug, sondern die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern nutzte. Im Handbetrieb schaffte ein Zeitungsschreiber damals etwa 15 bis 20 Exemplare pro Woche; mit einer Druckmaschine konnte nicht nur die Auflage erhöht, sondern auch der Preis jedes einzelnen Exemplars gesenkt werden.

Zahlende Abonnenten hatte Carolus bereits: Er berichtet, dass er sein Blatt "ettlichen herren umb ein gewisß jahrgelt" einmal die Woche zustelle. Weil aber der Kauf der Druckerei mit so hohen Kosten verbunden war und auch die wöchentliche Produktion der Zeitung Mühe bereitete, wollte sich Carolus in Straßburg das Monopol sichern. In seiner Bittschrift regte er an, dass Rivalen zur Abschreckung mit einer "gelttstraff" bedacht werden. Carolus stellte den Straßburger Stadtvätern dafür sogar vier Gratis-Abos in Aussicht - doch die antworteten ihm schroff, dass "sein begeren rundt abgeschlagen" sei.+

Zeitungsmacher bezogen ihre Informationen aus Postsendungen

Zum Glück ließ sich Johann Carolus nicht entmutigen und druckte seine Zeitung auch ohne obrigkeitlichen Schutz. Bekannt wurde sein Blatt unter dem Titel "Relation"; die ersten erhaltenen Exemplare stammen aus dem Jahr 1609. Damals lautete der Titel des Jahresbandes "Relation Aller Fürnemmen und gedenckwürdigen Historien so sich hin unnd wider in Hoch unnd Nieder Teutschland auch in Franckreich Italien Schott und Engelland Hisspanien Hungern Polen Siebenbürgen Wallachen Moldaw Türcken Inn diesem 1609. Jahr verlauffen und zutragen moechte".

Eine Zeitung nach heutigen Maßstäben war das aber noch lange nicht. Carolus fehlte dafür jeder redaktionelle Anspruch. Schon auf dem Titelblatt versichert er, die Nachrichten "auff das trewlichst" so in sein Blatt aufgenommen zu haben, wie er sie bekommen habe. Das bedeutet: Weder traf er eine redaktionelle Auswahl, noch hat er die Nachrichten lesbarer formuliert. Zeitungen wie die von Carolus umfassten damals meist vier, manchmal auch acht Seiten in kleinem Format. Die Nachrichten waren geordnet in Blöcken, die sich nach dem Eingang der Korrespondenzen richteten, wie sie mit der Post ankamen.

Ohne Post hätte es die Blätter wohl nicht gegeben. Denn Zeitungsmacher bezogen ihre Informationen in der Regel über Begleitschreiben der Postsendungen, sogenannte Avisen, aus den Städten, die an Postlinien angeschlossen waren.

So war es auch kein Zufall, dass die beiden ersten Wochenzeitungen der Welt, Carolus' "Relation" und der 1609 gegründete "Aviso, Relation und Zeitung" des Wolfenbütteler Druckers Julius Adolph von Söhne, mehr als 90 Prozent ihrer Meldungen nur aus einer Handvoll europäischer Städte bezogen: Antwerpen, Köln, Prag, Wien, Venedig und Rom. Hier lagen die großen Postämter, die als Nachrichtenzentralen und als Tor zur Welt fungierten; hier wurden Ereignisse aus fern und nah aufgeschrieben und weitergeleitet.

"Die mittelalterliche Straße ist zum Verzweifeln lang"

Die Post war zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges aber noch eine relativ neue Erfindung. Gerade mal hundert Jahre alt, bestand sie noch keineswegs aus einem Netz, sondern aus einzelnen Strecken, sogenannten Kursen. Vor allem die in Europa weitverzweigte Familie Taxis hatte sich mit dem Aufbau solcher Poststrecken Verdienste erworben.

Von den bisherigen Reiterboten unterschied sich das neue Postsystem durch das Prinzip der regelmäßigen Staffel: Ein Reiter brachte seine Nachrichten zur nächsten Poststation, von wo aus sie ohne Pause mit einem neuen Reiter und einem frischen Pferd weiterbefördert wurden - selbst über Nacht. Dieses Kettensystem beschleunigte Briefe enorm.

"Die mittelalterliche Straße ist zum Verzweifeln lang" klagte schon der Historiker Jacques Le Goff über das Fernwegenetz; es bestand vor allem aus Resten alter Römerstraßen und natürlichen Passagen. Je nach deren Beschaffenheit betrug die Reisegeschwindigkeit im besten Fall 50 bis 60 Kilometer am Tag, im Durchschnitt eher 20 bis 30.

1516 brauchte ein Brief von Brüssel bis Rom nur noch rund zwölf Tage

Der übliche Abstand zwischen den Poststationen schrumpfte: Anfang des 16. Jahrhunderts lag er bei etwa 30 Kilometern, Ende des Jahrhunderts bei 22 Kilometern. Vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges musste ein Postreiter nur noch 15 Kilometer zurücklegen, bis er seinen Postsack und seine Avisen an einen Kollegen übergeben konnte, der dann mit frischen Pferden weitergaloppierte. In seiner Monografie über die Geschichte der Post und des Hauses Thurn und Taxis berichtet Wolfgang Behringer, dass ein Nachrichtenbrief nun täglich bis zu 200 Kilometer zurücklegen konnte.

Die wichtigste Postlinie zu dieser Zeit führte von Brüssel durch West- und Süddeutschland nach Rom. Städte wie Frankfurt, die abseits davon lagen, mussten ihre Post mit Boten zur nächstgelegenen Station bringen lassen. Von Brüssel bis Rom brauchte ein Brief schon im Jahr 1516 nur noch rund zwölf Tage. In jedem Begleitschreiben ("Aviso") einer Postsendung finden sich Angaben zum Porto, vertrauliche Mitteilungen und die Zahl der transportierten Briefe. Dadurch lässt sich rekonstruieren, dass kurz vor Ausbruch des Krieges jährlich rund 140.000 Briefe von Venedig nach Norden liefen. Die Hälfte davon landete zunächst im wichtigen Postamt Augsburg, von wo aus sie in Süddeutschland weiterverteilt wurden.

Bereits im Dreißigjährigen Krieg schickten sich auch einfache Leute Briefe. So sind rund 50 "Feldpostbriefe" aus Schmalkalden und Nordhessen erhalten, die alle im Juli 1625 geschrieben wurden: Selbstzeugnisse meist einfacher Frauen und Mädchen, die den Männern im Feldlager schrieben.

Häufig zeigen sie Trennungsschmerz, Sehnsucht und Hoffnung auf baldiges Wiedersehen. So schreibt eine junge Mutter: "Ich bin in großer Traurigkeit und bitte Euch tausendmal um Gottes Willen, Ihr wollt mir doch wieder schreiben"; eine andere hofft: "Ihr werdet Eurer Zusage nachkommen und mich ehesten Tages zur Kirche führen." Nicht alle konnten schreiben: Manche erwähnen, dass sie sich die Briefe hätten vorlesen lassen.

Antrag auf Schutz vor der unliebsamen Konkurrenz

Anfang des 17. Jahrhunderts hatte sich die Post auf ihren Hauptlinien etabliert. Es gab nun funktionierende Nord-Süd-Verbindungen mit Anschlüssen an Köln, Hamburg, Wien und Prag. Drei Jahre vor Ausbruch des Kriegs wurde dem Brüsseler Zweig der Familie Taxis die Post als erbliches Reichslehen übertragen; die Mitglieder der Familie bauten fortan ein immer dichteres Netz auf. Einer derjenigen, die daran einen maßgeblichen Anteil hatten, war Johann von den Birghden, der vom Taxis-Clan in Frankfurt eingesetzte Postmeister. Birghden erweiterte aber nicht nur das Zustellnetz, er brachte ab 1615 auch die "Frankfurter Postzeitung" heraus, zunächst ohne Titel und ab 1621 als "Unvergreiffliche continuierende Post Zeittungen".

Während Carolus in Straßburg noch Druckereibesitzer war, setzte von den Birghden als Verleger seinen Schwager ein. Nur zwei Jahre später verklagte ihn ein Konkurrent, der darauf pochte, schon zuvor in Frankfurt eine Zeitung herausgegeben zu haben, und deshalb besonderen Schutz vor der unliebsamen Konkurrenz verlangte.

1618 gab es bereits 20 regelmäßige Nachrichtenblätter

Interessant an diesem Rechtsstreit ist vor allem Birghdens Position. In einem Schreiben an die Frankfurter Stadtväter wurde nämlich zu seinen Gunsten vorgebracht, dass "die zeittungen jederzeit bey den Posten gewesen" seien, die Reichspost also über so etwas wie ein Zeitungsmonopol verfüge.

Auch wenn dieser Anspruch nicht zu halten war: Es fällt doch auf, wie häufig es in dieser Zeit die Postmeister waren, die in verschiedenen Städten als die ersten Herausgeber von Zeitungen in Erscheinung traten. Schließlich saßen sie an der Quelle der Nachrichten und konnten mit ihrem Postlauf auch den Vertrieb der Zeitungen gewährleisten.

Bis heute prägt die frühe Verbindung von Post und Zeitung die Titel vieler Blätter quer durch die Republik, vom "Alb Boten" über die "Schwäbische Post" bis zum "Berliner Kurier". Birghdens gedruckte "Frankfurter Postzeitung" gewann rasch an Auflage: 1625 druckte er 400 Exemplare, 1628 waren es bereits 800.

Nicht zuletzt der Krieg selbst scheint die Nachfrage befördert zu haben. Schließlich war es während der langen Jahre von Kampf und Chaos dringend nötig, über die Heerlager und Truppenbewegungen im Bilde zu sein, schon weil derlei Gefahren einen selbst schnell treffen konnten. So wurde der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 schon etwa zwei Wochen später in der "Frankfurter Postzeitung" vermeldet - allerdings weniger mit Empörung als mit Verständnis für die rebellischen böhmischen Adligen: "Es sollen seltzame Practicken obhanden gewesen seyn derowegen die Herren Ständte sich deß Schlosses gemächtiget wöllen." Ab September 1619 berichtete Birghdens Zeitung dann außerordentlich umfangreich über die anstehende protestantische Königskrönung in Prag.

Erzkanzler verlangte die Ablösung aller Protestanten bei der Post

Die katholische Seite beargwöhnte diese aufkommende Parteilichkeit der "Frankfurter Postzeitung". Im November 1619 beklagte sich der Erzkanzler in einem Brief an den taxisschen Postchef, dessen Angestellter Birghden sei "seiner widrigen Religion halben etwas parteiisch bei der Postabfertigung und Aussprengung der Zeitungen verdächtig". Manche sehen darin den ersten Vorwurf der Meinungsmanipulation in der Geschichte der Presse.

Im gleichen Brief verlangte der Erzkanzler die Ablösung aller Protestanten bei der Post; sie sollten durch loyale Katholiken ersetzt werden. Birghden konnte sich vorläufig halten, aber 1623 wurde er kurz festgenommen und 1627 dann tatsächlich seines Amtes enthoben. Nach Ansicht des Kaisers hatte Birghden in seiner Zeitung "viel unbegründete Sachen" verbreitet. Sein Nachfolger, der Brüsseler Postsekretär Gérard Vrints, trimmte die Postzeitung sogleich auf katholischen Kurs: Die Feldzüge des Kaisers wurden mit freudiger Anteilnahme geschildert und die Aktivitäten der Jesuiten mit viel Verständnis wiedergegeben. Birghden selbst wechselte später ins Lager der Schweden und baute dort ein leistungsfähiges Postnetz auf.

Zu dieser Zeit entstanden überall in Deutschland neue Zeitungen - offenbar wuchs die Käuferschar. 1618 gab es bereits 20 regelmäßige Nachrichtenblätter im deutschsprachigen Raum; am Ende des Krieges waren es dreimal so viele. Manche erschienen mehrmals in der Woche, vor allem solche, die an den Knotenpunkten des Postsystems lagen und häufiger neue Nachrichten erhielten.

Für das Ende des Dreißigjährigen Krieges rechnen Forscher mit bis zu 15.000 Zeitungsexemplaren, die jede Woche in den deutschen Gebieten erschienen. Zu ihren Lesern gehörten dabei nicht nur Fürstenhöfe und Beamte, sondern auch zahlreiche Privatleute. In der fränkischen Kleinstadt Kitzingen etwa leistete sich eine Gesellschaft von 15 Personen erst die lokale Postzeitung, später dann die "Frankfurter Ordinari Zeitung"; andernorts gehörten Studenten zu den Abonnenten.

Der mitten im Dreißigjährigen Krieg geborene Gelehrte Kaspar Stieler rümpfte später die Nase darüber, wer alles bereits Zeitungen las und meinte, mitreden zu können: "Sitzen doch Lackeyen Stallknecht Kalfacter Gärtner und Torhüter beysammen und halten ihr Gespräch aus den Avisen... Also dass sie oft stölzer als der Bürgermeister der Stadt seyn weil sie sich weit mehr als er in Staatssachen zu wissen und erfahren zu haben einbilden."

Die Presse war zum Instrument der Kriegführung geworden

Nachdem die Truppen des Schwedenkönigs Gustav Adolf in Frankfurt einmarschiert waren, konnte Birghden in sein Amt als Postmeister zurückkehren. Neben die Nachrichten aus den traditionellen Postorten Rom, Venedig und Wien traten jetzt auch innerdeutsche Neuigkeiten aus Hamburg, Ulm, Regensburg oder Speyer und Berichte aus dem schwedischen Feldlager.

Je länger der Krieg dauerte, desto parteiischer wurde auch die Postzeitung. Nach der Rückkehr Birghdens vertrat sie in Nachrichtenwahl und Perspektive einen klar antikatholischen Kurs. Gustav Adolf wurde als Schutzherr gefeiert, die Truppen Tillys "Feind" genannt und sogar eine Falschmeldung über Wallensteins Tod gebracht, wohl um den "Feind" zu verwirren. Die Presse war zum Instrument der Kriegführung geworden. Nach der dramatischen Schlacht bei Lützen im Jahr 1632 wurde die gewohnte Anordnung des Blattes sogar zugunsten einer Sondernummer umgeworfen.

1635 empört sich der Mainzer Erzkanzler in einem Brief an Kaiser Ferdinand II., Birghden habe damit geprahlt, dass er mit seiner Zeitung dem Schwedenkönig größere Dienste geleistet hätte, als wenn er ihn mit mehreren Regimentern unterstützt hätte. Zumindest die Herrschenden erkannten den zunehmenden Einfluss der neu entstandenen Presse auf die öffentliche Meinung.

Für den Historiker Wolfgang Behringer ist der Dreißigjährige Krieg daher auch ein "Medienkrieg" gewesen: Information und Desinformation wurden auf neue Art verbreitet, und "der explosionsartige Anstieg der Zeitungs- und Auflagenzahlen, der alle Anzeichen einer Medienrevolution trägt, hat wesentlich dazu beigetragen, binnen einer Generation das Bild der Welt zu verändern".

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL Geschichte 4/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH