Das alte Japan Zähne und Klauen des Kaisers

Getty Images

Von

2. Teil: Je länger die echten Samurai verschwunden waren, desto stärker wurde der Samurai-Mythos


Der ungeliebte Sieger hingegen war nun der mächtigste Mann in Japan. Mit ihm verschob sich das Machtgefüge des Reiches dramatisch. Schon während des Bürgerkriegs hatte Yoritomo begonnen, sein Feldlager in Kamakura zu einer straff organisierten Schaltzentrale auszubauen. Nun machte er den abgelegenen Ort, der Chronisten zufolge zuvor nur von "Fischern und alten Bauern" besucht worden war, zu einer Art königlichen Residenzstadt: Er ließ Heiligtümer, Tempel und prunkvolle Paläste in Kamakura aus dem Boden stampfen und verpflichtete seine Vasallen, ihm hier aufzuwarten.

Mehr als 400 Kilometer entfernt von der alten Kaiserstadt Heiankyo, dem heutigen Kyoto, war plötzlich ein zweites Machtzentrum entstanden, das für Jahrhunderte bestehen sollte. Und hier, in der Provinz, schwangen sich die Samurai endgültig zu Herrschern Japans auf: 1192 wurde Yoritomo vom Kaiser zum "Großen General für die Vertreibung gegen die Barbaren" ernannt. Damit war ein neuer Ehrentitel geboren, der "Shogun" (General). Kamakura galt nun offiziell als Sitz der Militärregierung und wurde mit einer eigenen Verwaltung ausgestattet.

Die Geschicke Japans lenkten mit Shogun und Kaiser fortan zwei Herrscher, die nicht selten miteinander um die Macht rangen. Der unbändige Ehrgeiz, einmal den Shogun stellen zu können, ließ viele Samurai dabei oft ihr hehres Ideal der Aufrichtigkeit vergessen.

Doch gerade erst an der Macht, mussten die konkurrierenden Kriegerclans zunächst gemeinsam gegen einen Gegner kämpfen, der damals die Welt in Schrecken versetzte: den Mongolenführer Kublai Khan. 1274 näherte sich eine Flotte mit wohl 40.000 Kriegern und ging in der Bucht von Hakata im äußersten Süden Japans an Land.

Die Samurai waren den Angreifern klar unterlegen. Sie waren es gewöhnt, in einer Schlacht den ehrenhaften Zweikampf zu suchen. Doch die Mongolen kämpften nicht Mann gegen Mann. Mit einem Regen aus Giftpfeilen und Granaten, die in Japan damals noch nicht bekannt waren, stürzten sie die Samurai ins Chaos und rannten ihren Gegner dann in geschlossener Formation nieder.

Doch in dieser aussichtslosen Lage bewahrte die Urgewalt eines Taifuns das Kaiserreich vor der unabwendbar scheinenden Katastrophe: Ein schwerer Sturm vernichtete einen großen Teil der mongolischen Flotte. Die Japaner deuteten das rettende Unwetter als Hilfe der Götter und sprachen ehrfurchtsvoll von "Kamikaze", "göttlicher Wind" - ein Begriff, der zum Synonym für nationale Rettung in hoffnungsloser Lage wurde. Sieben Jahre später schützte ein weiterer Taifun das Land erneut vor einer gewaltigen Invasion der Mongolen; danach griff sieben Jahrhunderte keine fremde Macht mehr Japan an.

Samurai putschten erfolgreich gegen Samurai

Dafür tobten nun im Inneren blutige Machtkämpfe. Die Abwehrschlachten gegen die Mongolen hatten horrende Summen verschlungen, viele Krieger waren nicht entlohnt worden. Die Unzufriedenheit entlud sich schließlich 1333 in einem Aufstand gegen die herrschende Samurai-Familie der Hojo: Kamakura wurde verwüstet und die neuen Machthaber verlegten den Sitz des Shogun in Kyotos Stadtteil Muromachi. Erstmals hatten Samurai erfolgreich gegen Samurai geputscht.

Bis Ende des 16. Jahrhunderts blieb Japan ein vom Bürgerkrieg zerrissenes Land, in dem der Kaiser immer mehr Einfluss an rivalisierende Regionalfürsten verlor. Es war das "Zeitalter der streitenden Reiche", und damit auch die Hochzeit der Samurai, deren Heldentaten nun regelmäßig in No-Dramen, opulenten Theaterstücken mit kunstvoll geschnitzten Holzmasken, nachgespielt wurden.

Die energischsten und weitblickendsten der Samurai-Feldherren, Oda Nobunaga und Toyotomi Hideyoshi, bereiteten Ende des 16. Jahrhunderts das Ende der Bürgerkriegsära und die Einigung des Inselreichs vor. Um die Herrschaft der nackten Gewalt zu beenden und stabile innenpolitische Verhältnisse zu schaffen, verbot General Hideyoshi 1588 kurzerhand allen Zivilisten den Besitz von Schwertern, Speeren oder Feuerwaffen. Systematisch ließ er im ganzen Land Waffen einsammeln; Bauern sollten wieder ihre "ungeteilte Aufmerksamkeit der Landwirtschaft und Seidenraupenzucht widmen". Hideyoshi befriedete so sein Land - und stärkte den Status der Samurai als professionelle Kämpfer.

Wenig später ging er mit seiner Armee sogar auf Expansionszug und fiel mit 200.000 Mann in Korea ein, um von dort aus China zu erobern. Doch der Feldzug scheiterte und wurde nur durch die ungeheure Brutalität der Samurai berühmt: Die vermeintlich tugendhaften Ritter richteten ein Blutbad an und kehrten 1598 mit 76.000 eingepökelten Ohren ihrer Gegner nach Japan zurück.

Es war einer der letzten spektakulären Auftritte der alten Kriegerkaste. Wenige Jahre später eroberte die Tokugawa-Dynastie die Macht, deren Shogune die alten Rivalitäten dauerhaft eindämmen und das Land bald endgültig befrieden konnten. Diese Entwicklung leitete den langsamen Abstieg der Samurai ein, deren Kriegshandwerk unnütz wurde. Viele hatten zudem bei der Reichseinigung ihre Landgüter verloren und zogen in die Burgstädte. Gekämpft wurde bald nur noch auf Turnieren. Notgedrungen gingen die Samurai in die Verwaltung, wendeten sich geistigen Schriften zu oder arbeiteten wenig standesgemäß als Handwerker und Kleinhändler.

Der Staat musste die Samurai unterstützen

Selbst einst wohlhabende Samurai, notierte ein Beobachter im 18. Jahrhundert, "befinden sich in solch einer trostlosen Lage, dass sie sich im Sommer kein Moskitonetz leisten können und im Winter ohne warme Decken auskommen müssen". Der Staat musste die Samurai, denen zu besten Zeiten rund 1,5 Millionen Japaner angehört hatten, nun mit üppigen Zuschüssen unterstützen.

Als Japan jedoch begann, sich radikal zu modernisieren, 1872 die allgemeine Wehrpflicht einführte und die traditionellen Privilegien der Samurai gesetzlich aufhob, riskierte ein Teil des Kriegerstandes 1877 den Aufstand. In der Provinz Satsuma lieferten sich Regierungstruppen eine erbitterte Schlacht mit über 20.000 Rebellen - die Kämpfer beider Seiten entstammten dem gleichen Kriegerstand. Die Moderne siegte, und Rebellenführer Saigo Takamori suchte den Tod auf dem Schlachtfeld.

Je länger die echten Samurai verschwunden waren, desto stärker wurde der Samurai-Mythos. Am Ende des Zweiten Weltkriegs schworen skrupellose Militärführer junge Piloten auf das ideologisch hergerichtete Leitbild des Samurai ein, der im Opfer für seinen Herrscher die Erfüllung findet. Als "Kamikaze"-Flieger sollten sie mit ihren Maschinen das Wunder der "göttlichen Winde" wiederholen, die Japan einst vor den Barbaren errettet hatten. Sogar die japanische Mafia, die Yakuza, rühmt sich gern ihrer angeblichen Samurai-Tradition und begeht ihre Verbrechen häufig mit traditionellen Lang-schwertern.

Von einem wahnhaftem Mythengebräu war auch Otoya Yamaguchi berauscht, als er im Oktober 1960 den Sozialistenführer Inejiro Asanuma rituell niedermetzelte. Kurz nach dem Attentat schrieb der Ultranationalist mit Zahncreme ein sonderbares Menetekel an die Wand seiner Gefängniszelle: "Sieben Leben für mein Land. Zehntausend Jahre für seine kaiserliche Majestät, den Tenno!"

Die Botschaft spielte auf den kaisertreuen Samurai Kusunoki Masashige an, der sich im 14. Jahrhundert lange erfolgreich gegen eine gewaltige militärische Übermacht gewehrt haben soll. Erst in aussichtsloser Lage, heißt es, stürzten sein Bruder und er sich in ihre Schwerter - nicht ohne einander zuvor lachend zu wünschen, wiedergeboren zu werden, um die Feinde des Kaisers zu zerschmettern.

Der junge Attentäter Yamaguchi beendete sein Leben weniger heroisch: Mit zusammengeknoteten Fetzen des Bettlakens erhängte er sich in seiner Zelle.



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
heinrichp 23.10.2011
1. Samurai
Zitat von sysopEinst eine Art Söldnertruppe, stiegen die Samurai-Krieger im 12. Jahrhundert zum herrschenden Stand Japans auf. In der Moderne speiste ihr Mythos Nationalismus und Rechtsradikalismus. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,791848,00.html
Es ist wie in den Religionen der heilige Krieg, so der Samurai, was bis heute nicht verstanden wurde. Es ist der innere Krieg in uns selbst. In der Bhagavad- Gite wird es uns erklärt: Dialog zwischen Krishna (Avatar, Gott) und seinem Freund Arjuna, einem Prinzen, der in den Krieg ziehen soll, aber mutlos ist. Krishna probiert, Arjuna zu überzeugen, dass er kämpfen muss, wobei der Leser bald merkt, dass der Krieg metaphorisch zu verstehen ist: als eine innere Schlacht mit den eigenen inneren "Dämonen". Wir erfahren, dass unsere wirklichen Feinde nicht draussen, sondern in unserem Inneren sind: unser Verlangen, unser Zorn und alle unsere Begierden; sie gilt es zu bekämpfen. http://www.amazon.de/Bhagavadgita-Gottes-zeitgem%C3%A4%C3%9Fe-Version-westliche/dp/3442216079/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1319354969&sr=8-1
AKI CHIBA 23.10.2011
2. Bitte nicht als Besserwisserei aburteilen
Es ist verdienstvoll Geschichte den Menschen auf unterhaltsame Weise nahezubringen. Aber die historische Pflicht zu Korrektheit muss gewahrt bleiben. Den Samurai als ewigen Krieger und Seppuku-Selbstmörder stilisieren dient dem nicht. 1. Seit 700 ist außer den genannten Clans die Fujiwara-familie die einflussreichste über Jahrhunderte - insbesondere in ihrer politikgestaltenden Funktion am Hof zu Kyoto. 2. Die vom Autor anschaulich geschilderten Clan-Kriege kulminierten in der Herausforderung der Kaiserstadt Heian-kyo (Kyoto) durch die Fujiwarafamilie, die ihr Herrschaftszentrum im Norden in Hiraizumi hatte. Es war der glanzvolle Rivale mit wohl 300000 Einwohnern von ca. 1000 - 1200 n.C. Es hätte -um der historischen Wahrheit die Ehre zu geben- herausgearbeitet werden müssen, dass die Fujiwara 200 Jahre Frieden und eine grandiose kulturelle Blüte kreierten! Der Samurai Yoshitsune ist nach Hiraizumi gefüchtet, wohin ihm Yoritomo no Minamoto in seiner Gnadenlosigkeit folgte. Der letzte Fujiwara war dem nicht gewachsen und verriet Yoshitsune. Die Folge: Hiraizumi wurde dem Erdboden gleichgemacht. Heute ist Hiraizumi ein kleines Städtche in Iwate nicht weit von Fukushima. Am 11.Sept. trat im dortigen Motsu-ji Tempel das Count-Basie-Orchester auf. In Memoriam Tsunami. Motsu-ji hat den Rang eines "Staatsschatzes" - wird wohl bald Weltkulturerbe. Vielleicht sollte man auch erwähnen, dass auch die Dichtkust unter den Fujiwara aufblühte. Dazu zählt der bedeutendste Haiku-Dichter Basho, der den Samurai ein beeindruckendes Haiku widmete: Des Kriegers Träume! Samurai haben nicht nur zwei Schwerter. Sie können auch Träume haben!
amerlogk 23.10.2011
3. ....
Und wo ist der aktuelle Bezug? Die japanische Geschichte anhand eines Standartwerks lang gehangelt und die reißerischen Elemente des Hagakure zitiert. Besonderen Rechtsradikalismus hab ich in letzter Zeit in Japan nicht bemerkt. Wie wäre es mal mit brisanteren Abschnitte aus dem Hagakure in Bezug auf die Bankenkrise? Sinngemäß zitiert. Ein Gefolgsmann der nur über Talent verfügt ist ohne Wert für seinen Lehensherrn. Den ohne Loyalität und Liebe zu seinem Herrn wird er bei der ersten Gelegenheit ihn für besseren Sold verlassen. Hingegen ist jener Gefolgsmann der keine besonderen Begabung hat, aber mit ganzem Herzen ihm Loyal und Treu ist von Wert. Den er wird keine Mühsal scheuen zu lernen und sich nützlich zu machen. Das ist ein Arbeitgeber-Arbeitnehmer Verhältnis das komplett konträr ist zu dem angelsächsischen Modell. Und zur Homosexuallität, den alten Tsunetomo richtig wiedergeben. Für ihn war Homosexualität ein gewichtiges Thema, weil die Liebe zwischen zwei Männern ein solch enges Verhältnis herstellt, das diese ihre Beziehung über ihre Loyalität zu ihrem Lehensherren stellen. Was in gewisser Weise ein großes Kompliment ist. Ansonsten äußert er sich darüber wie ein junger Samurai sich einem Älteren nähern sollte.
autocrator 23.10.2011
4. mythos durch sprachgebrauch
es ist schon interessant, wie man/mensch sich an seiner sprache zu berauschen vermag. Beispiel: die erste bildunterschrift (Zitat:) "Das Schwert war ihre Seele. Sie waren treu bis in den Tod. Verloren sie ihren Herren, begingen sie Selbstmord." - So ein schwachsinn! Ein schwert ist ein längliches stück metall, das scharfgeschliffen wurde. nicht mehr, nicht weniger, punktum. Es hat keine oder stellt auch nicht dar eine wie auch immer geartete "Seele" - zumaldie existenz von "Seelen" mitnichten bewiesen ist. Die treue der Samurai ... es lassen sich bestimmt hunderte von geschichten für verrat, ignoranz, verfolgung eigener interessen, politische intrige etc. finden ... da wird das ideal mit der realität verwechselt ; ähnlich wird es sich mit dem o.g. Selbstmord verhalten. Alles reiner Mythos, ohne substanz, allerhöchstens von ein paar ausnahmemenschen so auch mal wirklich gelebt. Das verhält dort sich nicht anders als beim abendländischen christentum: so sehr demütig, fürsorgend, nächstenliebend, helfend, gottvertrauend usw., wir das christliche ideal es gerne hätte, sind wir nicht: Wohl eher im krassen gegenteil. Unsere geschichte ist geprägt von Hass, Gewalt, Sadismus, Intoleranz, Mord, Verlogenheit ... an dieser tatsache ändern auch ein paar Heilige wie Franciscus von Assisi oder Edith Stein o.ä. absolut nichts. Leider verstiege sich der Artikel in die reproduktion des Samurai-Mythos - alleine schon durchseinen Sprachgebrauch. Es ist halt schwer, hinzusehen und zu beschreiben was IST, und nicht, was man glaubt oder gerne hätte, was sei.
amerlogk 23.10.2011
5. ...
da häng ich mich doch mal an Aki Chiba ran. Das Tokugawa Shogunat hat von 1600 bis 1853 Japan weitesgehenden Frieden geschaffen, das Land weitreichend abgeschottet. Warum ist das Interessant? Japan ist nicht übermäßig mit Rohstoffen gesegnet. Es ist das einzige mir bekannte Model einer erfolgreichen Abschließung und damit für einen nachhaltigen Staat. Ach ja... aktueller Bezug, der Untergang des Tokugawa Shogunat, da haben die Händler auch ihren Anteil dran gehabt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL Geschichte 5/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.