Betonbauten im Alten Rom Kolossaler Klumpatsch

Wasserleitungen und Fernstraßen, Arenen, Kloaken und Wohnblocks - Roms Großbauwerke bestanden zum guten Teil aus einem erstaunlichen Grundstoff: Beton.

Corbis

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Wer hat sie je betreten, die Kirche aller Götter, ohne sich ein wenig zu wundern? Unweigerlich wandert der Blick nach oben zur größten Kuppel der Antike; ein schlichtes Rundgewölbe, 43 Meter im Durchmesser mit einem Loch ganz oben, von wo das Licht einfällt. Sie ist grau wie die Decke einer Tiefgarage, und ebenso unweigerlich denkt der Besucher: Das sieht aus, ja wirklich, es sieht aus wie Beton.

Nun, es ist Beton. Das Pantheon zählt zu den prominentesten Beispielen antiker Baukunst, die aus jener praktischen Mixtur von Kies, Sand, Wasser und Zement bestehen, mit der der Mensch inzwischen Autobahnbrücken und Hochhäuser baut. Und wer die Relikte von Aquädukten und Arenen, Straßen, Tempeln und Badeanstalten, all jener großen Ingenieurbauwerke des Imperium Romanum, mit der nötigen Tiefenschärfe betrachtet, der wird um eine nüchterne Erkenntnis nicht herumkommen: Rom hat ein Weltreich in Beton gegossen.

Dass diese in der Fachwelt unbestrittene Wahrheit noch immer Erstaunen und Skepsis hervorruft, hat zwei Gründe: Zum einen waren die Architekten der Antike Meister der Maskerade. So sind die Wände vieler Bauten auch schon der Republik äußerlich hübsch in Stein gefasst. Mauerkerne und oft auch Fundamente aber bestehen aus jenem kolossalen Klumpatsch, der im Lateinischen "opus caementitium" hieß, das "Werk aus Bruchgestein", in den gängigen Übersetzungen "Römischer Beton" genannt.

Zum zweiten fanden sich keine Chronisten bereit, jenen Pionieren des Bauhandwerks ein Lob zu singen, die ihre Zunft von der mühseligen Stein-auf-Stein-Methodik befreiten. Namenlose Ingenieure schufen die Voraussetzung für eine Effizienz, die die Blitzexpansion zu einem Weltreich mit Großstädten, Frisch- und Abwasserleitungen sowie 100.000 Kilometern Fernstraßen erst möglich machte.

"Man kann sicher sagen, dass das Opus caementitium eine wichtige Grundlage für den jahrhundertelangen Bestand des römischen Weltreichs bildete", schreibt Heinz-Otto Lamprecht in einem 1984 erschienenen Fachbuch unter dem Titel des altsprachlichen Betonbegriffs(*).

Der Professor für Bauingenieurwesen liefert eine entsprechend milieunahe Darlegung der Dinge und erörtert auch die Frage der Fragen mit dem gebotenen Ernst und Sachverstand: Was hat er getaugt, der Zementmix der alten Lateiner? War er so hart wie unserer - solide wie Beton?

Die Antwort lautet: Ja.

Die Kalköfen der Römer verheizten ganze Wälder

Kern von Lamprechts Ausführungen ist eine sorgfältige Beschreibung wissenschaftlicher Untersuchungen der RWTH Aachen. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Museen haben Forscher der Uni antike Bruchstücke zersägt, Bohrkerne ausgeschnitten und unter Prüfpressen abgedrückt. Die Befunde stellen den antiken Betonmischern eine tadellose Expertise aus: "Die gemessenen Druckfestigkeitswerte", so Lamprecht, "erreichen durchaus die Größenordnung eines Betons unserer Tage."

Wie konnte das mit den damaligen Möglichkeiten gelingen? Lamprecht stützte sich bei seinem profunden Quellenstudium vor allem auf einen Autor, der der interessierten Nachwelt detaillierte Rezepte der antiken Mörtelmischerei hinterließ. Marcus Vitruvius Pollio, im deutschen Sprachgebrauch "Vitruv" genannt, zählte im ersten vorchristlichen Jahrhundert zu den führenden Bauingenieuren unter Caesar und Augustus. Er verstand sich auf die Errichtung von Wohnhäusern ebenso wie von Wasserleitungen, Theatern und Festungsanlagen. Sein Handbuch und Lehrwerk "De architectura libri decem" (Zehn Bücher über Architektur) ist das einzige vollständig erhaltene der Antike; damit ist Vitruv der bedeutendste Gewährsmann für die alte Bautechnik.

Bereits im zweiten Buch gibt er detaillierte Anleitungen zur Herstellung und Zusammensetzung des Opus caementitium. Lamprecht war baff: "Der Betoningenieur einer modernen Großbaustelle fühlt sich an seine Tagesarbeit erinnert, wenn er bei Vitruv liest, dass ein guter Sand knirschen müsse, wenn man ihn in der Hand reibt."

Das entscheidende Bindemittel, das den Zementmatsch im Mauerwerk von Aquädukten oder Brücken beim Austrocknen so fest werden ließ wie den heutiger Sportstadien, ist Kalk. Die Römer konnten ihn brennen, das war ihr Trumpf. Relikte antiker Kalköfen und Brennversuche, die damit unternommen wurden, lassen präzise Schlüsse über die damalige Betonproduktion zu. Die Römer brannten den Kalk bei etwa 900 Grad, das sind 500 weniger als in heutigen Öfen, erlangten aber vor allem durch den Einsatz von Vulkanasche, die sehr gute Bindeeigenschaften hat, die Festigkeit heutigen Niveaus.

Der Energieverbrauch der Betonindustrie war damals wie heute enorm. Die Kalköfen der Römer verheizten ganze Wälder. Die moderne Zementindustrie zählt mit rund sieben Prozent Anteil am globalen Kohlendioxidausstoß zu den größten Vertilgern fossiler Rohstoffe.

Moderne Bio-Architekten könnten Vitruv als Wegbereiter der Zementmafia brandmarken. Denn der Baumeister Caesars und Octavians war ein passionierter Betonierer. Über Holz als Einfassung von Mauerwerk, wie es der Romantiker liebt, schrieb er: "Fachwerk, wünschte ich, wäre nie erfunden ... weil es bereit ist zu brennen, wie Fackeln." Vitruv hätte an Berlin-Marzahn mehr Freude als an Rothenburg ob der Tauber.

Das Rom seiner Zeit sah auch eher so aus wie Marzahn. Wohnblocks mit zehn Stockwerken und mehr wuchsen empor - und stürzten zuweilen ein, ehe kaiserliche Dekrete die Bauhöhen begrenzten. Wichtigster Baustoff der Mietskasernen: Opus caementitium. Wer es sich leisten konnte, ließ Marmorputz auftragen, der weit günstiger war als das Original, und die Wände anstreichen. Der Unterschied war auch für Fachleute auf Anhieb nicht mehr erkennbar.

Im Kellergeschoss der Millionenstadt schlängelte sich ein Abwasserkanal unter Betongewölben: Die "Cloaca Maxima", von Kanalinspekteuren mit Kähnen befahrbar. Lamprecht beschreibt sie als "hygienische Wohltat" und "eines der rentabelsten Ingenieurbauwerke der Menschheitsgeschichte".

Die Betonbauten erreichten ihren Zenit in der frühen Kaiserzeit

Es waren ausschließlich Zeitgewinn und Kostenersparnis, die die Entwicklung des Opus caementitium vorangetrieben hatten. Auch wenn die graue Matsche von Hand angerührt und mühsam in Körben angeschleppt werden musste (die römische Siegessäule des Kaisers Trajan von 113 n. Chr. zeigt ein entsprechendes Relief), ließen sich Großbauwerke um ein Vielfaches schneller und günstiger im Betonguss errichten, als wenn man sie gemauert hätte. Die Steine, aus denen etwa Aquädukte vermeintlich komplett bestehen, dienten nur als Einschalungen und bildeten dann dauerhaft eine hübsche Hülle. In Tunnels der Römerzeit, wo ohne ästhetische Vorgaben betoniert wurde, sieht man heute noch die Abdrücke der Schalbretter an der nackten grauen Wand.

Mehr als ein halbes Jahrtausend währte die Betonära der römischen Bautechnik. Sie begann in der frühen Republik; die ersten nachgewiesenen Betonbauten stammen aus dem dritten Jahrhundert v. Chr. Ihren Zenit erreichte sie in der frühen Kaiserzeit, als immer filigranere Betongewölbe die Grenzen der Baustatik erreichten. Mit Beimischungen von Bimsstein wurde die Kuppelschale des um 118 n. Chr. fertiggestellten Pantheons nach oben hin immer leichter und dünner konstruiert.

Dass der Tempel auch nach fast zwei Jahrtausenden noch als erdbebensicher gilt, verdankt er nicht zuletzt dem Umstand, dass die Bauingenieure des antiken Roms noch keinen Stahlbeton einsetzten. Abgesehen von wenigen Experimenten, etwa in den Thermen Trajans, verzichteten sie auf Metallbewehrungen. Die Statik ihrer Konstruktionen stützt sich nur auf die Druckfestigkeit des Gussmaterials. Und die bleibt nahezu ewig erhalten.

Eine Stahlbewehrung im Inneren verschafft dem Beton zwar Zugfestigkeit. Das erlaubt wesentlich schlankere Konstruktionen, aber es geht auch nur so lange gut, wie das Metallskelett nicht verrostet. Viele moderne Autobahnbrücken überdauern deshalb nur wenige Jahrzehnte.

Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches geriet die Technik des Betongusses weit über ein Jahrtausend lang in Vergessenheit.

So gelang es dem Gewölbe des Pantheons, einen der langlebigsten Weltrekorde der Architekturgeschichte zu halten. Keine gemauerte Kuppel späterer Kirchen, nicht einmal die des Petersdoms, erreichte seinen Durchmesser.

Erst im Jahr 1913 übertraf die Jahrhunderthalle in Breslau das antike Vorbild - mit Stahlbeton.


* Heinz-Otto Lamprecht: "Opus caementitium. Bautechnik der Römer". Beton-Verlag, Düsseldorf 1984.



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Seite 1
sikasuu 30.09.2015
1. Und weil die damals noch nicht mit Stahlbeton arbeiteten,....
... die Baufirmen wohl auch ein wenig langfristiger dachten, liefern mussten (hafteten denn die Firmen, Archtekten dort noch persönlich und nicht nach VOB) haben die Bauten auch fast > als 2.000 Jahre gehalten :-)) . Ps. Na gut. die Brandschutzauflagen usw. der damaligen römischen Baubehörden z.B für das Collosseum usw. waren wohl auch leichter zu erfüllen, als die in einem heutigen Stadion, in BER:-))
seid-kritisch 30.09.2015
2. Die Kirche war schuld am Vergessen der Betontevhnik.
Als das Christentum Staatsreligion wurde, liess die Kirche alle öffentlichen Schulen schließen. Ab ca. 600 n. Chr. gab es praktisch keine Schulen mehr. Das ehemalige römische Reich bestand praktisch aus Analphabeten. Gleichzeitig liess die Kirche alle heidnischen Bücher verbrennen. Nur etwa jedes Tausende Buch überlebte. Diese 2 Bewegungen waren auch die Hauptursachen für das abgleiten in das finstere Mittelalter.
El pato clavado 30.09.2015
3. Korruption gab's damals auch schon
aber die Konseqenzen waren drastischer, wenn sich jemand erwischen liess oder jemand jemanden vergass zu schmieren.Ab in die verpfuschte Arena ,Ad Bestias
swandue 30.09.2015
4.
Zitat von seid-kritischAls das Christentum Staatsreligion wurde, liess die Kirche alle öffentlichen Schulen schließen. Ab ca. 600 n. Chr. gab es praktisch keine Schulen mehr. Das ehemalige römische Reich bestand praktisch aus Analphabeten. Gleichzeitig liess die Kirche alle heidnischen Bücher verbrennen. Nur etwa jedes Tausende Buch überlebte. Diese 2 Bewegungen waren auch die Hauptursachen für das abgleiten in das finstere Mittelalter.
Und woher wissen wir heute überhaupt von all den Menschen und ihren Taten? Ich dachte es waren Klöster, in denen Aufzeichnungen Jahrhunderte überdauert haben?
bunterepublik 30.09.2015
5.
Zitat von seid-kritischAls das Christentum Staatsreligion wurde, liess die Kirche alle öffentlichen Schulen schließen. Ab ca. 600 n. Chr. gab es praktisch keine Schulen mehr. Das ehemalige römische Reich bestand praktisch aus Analphabeten. Gleichzeitig liess die Kirche alle heidnischen Bücher verbrennen. Nur etwa jedes Tausende Buch überlebte. Diese 2 Bewegungen waren auch die Hauptursachen für das abgleiten in das finstere Mittelalter.
Richtig. Ähnliches sieht man heute beim IS, den Taliban usw. und vor 70 Jahren auch in Hitlerdeutschland. Religiöser oder ideologischer Fanatismus schadet der Vernunft. Ein zerstörerischer Fanatiker ist einem Vernunftsmenschen stets in Brutalität, Zerstörung und Gewalt überlegen.
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