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Die heilige Schrift der Juden: Essen und Trinken mit Gott

Von Joachim Mohr

Speisevorschriften der Bibel: Essen und Trinken mit Gott Fotos
Corbis

Im Paradies aß man vegetarisch, am Baum der Erkenntnis hing aber kein Apfel. Fleisch und Milch dürfen sich nicht mischen, Schalentiere sind tabu - die komplexen Speisegesetze des Alten Testaments.

"Unser tägliches Brot gib uns heute."
Mt 6,11

Direkt nach dem Sex kommt das Essen. Am sechsten Tag der Schöpfungsgeschichte fordert Gott nicht nur die Menschen auf: "Seid fruchtbar und vermehrt euch." Er sorgt sich auch um ihr leibliches Wohl. "Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen" (Gen 1,29).

Anständig satt essen sollten sich die Menschen im Paradies. Allerdings zog nicht der Geruch von saftigen Rindersteaks, kross gebratenen Lammkoteletts oder zart gegrilltem Lachs durch den Garten Eden, auf dem Speiseplan stand frische leichte Vollwertkost. Das kulinarische Angebot der noch heilen Bibelwelt war durch und durch vegetarisch.

Auch Adam und Eva naschten Früchte, verbotenerweise auch vom Baum der Erkenntnis. Wobei es sich im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht um einen Apfel gehandelt haben kann. Erstens waren Apfelbäume damals zwischen Palästina und Mesopotamien äußerst selten, zweitens ist im Urtext immer nur von Früchten die Rede. Die Idee, dass ein Apfel am Sündenfall schuld ist, hat sich erst vom 5. Jahrhundert n. Chr. an verbreitet.

Fleisch zu essen erlaubte Gott den Menschen erstmals nach der Sintflut. "Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen", verkündete er Noah und seiner Familie (Gen 9,3). Vielleicht wollte der Allmächtige sich gütig zeigen gegenüber der durch Sündenfall und Sintflut bereits zweimal hart bestraften Menschheit.

Die wohl älteste Kulturgeschichte des Kochens, Essens und Trinkens

Gekocht, gebacken, gegessen, geschlemmt, getrunken, auch gesoffen wird in der Bibel allüberall, von der Schöpfungsgeschichte am Anfang des Alten Testaments bis zur Hochzeit zu Kana im Johannesevangelium gegen Ende des Neuen Testaments. Allein rund tausend Bibelstellen handeln vom Wein und seiner anregenden Wirkung.

Die Heilige Schrift bietet die wohl älteste und ausführlichste, rund zweieinhalbtausend Jahre umfassende Kulturgeschichte des Kochens, Essens und Trinkens.

Dabei unterscheiden sich Küche und Tischsitten im Alten und Neuen Testament deutlich. Den Verfassern des jüdischen Kanons scheinen kulinarische Freuden verdächtig gewesen zu sein. Die Israeliten mussten zahlreiche, teils sehr detaillierte Vorschriften beachten, was überhaupt gegessen und getrunken werden durfte oder was nicht zusammen verzehrt werden sollte. Wer sich nicht an die Regeln hielt, beging eine Sünde und konnte schnell vom Weg zur ewigen Seligkeit abkommen. Richtig und falsch, Gut und Böse, das gilt im Alten Testament auch beim Essen.

Der Jesus des Neuen Testaments sah das alles wesentlich lockerer. Obwohl er selbst als Jude aufgewachsen war, hatte er für die Speisevorschriften der orthodoxen Juden nicht viel übrig. So verkündete er laut Matthäusevangelium: "Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein" (Mt 15,11). Soll heißen: Jeder kann essen und trinken, was er will, aber was er sagt und tut, darauf kommt es an.

Warum Jesus die altehrwürdigen Speisegesetze ignorierte, darüber können Theologen nur mutmaßen. Vielleicht war es ohne die komplizierten Regeln für ihn als Wanderprediger leichter, neue Anhänger zu gewinnen.

Orthodoxe Juden dagegen haben es bis heute mit 365 verschiedenen Verboten und 248 Geboten zu tun, davon viele rund um Essen und Trinken. Die Speisegesetze unterscheiden insbesondere reine, also zum Verzehr geeignete, und unreine, verbotene Lebensmittel.

  • "Alle Tiere, die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen" (Lev 11,3). Rinder, Schafe, Ziegen, Rehe, Gazellen oder auch Steinböcke sind also akzeptiert, Schweine, Hasen oder Kamele hingegen verboten.
  • "Alle Tiere mit Flossen und Schuppen, die im Wasser, in Meeren und Flüssen leben, dürft ihr essen" (Lev 11,9). Die meisten Fische sind somit erlaubt, Aale und Rochen sowie Krusten- und Schalentiere, etwa Langusten, hingegen verpönt.
  • Gefiederte Wesen, Vögel aller Art können ebenfalls verspeist werden - mit Ausnahme: Insbesondere Aasfresser wie Geier, aber auch Adler, Reiher oder Pelikane sind tabu.
  • Bestimmte Heuschrecken dürfen gegessen werden.

Jedes Stück Fleisch muss vollständig durchgegart werden; blutig, wie heutzutage im Trend, darf Fleisch nie bleiben. Denn nach den hebräischen Speiseregeln befindet sich im Blut der Sitz des von Gott gegebenen Lebens - und darüber darf allein Gott verfügen.

Bei Mose steht eine wundersame Speisedirektive: "Das Junge einer Ziege sollst du nicht in der Milch seiner Mutter kochen" (Ex 23,19). Auf die Idee, ein Jungtier in Milch zu garen, käme heute wohl kaum jemand. Bei den alten Ägyptern galt dies hingegen als Delikatesse.

Das Verbot gilt bis heute: Fromme Juden müssen für ihr koscheres Essen Milch- und Fleischprodukte stets sauber trennen. Geschirr und Besteck müssen, je nachdem, ob für Milchiges oder Fleischiges verwandt, getrennt gespült und aufbewahrt werden. Hat ein strenggläubiger Jude Fleisch gegessen, muss er sechs Stunden warten, bevor er Milch trinken, Joghurt oder Quark zu sich nehmen darf. Milchiges und Fleischiges darf nicht einmal im selben Kühlschrank aufbewahrt werden.

Doch was war der Sinn für diese mannigfaltigen, den Alltag oft erschwerenden Regeln in der biblischen Zeit? Warum wurden reine und unreine Tiere überhaupt unterschieden?

Die Meinungen der Gelehrten gehen auseinander: Einige sehen gesundheitliche Gründe, denen zufolge unreine Speisen schaden könnten. Andere glauben, dass die Israeliten sich durch die Speisegesetze von den sie umgebenden Kulturen absetzen und so ihren Zusammenhalt stärken wollten. Manche Theologen wiederum sind überzeugt, dass es keinerlei logischen Sinn in der Unterscheidung der Tiere gebe, sondern alles nur der Prüfung diene, wie gehorsam die Gläubigen Gott gegenüber sind.

Inwieweit die Speisegesetze im Alltag vor 2000 bis 3000 Jahren befolgt wurden, lässt sich kaum überprüfen. Archäologische Funde sprechen eher für eine laxe Handhabung: Ausgrabungen von Schweineknochen mit typischen Hack- und Schnittspuren aus der Küche belegen etwa, dass im alten Israel das domestizierte Borstenvieh durchaus als Nahrung diente. Entweder waren die Speisetabus nicht allzu tief in der Bevölkerung verwurzelt oder die Kontrollen durch die Priester lückenhaft.

Die Bevölkerung Palästinas ernährte sich überwiegend vegetarisch

Was aber aßen die Menschen in biblischen Zeiten tatsächlich Tag für Tag? Im Buch Jesus Sirach, verfasst im 2. Jh. v. Chr., werden sieben Nahrungsmittel aufgezählt, die der Mensch zum Leben dringend braucht: Wasser, Salz, Weizen, Milch, Honig, Trauben und Öl. Diese kleine Liste legte nahe, dass die Bevölkerung Palästinas sich wohl überwiegend vegetarisch ernährte. Grundlage der meisten Speisen waren Getreide, vor allem Weizen, Gerste und Hirse, sowie Hülsenfrüchte, insbesondere Linsen und Bohnen.

Das Getreide wurde meist gemahlen und zu Brot, mit oder ohne Sauerteig, verarbeitet. Den Fladen buk die Hausfrau in heißer Asche oder einem steinernen Backofen. Früchte wie Feigen, Datteln, Granatäpfel, Melonen, aber auch Nüsse waren beliebt. Hingegen war Gemüse, abgesehen von Knoblauch, Zwiebeln und Gurken, nicht weit verbreitet. Zum Würzen verwendete man unter anderem Kümmel, Koriander, Safran und Zimt. Das wichtigste Mittel zum Süßen war Honig von wilden Bienenvölkern.

Fleisch gab es für die meisten Israeliten selten, wenn, dann zu Festen; nur eine kleine Oberschicht konnte sich regelmäßigen Fleischkonsum leisten. Üblich waren zwei Mahlzeiten am Tag: morgens und abends. Gegessen wurde mit den Fingern aus einer gemeinsamen Schüssel, oft diente ein Stück Brot als eine Art Löffel. Messer, Kellen und Gabeln gab es nur in der Küche.

Manche Speisen aus der Zeit des Alten Testaments und schon der jüdischen Schriften werden bis heute im Nahen Osten gegessen und haben es im Rahmen der kulinarischen Globalisierung auch in westliche Küchen geschafft: etwa Pita (Fladenbrot), Falafel (frittierte Bällchen aus Kichererbsenmus), Hummus (pürierte Kichererbsen mit Sesampaste) oder die Süßspeise Halva aus Ölsamen und Zucker oder Honig mit Vanille, Kakao, Nüssen.

Das wichtigste Getränk in den oft heißen Landstrichen Palästinas war Wasser, das in den Häusern in Krügen aufbewahrt wurde. Gern tranken die Menschen auch Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch, die man in Schläuchen lagerte. Da Milch nicht lange haltbar war, wurde sie rasch zu Butter und Käse verarbeitet.

Noah, der erste Winzer und Weintrinker der Heiligen Schrift

Ein völlig selbstverständlicher Teil der täglichen Ernährung war Wein, den Männer und Frauen - nach einer Bibelstelle wohl sogar Kinder - tranken. Allerdings war im alten Israel ausschließlich Rotwein bekannt. Häufig wurde er mit Wasser gemischt; weit verbreitet war ein Verhältnis von zwei Teilen Wein auf fünf Teile Wasser. Gern wurde der Trank mit Gewürzen, Honig, Rosinen oder anderen Zutaten verfeinert. Der alkoholische Genuss erfreute Könige und Priester wie arme Bauern und Sklaven.

Der erste Winzer und Weintrinker der Heiligen Schrift ist Noah, der sich nach dem Schrecken der Sintflut erst einmal einen über den Durst genehmigte. Von da an wird Wein allerdings nicht nur als profanes Getränk beschrieben, sondern erscheint als spirituelles Sinnbild der Göttlichkeit. Im Neuen Testament wird die Symbolik aus Wein, Weinstock und Weinberg auf Jesus selbst übertragen.

So sagt der Messias im Johannesevangelium: "Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt ... Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben" (Joh 15,1-5).

Ihren Höhepunkt findet die religiöse Aufladung von Essen und Trinken beim letzten Abendmahl, als Jesus am Tag vor seiner Kreuzigung noch einmal mit seinen zwölf Aposteln gemeinsam zu Tisch sitzt. Brot und Wein stehen sinnbildlich für den Leib und das Blut Jesu und für Gott. "Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird ... Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird" (Lk 22,19-20).

Im Hohenlied Salomos, einer Sammlung von Liebesliedern im Alten Testament, haben Weinmetaphern hingegen die eher profane Aufgabe, die allzu menschliche Lust auf das andere Geschlecht zu umschreiben. "Deine Brüste sind wie Trauben", heißt es dort, "dein Mund köstlicher Wein."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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1. richtig essen = überleben
n.laus 01.12.2014
Schweinefleisch z.B. hatte zwei Probleme: Trichinen und Verursachen von Gicht. Da es keine Veterinäre gab, mussten die Leute anderweitig vom Verzehr abgehalten werden, und zwar grundsätzlich, eben durch die Religion. Ich denke, das gilt auch für alle anderen Speiseregeln auf dieser Zeit. Die Leute waren nicht blöd damals. Heute ist der einzelne aber doch noch blöd, wenn man sich die Ernährungsgewohnheiten anschaut.
2. Blut
bonngoldbaer 01.12.2014
Nicht darauf, dass das Fleisch durchgegart war, kam (kommt) es an, sondern darauf, dass es beim Schlachten vollständig ausblutet. Daher die Praxis des Schächtens im Judentum und ähnlich im Islam. Dies galt übrigens in neutestamentlicher Zeit auch noch für die Christen (s. Apostelgeschichte 15), weil sonst gemeinsame Mahlzeiten von Christen jüdischer und heidnischer Herkunft nicht möglich gewesen wären.
3. Kontrolle
Thomas Mank 01.12.2014
Sex und Essen gehören zu den Lebensäußerungen, die nun einmal allen Menschen gleich sind. Diese mit Vorschriften zu belegen ist meiner Ansicht nach in erster Linie eine Strategie, Menschen zu kontrollieren. Und offenbar ja auch seit Jahrtausenden erfolgreich.
4. Wissenschaft oder Unterhaltung
Aguilar 01.12.2014
Der Zweck des Artikels ist mir nicht ganz klar. Der Autor scheint mehr Spaß an der Formulierung denn am Gehalt gehabt zu haben: 1. Der Hase darf gegessen werden, da er als Wiederkäuer zählt. Inwieweit der Begriff "Wiederkäuer" im heutigen biologischen Sinne gesehen werden kann, ist mehr als fraglich. Möglicherweise ist es nur eine Beobachtung, die Fressensgewohnheiten bei Hasen beschreibt. 2. Das Autorenpaar Silberman/Finkelstein beschreibt in einem ihrer Bücher (Keine Posaunen vor Jericho oder David und Salomon), daß in den von Juden bewohnten Teilen des antiken Israels/Kanaan eben keine Schweineknochen gefunden wurden! Leider lassen die Wissenschftsartikel im Spiegel zunehmend an Qualität missen.
5. Verselbstständigt
Untertan 2.0 01.12.2014
Zitat von n.lausSchweinefleisch z.B. hatte zwei Probleme: Trichinen und Verursachen von Gicht. Da es keine Veterinäre gab, mussten die Leute anderweitig vom Verzehr abgehalten werden, und zwar grundsätzlich, eben durch die Religion. Ich denke, das gilt auch für alle anderen Speiseregeln auf dieser Zeit. Die Leute waren nicht blöd damals. Heute ist der einzelne aber doch noch blöd, wenn man sich die Ernährungsgewohnheiten anschaut.
Das war vielleicht mal die ursprüngliche Intention, aber es hat bestimmt nicht lange gedauert, bis die Gläubigen sich durch immer strengere Regeln gegenseitig in Frömmigkeit überbieten wollten.
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