Kriegsheimkehrer Ein fremder Mann in abgerissener Kleidung - das sollte mein Vater sein?

Die deutschen Soldaten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Gefangenschaft nach Hause kamen, waren besiegt, verwundet, traumatisiert. Im Frieden fanden sie sich nur schwer zurecht.

Ankunft von Heimkehrern aus sowjetischer Gefangenschaft 1947 in Wien
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Ankunft von Heimkehrern aus sowjetischer Gefangenschaft 1947 in Wien

Von Andreas Unger


Wir brauchen keinen Soldaten", sagt Matthias' Schwester zu dem Mann an der Tür. Matthias, fünf Jahre alt, versteckt sich hinter ihr. "Er ist mir unheimlich, wie er so dasteht und versucht, freundlich zu sein, uns beide so anschaut, als würde er uns kennen, als müssten wir ihn kennen", erinnert sich Matthias Jahrzehnte später.

"Ich will nicht, dass ihr meinetwegen geschimpft kriegt", sagt der Mann schließlich und wartet vor dem Haus. "Er hat gesagt, er sei unser Vater", flüstert die Schwester. "Ich will keinen Vater", sagt Matthias.

Der fremde Mann, sein Vater, war ein "Heimkehrer", einer der Soldaten, die zum Teil Jahre nach Kriegsende aus der Gefangenschaft in Russland, in Polen oder in deutschen Lagern zurückkehrten. Eigentlich ist "Heimkehrer" das falsche Wort. Denn die Männer, die Krieg und Gefangenschaft überlebt hatten, kamen in ein Land, in dem sie nie zuvor gewesen waren.

Die Straßenzüge, in denen sich ihr Vorkriegsleben abgespielt hatte, ähnelten kaum den Trümmerreihen, durch die sie jetzt irrten. Eltern, Geschwister, Ehefrauen und Kameraden waren im Bombenkrieg umgekommen, gefallen, vermisst, Kinder erinnerten sich nicht mehr an ihren Vater. Der große Traum von der Heimkehr platzte in dem Moment, als er in Erfüllung ging.

Drei Heimkehrer mit Gepäck 1945
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Drei Heimkehrer mit Gepäck 1945

Sicher, auch die Gefangenschaft war schlimm gewesen. Hunger, Kälte, Schikanen. Harte Arbeit, dünne Suppe. Bohrende Langeweile. "Härte zu den Mitgefangenen, Bosheit und beißender Spott" seien häufig, so schildert es der Arzt Helmut Paul 1957 in einem psychiatrischen Handbuch. "Schlägereien unter den gewöhnlichen Gefangenen selbst sind selten und kommen nur bei guter Verpflegung vor."

Aber wenigstens hatte die Kriegsgefangenschaft Regeln gehorcht, und wer sie verstanden hatte, hatte gute Chancen zu überleben. Alte Hierarchien hatten sich nicht vollends aufgelöst, militärische Ränge waren noch von Bedeutung. Weil hohe Militärs bessere Verpflegung erhielten, beförderten sich einige mittels Urkundenfälschung nachträglich selbst. Andere erfanden Heldentaten im Krieg, um sich zu profilieren. Man brachte sich durch. Zurück in Deutschland schien das alles nicht mehr zu gelten.

"Ich habe mir das Kriegsende eigentlich immer anders vorgestellt", erinnert sich der ehemalige Obergefreite Josef Sedlmeier aus Pang bei Rosenheim in einem 2013 erschienenen Sammelband über die Erfahrungen Kriegsgefangener. "Ich habe davon geträumt, mit Pauken und Trompeten, mit Fahnen und Standarten durch den Veteranenverein, die Freiwillige Feuerwehr und vor allem durch den Jungfernbund mit Küssen und Hochrufen empfangen zu werden - aber es ist ganz anders gekommen. Wie ein Geächteter, ein räudiger Hund, ein Ausgestoßener bin ich heimgekommen - nach 1000 Tagen in russischer Gefangenschaft."

Die Männer erwartete Bürokratie statt Blütenregen. Ein Russlandheimkehrer aus Stuttgart hat 1948 aufgelistet, welche Stellen er abzuklappern hatte: Außenstelle des Wohnungsamtes, Polizeirevier, Standesamt für den Nachweis der Staatsangehörigkeit, Außenstelle des Wohnungsamtes, Ernährungsamt, Arbeitsamt, Berufskammer, Technische Werke zwecks Stromzuteilung, Landesversicherungsanstalt, Krankenkasse.

Deutsche Kriegsgefangene bei ihrer Rückkehr aus Großbritannien 1948
Charles Hewitt/Picture Post/Getty Images

Deutsche Kriegsgefangene bei ihrer Rückkehr aus Großbritannien 1948

Mit besonderem Mitgefühl durften die Heimkehrer nicht rechnen. Denn erstens hatten sie den Krieg geführt. Zweitens verloren. Drittens überlebt. Es waren Geschlagene darunter, Gedemütigte, Reumütige, Kämpfer, Mörder, Feiglinge, Helden, Deserteure, Ex-Idealisten, Ex-Karrieristen, Ex-Häftlinge. Aus den Versatzstücken ihrer Lebensgeschichte hatten sie sich nun eine Identität zu zimmern - und bitte nach vorn zu schauen.

Kein Wunder, dass das viele überforderte. So wie den ehemaligen SS-Mann Werner F. Er präsentierte sich in aufrechter Haltung und ausgezeichnetem körperlichen Zustand. Sein "intelligenter Gesichtsausdruck" ist bei der Aufnahme in die Psychiatrie Ende 1947 vermerkt. Der Patient macht auf den Arzt zunächst keinen krankhaften Eindruck. Bis F. erzählt. Von SS-Runen in den Schaufenstern, von den britischen Besatzern, die ihn verfolgen. Vom "Führer", der noch am Leben sei und vom gewonnenen Krieg. Seine Bekannten hält er für Spitzel und Spione, die Zeitung, angeblich gespickt mit Anspielungen auf ihn, liest er nicht mehr, das Radio schaltet er ab, er hat das Gefühl, "dass ich selbst gemeint bin".

Die medizinischen Akten lassen offen, worunter F. stärker leidet: unter seiner Vergangenheit als SS-Mann oder unter der Gegenwart der britischen Besatzung. Ein anderer Patient, Rolf S., sagt dem Arzt zwei Tage, bevor er entlassen wird: "Manchmal ist es, als ob ich in einem anderen Land bin."

Da hatte er einen hellen Moment, denn es stimmte: Das "Dritte Reich" gab es nicht mehr, die Bundesrepublik war noch nicht gegründet, die Deutsche Mark noch nicht eingeführt, die Mangelwirtschaft noch nicht vom Wirtschaftswunder abgelöst. Die Historikerin Svenja Goltermann, die psychiatrische Krankenakten ehemaliger Soldaten analysiert hat, spricht von einer "Verwandlungszone", in der Prägungen des Nationalsozialismus, der Kriegs- und Nachkriegserfahrungen und Zukunftsängste ineinander flossen und das Hier und Jetzt überlagerten.

Deutsche auf der Suche nach Familienangehörigen 1945
Haywood Magee/Getty Images

Deutsche auf der Suche nach Familienangehörigen 1945

Als Josef Sedlmeier nach dreieinhalb Jahren in sowjetischer Gefangenschaft am Münchner Hauptbahnhof auf seinen Anschlusszug wartete, sah er sich Illustrierte an. "Was haben die Menschen hier schon wieder für Sorgen? Man wählt eine Schönheitskönigin für alle nur erdenklichen Anlässe. Es gibt eine 'Miss Bein', eine 'Sex-Bombe', und die 'Schönste Frau der Welt' prangt beifallheischend von allen Bildern. Schenkel-, Hüft- und Brustumfang sind genauestens angegeben. Wer soll an ihrer Schönheit zweifeln? Von uns Plenni (der russische Ausdruck für "Kriegsgefangener") oder Heimkehrern ist nicht viel zu lesen. Wir hätten höchstens eine 'Miss Kohldampf' oder den 'Dürrsten Plenni' wählen können."

Mental waren Krieg und Gefangenschaft noch lange nicht zu Ende. Die Männer hatten getötet oder waren Zeugen davon geworden. Wobei nicht jeder Tote gleich schwer auf dem Gewissen der Soldaten lastete, wie die Geschichte des ehemaligen Fahnenjunkers Ludwig D. zeigt.

Während seiner Nachtwache tauchte ein deutscher Leutnant auf. In der Dunkelheit hielt D. ihn für einen Russen und erschoss ihn. Zwar hatte er auf dem "Russlandfeldzug" sehr wahrscheinlich schon getötet - zum "Mörder" aber, wie er sich selbst nannte, wurde er erst durch die versehentliche Tötung eines Deutschen. Noch Jahre später träumte er davon.

Goltermann hat in Krankenakten etliche ähnliche Berichte gefunden: "Im Hinblick auf den Tod von feindlichen Soldaten stößt man hingegen nur äußerst selten auf ein explizites Schuldgefühl. Ihr Tod erschien als eine logische Folge des Kriegszustands, der vom Soldaten Gehorsam und Pflichtausübung erforderte, in dem darüber hinaus aber auch das Gefühl der eigenen existenziellen Bedrohung das Töten geradezu als einen der Vernunft folgenden Handlungszwang erscheinen ließ."

Pflicht, Gehorsam, Glaube - damit rechtfertigten sich viele für ihre Taten. Die Toten der Alliierten wurden mit denen der Deutschen aufgerechnet, als würde ihre Zahl dadurch kleiner. Der Bericht von Sedlmeiers Heimkehr schließt mit den Worten: "Ich möchte allen, die nach mir kommen, vor allem meinen Kindern und Kindeskindern wünschen, dass ihnen all das Leid, der Hunger und die Demütigungen erspart bleiben, die ich und mit mir Millionen Kameraden schuldlos erdulden mussten."

Schuldlos erduldet, dieses Fazit ziehen viele Heimkehrer - "Viktimisierungsdiskurs" nennen es Zeithistoriker. Andere wagen den Perspektivwechsel, etwa ein niederbayerischer Wehrmachtsangehöriger, der später erzählt: "Ich habe gebetet, dass uns nicht die Russen besetzen. Weil ich weiß, was wir ihnen angetan haben."

Zu diesem "Wir" ringen sich nur wenige Heimkehrer durch. "Es sieht so aus, als ob sich die Deutschen nun, nachdem man ihnen die Weltherrschaft verwehrt hat, in die Ohnmacht verliebt hätten", beobachtete Hannah Arendt in ihrem 1950 veröffentlichten "Bericht aus Deutschland". Sie spricht von einer "tief verwurzelten, hartnäckigen und gelegentlich brutalen Weigerung, sich dem tatsächlich Geschehenen zu stellen und es zu begreifen".

Die alte Erziehung zur Härte, dazu die Verrohung im Krieg - es war eine brisante Mischung, die die Väter mit sich herumtrugen und in ihre Familien hinein. "Die Frau, die auf die Heimkehr des Mannes gewartet hat, und die Kinder, die selber so oft schon vom Vater in Russland erzählt haben, sind enttäuscht", schreibt Josef Krahe, Lagerpfarrer im Grenzdurchgangslager Friedland, 1950 in einem Buch über die Rückkehrer. "Und wenn dann noch der Heimkehrer mit der ganzen Belastung der Kriegssitten und der Gefangenschaftsbräuche nicht schnell fertig wird, wenn er viele Kraftausdrücke und derbe Redewendungen nicht so leicht überwinden kann, wenn er nicht nur das Taschentuch, auch manche anderen Dinge noch für Überbleibsel einer verbürgerlichten, längst überholten Welt sieht, die endlich ausgeräumt werden müssen, dann werden diese Schwierigkeiten noch größer und auch bedrohlicher."

Die Buchstaben "PW", eine Abkürzung des englischen "Prisoner of War", also "Kriegsgefangener", kennzeichneten die inhaftierten Soldaten.
Walter B. Lane/The LIFE Picture Collection/Getty Images

Die Buchstaben "PW", eine Abkürzung des englischen "Prisoner of War", also "Kriegsgefangener", kennzeichneten die inhaftierten Soldaten.

Heide Schön (Name geändert), Tochter eines Spätheimkehrers, erinnert sich in ihrem Tagebuch an den Lottoschein, der ausgefüllt auf dem Küchenschrank lag und den sie nicht zur Annahmestelle gebracht hatte, weil ihr Vater es ihr nicht aufgetragen hatte und sie sich nicht eigenmächtig verhalten wollte. "Ich wurde vertrimmt nach Strich und Faden, weil ich den Schein nicht abgegeben hatte. Das war für ihn, als wenn er sonst gewonnen hätte. Aber er hat gar nicht gewusst, ob er gewonnen hätte. Das war diese ganze Enttäuschung über sein Leben. Er wurde niemals Lottokönig."

Die Scheidungsraten schnellten in die Höhe: Wurden 1939 im Westen 30.000 Ehen, im Osten 14.000 geschieden, waren es 1948 in den Westzonen 87.000 und 38.000 in der Ostzone. Ein Grund dafür waren die vielen Blitzehen, die oft unmittelbar vor dem Einrücken der Männer überhastet geschlossen wurden. Ein anderer waren die zahlreichen losen Beziehungen der Nachkriegszeit zwischen Frauen, die kaum Informationen hatten über den Verbleib ihrer Ehemänner, und jenen Männern, die schon wieder im Land waren. Solche Beziehungen wurden "Onkelehen" genannt, weil der neue Partner den Kindern oft als Onkel vorgestellt wurde.

Vielleicht am schwersten aber wog die Entfremdung, die sich zwischen den Eheleuten einstellte, wenn die Männer dann wieder zu Hause waren: Viele Frauen weigerten sich, wieder die anschmiegsame Gattin zu geben, nachdem sie sich und die Kinder jahrelang ohne Ernährer durchgebracht hatten. Und durchaus nicht alle Männer wollten und konnten ein neues Selbstverständnis entwickeln.

Viel Verständnis für ihre seelischen Verletzungen konnten die Heimkehrer nicht erwarten. Die Schlussfolgerung, die DER SPIEGEL 1953 in einem Bericht über Strafgefangene in Niedersachsen zog - 41 Prozent von ihnen waren im Herbst 1949 Spätheimkehrer gewesen -, war für ihre Zeit sehr ungewöhnlich: Es handle sich um "keine Verbrecher, sondern Kranke", hieß es dort.

Die herrschende Lehre nicht nur unter Psychiatern war bis dato eine andere. Der Mensch könne grundsätzlich beinahe grenzenlos viel Grausamkeit durchleben, ohne innerlich bleibenden Schaden zu nehmen, war man überzeugt. Und wenn er doch seelisch leide, so liege das an einer erblichen Vorbelastung. Psychische Schäden wurden als Begleitsymptome körperlicher Gebrechen interpretiert, vor allem als Folgen von Unter- und Fehlernährung.

Wie viele Kriegsgefangene gab es?
  • Horace Abrahams/Keystone/Getty Images

    Von rund 100 Millionen Soldaten gerieten im Zweiten Weltkrieg etwa 35 Millionen in Gefangenschaft - davon mehr als 11 Millionen Deutsche. Im Herbst und Winter 1945 war mit 8,7 Millionen der Höchststand erreicht. 3,7 Millionen waren unter amerikanischer, 2,3 Millionen unter britischer, 450.000 unter französischer und 2,3 Millionen unter sowjetischer Herrschaft. Lager gab es in 20 Nationen, darunter auch Kanada, Norwegen, Südafrika, Jamaika, Australien und in den meisten Ländern Europas. Die letzten Soldaten aus westlicher Gefangenschaft kehrten 1948 zurück. Die Sowjetunion entließ 1949 etwa eine halbe Million Gefangene, doch auch nach 1950 blieben 28.711 Männer in der Sowjetunion. Circa 1,3 Millionen Deutsche galten 1950 als vermisst, im Westen waren es 100.000.

  • Wie Kriegsgefangene zu behandeln sind, ist in der Haager Landkriegsordnung und dem Genfer Abkommen von 1929 detailliert geregelt. Der "Gewahrsamsstaat" hat für ihren Unterhalt zu sorgen, die Verpflegung muss bestimmten Normen genügen, gesunde Soldaten (aber nicht Offiziere) können zu nicht militärischen und nicht gefährlichen Arbeiten herangezogen werden. Als einziges Siegerland verzichteten die USA darauf, Kriegsgefangene für die Kompensation ihrer Kriegsschäden einzusetzen.

In alliierten Lagern starben zahlreiche Kriegsgefangene. Berüchtigt waren die Zustände in den "Rheinwiesenlagern", wo in der Obhut der US-Amerikaner 5000 bis 10.000 Deutsche umkamen. Für die Alliierten, die die Versorgung der eigenen Soldaten, der Zivilbevölkerung, der Flüchtlinge, der befreiten KZ-Häftlinge und ehemaligen Zwangsarbeiter organisieren mussten, hatten die Kriegsgefangenen keine Priorität, zumal das "Dritte Reich" seine Kriegsgefangenen oftmals unmenschlich behandelt hatte. Man schätzt, dass während des Zweiten Weltkriegs etwa 3,3 Millionen der sowjetischen Gefangenen (beinahe 60 Prozent) umgekommen sind - ermordet, verhungert oder weil sie nicht medizinisch versorgt wurden.

Der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Tübingen, Robert Gaupp, schrieb 1940, es gebe "keine spezifischen Kriegsneurosen und Kriegspsychosen, aber psychopathisch veranlagte, namentlich ängstliche und gemütsweiche Naturen, die dem Ansturm der Schrecken und Gräuel des modernen Krieges häufig erliegen". Diejenigen, denen die "biologische Gesundheit" fehle, vor allem Wille und Verstand, flüchteten sich instinktiv in die "befreiende Krankheit".

Wo aber keine rein körperlichen Leiden diagnostiziert wurden, sahen die Rentenkassen keinen Anspruch auf Kriegsrente gegeben.

Traumatisierte Heimkehrer galten als Drückeberger oder Weicheier. Oder, nicht viel besser: Sie fühlten sich durch Schonung erniedrigt. Eltern und Schwester seien zwar rücksichtsvoll, so beschrieb es Helmut G., 20 Jahre alt, der mit einem Granatsplitter im rechten Oberschenkel nach Hause kam. Aber er werde nicht für voll genommen. Auch seine Geschichte hat die Historikerin Svenja Goltermann in ihrem Buch "Die Gesellschaft der Überlebenden" beschrieben. Darin analysiert sie, wie die Erfahrungen der Heimkehrer verschwiegen und verdrängt werden, und so umso stärker gären.

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Svenja Goltermann:
Die Gesellschaft der Überlebenden

Deutsche Verlags-Anstalt; 592 Seiten; 18,99 Euro

Helmut G. beweifelte, dass seine Familie ihn noch als "vollwertigen Menschen" ansehe. Er werde "wie ein kleiner kranker Junge" behandelt". Auf dem Hof konnte er nicht mehr hinlangen wie früher, und auf dem Tanzboden brauchte er sich als Versehrter auch nicht mehr blicken zu lassen.

Der Soldat, der Matthias' Vater ist, wartet draußen vor der Tür, bis die Mutter heimkommt. Abends schließlich sitzen alle zu Tisch, so hat es Lange später unter anderem Namen in einem Erinnerungsband aufgeschrieben. Der Vater holt Brot, Käse und Wurst aus seinem Rucksack. Er will seinem ältesten Sohn Andreas, zwölf Jahre alt, das Messer aus der Hand nehmen. "Lass ihn das Brot schneiden", sagt die Mutter zum Vater, "er schneidet bei uns immer das Brot und teilt es aus. Er hat dich in der Not würdig vertreten." Der Vater lässt ihn gewähren.

Matthias isst an diesem Abend so viel, dass er sich nachts übergibt. "Weil es zu gut war", sagt die Mutter. "Es war nicht gut, weil es von dem fremden Mann war", sagt Matthias.



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