Von Hans-Ulrich Stoldt
Es war mal wieder eine dieser Nächte, in denen die Jugend von Assisi fröhlich lärmend durch die Straßen zog. Zuvor hatte man gut gespeist und tüchtig gezecht, und nun ging es tanzend und mit lautem Gesang durch die Gassen der mittelitalienischen Stadt.
Nicht alle Bürger fanden das lustig. Einer ätzte böse, die Heranwachsenden hätten "bis zum Kotzen vollgefressen die Plätze der Stadt mit ihren besoffenen Liedern verunziert".
Angeführt wurde die Truppe von Giovanni di Pietro di Bernardone, genannt Francesco, dem etwa 22-jährigen Spross einer reichen und angesehenen Tuchhändlerfamilie. Ein Bruder Lustig, der sich gern extravagant kleidete. Als Zeichen seiner hohen Stellung unter den jungen Männern schwenkte er stets übermütig einen Stab in der Hand. Er war beliebt, weil er meist nach dem Gelage die Rechnung beglich. Dass Francesco an jenem Abend zurückblieb, fiel den trunkenen Gefährten nicht weiter auf. Als sie es merkten, fanden sie ihn ekstatisch entrückt in der Mitte der Straße, wie vom Donner gerührt. "Plötzlich wurde er vom Herrn heimgesucht, und sein Herz wurde von solcher Freudigkeit erfüllt, dass er weder sprechen noch sich rühren konnte", notierte ein Chronist später.
Nach und nach entsagte der junge Francesco fortan allem irdischen Reichtum, brach mit seiner wohlhabenden Familie und zog in einer einfachen Kutte als Wanderprediger durch das Land - wie Jesus einst, in Armut und Demut.
Ein regelrecht "subversives, ein revolutionäres Element"
Was er zum Leben brauchte, erbettelte er von Gläubigen, was übrig war, teilte er mit Armen und Kranken. Unterschiedslos sah er alle als Bruder oder Schwester an, niemand, so forderte er, sollte über dem anderen stehen. Er warb für Frieden und Friedfertigkeit, und selbst die Tiere lauschten seinen Worten.
So geht die Legende von der Erweckung jenes Mannes aus Umbrien, der als heiliger Franziskus (oder Franz) von Assisi weltweit Berühmtheit erlangen sollte. Viele Geschichten und Erzählungen ranken sich um diese "gewiss bedeutendste Gestalt der christlichen Religionsgeschichte seit Jesus selbst", wie der renommierte Franziskus-Forscher Helmut Feld findet.
Lehren und Leben des Mannes aus Assisi enthielten ein regelrecht "subversives, ein revolutionäres Element", sagt Feld: "Wenn Franziskus von sich selbst, den Oberen des Ordens und den kirchlichen Amtsträgern die tiefste Selbstdemütigung verlangt, dann wird damit die hierarchische Struktur des Ordenswesens und der gesamten Kirche gewissermaßen konterkariert."
Bis zum heutigen Tag sind Gläubige konfessionsübergreifend fasziniert von den Ideen und Idealen, die Franziskus Anfang des 13. Jahrhunderts verkündete und bis an den Rand der Selbstaufgabe auch vorzuleben suchte.
Dramatische Veränderungen in nahezu allen Bereichen
Schon zu Lebzeiten strahlte sein Beispiel weit über Umbrien hinaus, bald folgten ihm vielerorts Jünger und schlossen sich seinem Orden an. Auch ähnliche Gemeinschaften hatten großen Zulauf. Eine mächtige Reformbewegung von Bettelmönchen formierte sich, die mit der Demonstration ihrer einfachen und friedfertigen Existenz die herrschenden Mächte in Staat und Klerus in Frage stellte.
Die Gesellschaft jener Tage befand sich vielerorts im Umbruch von bäuerlich dominierten Strukturen hin zu mehr städtischen Lebensformen. Das ging einher mit dramatischen Veränderungen in nahezu allen sozialen und wirtschaftlichen Bereichen.
Manufakturen entstanden zur massenweisen Fertigung von Produkten. Der Handel blühte auf, die Geldwirtschaft entwickelte sich, und eine städtische, zunehmend selbstbewusste bürgerliche Oberschicht bildete sich aus.
Freier als zuvor widmete man sich den irdischen Freuden. Scheinbar in Stein gemeißelte Vorschriften und Verbote der Kirche wurden plötzlich in Frage gestellt, sicher geglaubte Gewissheiten gerieten ins Wanken. Mode, Minnesang, Pracht und Prunk verhießen - für jeden, der es sich leisten konnte - Vergnügen nicht erst im Jenseits.
Für jene vielen anderen, die täglich um ihr Dasein kämpfen mussten oder am Rande der Gesellschaft vegetierten, waren das obszöne Provokationen.
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© SPIEGEL Geschichte 4/2010
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