Pioniere Das erste globale Netz

Die Kolonialzeit begann mit der Suche nach neuen Handelswegen. Schon bald ging es um die Weltherrschaft.

Von Dietmar Pieper

Corbis

Was es für einen Seemann bedeutete, das Festland weit hinter sich zu lassen und ins Unbekannte zu segeln, zeigen die Notizen, die Christoph Kolumbus in sein Bordbuch geschrieben hat. Auf seiner ersten Reise über den Atlantik ist er seinen Männern bald verhasst, der große, grauhaarige Italiener, der unbeirrbar behauptet, dass irgendwo hinter dem Horizont Land liegen müsse, ein Land von märchenhaftem Reichtum, das er Indien nennt, weil das damals so üblich ist. Eigentlich meint er China.

Nach mehr als zwei Wochen Fahrt ist es so weit, dass er sich über Gegenwind freut. Kolumbus, der auf Betreiben der spanischen Königin Isabella unterwegs ist, schreibt am 22. September 1492: "Diesen Gegenwind habe ich unbedingt nötig gehabt, musste ich doch meine Mannschaft stets zur Weiterfahrt antreiben, da sie der Ansicht waren, dass in diesen Gewässern keine Winde gingen, die geeignet waren, unsere Schiffe nach Spanien zurückzubringen."

Drei Tage später scheint Land in Sicht. Die Mannschaft ist guter Laune, viele Matrosen springen bei ruhiger See ins Wasser, schwimmen eine Runde und erfreuen sich am Anblick goldglänzender Fische. Aber bald stellt sich heraus: "Das, was wir für Land gehalten hatten, war nur ein Stück des Himmels."

Wieder gehen die Tage dahin, und es wird nicht leichter für den Anführer. Am 10. Oktober schreibt Kolumbus: "Zu diesem Zeitpunkt beklagten sich meine Leute über die lange Reisedauer, die ihnen unerträglich zu sein schien." Meuterei liegt in der Luft.

Aber dann frischt der Wind auf, und die drei Schiffe "Niña", "Pinta" und "Santa Maria" machen rasche Fahrt. Noch vor Sonnenaufgang am 12. Oktober erkennt ein Matrose der "Pinta" im Mondlicht helle und dunkle Streifen gerade voraus: Brandung, Klippen, Strand. "Tierra" schreit er, "tierra", Land, und diesmal stimmt es.

"So viel Gold, wie sie brauchen"

So erreicht die kleine Flotte das erste Stückchen Land eines in Europa unbekannten Kontinents. Aber das weiß die Besatzung nicht. Kolumbus ist überzeugt, dass er eine asiatische Küste erreicht hat. Unter den Blicken staunender Einheimischer, die ihre Insel Guanahani nennen, pflanzt der Admiral die Flagge der spanischen Krone auf und nimmt das Land in Besitz. Es handelt sich um eine der Bahamas-Inseln, welche genau, ist bis heute unklar.

Nach seiner Heimkehr bereitet man Kolumbus in Spanien einen triumphalen Empfang. Bald will er wieder lossegeln und diesmal auch Reichtümer finden. In seinem Bericht an Isabella und ihren Gemahl Ferdinand II. verspricht er den beiden Herrschern "so viel Gold, wie sie brauchen", und "so viele Sklaven, wie sie nachfragen". Sein Schaden soll es nicht sein.

Kolumbus ist nicht der erste, aber bis heute der berühmteste Entdeckungsreisende, der durch seine Taten vor allem reich werden möchte. Gold und Sklaven, darum also geht es ihm (auch wenn das gut katholische Königspaar weder Christen noch künftige Christen versklavt sehen möchte). Zahllose Männer, die wagemutig und skrupellos genug waren, als Seefahrer, Händler und Soldaten ihr Glück zu versuchen, haben ihm die Jahrhunderte hindurch nachgeeifert.

Für die moralische Überhöhung sorgte gewöhnlich die Religion. Solange es als selbstverständliche Pflicht eines Christen galt, für seinen Glauben einzutreten, konnte jede Eroberung als gottgefällige Missionsarbeit betrachtet werden. Auch Kolumbus wollte die Menschen in der Fremde "zu unserem heiligen Glauben bekehren". In einer Zeit, in der die Religion das Leben bestimmte, war die christliche Mission manchmal ein starkes persönliches Motiv.

Später war es auch ohne religiösen Beistand möglich, Menschen guten Gewissens zu unterwerfen. Viele Kolonialisten, die erfüllt von europäischem Sendungsbewusstsein in die Welt hinauszogen, haben wohl tatsächlich geglaubt, dass sie ein gutes Werk tun und die überlegene Zivilisation verbreiten. Charakteristisch sind Äußerungen des britischen Politikers Thomas Macaulay, der 1835 nach Indien ging und dann zum Lord geadelt wurde: "Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, eine Schicht heranzubilden, die später Vermittler sein kann zwischen uns und den Millionen, die wir regieren - eine Schicht von Personen, die indischer Herkunft ist, aber englisch in ihren Gefühlen und Anschauungen, ihrem Verhalten und Denken." Macaulays ganze Überheblichkeit zeigt sich in dem Satz: "Ein einziges Regal einer guten europäischen Bibliothek wiegt die gesamte einheimische Literatur Indiens und Arabiens auf."

Solche Hybris war im imperialistischen 19. Jahrhundert der Normalfall. Und mit Hybris hatte das Zeitalter der abendländischen Expansion begonnen. Kaum war Kolumbus 1493 zurückgekehrt, erließ Papst Alexander VI. eine Bulle, mit der er die Welt entlang einer Nord-Süd-Linie aufteilte; sie verlief 100 Leguas (knapp 500 Kilometer) westlich der Kapverdischen Inseln durch den Atlantik. Alle Länder weiter westlich sprach der Papst den Spaniern zu, die östlich davon liegenden Gebiete sollten Portugal gehören - gegeben zu Rom am 4. Mai 1493 "aus der Fülle Unserer apostolischen Machtbefugnis, die durch den allmächtigen Gott, durch die Vermittlung St. Petri auf Uns übertragen worden ist".

Der Papst handelte als Schiedsrichter, aber die Portugiesen waren nicht zufrieden und drängten auf eine Verlegung der Linie. Am 7. Juni 1494 schlossen sie mit den Spaniern den Vertrag von Tordesillas, in dem die Trennlinie erheblich weiter nach Westen verschoben wurde. Für die Portugiesen sollte sich das auszahlen, als sie bald darauf anfingen, Brasilien zu kolonisieren - und dafür eine rechtliche Grundlage vorweisen konnten. Natürlich war der Vertrag ein Geschäft zu Lasten Dritter, denn weder wurden die Bewohner der verschacherten Gebiete gefragt, noch durften die konkurrierenden Mächte in Europa mitreden.

Bedeutende europäische Entdeckerreisen des 15. und 16. Jahrhunderts
DER SPIEGEL

Bedeutende europäische Entdeckerreisen des 15. und 16. Jahrhunderts

Die Dynamik der Welteroberung war nun nicht mehr aufzuhalten. 1498 landete der Portugiese Vasco da Gama im indischen Calicut, nachdem er als erster Europäer den ganzen Süden Afrikas umrundet hatte. "Wir suchen nach Christen und Gewürzen", soll er bei seiner Ankunft gesagt haben. Anders als Kolumbus war da Gama dort angelangt, wo er hinwollte. Mit ihm begann die große Zeit der Handelsniederlassungen in Ostasien, wo zunächst die Portugiesen, dann Niederländer und Engländer das Geschäft dominierten. Um die Erdkugel legte sich das erste globale Netz, ein Netz aus den Handelsrouten der christlichen Seefahrt.

Eigentlich war der Asienhandel eine uralte Sache. Pfeffer, Zimt oder Muskatnüsse aus dem Fernen Osten waren schon bei den Römern begehrt. Plinius der Ältere schrieb im 1. Jahrhundert n. Chr.: "Es ist erstaunlich, dass der Pfeffer so geschätzt wird. Nur seine Schärfe macht ihn interessant - und deswegen fahren wir bis Indien!" Sehr aufschlussreich ist eine ökonomische Bemerkung bei Plinius: "In keinem Jahr saugt Indien weniger als 50 Millionen Sesterzen vom Wohlstand unseres Reiches ab und liefert uns dafür Waren zum Hundertfachen des Erzeugerpreises."

Der antike Geschichtsschreiber legt hier eine negative Handelsbilanz offen, die mehrere Zeitalter lang die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Europa und Asien bestimmt hat: Das Abendland begehrt fernöstliche Produkte, hat aber selbst wenig Interessantes anzubieten - und muss deshalb teuer mit Silber und Gold bezahlen.

Im 16. Jahrhundert gelang es den Portugiesen zwar, gute Geschäfte mit Kanonen zu machen, die sie beispielsweise an den Sultan von Aceh lieferten. Aber bald blieb den Europäern dann doch wieder nur, wie schon zu römischen Zeiten, Gewürze, kostbare Hölzer oder Porzellan gegen Edelmetall einzutauschen. Wie gerufen kamen da das Gold und vor allem das Silber aus Amerika. Rund 80 Prozent der weltweiten Silberförderung zwischen 1500 und 1800 fand in den Bergwerken der spanischen Kolonien statt - unter brutalen Arbeitsbedingungen für Einheimische und Sklaven. Der Peso stieg zur globalen Leitwährung auf.

Aus kaufmännischen Interessen wird ein imperialistisches Projekt

Dass die Europäer sich überhaupt auf den Weg gemacht hatten, Asien mit ihren Schiffen zu erreichen, lag nicht zuletzt daran, dass Landwege wie die legendäre Seidenstraße blockiert waren. Wie eine Wand hatte sich zwischen Zentraleuropa und den Fernen Osten das Osmanische Reich geschoben, das nach der Eroberung Konstantinopels 1453 seine ganze Macht entfaltete. Schon nach den Niederlagen der Kreuzritter gegen die Muslime hatten Kaufleute versucht, neue Handelsrouten zu finden. Nach dem Fall der Festung Akkon 1291 stachen genuesische Patrizier in See, um mit zwei Galeeren Afrika zu umrunden und nach Indien zu gelangen. Sie wollten, schrieb ein Chronist, "von dort gewinnversprechende Handelsgüter holen", wie zwei Jahrhunderte später Vasco da Gama. Sehr weit kamen sie nicht.

Wie aus kaufmännischen Interessen ein missionarisches und schließlich imperialistisches Projekt wird, beschreiben die Beiträge auf den folgenden Seiten. Sie zeigen die Perspektive der Kolonisierten und der Kolonialherren, sie zeichnen die Ereignisse in einzelnen Ländern und Regionen nach. Vieles bleibt Pars pro Toto, denn bei einem Thema, das ein halbes Jahrtausend der Menschheitsgeschichte umfasst, kann es nicht um Vollständigkeit gehen.

Vielleicht wäre manches anders gekommen, wenn der chinesische Yongle-Kaiser, der dritte aus der Ming-Dynastie, länger gelebt hätte. Als er 1402 auf den Thron kam, schickte er riesige Flotten unter Führung des Admirals Zheng He bis Arabien und Afrika.

Mit 64 Jahren starb der Yongle-Kaiser 1424 an einem Schlaganfall, seine Nachfolger setzten die expansive Politik nicht fort. Zwei Jahre später hieß es in einer Denkschrift für den neuen Kaiser: "Ihre Diener hoffen, dass Eure Majestät sich nicht zu kriegerischen Plänen und zu Ruhmgewinn durch Expeditionen in ferne Länder herbeilassen wird. Geben Sie die sterilen fremden Länder auf, und schenken Sie dem Volk eine Periode der Ruhe."

Der Weg für die Europäer war frei.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL Geschichte 1/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.