Iwan IV. Der zornige Zar

Corbis

3. Teil: Die Opritschniki bilden die neue Stütze der Zarenmacht


Während dieses Krieges, der die Kräfte Russlands ebenso auszehrt wie die seines Zaren, erlebt Iwan seine bitterste Enttäuschung. Fürst Andrej Kurbski, der mit ihm Kasan erobert hatte, sein enger Vertrauter und Statthalter in Livland, wechselt Ende April 1564 bei Dorpat die Fronten. Mit ihm ziehen Anhänger und Untergebene. Polens König Sigismund II. August beschenkt den Überläufer mit großen Ländereien. Schließlich führt Kurbski polnische Truppen gegen die Russen in den Kampf.

In Briefen an den Zaren beklagt der Abtrünnige dessen gewalttätiges Regiment. Iwan wiederum wirft Kurbski vor, er habe ihn wegen materieller Vorteile verraten und "des Leibes wegen die Seele vernichtet". Die "Selbstherrschaft" des Zaren, so Iwan, sei nun einmal "nach Gottes Ratschluss" gegründet. Eindringlich beschreibt der Monarch, wie er seine Aufgabe versteht: "Und immerdar geziemt es den Herrschern, umsichtig zu sein: hier sehr milde, dort grimmig; für die Guten Gnade und Milde, für die Bösen Grimm und Pein. Wenn er aber das nicht hat, so ist er gar kein Zar; denn der Zar ist nicht in den guten Werken, sondern den bösen zu fürchten."

Die Affäre Kurbski macht aus Iwan IV. endgültig Iwan Grosny, den "Gestrengen", den man im Westen bald "den Schrecklichen" nennen wird. Dass er sich die Bojaren zu Feinden auf Lebenszeit gemacht hat, weiß der Potentat schon lange, spätestens seit einer schweren Erkrankung im Jahre 1553. Da zögern angeblich viele Fürsten, die Bitte des Zaren zu erfüllen, seinem kleinen Sohn Dmitrij die Treue zu schwören - um dem Zaren die Erbfolge zu sichern, falls er stirbt.

Der Fall Kurbski zeigt aus Sicht des Selbstherrschers, dass die Bojaren sogar potentielle Landesverräter sind, bereit, sich an ausländische Feinde Russlands zu verkaufen.

Nach dem Auszug des Zaren sind die Moskauer bestürzt und hilflos

Ein halbes Jahr danach, im November 1564, entschließt sich der Zar zu einem dramatischen Schritt. Er ruft Bojaren und Geistliche im Moskauer Kreml zusammen. In einer Rede klagt er über Untreue und Verrat. Überraschend verkündet er, er lege seine Herrschaft nieder. Vor den verblüfften Zuhörern zieht er sein Ornat aus, setzt die Krone ab und verlässt bald darauf den Kreml.

Am 3. Dezember lässt er mehr als hundert Schlitten beladen und fährt mit Familienangehörigen und Gefährten auf verschneiten Wegen aus der Hauptstadt. Die Reise endet in Alexandrowa Sloboda, einem Landsitz 100 Kilometer nordöstlich von Moskau.

Die Moskauer sind bestürzt und hilflos. Da bringen Reiter Anfang Januar 1565 eine Zaren-Botschaft, die vor dem Volk verlesen wird. Iwan klagt erneut die verräterischen Bojaren an und verkündet sogleich, gegen das Volk von Moskau hege er keinen Groll.

Nun geschieht, worauf der Zar gesetzt hat: Eine große Delegation der Moskauer zieht nach Alexandrowa Sloboda, mit Kirchenfahnen und Ikonen, singend und betend. Das Volk will seinen Zaren zurück. Der stellt Bedingungen: Mit "Verrätern" werde er verfahren, wie er es für richtig halte. Und der Staat werde radikal umgebaut.

Opritschnina heißt das Zauberwort der erneuerten Zarenherrschaft. Der Begriff bedeutete ursprünglich den abgesonderten Teil eines Erbes.

Mit den Opritschniki kommt ein Terrorregime auf Touren

Praktisch geht es um einen Staat im Staate. Die Opritschniki, eine dem Zaren ergebene Garde, bilden die neue Stütze der Herrschermacht. Die Männer gehören überwiegend zum Dienstadel, einer Schicht, die gut 18.000 Mann zählt. Iwan Grosny unterstellt der Opritschnina große Teile des russischen Territoriums, den Südwesten Moskaus inklusive. Die restlichen Gebiete verbleiben als "Semschtschina" unter der Bojaren-Duma.

Die Opritschniki, zunächst 1000 Mann, bald darauf 6000 Kämpfer, leisten dem Zaren einen besonderen Treueeid. Sie tragen schwarze Kittel und führen an ihren Pferden einen Hundekopf und Besen als Abzeichen. Als Sicherheitsdienst sollen sie Feinde des Herrschers wie Hunde aus der Heimat jagen.

Erstmals zeigt sich, so der Moskauer Historiker Andrej Firsow, "dass Russland Krisen mit außerordentlichen Kommissionen bewältigt" - eine Anspielung auf die spätere bolschewistische Geheimpolizei.

Mit den Opritschniki, meist jungen Aufsteigern aus dem Dienstadel, kommt ein Terrorregime auf Touren. Der Orden unter dem Hundekopf verschafft seinen Mitgliedern Landgüter der Bojaren, die gewaltsam umgesiedelt werden. In Alexandrowa Sloboda errichtet der Zar mit der Opritschnina eine zweite Hauptstadt. Diese Festung hinter Wall und Graben verlässt der Herrscher nur unter dem Schutz einer Sicherheitstruppe. Entspannung findet Iwan bei den Klängen seines 27-köpfigen Chores. Dessen Sänger stimmen Loblieder an auf Gott, den Zaren und die Heimat.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Jonny_C 04.03.2012
1. Vielen Dank SpOn !
Zitat von sysopGetty ImagesEr war belesen und extrem jähzornig: Iwan IV., "der Schreckliche", schuf als Gewaltherrscher die Grundlagen des russischen Imperiums. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,812585,00.html
Ein sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
borkov 04.03.2012
2. Iwan Grosny lebt weiter?
Zitat von sysopGetty ImagesEr war belesen und extrem jähzornig: Iwan IV., "der Schreckliche", schuf als Gewaltherrscher die Grundlagen des russischen Imperiums. http://www.spiegel.degeschichte/0,1518,812585,00.html
Ein solide geschriebener Artikel. Es wäre wahrscheinlich logisch, hinzuzufügen, dass die Praktiken von Iwan Grosny eigentlich für die damalige Zeit … in Sachen Grausamkeit eigentlich nicht aus der Reihe tanzten. Es war mehr oder weniger die Zeit von Heinrich VIII in England und der Religionskriege in Europa, die mit nicht weniger Brutalität geführt wurden und mit Sicherheit unvergleichlich mehr Opfer gekostet haben. Man solle sich auch lieber die Schlussbemerkung über Herrn Borodin sparen. Ich würde auch dem Autor davon abraten, dabei nach irgendeiner Ironie der Geschichte zu suchen. Da gibt es keine Ironie und keine Verbindung zwischen den Opritschniki von Iwan Grosny , den Bojaren von heute, geschweige denn, dass Herr Borodin irgendwelche “historischen” Traditionen pflegte. Er war und ist ein Dieb und Betrüger. Eventuell, dass der Autor unbedingt eine Ironie sehen wollte.
siguru 04.03.2012
3.
Zitat von Jonny_CEin sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
In diesem Beitrag ist sehr viel, das nicht den Fakten entspricht. Dieser Zar war zornig und schrecklich, aber nur für seine Gegner. In seine Zeit sind mehrere Tausend Köpfe von seine Gegner gerollt, in Westeuropa in gleiche Zeit waren Hunderttausende geschlachtet. Ivan IV hat Russland stark gemacht, unter Obhut Russlands sind viele Völkern gekommen, um Zuflucht von räuberische Nachbar bekommen. Dazu muss man noch sagen, das er war sehr gebildet, hat musiziert und war vor allem gläubisch. Seine religiöse Werke werden noch heute in russische orthodoxe Kirche vorgeführt.
alex300 04.03.2012
4. Und, was wird Dir genau klarer?
Zitat von Jonny_CEin sehr interessanter Geschichtsartikel ! Ich hatte von diesem Teil der russischen Geschichte keine Ahnung. Damit wird einem einiges klarer. Danke !
Iwan der IV war ein ganz normaler Herrscher für die Zeiten. In Europa wütete die Inquisition, die Hexen wurden massenhaft verbrannt. Iwan "der Schreckliche" mit seinen 4000 Toten durch Opritschnina in ganz Russland war ein Engel im Vergleich mit z.B. dem Bistum von Köln, wo allein 2000 Hexen verbrannt wurden. Das waren die Zeiten eben.
Kaworu 04.03.2012
5.
War interessant zu lesen, danke dafür.
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