Hamburg: Seuche aus der Elbe

Von Kathrin Maas

Überall im Deutschen Reich konnte die Cholera im Spätsommer 1892 rasch eingedämmt werden, nur in Hamburg kam es noch einmal zu einer folgenschweren Epidemie.

Katastrophe im Norden: Epidemie in der Hansestadt Fotos
DIAGONAL/ Gerald Sagorski

Der Tod kam aus dem Wasserhahn. Lautlos breitete er sich aus, in einem 400 Kilometer langen, ausgeklügelten Rohrleitungssystem, das nahezu jedes Haus der Stadt mit fließendem Wasser versorgte. Tausende, die davon tranken, sich und ihre Kinder badeten oder ihre Lebensmittel säuberten, wiesen schon bald beängstigende Symptome auf. Sie erbrachen sich heftig und litten an Durchfall, sie verloren rasch so viel Körperflüssigkeit, dass die Haut blau und faltig wurde. Binnen Stunden starb etwa die Hälfte der Erkrankten, geschüttelt von schmerzhaften Muskelkrämpfen. Schnell kursierten Gerüchte, dass die Cholera in Hamburg ausgebrochen sei. Die Zeitungen brachten erste beunruhigende Meldungen.

Die "Cholera asiatica" ängstigte die Menschen wie zuvor nur die Pest. 1831 erreichte sie erstmals Mitteleuropa. Der expandierende Welthandel und die neue Mobilität von Waren und Menschen hatten den gefährlichen Erreger von Indien aus in die Welt getragen. In mehreren Wellen raffte die Seuche in Europa viele Millionen Menschen dahin. Auch Deutschland erlebte im 19. Jahrhundert mehrere Cholera-Epidemien, die letzte überregionale 1873.

Etwa zehn Jahre später, 1884, identifizierte der Mediziner und Bakteriologe Robert Koch (1843 bis 1910) den sogenannten Komma-Bazillus als Erreger der Cholera. Koch entdeckte, dass die Krankheit sich durch verseuchtes Wasser und die Ausscheidungen Infizierter übertrug, und leitete daraus einfache Maßnahmen ab, um die Seuche zu bekämpfen - ein medizinischer Triumph, für den er als Nationalheld gefeiert wurde.

Innerhalb von nur sechs Wochen erkrankten in Hamburg fast 17.000 Menschen

Doch als man die Krankheit im Deutschen Reich schon fast besiegt glaubte, bewies sie in Hamburg ein letztes Mal ihren Schrecken. Innerhalb von nur sechs Wochen, zwischen dem 16. August und dem 19. September 1892, erkrankten in der Hansestadt knapp 17.000 Menschen, fast 8600 starben. Warum wurde ausgerechnet Hamburg zum Schauplatz einer so verheerenden Epidemie?

Am 13. August 1892 schwamm der todbringende Keim bereits im Elbwasser. Russische Auswanderer, die im Hamburger Hafen zu Tausenden auf ihre Passage in die Neue Welt warteten, hatten ihn in sich getragen. Nach einer langen Hitzeperiode waren die Pegelstände der Elbe niedrig, das Wasser mit 22 Grad Celsius ungewöhnlich warm. In dieser Umgebung vermehrte sich der Bazillus rasant und verseuchte in Windeseile das gesamte Hafengebiet.

Es dauerte nur drei Tage, bis die Seuche ihre ersten Opfer forderte, doch die Ärzte der Stadt zögerten, die folgenschwere Diagnose "Cholera asiatica" offiziell zu bestätigen. Mit Robert Kochs Untersuchungsmethoden gänzlich unvertraut, scheiterten die Mediziner zunächst daran, den Erreger in den Stuhlproben der Opfer überhaupt nachzuweisen. Hinzu kam, dass der Senat wirtschaftliche Nachteile mehr fürchtete als die Krankheit. Die nötigen Quarantänemaßnahmen hätten den Handelsverkehr der Hafenstadt erheblich eingeschränkt.

Durch Ebbe und Flut waren die todbringenden Bazillen elbaufwärts gelangt

Als der Ausbruch der Cholera am 23. August offiziell bekanntgegeben wurde, war es bereits zu spät. Durch die Bewegungen von Ebbe und Flut waren die todbringenden Bazillen elbaufwärts gelangt, bis zur Entnahmestelle von Hamburgs zentraler Wasserversorgung. Den Bau einer Sandfiltration - für deutsche Städte bereits damals hygienischer Standard - hatte der Senat von den siebziger Jahren an aus Kostengründen verzögert. Nun strömten die Keime ungehindert durch die Leitungen.

Innerhalb weniger Tage verbreitete sich die Cholera im gesamten Stadtgebiet. Allein zwischen dem 26. August und dem 2. September erkrankten täglich 1000 Menschen, 400 starben. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof, dem neuen Zentralfriedhof der Metropole, hoben 250 Arbeiter Massengräber aus, in denen bis zu 500 Leichen gleichzeitig beerdigt wurden.

Besonders oft fuhren die Leichenwagen in den Arbeiterquartieren wie dem Gängeviertel vor, einem Gewirr aus engen, lichtarmen Gassen, feuchten Höfen und baufälligen Häusern in der Hamburger Innenstadt. Hier teilten sich bis zu 50 Personen eine Gemeinschaftstoilette, die viel zu kleinen Wohnungen waren hoffnungslos überbelegt.

Als Robert Koch am 24. August im Auftrag der Reichsregierung nach Hamburg reiste, sagte er angesichts des Gängeviertels: "Meine Herren, ich vergesse, dass ich in Europa bin."

Die Hansestadt verbesserte die Kanalisation und sanierte das Gängeviertel

Die Hamburger Medizinalbehörde hatte Koch zuvor frostig empfangen, denn sie stand seiner Bakterientheorie noch äußerst skeptisch gegenüber. Die Hamburger Ärzteschaft vertrat nahezu geschlossen die überholte Lehrmeinung, dass die Cholera sich über die Luft verbreite. Koch hingegen erkannte den Zusammenhang zwischen dem Ausbreitungsgebiet der Seuche und dem Netz der Hamburger Wasserversorgung.

Empört von so viel Ignoranz, zwang der berühmte Wissenschaftler den Senat zu handeln: Auf großen Plakaten warnte die Medizinalbehörde nun davor, ungekochtes Leitungswasser zu gebrauchen, sie ließ 250.000 Handzettel mit Verhaltensregeln verteilen. Fasswagen versorgten die Bevölkerung mit abgekochtem Wasser. Die Schulen wurden geschlossen, öffentliche Veranstaltungen verboten, Desinfektionskolonnen zogen durch die Stadt, um Wohnungen, Häuser und ganze Straßenzüge von dem Erreger zu befreien. Außerdem trat ein, was der Senat am meisten gefürchtet hatte: Die Tore der Stadt wurden für Handel und Verkehr geschlossen.

Als die Epidemie ab Mitte September schließlich abflaute, standen die Behörden vor den Trümmern ihrer bisherigen Gesundheits- und Sozialpolitik. Erst jetzt sahen die Stadtväter sich gezwungen, das öffentliche Gesundheitswesen zu reformieren: Im Mai 1893 nahm Hamburg die längst überfällige Sandfiltrieranlage in Betrieb. Die Hansestadt verbesserte die Kanalisation und beschloss, das Gängeviertel zu sanieren. Noch im Dezember 1892 war das Hygienische Institut gegründet worden, das Proben aus den städtischen Wasserleitungen systematisch auf Verunreinigungen untersuchte. Nie wieder kam es in Hamburg zu einer Cholera-Epidemie.

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Cholera
Infektion
CDC/ Janice Carr
Die Cholera ist eine schwere Infektionskrankheit des Menschen. Sie verursacht starke Durchfälle und Erbrechen, was zu einer schnellen Austrocknung und Elektrolytverlusten führt. Übertragen wird die Cholera durch das Bakterium Vibrio cholerae, das vor allem in Fäkalien sowie in verschmutztem Wasser und rohem Fisch vorkommt.
Symptome
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt wenige Stunden bis fünf Tage. Durch starken Durchfall und Erbrechen verlieren die Patienten große Mengen Wasser und Elektrolyte. Dadurch kollabieren sie, bekommen Krämpfe, Fieber, fallen ins Koma. Wird die Cholera nicht behandelt, führt sie zum Tod. Menschen mit geschwächtem Immunsystem wie unterernährte Kinder oder HIV-Infizierte haben auch bei dieser Erkrankung ein höheres Sterberisiko als der Durchschnitt der Bevölkerung.
Behandlung
Wird die Cholera rechtzeitig erkannt, sind die Heilungschancen gut. Die wichtigste Maßnahme ist die Zufuhr von Flüssigkeit, Zucker und Salzen. In besonders schlimmen Fällen sollte diese intravenös erfolgen, um den entzündeten Magen-Darm-Trakt zu umgehen. Am besten schützen Reisende sich durch Vorsorge: Sie sollten auf einwandfreies Trinkwasser und unbedenkliche Nahrungsmittel achten und im Falle einer beginnenden Durchfallerkrankung sofort medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Darüber hinaus untersucht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ergänzende Maßnahmen zur Cholera-Prävention. Impfungen empfiehlt sie bisher nur in Ausnahmefällen, zum Beispiel bei Hilfseinsätzen in aktuellen Epidemiegebieten unter eingeschränkten hygienischen Bedingungen. Die Impfungen gegen Cholera sind bisher nicht sehr effektiv und haben hohe Nebenwirkungen.
Verbreitung
Die Cholera ist weltweit verbreitet. Besonders häufig kommt sie auf dem indischen Subkontinent sowie in Zentral- und Südafrika vor. Epidemien treten vor allem dann auf, wenn die hygienischen Bedingungen schlecht sind und es keine geregelte Abwasserversorgung gibt, wie etwa in den Slums in Haiti. Dort steigt die Zahl der Erkrankungen schneller als in den Lagern, die die Hilfsorganisationen nach dem jüngsten Erdbeben eingerichtet haben. Je besser die Abwasserversorgung, desto geringer die Chance zur Verbreitung.