Das Buch der Bücher "Zum historischen Kern wurde einfach hinzugedichtet"

Der Bibelwissenschaftler Ernst Axel Knauf über die Entstehung der Bibel, die literarische Kunst ihrer Verfasser und das Neue am Neuen Testament.

Corbis

SPIEGEL: Herr Professor Knauf, wann haben Sie zum ersten Mal in der Bibel gelesen?

Knauf: Als Student der Theologie, da habe ich mir die erste Bibel angeschafft, und zwar die Hebräische. So habe ich auch die Sprache gelernt. Im Bücherregal meiner Eltern standen Shakespeare und Goethe, aber keine Bibel. Natürlich kannte ich viele Geschichten aus dem Religionsunterricht oder der Literatur, aber wie tief unsere Kultur von der Bibel geprägt ist, habe ich erst später gemerkt.

SPIEGEL: Kann man überhaupt von der Bibel sprechen?

Knauf: Solange man darin Gottes Wort sah, hatte der Begriff seinen Sinn. Tatsächlich aber haben wir es mit einer Familie von Bibliotheken zu tun - griechisch heißt Biblia ja "Bücher".

SPIEGEL: Wie viele gibt es denn?

Knauf: Selbst ganz grob betrachtet muss man mindestens vier Bibeln unterscheiden: die Hebräische, mit der alles anfing, die griechische, in der das Neue Testament hinzukam, die lateinische Vulgata des Hieronymus, deren Altes Testament wieder aus dem hebräischen Original übersetzt ist, und schließlich die Bibel der Reformatoren. Jedes Mal gab es gravierende Änderungen.

Zur Person
  • Reto Camenisch/Agentur Focus/DER SPIEGEL
    Ernst Axel Knauf
    Der habilitierte Theologe, 61, Professor für das Alte Testament und Biblische Umwelt an der Universität Bern, forschte auch im Heiligen Land. So entlarvte er 2003 als Mitglied eines Inschriften-Projekts an der Hebräischen Universität Jerusalem eine angeblich 2800 Jahre alte Schrifttafel, die vom salomonischen Tempel berichten soll, als "mittelmäßige" Fälschung.
SPIEGEL: Wir reden von einer Textsammlung von über 1400 Seiten, die immer wieder ergänzt und umgestaltet wurde. Über welchen Zeitraum muss man sich diesen Prozess vorstellen, mehr als tausend Jahre?

Knauf: Allerdings. Der früheste Text, das Siegeslied der Debora im 5. Kapitel des Buches der Richter, stammt in seiner Schriftgestalt aus dem 9. Jahrhundert vor Christus. Solche Poesie kann sehr gut vorher eine Weile mündlich überliefert worden sein - ähnlich wie die Ilias, Homers Dichtung über den Kampf um Troja, deren Niederschrift auch zeitlich benachbart ist. Erste längere Texte, also Bücher, werden ab dem 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. niedergeschrieben. Mit den jüngsten Partien des Neuen Testaments sind wir kurz vor der Mitte des 2. Jahrhundert n. Chr. angekommen.

SPIEGEL: Wie und wozu entstanden denn die frühesten Passagen der Bibel? Schriftliches gab es im Alten Orient, im Zweistromland oder in Ägypten, ja lange zuvor...

Knauf: Ja, seit dem Ende des 3. Jahrtausends, auch im Heiligen Land kannte man da schon Buchstaben. Aber erst viel später brauchte der Staat so viele Beamte und Priester, dass sich für deren Ausbildung Schulen lohnten, wenigstens eine Palast- oder Tempelschule. In Israel fing das um 850 v. Chr. an, in Juda etwa 100 Jahre später. Die gesamte altorientalische Literatur ist als Schulliteratur entstanden.

SPIEGEL: Wann aber hat man angefangen, kultische Texte aufzuschreiben?

Knauf: Das ist unklar; anscheinend wurden sie noch lange nur mündlich weitergegeben. Ein Beispiel: Wir kennen das Tempelarchiv des Militärstützpunktes von Elefantine im östlichen Nildelta, kurz vor 400 v. Chr. Dort lebten Judäer im Dienst des persischen Großreiches. Unter den Papyrusresten hat sich kein einziges biblisches Buch gefunden, kein Psalm, kein Ritual, nichts. Neben vielen Listen und Akten gibt es nur zwei Schulbücher auf Aramäisch: Den Achikar-Roman aus dem 7. Jahrhundert, von dem Teile ins Buch Tobit eingingen, und eine Übersetzung der Inschrift von Behistun, worin der Perserkönig Darius um 500 seinen Putsch gerechtfertigt hatte.

SPIEGEL: Da gab es also noch keine Bibel?

Knauf: Genau. Die Vorfahren der Elefantine-Judäer haben keine Bücher mitgenommen, als sie nach 582 von Benjamin aufbrachen. Bücher, Bibliotheken, Archive gab es im Tempel und im Gouverneurspalast, nirgendwo sonst.

SPIEGEL: Wie viele Inhalte der Bibel waren zuvor in mündlicher Tradition bekannt? Wie muss man sich das überhaupt vorstellen, wo und wie wurden diese Geschichten denn erzählt?

Knauf: Es gab relativ wenig mündliche Überlieferung. Wir wissen es etwa von dem Satz: "Der Herr hat Israel aus Ägypten geführt", der muss seit dem 12. Jahrhundert überliefert worden sein, bis er dann in die Bibel kam. In vielen Fällen steckt schon eine Überlieferung dahinter, aber wir sollten die Kreativität der Bibelredaktoren nicht unterschätzen, das alles ist literarisch sehr gekonnt.

SPIEGEL: Hätten Sie dafür ein Beispiel?

Knauf: Die Geschichte von Abraham etwa, dem im Hain von Mamre drei göttliche Besucher einen Nachkommen verheißen - in vorderasiatischen Mythen wird seit der späteren Bronzezeit vom Hain einer Baumgöttin erzählt, wo man um Kindersegen bittet. Aber erst nach 597, als Jerusalem nach der ersten Deportation mit judäischen Zuwanderern bevölkert wurde, ist die Geschichte mit ihrer Geografie - etwa Abrahams Grab bei Hebron - aufgezeichnet worden.

SPIEGEL: Erzählen Sie uns jetzt biblische Geschichten oder Historie?

Knauf: Meine Geschichte - oder was viele meiner Kollegen und ich für wahrscheinlich halten. Wir haben wenige Fakten, nur mit Indizien und Parallelen kann man aus der theologisch-literarischen Komposition der Bibeltexte historische und geografische Details zu erschließen versuchen.

SPIEGEL: Das Alte Testament besteht nun aus ganz verschiedenen Textformen, darunter Gesetze, Chroniken, also Geschichtsschreibung, und Poesie. Kann man eine Reihenfolge aufstellen, wie sich das allmählich angesammelt hat?

Knauf: Mit dem Wort Geschichtsschreibung wäre ich vorsichtig. Aber der Reihe nach: Die Tora, also die fünf Bücher Mose mit ihren Gesetzestexten, sind vom 6. Jahrhundert an in Babylon und in den Provinzen Samaria und Judäa zusammengestellt worden. 398 bringt der Schriftgelehrte Esra, wie es heißt, wunderbarerweise die komplette Tora aus Babylon mit - das glaube ich auch so ganz naiv.

SPIEGEL: Weshalb naiv?

Knauf: Viele Alttestamentler halten Esra für erfunden; über diese Fragen wird immerhin seit mehr als 200 Jahren diskutiert. Es gibt aber auch Indizien: ab 400 beginnen die Judäer, dem Bilderverbot zu folgen. Da muss also doch etwas passiert sein.

SPIEGEL: Was ist Ihre Erklärung?

Knauf: Nach Babylon war die judäische Oberschicht deportiert worden. Ohne König und fast ohne Elite blieb die Restbevölkerung in Benjamin sich selbst überlassen. Gesetzliche Ordnung lieferte allein noch das alte Bundesbuch, die älteste Rechtssammlung in der Tora. Man brauchte aber aktuelles Recht, sozusagen eine Gesetzesnovelle. Sie findet sich im 5. Buch Mose, das ja griechisch Deuteronomion heißt, das zweite Gesetz.

SPIEGEL: Wer verfasste diese Novelle?

Knauf: Angefangen haben damit die Priester und Schreiber, die im 6. Jahrhundert in der babylonischen Provinz Judäa lebten, die fast nur aus dem Stammesgebiet Benjamin bestand. Ab etwa 525 kamen die "Heimkehrer" aus Babylon dazu. Die "Heimkehr aus dem Exil" ist insgesamt ein Mythos; nur eine Minderheit, die Oberschicht, war deportiert, davon kehrte nur ein Teil, aber doch einige Judäer aus Babylon als Priester, Beamte und Soldaten in ihre nun persisch beherrschte Heimat zurück. Sie bemannten das neue kleine Fort auf dem Tempelberg von Jerusalem, als Flankenschutz für die Küstenstraße und für den Ägyptenfeldzug des Perserkönigs Kambyses. Schließlich bauten sie den Tempel wieder auf.

SPIEGEL: Und diese kleine Schar übte so enormen historischen Einfluss aus?

Knauf: In der Tat, sie waren als Beamte und Soldaten zwar eine Minorität, aber die herrschende Minderheit in der Provinz, und bald fühlten sie sich als die eigentlichen Herren des Landes. Sie setzten ihr Recht durch. Und: Aus Persien brachten sie einen Glauben mit, der nahezu monotheistisch war. Es gab noch andere Götter, aber sie wurden nicht mehr verehrt.

SPIEGEL: Darum steht in den Zehn Geboten der eigenartige Satz: "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir"?

Knauf: Ja. Was die Oberschicht-Rückkehrer dachten und wollten, nämlich Unterwerfung der altjudäischen Restbevölkerung, der dieser Beinahe-Monotheismus neu war, ist im Buch Josua zu lesen. Allerdings wird es dort als Kampf mit Fremdvölkern wie "Kanaanitern" oder "Amoritern" dargestellt, was in Wahrheit ein innerjüdischer Konflikt war zwischen der zurückgekehrten Elite und der israelitischen Landbevölkerung.

SPIEGEL: Da würde man heute wohl von Geschichtsklitterung sprechen.

Knauf: Es sind ja keine Chroniken in unserem Sinne; alles wird ideologisch umgedeutet. Die Jerusalemer setzten sich auch nicht völlig durch. Sie hatten zwar in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts den Konkurrenz-Tempel der Judäer in Bet-El zerstört, dafür bauten die Samariter, die Bet-El mit genutzt hatten, auf dem Berg Garizim bei Nablus ihren eigenen Tempel, und die Jerusalemer Elite verlor das große Samaria. Allmählich muss die Einsicht gewachsen sein, dass man sich miteinander arrangieren sollte. So entstand eine Schlussredaktion der Tora, die beide Seiten nebeneinander zu Wort kommen lässt.

SPIEGEL: Wie kann man sich das vorstellen?

Knauf: Da erklären etwa die einen: Wir sind die Kinder Abrahams, dem gehörte einst das Land. Die anderen behaupten dasselbe von ihrer Stammvatergestalt Jakob. Indem man Abraham zum Vater Jakobs machte, konnten beide Parteien zufrieden sein. Nun waren alle Nachfahren Abrahams, und alle sind in Babylonien gewesen. Das Resultat kann man in Josua 24 nachlesen.

SPIEGEL: Sie zerlegen biblische Texte, wie Archäologen Sandschichten abtragen, nur haben die am Ende etwas in der Hand. Wie viel an Ihrer Darstellung ist Vermutung, wie viel gesichert?

Knauf: Es ist das Ergebnis jahrhundertelanger Forschung, die Widersprüche und Divergenzen abarbeitet. Dass die Tora Ende des 5. Jahrhunderts, in der Perserzeit, ihre Gestalt fand, darüber sind sich Alttestamentler diesseits des Atlantik weitgehend einig. Umstritten ist noch, warum Esra ein Buch, das zwischen dem Garizim und Jerusalem ausgehandelt wurde, angeblich aus Babylonien mitbrachte. Musste man sich Provinz-Gesetzgebungen von den Oberherren genehmigen lassen? Das wäre ein mögliche Erklärung.

SPIEGEL: Wie sah die fertige Tora aus? War sie Heilige Schrift im heutigen Sinne, und wie wurde sie benutzt?

Knauf: Man wird sich eine Schriftrolle in mehreren Exemplaren denken müssen. Daraus wurde wöchentlich vorgetragen, was nun jeder wissen und tun musste, um ein guter Jude zu sein. Das war eine wichtige Neuerung, denn so konnten alle am Herrschaftswissen teilhaben. Die Tora ist schon weithin als Gotteswort und Gottes Wille formuliert; zugleich aber ist sie das Dokument, mit dem die Judäer, nun Juden der Perserzeit, ihre Identität und ihre Gesetze festlegten. Es geht nicht um Glauben, sondern um das Wissen, was richtig ist.

SPIEGEL: Die Tora ist der älteste Teil der Bibel. Wie kamen die weiteren hinzu?

Knauf: Mit Fertigstellung der Tora war der ideologische Richtungskampf nicht beigelegt; so entstanden bis zum 4. Jahrhundert v. Chr. die Prophetenbücher. Die Gelehrten der Jerusalemer Tempelschule wurden als gute jüdische Professoren ja dafür bezahlt, sich zu streiten. Sie kommentierten die Tora und arbeiteten vorhandene Texte um - die ältesten Jesaja-Passagen etwa stammten schon aus dem 7. Jahrhundert.

SPIEGEL: Versuchten die Professoren, zwischen zwei Seiten auszugleichen?

Knauf: Sie ließen beide zu Wort kommen, schrieben aus verschiedenen Blickwinkeln. Der Name eines Prophetenbuches steht hauptsächlich für die intellektuelle Tradition, aus der die Denkschrift kommt. Es gibt da ja noch keine individuellen Autoren; dass etwa Jesaja selbst geschrieben habe, hat man erst seit dem Hellenismus geglaubt, der nach Verfassern zu fragen begann. Im 1. Jahrhundert n. Chr. erklärte Josephus Flavius dann die Propheten zu göttlich inspirierten Geschichtsschreibern, die einander nicht widersprechen.

SPIEGEL: Eine Definition, die bis heute nachwirkt.

Knauf: Leider, denn richtig ist eben fast das Gegenteil. Da schon in der Tora mehr als eine Meinung zu Wort kam, galt Pluralismus fortan als guter Stil. Allerdings wurde Prophetenliteratur erst seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. allgemein zugänglich; vermutlich haben die hasmonäischen Herrscher, die sich aus der Tora allein nicht legitimieren konnten, sie dem Kanon angefügt.

SPIEGEL: Und wie kamen die restlichen Schriften zum Alten Testament?

Knauf: Man muss sich die Hebräische Bibel aufgebaut wie konzentrische Kreise vorstellen: In der Mitte ist die Tora, sie wird von den Propheten ausgelegt, und die wiederum werden durch die Schriften kommentiert. Ich vermute, die meisten der "Schriften" entstanden während des 5. bis 1. Jahrhunderts in der Jerusalemer Tempelschule und wurden dort gelehrt. Dieser Lese- und Literaturkanon wurde dann später vom rabbinischen Judentum übernommen.

SPIEGEL: Wie kann man den Psalter mit seinen oft hochpoetischen Klagen und Lobpreisungen als Kommentar lesen?

Knauf: Die Psalmen sind eine durchkomponierte theologische Sammlung, das Programmbuch der Pharisäer-Partei. Man nahm hier und da ältere Kultgesänge auf, aber unter klaren ideologischen Vorgaben. Dagegen stellt Kohelet, der sogenannte Prediger Salomo, das Manifest der konkurrierenden Sadduzäer dar. Der Psalter ist das messianischste Buch der Hebräischen Bibel; die Pharisäer glaubten an Auferstehung und eine zukünftige Welt. Das taten die Sadduzäer ganz und gar nicht; in Kohelet steht: "Es gibt nichts Neues unter der Sonne" - und es werde nie etwas Neues geben.

SPIEGEL: Wie erklärt sich die hohe literarische Qualität der Bibel? Die Verfasser wussten offenbar, wie sie die Leser fesseln konnten, da geht es ja mitunter ziemlich abenteuerlich zu: Jona und der Wal, Daniel in der Löwengrube, die Sintflut, das sind spannende Geschichten. Sprüche wie "Besser ein trockenes Stück Brot und Ruhe dabei, als ein Haus voll Braten und dabei Streit" oder: "Unrecht Gut gedeiht nicht" sind bis heute Klassiker. Wieso konnten die Gelehrten so gut schreiben?

Knauf: Sie waren professionelle Formulierkünstler, die mit großem Bedacht zu Werke gingen. Sie waren natürlich in der langen erzählerischen Tradition ihrer Kultur zu Hause. Außerdem kannten sie die Weisheitsliteratur der ganzen Region; man war international vernetzt, wie die Wissenschaft heute. Das andere große Beispiel dieser hohen Erzählkultur, die wohl schon einige Jahrhunderte in Syrien und Umgebung florierte, ist das Werk des griechischen Geschichtsschreibers Herodot.

SPIEGEL: Die heilige Schrift der Juden war vollendet zur Zeit Jesu. Warum übernahmen die frühen Christen all diese Texte?

Knauf: Ganz einfach: Weil sie Juden waren. Sie hatten gar keine andere Wahl. Dass Jesus der Auferstandene sei, wurde sinnvoll und erstaunlich nur, wenn man damit die Hoffnung erfüllt sah, es werde ein Messias erscheinen. Es gab für das Urchristentum keine anderen heiligen Schriften, man bezog sich unausweichlich auf sie.

SPIEGEL: Gleich am Anfang steht ja schon der Stammbaum, der sich auf Abraham beruft. Dennoch sah man die Notwendigkeit, ein neues Testament hinzuzusetzen?

Knauf: Man wollte die alten Schriften ja auslegen, nicht sagen: vergesst sie. Im 1. Jahrhundert gibt es dafür aber noch kein planvolles Vorgehen. Erst entstanden Lehrbriefe zur Betreuung der Gemeinden; Paulus rechnete ja noch mit der baldigen Wiederkunft des Herrn. Als sie ausblieb und die Geschichte offenbar noch eine Zeit weiterging, wollte man das Leben Jesu als Vorbild für die Nachfolge verbindlich festhalten. Die Evangelien sind nach guter altorientalischer Tradition nun für christliche Schulen normative Texte über das Leben Jesu - zum Lernen, Einprägen und Weitergeben.

SPIEGEL: Erklärt sich so auch, dass es gleich mehrere Evangelien gibt?

Knauf: Zumindest zeigt es, wie jüdisch die frühen Christen noch waren: Verschiedene Traditionen dürfen nebeneinander bestehen. Paulus und Matthäus sind ohnehin Juden; Matthäus kündigt mit seinen ersten Worten eine "Genesis" des Gottessohnes Jesus Christus an, was klar auf den Beginn der Tora anspielt. Um Widersprüche zu umschiffen, schufen die Gelehrten später eine "Evangelienharmonie", mit der sie erklärten: Alles ist wahr.

SPIEGEL: Gibt es Hinweise darauf, wer die Evangelisten waren?

Knauf: Im Moment ist es wissenschaftlich große Mode, sie für Repräsentanten von Gemeinden zu halten, alle schrieben unter Pseudonym. Genaues weiß niemand. Nur dass sie ziemlich gebildet waren, ist erkennbar. Ob es jeweils mehrere waren, kann man nicht ausschließen. Wichtiger als die Autorenfrage ist für mich ohnehin der Text.

SPIEGEL: Das Alte Testament enthält mehr als 1000 Seiten, das Neue nur gut 300. Warum ist es so kurz?

Knauf: Alles Wesentliche war ja schon gesagt, man musste keine Gesetze schreiben und auch keine Geschichte von der Schöpfung bis zur Gegenwart. Die christliche Bibel ist zudem in nur 100 Jahren entstanden und nicht in 500 bis 700 wie die Hebräische.

SPIEGEL: Aber was ist nun neu am Neuen Testament, wenn man vom Offensichtlichen wie der Passionsgeschichte absieht? Die Briefe, Gleichnisse, die Wunder Jesu?

Knauf: Die Briefe ja. Gleichnisse waren allerdings seit frühen Zeiten im ganzen Orient populär; es gibt einige im Alten Testament und bei den Rabbinen. Aber die Evangelien als Biografien sind tatsächlich eine neue literarische Gattung.

SPIEGEL: Wo wird der Umbruch zum Christentum am deutlichsten spürbar? In den antijudaistischen Passagen?

Knauf: Ja, die finden sich schon bei Matthäus, doch das sind noch innerjüdische Auseinandersetzungen. Johannes ist massiv judenfeindlich. Da ist Abgrenzung zu spüren: Die Juden sind etwas anderes, sie haben unrecht, und wir haben recht. Bei Paulus fehlt so etwas ganz. Aber es gibt nicht den Punkt, wo Judentum und Christentum sich getrennt haben. Man kann nur sagen: Wichtige Daten waren sicher die Zerstörung des Zweiten Tempels und der Bar-Kochba-Aufstand gegen Rom, also um das Jahr 135. Danach war das Judentum eine Religion von galiläischen Bauern, das Christentum eine von hellenisierten Städtern.

SPIEGEL: Und die einer Weltmacht...

Knauf: Nachdem das Römische Reich christlich geworden war. Die neu-christlichen Kaiser erließen schließlich antijüdische Gesetze im 4. Jahrhundert. Es gab aber weiter kulturellen Austausch.

SPIEGEL: Die neutestamentliche Literatur wird nach recht kurzer Zeit als abgeschlossen betrachtet und dann der jüdischen Schrift angegliedert. Warum?

Knauf: Meiner Meinung nach lag das hauptsächlich an Markion. Dieser radikale Christ erklärte im 2. Jh. die alte jüdische Bibel für überflüssig; er ließ nur noch Lukasevangelium und Paulusbriefe gelten. Die kirchliche Mehrheit aber lehnte den Bruch mit der jüdischen Vergangenheit ab. Sie schuf im Gegenzug um das Jahr 150 die neue Bibel aus Altem und Neuem Testament, die beide nach dem Muster Geschichte-Gegenwart-Prophetie angeordnet sind. Es hat noch eine Zeit gedauert, bis sich diese Bibel durchgesetzt hat, bis etwa 350. Und da die Texte jetzt nicht mehr auf einzelnen Rollen, sondern in buchförmigen Pergament-Codices standen, blieb die Reihenfolge erhalten.

SPIEGEL: In welcher Schule, vermuten Sie, geschah das?

Knauf: Es mag eine der großen Katechetenschulen des Vorderen Orients gewesen sein, Alexandria, Antiochia oder Cäsarea. Dort hat man bei der Redaktion der griechischen Bibel in Altem und Neuem Testament die gleichen Schreibweisen für die Gottesbezeichnungen verwendet, sodass nun etwa der christliche "Kyrios", der Herr, im Alten wie im Neuen Testament erscheint. Mit der lateinischen Vulgata des Hieronymus, der dank eines Rabbis das Hebräische bewältigte, ist die Entwicklung dann vorerst abgeschlossen.

SPIEGEL: Gottes Wort stand lange unangefochten da. Spätestens im 17. Jahrhundert jedoch begann die skeptische Hinterfragung der Bibel: Die Texte wurden historisch-kritisch unter die Lupe genommen, die biblische Archäologie grub und fand wenige Beweise oder das Gegenteil. Wo stehen wir heute? Was hat tatsächlich stattgefunden, was ist historisch belegt - und was nicht?

Knauf: Die biblischen Autoren wollten nie Tatsachen referieren. Tora und Josua enthalten den großen Mythos Israels, das heißt den Empfang der Tora und des Gelobten Landes, die Propheten den kleinen: die Verbannung nach Babylon und die Heimkehr. Beides für Historie zu halten, ist schon ein hellenistischer Irrtum. Es gibt ja genug Hinweise auf die Fiktionalität, etwa wenn Leute 900 Jahre lang leben. Das kann man doch nicht für bare Münze nehmen.

SPIEGEL: Das heißt, die gnadenlosen Wahrheitskriterien der Aufklärung galten eben noch nicht?

Knauf: Davor fand niemand es unsinnig, dass Abraham mit mehr als 90 Jahren beschnitten wurde oder Adam oder Noah Hunderte von Jahren alt wurden; sie lebten schließlich in der Urzeit, in einer mythischen Epoche jenseits gegenwärtiger Maßstäbe. Die letzte dieser übermenschlichen Gestalten ist Josua, der mit 110 Jahren stirbt. Danach beginnt die realistischere Geschichte Israels, an konkreten Orten, zu nachvollziehbaren Zeiten.

SPIEGEL: Das ist ja so ähnlich wie bei den griechischen Heroen...

Knauf: Ja, und für Mesopotamien gilt das Gleiche; da haben wir am Anfang Könige, die Hunderttausende von Jahren regieren, bis es zu den realen Dynastien kommt. Unbestreitbare Fakten sind die Zerstörung des Ersten Tempels Anfang des 6. Jahrhundert v. Chr. durch die Babylonier sowie der Neubau des Zweiten Tempels um 500 v. Chr. Auch an den Königslisten von Israel und Juda ist schwer zu zweifeln.

SPIEGEL: Die Könige gab es also wirklich?

Knauf: Ja, sogar die Regierungszeiten stimmen im Wesentlichen. Aber von der Genesis bis Josua, also zur angeblichen Landnahme, würde ich gar nicht nach Fakten fragen. Es gab historische Kerne, aber in der Erzählung wurde einfach hinzugedichtet. Das Buch Josua zeigt etwa auch Auslegungsalternativen zur Tora auf, wie man Völker integrieren kann, statt sie zu töten. Die Archäologie legt inzwischen nahe, dass die Stämme Israels dort entstanden, wo die Bibel sie ansiedelt, im Land Kanaan. Bis ins 12. Jh. v. Chr. war es ägyptische Provinz, danach konnten sich die Israeliten dort ausbreiten.

SPIEGEL: Das ist ja eine schöne Begründung für die Israelis heute, die sagen: Das ist urzeitlich unser Land.

Knauf: Vorsicht, Geschichte ist immer hypothetisch. Das ist die geltende Theorie, die ich jetzt vorgetragen habe - wer weiß, was die Schüler meiner Schüler mal sagen werden?

SPIEGEL: Man darf also mit weiteren Überraschungen rechnen?

Knauf: Ganz sicher. Die Bibel ist wie ein Museum, das großartige Stücke aus 1000 Jahren Geschichte enthält, aber die wenigsten sind beschriftet, und bei manchen sind die Erklärungen vertauscht. Da gibt es noch vieles zu erkunden.

SPIEGEL: Der Wirkkraft der Bibel haben alle historisch-kritischen Überprüfungen aber offenbar keinen Abbruch getan?

Knauf: Nein, nicht dem Lesevergnügen und sicher nicht der philosophischen und religiösen Bedeutung. Dank ihrer vielen Leerstellen kann - muss - die biblische Literatur immer wieder neu gelesen werden.

SPIEGEL: Herr Professor Knauf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Annette Großbongardt und Johannes Saltzwedel.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 379 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
El pato clavado 07.12.2014
1.
es hilft nix, es bleibt ein Märchenbuch
heinzpeter0508 07.12.2014
2. Das die Bibel und der Koran
zusammengeschusterte Märchenbücher sind das haben doch schon die Autoren und Wissenschaftler Christopher Hitchens und Prof. Richard Dawkins bestens recheriert. Hitchens in seinem Buch „Der Herr ist kein Hirte“ und Dawkins in „Der Gotteswahn“, und weiteren wissenschaftlichen Büchern. Trotzdem ist es erstaunlich wie viel Menschen dem Gotteswahn erliegen, vom „kleinen Mann oder der kleinen Frau“, bis hin zum Papst. Für mich als Atheist und Ingenieur total unverständlich, und es kommt mir vor wie der kindliche Glaube an den Weihnachtsmann. Was auch ein schönes Märchen ist, doch leider fern jeglicher Realität.
Rumgeseier 07.12.2014
3. Naja
Also ist die Bibel nichts anderes als ein uraltes Sammelwerk von Sagen und Legenden und genauso glaubwürdig wie Grimms Märchensammlung. Traurig, dass so viele Menschen im Zeichen des angeblich so friedfertigen Glaubens getötet wurden und werden. Für andere Bücherrelegionen gilt das natürlich auch. Eigentlich müssten wir es ja besser wissen aber irgendwie ging die richtige Zivilisation an der Menschheit bislang vorbei.
c.PAF 07.12.2014
4.
Natürlich beruht jedes Buch mehr oder weniger auf wahren Begebenheiten. Die Bibel ist für Ihre Zeit sehr kreativ, quasi ein Fantasy-Roman, an dem über Jahrhunderte geschrieben wurde. Ich wüßte kein weiteres vergleichbares Werk, an dem die Autoren so kreativ gearbeitet haben.
harald441 07.12.2014
5. Wer die GRIMM'schen Märchen als
bedeutungslose "Märchen" eben abtut, der hat sie nie mit Sinn und Verstand gelesen, denn jedes dieser Märchen hat einen tiefen inneren Wahrheitsgehalt, der an den der jesuanischen Gleichnisse herankommt. Den Wahrheitsgehalt von z. B. "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen erlebe ich dreimal mindestens in jeder Woche im Fernsehen, in der Zeitung und im wirklichen Leben auf der Straße
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL Geschichte 6/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.