Palästina zu Zeiten Jesu Die Trümmer von Galiläa

Was sah Jesus, als er durch Palästina zog? Die Archäologie gibt faszinierende Einblicke in ein reiches Land, in dem alte und neue Ideen aufeinanderprallten - und das schon damals Schauplatz unvorstellbarer Gewalt war.

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Corbis

Als ein Jahr nach dem Sechstagekrieg 1967 die Bagger anrückten, um Häuserfundamente auf dem von Israel eroberten Hügel Givat Hamivtar in Ostjerusalem auszuheben, stießen sie auf Gräber. An sich nichts Ungewöhnliches in einem Boden, der seit mehr als 5000 Jahren besiedelt ist. Normalerweise werden die Knochen in solchen Fällen herausgeholt, archäologisch untersucht und woanders wieder in die Erde hineingesetzt - ohne viel Aufhebens darum zu machen. Doch diesmal waren die Bagger zwischen den Resten der jordanischen Schießanlagen auf etwas gestoßen, das sich nicht so routinemäßig erledigen ließ - es war eine steinerne Knochenkiste, ein Ossuarium. Darin lagen Knochen einer Frau, eines Kindes und von "Jehohanan, Sohn des HGQWL".

Jehohanan war im Jahr 7 nach Christus als junger Mann keines natürlichen Todes gestorben. In seinem rechten Fersenknochen steckte ein 11,5 Zentimeter langer Eisennagel, darunter noch die Reste eines Olivenstammes: Jehohanan hatte sein Leben am Kreuz beendet.

Die Ferse war eine Sensation. Zuvor gab es keine archäologischen Funde von Gekreuzigten. In der Regel durften die Hingerichteten nicht bestattet werden, ihre Körper endeten zumeist als Tierfutter oder auf den Müllkippen der Stadt. Auch die Balken blieben nicht stehen - Holz war ein rares Gut und wurde möglichst oft recycelt. Und die Nägel blieben schon mal gar nicht übrig. Sie galten als Heilmittel für allerlei Krankheiten. Der römische Gelehrte Plinius (23 bis 79 n. Chr.) etwa empfahl einen in Wolle gewickelten Kreuzigungsnagel als Arznei gegen Fieber. Kein Wunder also, dass Jehohanans Fersenbein bis heute der einzige archäologische Nachweis einer Kreuzigung ist, den wir kennen.

Entsprechend dem israelischen Gesetz wurden auch Jehohanans Knochen wieder zur Ruhe gebettet, nachdem er penibel vermessen, fotografiert und analysiert worden war. Die Daten halfen den Anthropologen, den Tod am Kreuz besser zu verstehen.

Sie lieferten die Erkenntnis, dass er nicht mit gekreuzten Beinen, sondern mit je einer Ferse links und rechts seitlich an den Balken genagelt starb.

Mit Spaten und Pinsel nach dem Heiland suchen

Die Archäologie soll uns die historische Figur Jesus und seine Zeit nahebringen. Die Versuchung ist deshalb groß, mit Spaten und Pinsel nach dem Heiland zu suchen. Im Boden liegen Skelette von Menschen, denen er vielleicht die Hand geschüttelt hat. Teller, von denen er aß. Boote, auf denen seine Jünger auf den See Genezareth hinausfuhren, um Fische zu fangen. Häuser, an denen sein Vater als Zimmermann mitbaute.

Doch die Suche kann Zeugnissen für das Neue Testament birgt auch die Gefahr von Missverständnissen. Denn wer mit der Bibel in der einen und dem Spaten in der anderen Hand loszieht, wird nur das finden, was er sucht. Er wird kein vollständiges Bild Galiläas um die Zeitenwende erhalten, sondern nur einen kleinen, wahrscheinlich verzerrten Ausschnitt.

Galiläa zur Zeit Jesu war ein spannendes Terrain. Eine strategisch wichtige Durchgangsstation, an der sich Handelsrouten von Nord nach Süd und von West nach Ost kreuzten. Eine Region, in der die aufstrebende Macht Rom nach der Herrschaft griff. Ein Ort, an dem alter Glaube und Tradition mit neuen Ideen, Werten und Machtformen konkurrierten - mit allem Aufruhr, der zu einem solchen Prozess gehört. Und trotz aller Umwälzungen eben auch ein Landstrich, dessen Bauern wie jeden Tag seit Jahrhunderten auf die Felder gingen und die Fischer auf den See fuhren. "Unsere Frage lautet also nicht: "Wie lebte Jesus? Sondern vielmehr: Wie lebte man damals in Galiläa?", erklärt der Archäologe Jürgen Zangenberg von der Universität Leiden.

"Größeres Dorf" mit 600 bis 1000 Einwohnern

Jesus wählte Kapernaum am Nordufer des Sees Genezareth als Wohn- und Wirkstätte. Heute gehören große Teile des Geländes dem Orden der Franziskaner, die dort seit Beginn des 20. Jahrhunderts archäologische Ausgrabungen durchführen. Auf den Nachbargrundstücken gräbt die griechisch-orthodoxe Kirche. Dabei kommt ein Kapernaum um die Zeitenwende zutage, das mit 600 bis 1000 Einwohnern die Bezeichnung "größeres Dorf" verdiente. Der Alltag der Einwohner muss in sehr beschaulichen Bahnen verlaufen sein, das lassen die Häuser vermuten, die von den Franziskanern ausgegraben wurden. Geräumige Gebäude aus grob behauenen Feldsteinen. Ställe, Wohn- und Lagerräume gruppierten sich um kleine Höfe, von rechtwinkligen Gassen in regelmäßige Straßenblöcke zerteilt.

So lebten Großfamilien mehrerer Generationen mit ihren Bediensteten plus Tieren unter einem Dach. Offensichtlich musste niemand dem Nachbarn etwas neiden - der Zuschnitt der Wohnhäuser zeigt, dass sich die Besitztümer kaum voneinander unterschieden. Weder gab es in diesem Wohnviertel größere Häuser, die auf besonderen Reichtum hindeuten würden, noch fanden die Ausgräber ungewöhnlich kleine Hütten. Offenbar stand jedem der gleiche Platz und damit auch ein ähnliches soziales Ansehen zu.

Viel zu tun gab es nicht, die Einwohner verbrachten ihre Tage mit Ackerbau und Fischfang. Doch sie waren bei weitem keine Hinterwäldler. Immerhin zogen regelmäßig Karawanen auf dem Weg von oder nach Jerusalem, Tiberias, Sepphoris, Ptolemais oder Damaskus am Dorf vorbei. Im Gepäck hatten sie neben Neuigkeiten auch hübsche Dinge aus Glas oder feiner Keramik, alles stets nach der neuesten Mode.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
spielr 25.12.2011
1.
Zitat von sysopWas sah Jesus, als er durch Palästina zog? Die Archäologie gibt faszinierende Einblicke in ein reiches Land, in dem alte und neue Ideen aufeinander prallten - und das schon damals Schauplatz unvorstellbarer Gewalt war. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,804890,00.html
Dem Interessenten emfehle ich 2 Bücher über die Qumran-Rollen zu lesen, und zwar: Jesus und die Urchristen von R. Eisenmann u. M. Wise, erschienen 1992 im Bertelsmann-Verlag sowie Verschlusssache Jesus von M. Baigent u. R. Leigh, 1991 Droemer Knaur
ofelas 25.12.2011
2. Wissenschaft
Zitat von sysopWas sah Jesus, als er durch Palästina zog? Die Archäologie gibt faszinierende Einblicke in ein reiches Land, in dem alte und neue Ideen aufeinander prallten - und das schon damals Schauplatz unvorstellbarer Gewalt war. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,804890,00.html
Genau so interessant, wie sah Jesus selbst aus. Dazu habe ich in National Geographic einen Beitrag gesehen, wissenschaftlicher und forensiche Spezialisten der Polizei haben nach Beschreibungen und archelogischen Funden (Skeletten) den fuer die Zeit typischen maennlichen Vertreter der Region modelliert. Keine Ueberraschung Er sah hoechstwahrscheinlich ganz anders aus als wir immer darstellen (verwestlichter Jesus) die gesichtsform war den eines Menschen aus dem Nahen-Mittleren Ostens nahe, hatte dunkle Haar, dunkle Augen und oliv farbene Haut.
Mario_4815162342 25.12.2011
3. Schmarr'n
Das hat alles mit echter Wissenschaft rein gar nichts zu tun, sondern nimmt die Existenz von Jesus Christus als gegeben voraus und erzählt dann, wie durchschnittliche Menschen zu der Zeit gelebt, ausgesehen, gegeseen haben etc. Es gibt aber historisch keinen einzigen Beweis, dass es einen Jesus Christus überhaupt gegeben hat, außer als mythologische Figur natürlich. Mehr dazu hier: MARIOLANDblog - Blog über Gott und die Welt: DER UNSICHTBARE MANN (Der Mythos Jesus Teil 1) (http://mariolandblog.blogspot.com/2010/07/der-mythos-jesus-teil-1-der-unsichtbare.html)
südd. 25.12.2011
4. Propaganda
Zitat von Mario_4815162342Das hat alles mit echter Wissenschaft rein gar nichts zu tun, sondern nimmt die Existenz von Jesus Christus als gegeben voraus und erzählt dann, wie durchschnittliche Menschen zu der Zeit gelebt, ausgesehen, gegeseen haben etc. Es gibt aber historisch keinen einzigen Beweis, dass es einen Jesus Christus überhaupt gegeben hat, außer als mythologische Figur natürlich. Mehr dazu hier: MARIOLANDblog - Blog über Gott und die Welt: DER UNSICHTBARE MANN (Der Mythos Jesus Teil 1) (http://mariolandblog.blogspot.com/2010/07/der-mythos-jesus-teil-1-der-unsichtbare.html)
Seit Hundert Jahren versuchen Atheisten zu beweisen, dass Jesus nicht gelebt hat, bis jetzt ohne Erfolg! Man kann über die Theologische Deutung von Jesus Leben unterschiedlicher Meinung sein. Nicht nur Schriftzeugnisse sondern auch Archelogische Ausgrabungen haben die Existenz bzw. sakrale Bauten die kurz nach dem Tod Jesus errichtet worden sind bewiesen.
fuzzi-vom-dienst 25.12.2011
5. stimmt
Zitat von Mario_4815162342Das hat alles mit echter Wissenschaft rein gar nichts zu tun, sondern nimmt die Existenz von Jesus Christus als gegeben voraus und erzählt dann, wie durchschnittliche Menschen zu der Zeit gelebt, ausgesehen, gegeseen haben etc. Es gibt aber historisch keinen einzigen Beweis, dass es einen Jesus Christus überhaupt gegeben hat, außer als mythologische Figur natürlich. Mehr dazu hier: MARIOLANDblog - Blog über Gott und die Welt: DER UNSICHTBARE MANN (Der Mythos Jesus Teil 1) (http://mariolandblog.blogspot.com/2010/07/der-mythos-jesus-teil-1-der-unsichtbare.html)
Völlig korrekt! Es gibt keinen einzigen stichhaltigen Beweis für die Existenz dieses Gurus, dessen nach ihm benannte Religion seit 2 Jahrtausenden Blut und Tränen brachte. Die sorgfältige römische Buchführung verzeichnet keine passende Kreuzigung. Die Evangelien wurden vom Hörensagen Jahrzehnte nach dem Tod dieses todbringenden Heilands zusammenfantasiert. Herodes lebte auch zu einer ganz anderen Zeuit. Das Ganze ist bei objektiver Betrachtung wirklich mehr als zweifelhaft und allemal KEINEN Artikel im SPIEGEL wert. Schöne Weihnachten trotzdem!
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© SPIEGEL Geschichte 6/2011
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