Medizinhistoriker nehmen die antiken Ärzte indes in Schutz: "Das waren keine Sadisten, sondern Routiniers mit wenigstens einem Mindestmaß an Ausbildung", sagt Christian Schulze. Auch sein Kollege Leven mahnt, "die technischen Fertigkeiten antiker Chirurgen nicht zu unterschätzen".
So konnten die Urväter der Medizin etwa bei Knochenbrüchen durchaus segensreich wirken. Überraschend erfolgreich verliefen auch zahlreiche sogenannte Trepanationen, bei denen Kranken der Schädel geöffnet wurde. Knochenfunde beweisen, dass dieser Eingriff seit mehreren tausend Jahren immer wieder durchgeführt wurde, auch in der Antike. An vielen der Schädel konnten Wissenschaftler dabei Heilungsspuren nachweisen. Hippokrates (um 460 bis 370 v. Chr.) gab in seinen Schriften auch Anweisungen für die delikate Schädeloperation.
Um das Medizinwissen der Jesuszeit war es allerdings höchst unterschiedlich bestellt. Intellektuelles Zentrum war unzweifelhaft Griechenland. Hier verfassten Denker über Jahrhunderte zahlreiche medizinische Schriften und erhoben so die Heilkunst zur Wissenschaft. Viele der Werke sind uns heute jedoch allenfalls als mittelalterliche Abschrift bekannt.
Wichtigstes Konzept der griechischen Medizin war die Säftelehre
Das wichtigste Konzept der griechischen Medizin war zweifellos die sogenannte Säftelehre. Entwickelt wurde sie um 400 v. Chr. von Hippokrates und seinen Schülern. In jedem von uns, so lautete ihre Theorie, pulsieren vier Flüssigkeiten als Lebensträger: gelbe Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim. Wenn das sensible Gleichgewicht der Substanzen gestört wird, bei einer sogenannten Dyskrasie, tre-ten Krankheiten auf. Dann konnte ein Arzt zum Beispiel mit einem Aderlass die Menge des Blutes reduzieren. Und mit einem Abführmittel oder durch Erbrechen ließ sich die Galle nach draußen befördern.
Außerdem konnte er dem Kranken eine gezielte Diät verordnen. Die Nahrungsmittel wurden dazu wie auch die Säfte in die vier Kategorien eingeteilt: Heiß und kalt standen sich ebenso gegenüber wie feucht und trocken. Wer also eine "heiße" Erkrankung - Fieber - hatte, der sollte mit einem "kalten" Gericht kuriert werden, Fisch zum Beispiel. Die Säftelehre und die aus ihr abgeleiteten Gesundheitsregeln hatten über lange Zeit Bestand, im Prinzip bis zum Aufkommen der modernen Medizin im 19. Jahrhundert.
Anatomisch waren die Hellenen dagegen überraschend gut im Bilde. Vor allem die Gelehrten Herophilos von Chalkedon (etwa 330 bis 255 v. Chr.) und Erasistratos (etwa 305 bis 250 v. Chr.) sind bekannt für ihre Erkundungsreisen ins Körperinnere, bei denen sie unter anderem Lungenvene und -arterie entdeckten, den Unterschied zwischen motorischen und sensorischen Nerven, die Netzhaut des Auges, die Eileiter, die innenliegenden männlichen Geschlechtsorgane und manches mehr.
Blutige Schnippeleien an lebenden Probanden
Allerdings streiten Forscher heute darüber, ob die wissbegierigen Anatomen ihre Erkenntnisse bisweilen auch durch sogenannte Vivisektionen, also blutige Schnippeleien an lebenden Probanden, gewannen. Der Römer Celsus behauptet, die hellenischen Anatomen hätten ihr Wissen an bedauernswerten Strafgefangenen erprobt. Doch möglicherweise, so vermuten Forscher heute, wollte der Römer seinen Kollegen auch nur aus Neid üble Geschichten andichten.
Auch im alten Ägypten und im Nahen Osten gab es eine beachtenswerte Medizintradition. Reste einer Hausapotheke haben Archäologen sogar in mehr als 5000 Jahre alten Gefäßen aus der Zeit der ersten Pharaonen gefunden. In Tonkrügen im Grab des Pharaos Skorpion I. konnten Forscher um Patrick McGovern von der University of Pennsylvania Spuren von Heilkräutern nachweisen. Diese seien zerrieben oder als Sud in Getränke wie Wein gekippt worden - zum Beispiel, um Magenprobleme zu bekämpfen. Dokumente wie der 3600 Jahre alte Papyrus Edwin Smith (benannt nach seinem Entdecker) beschrieben außerdem anhand konkreter Fälle die überraschend weit ausgeprägten chirurgischen Fähigkeiten der ägyptischen Mediziner. Einige Mumien lassen erfolgreiche Fußamputationen vermuten. Allerdings setzten die Ärzte der Pharaonenzeit vor allem in schweren Fällen auch auf Magie.
Im Römischen Reich, in dem Jesus sich bewegte, hatte man sich lange Zeit fast ausschließlich mit allerlei mystischen Hausrezepten beholfen, anzuwenden vom "Pater familias", also dem Haupt des Haushalts. So empfahl Staatsmann Cato ein zweifelhaftes Mittel gegen fast alle Leiden: Kohl.
Wichtiges Thema für die Mediziner der Antike war die Medikamentenkunde
Erst um die Zeitenwende öffneten sich die Römer langsam für die jahrhundertealte Medizinkultur aus dem Osten. Knapp zwei Jahrhunderte nach Jesu Wirken schreibt Galenos von Pergamon (um 129 bis 199) mehrbändige Werke zu Medizinfragen. Von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften werden sie im Rahmen des Projektes "Corpus Medicorum" gerade für das Digitalzeitalter aufbereitet.
Ein wichtiges Thema für die Mediziner der Antike war die Medikamentenkunde. Der Medizinhistoriker Schulze spricht von "einer großen Begeisterung für alles Pharmazeutische". Allerlei wundersame Substanzen wurden da gemixt - Krokodilkot, das Blut exekutierter Strafgefangener, Straßendreck und so weiter. Doch nicht nur solch kuriose Ingredienzen, auch veritable - und durchaus wirksame - Heilpflanzen wurden verarbeitet. So listet der griechische Pharmakologe Pedanios Dioscurides (um 40 bis 90) in seiner "Materia Medica" rund 1000 Arzneibestandteile auf, davon 810 pflanzlicher Natur. Vor allem bei chronischen Leiden mögen antike Ärzte damit durchaus segensreich gewirkt haben. Allerdings ist die Erfolgskontrolle aus heutiger Sicht extrem schwierig - schon allein deswegen, weil Forscher Probleme mit der Identifikation vieler der genannten Pflanzen haben.
Das frühe Christentum stand der medizinischen Heilkunst zunächst recht kritisch gegenüber, zu fremd schienen die heidnischen Ansätze der Medizin. Was blieb vom Wunderheiler Jesus Christus, wenn profund ausgebildete Ärzte in manchen Fällen Ähnliches erreichten? Doch überraschend schnell freundeten sich die Kirchenväter dann mit den Medizinern an. Man fand, wie Christian Schulze erklärt, einen recht pragmatischen Ansatz: "Die Medizin kommt von Gott, die Ärzte auch."
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