Fortschritt Was das Geheimnis großer Erfindungen ist

Der Museumsdirektor Wolfgang M. Heckl erklärt, wie Geistesblitze entstehen, warum die westliche Welt mehr Innovationen hervorbringt als die arabische - und was den Menschen schlauer macht als jeden Computer.

Museumsdirektor Heckl
imago/ Stefan M. Prager

Museumsdirektor Heckl

Interview von


Zur Person
  • Martin Wagenhan/Deutsches Museum
    Wolfgang M. Heckl ist seit 2004 Generaldirektor des Deutschen Museums in München und seit 2009 Inhaber des Lehrstuhls für Wissenschaftskommunikation und Physik an der Technischen Universität München. Davor forschte der 58-Jährige als Professor für Experimentalphysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München auf dem Gebiet der Nanowissenschaften. In der Sendung "Sonntags-Stammtisch" des Bayerischen Fernsehens ist Heckl Stammgast.

SPIEGEL: Herr Professor Heckl, welche Erfindung der Menschheit hat es Ihnen besonders angetan?

Heckl: Die Toilette mit Wasserspülung! Die hat uns aus dem Morast der Infektionskrankheiten des Mittelalters befreit. Früher flossen die Fäkalien mitten durch die Straßen und Gassen und machten die Menschen krank. Heute verschwindet alles in der Kanalisation - ein wunderbarer Fortschritt.

Und schauen Sie: In modernen Toiletten sorgt unter anderem ein Schwimmer im Wasserkasten dafür, dass von selbst genau die richtige Menge Wasser nachläuft - dem liegt das archimedische Auftriebsprinzip zugrunde. Wer sich so eine Spülung ausgedacht hat, war doch clever. Ich habe Hochachtung vor allen Erfindern.

SPIEGEL: Gibt es eine für die Menschheitsgeschichte besonders wichtige Erfindung?

Heckl: Da ist natürlich das Rad - wobei das Tolle am Rad die Achse ist! Die alten Ägypter transportierten ihre großen Steinblöcke für die Pyramiden mit rollenden Baumstämmen, die sie aber immer wieder von hinten nach vorne schleppen mussten. Erst durch eine Achse wird der Transport einfacher. Und für eine Achse gibt es in der Natur kein Vorbild - sie ist eine echte Erfindung des Menschen.

SPIEGEL: Die Natur hält nicht für alles Modelle oder Vorlagen bereit?

Heckl: Leider nein. Die Wissenschaft der Bionik beschäftigt sich ja damit, Phänomene der Natur auf die Technik zu übertragen. Von der Oberfläche der Lotospflanze etwa hat der Mensch gelernt, wie Materialien beschaffen sein müssen, damit Wasser an ihnen besonders gut abperlt. Deshalb sprechen Experten vom Lotoseffekt. Aber viele Dinge hat die Natur nicht entwickelt. So zeigt sie uns zwar, dass Fliegen möglich ist, aber sie hat nie ein Strahlentriebwerk hervorgebracht, dessen Wirkung auf einem Rückstoß beruht.

SPIEGEL: Was macht aus Ihrer Sicht einen großen Erfinder aus?

Heckl: Ich kenne ja einige. Mein Postdoktorvater Gerd Binnig hat den Physiknobelpreis für das Rastertunnelmikroskop bekommen, mein Habilitationsvater Ted Hänsch ebenfalls für die Entwicklung des Frequenzkamms, einer Messeinrichtung für elektromagnetische Strahlung. Was diese beiden Wissenschaftler genauso wie die Koryphäen Pythagoras, Robert Koch oder Hermann Oberth auszeichnet - jenseits ihres exzellenten Fachwissens? Sie haben oder hatten eine enorme Neugier und einen großen Spieltrieb. Ihre Geisteshaltung lässt sich mit der schönen Formulierung "When chance meets an open mind" beschreiben.

SPIEGEL: Wenn der Zufall auf einen offenen Geist trifft, entsteht Großes: Ist geistige Beweglichkeit also das Entscheidende?

Heckl: Unbedingt. Sieht ein Wissenschaftler im Labor etwas, das ihn überrascht, kann er sagen: "Schade, das Experiment hat nicht funktioniert." Oder aber: "Da ist etwas Ungewöhnliches passiert, darin könnte eine neue Erkenntnis liegen." Oft zeigt sich die Genialität gerade darin, dass ein vermeintlicher Reinfall einen neuen Geistesblitz hervorruft. Engländer nennen es "serendipity", wenn jemand das Potenzial einer zufälligen Erfindung erfasst, aus einem Misserfolg lernt und sich nicht entmutigen lässt.

SPIEGEL: Ist Ihnen so etwas schon passiert?

Heckl: Im Jahr 1992 bekam ich einen Eintrag in das Guinnessbuch der Rekorde. Warum? Als ich im Labor mit der feinen Spitze eines Rastertunnelmikroskops einzelne Atome einer Kristalloberfläche abbilden wollte, rammte ich die Spitze aus Versehen in ein Atom hinein. Das Atom sprang aus dem Kristallverband heraus, ich hatte es, man könnte sagen, weggekickt. Zurück blieb eine atomare Fehlstelle, ein 0,3 Nanometer kleines atomares Loch. Das bis dahin kleinste menschengemachte Loch der Welt!

SPIEGEL: Erzeugt allerdings ohne jede Absicht.

Heckl: Genau. Ich hätte natürlich sagen können: "Dumm gelaufen, ich muss das Experiment wiederholen." Aber ich habe gedacht: "Das belegt, dass man auch einzelne Atome adressieren kann." Was wiederum die Perspektive aufzeigte, mit einzelnen Atomen zu arbeiten. Aus meinem vermeintlichen Fehler eröffnete sich eine Chance.

SPIEGEL: Forscher müssen also nur genügend Fehler machen, dann gelingt ihnen die große Erfindung?

Heckl: So einfach ist es leider nicht. Hingabe und Leidenschaft bei der Arbeit sind wichtige Erfolgsfaktoren, Disziplin und Arbeitseifer. Nur selten fällt einem Wissenschaftler über Nacht einfach etwas Bedeutendes ein. Und wenn doch, dann muss der Einfall konsequent durchdacht und letztlich auch in den gesellschaftlichen Alltag überführt werden.

SPIEGEL: Sollte sich ein erfolgreicher Wissenschaftler auch gegen Widerstände durchsetzen können?

Heckl: Gerd Binnig, er ist ja der Vater der Nanotechnologie, hat um 1980 herum gemeinsam mit Kollegen versucht, ein Mikroskop zu bauen, mit dem man Atome sehen kann. Die damals vorherrschende Lehrmeinung war, dass das grundsätzlich unmöglich ist. Damit Binnig und die anderen die Experimente machen konnten, mussten sie immer nachts arbeiten. Kamen sie dann morgens in aller Frühe mit roten Augen aus dem Keller, wurden sie von den gerade eintreffenden Mitarbeitern belächelt. "Der Binnig hat wieder Atome gesehen", hieß es dann ironisch.

Dr. Heinrich Rohrer (links) mit Dr. Gerd Binnig im IBM-Labor in Rueschlikon, nahe Zürich 1986
AP

Dr. Heinrich Rohrer (links) mit Dr. Gerd Binnig im IBM-Labor in Rueschlikon, nahe Zürich 1986

SPIEGEL: Aber am Ende konnte er mit seinem Rastertunnelmikroskop einzelne Atome sichtbar machen.

Heckl: Ja, er hatte an seine Idee geglaubt, obwohl viele sie für abwegig hielten.

SPIEGEL: Der Gelehrte Galileo Galilei wurde im 17. Jahrhundert von der katholischen Kirche mit einem Lehr- und Denkverbot belegt, weil er überzeugt war, dass sich die Erde um die Sonne dreht.

Heckl: Das Leben als Wissenschaftler kann riskant sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Priester, Philosoph und Astronom Giordano Bruno der Ketzerei für schuldig befunden und im Jahr 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Er hatte die Unendlichkeit des Weltraums postuliert und sah keinen Platz für das Jenseits.

SPIEGEL: Sie selbst haben eine imposante wissenschaftliche Karriere hingelegt. Was hat Sie angetrieben?

Heckl: Als kleiner Junge habe ich im Verein Fußball gespielt. Im Alter von ungefähr zehn Jahren saß ich einmal nach einem Spiel mit einem Freund auf einer Bank am Spielfeldrand. Der hat mich gefragt: "Was willst du später werden?" Ich habe geantwortet: "Wissenschaftler."

SPIEGEL: Wussten Sie damals überhaupt schon, was ein Wissenschaftler ist?

Heckl: Nein, natürlich nicht - aber ich wollte einer werden! Im Fernsehen habe ich die Wissenssendungen von Hoimar von Ditfurth, Horst Stern und Bernhard Grzimek gesehen, vor fast einem halben Jahrhundert. Außerdem bin ich auf dem Land aufgewachsen und habe jeden Nachmittag im Wald verbracht, wo wir Kinder immer irgendwas entdeckten, untersuchten, bauten. Mir hat es früh Spaß gemacht zu versuchen, etwas zu verstehen, das ich nicht verstehe.

SPIEGEL: Sie waren wissbegierig?

Heckl: Als ich sieben war, habe ich einen kleinen Baukasten der Firma Trix besessen, mit dem ich einen Elektromotor bauen konnte. Außerdem hatte ich ein Fahrrad mit Dynamo. Irgendwann ist mir dann ein Gedanke gekommen: Der Dynamo erzeugt Strom, wenn man ihn dreht, der kleine Motor wiederum braucht Strom, kann aber den Dynamo antreiben - sollte ich die beiden nicht miteinander verbinden? Da schien sich für mich als kleinen Jungen eine ungeahnte Möglichkeit anzudeuten.

SPIEGEL: Sie sahen eine sensationelle Erfindung vor sich - eine Maschine, die, einmal in Gang gesetzt, ohne weitere Energiezufuhr ewig in Bewegung bleibt.

Heckl: Jawohl, ich dachte, ich stehe vor der Erfindung des Perpetuum mobile (lacht). Ich habe den Motor und den Dynamo dann tatsächlich mit einer Kette verbunden und mehrere Wochen darüber gegrübelt, warum der Motor und der Dynamo sich nicht gegenseitig in Betrieb halten konnten. Ich kannte natürlich nicht den Energieerhaltungssatz, der die Unmöglichkeit meiner Idee erklärt und um 1850 endgültig von Hermann von Helmholtz formuliert worden war. Wichtig für mich als Kind war es immer, dass ich experimentieren und dadurch auf eigene Gedanken kommen konnte.

SPIEGEL: Welcher Voraussetzungen bedarf es in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, damit große Erfindungen gemacht werden können - jenseits von Wissenschaftlern und Tüftlern?

Heckl: Offene, freie Gesellschaften erleichtern und befördern natürlich Erfindungen. Die Epoche der Aufklärung vom 17. Jahrhundert an hat uns Menschen in Europa unendlich viele Entwicklungschancen gebracht. Rationales Denken trat in den Vordergrund, die Vernunft begann, das Handeln zu bestimmen. In zahlreichen anderen Länder behindern bis heute Ideologien oder Religionen die Naturwissenschaften und damit Innovationen. Eine Gesellschaft muss sich auf neue Techniken einlassen und ihre jungen Menschen motivieren, erfinderisch zu sein. Das wollen wir auch hier im Deutschen Museum in München erreichen, das 1903 gegründete Haus präsentiert unsere technisch-wissenschaftliche Kultur in ihrer ganzen Vielfalt.

SPIEGEL: Ein Museum kann Menschen aber nicht zu Erfindern machen.

Heckl: Oh, täuschen Sie sich nicht! Der 1929 geborene deutsche Physiker und Nobelpreisträger Rudolf Mößbauer hat immer erzählt, dass er nicht Physiker geworden wäre, wenn ihn sein Vater nicht im Alter von fünf Jahren ins Deutsche Museum geführt hätte. Und der vielleicht größte deutsche Erfinder Artur Fischer, der in seinem Leben mehr als 1100 Patente und Gebrauchsmuster angemeldet hat, darunter auch den berühmten Fischer-Dübel, hat mir gesagt, dass er sich im Deutschen Museum viele Anregungen für seine Erfindungen geholt habe.

SPIEGEL: Wir in der westlichen Welt denken bei großen Forschern an den griechischen Mathematiker Archimedes, den preußischen Astronomen Nikolaus Kopernikus oder den deutschen Physiker Albert Einstein. Unterschätzen wir die orientalischen und asiatischen Wissenschaften?

Heckl: Orientalische und asiatische Wissenschaftler haben in der Geschichte sehr viel geleistet, und natürlich gibt es auch Nobelpreisträger aus Ländern wie China und Japan. Unser heutiges Zahlensystem etwa wurde im Mittelalter aus dem arabischen Raum überliefert. Aber heute kommt von dort fast nichts mehr an Erneuerungen. Dass die meisten zukunftsweisenden Technologien aus der westlichen, industrialisierten Welt stammen, hat meines Erachtens seine tiefe Ursache in der Epoche der Aufklärung.

SPIEGEL: Viele Entdeckungen haben eine gute und eine schlechte Seite. Pfeil und Bogen revolutionierten nicht nur die Jagd, sondern auch die Kriegsführung. Sprengstoff ist im Bergbau äußerst hilfreich, ein Desaster im Krieg. Welche Bedeutung hat Moral beim Fortschritt?

Heckl: Fast jede Erfindung hat zwei Seiten. Das Messer war schon in der Steinzeit sehr hilfreich, man konnte damit aber immer auch einen anderen umbringen. Darum sind, als die Menschen um 10.000 vor Christus sesshaft wurden, Gesellschaften mit Regeln entstanden. Jede Erfindung hat einen gesellschaftlichen, einen politischen Aspekt.

SPIEGEL: Die Moral kommt aber erst nach der Erfindung?

Heckl: Zumindest kann ich mir für viele Erfindungen nicht vorher die Moral überlegen. Es gibt allerdings Innovationen, an denen Menschen arbeiten, da ist von vornherein ein moralisches Anliegen dabei, etwa bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Krankheit Aids. Der Mensch hat im Laufe seiner Geschichte aber auch immer effektivere Tötungsmaschinen entwickelt.

SPIEGEL: Früher haben meist einzelne Denker oder Tüftler die Menschheit vorangebracht, heute entstehen viele Erkenntnisse bei der Zusammenarbeit zahlreicher Experten.

Albert Crewe mit seiner Erfindung, dem Elektronenmikroskop
AP

Albert Crewe mit seiner Erfindung, dem Elektronenmikroskop

Heckl: Die wissenschaftlichen Fragestellungen werden zunehmend komplex. Die einfachen Dinge, etwa das Rad, sind schon erfunden. Am Kernforschungszentrum Cern in Genf werden neue Erkenntnisse nur gewonnen, weil Tausende Wissenschaftler zusammenarbeiten. Einzelerfinder können immer schwerer mit den riesigen Erfindungsmaschinen der großen Konzerne und Wissenschaftseinrichtungen mithalten.

SPIEGEL: Haben Sie Erfindungen gemacht?

Heckl: Ich habe 13 Patente angemeldet - doch nur mit einem Patent verdiene ich etwas. Mir fällt immer Neues ein. Aber mit Thomas Edison muss man sagen, die Durchsetzung eines Patents ist oft viel schwieriger als die Inspiration dazu.

SPIEGEL: Vor rund 10.000 Jahren haben die Menschen den Ackerbau entdeckt, später erste Städte erbaut, irgendwann Fahrzeuge entwickelt, vor rund 50 Jahren sind wir dann zum Mond geflogen. Die wissenschaftliche Entwicklung scheint sich stetig zu beschleunigen - stimmt dieser Eindruck?

Heckl: Ja, aber das hat zum Teil triviale Gründe: Heute leben viel mehr Menschen als in der Antike, es gibt also auch mehr kluge Menschen - hoffentlich! Und von den Menschen, die es gibt, kann sich wegen des Wohlstands ein größerer Teil mit intellektuellen Fragen beschäftigen. Wenn ich nicht mehr 14 Stunden am Tag hinter einem Holzpflug und einem Ochsen herlaufen muss, sondern die gleiche Arbeit in einer Stunde mit einem Traktor erledige, habe ich Zeit für anderes. Zudem haben viele Gesellschaften erst seit ein, zwei Jahrhunderten ein funktionierendes Bildungssystem, das die meisten Jungen und Mädchen erreicht.

SPIEGEL: Ein einzelner Forscher als großer Held, das gibt es nicht mehr?

Heckl: Wer ist der Aristoteles, der Galileo, der Einstein des 21. Jahrhunderts? Das ist eine schwere Frage, weil erst in der Retrospektive zu beantworten. Die Welt der Wissenschaft ist spezialisierter geworden, es gibt keine Universalgenies mehr, dafür viele Spezialisten.

SPIEGEL: Macht Erkenntnis Ihrer Erfahrung nach eigentlich glücklich?

Heckl: Absolut. Das Ziel eines jeden Naturwissenschaftlers ist es, eine neue Erkenntnis zu finden über etwas, das in der Natur existiert, oder ein neues Theoriegebäude. Wenn einem das gelingt, erlebt man ein großes Glücksgefühl. Der Mensch war und ist immer ein Fragender.

SPIEGEL: Durch das seit Jahrtausenden wachsende Wissen wird unsere Welt immer komplexer, schwerer verständlich. Viele Menschen fühlen sich von der modernen Welt gar bedroht. Zu Recht?

Heckl: In der heutigen Welt haben viele Menschen das Gefühl, von der technischen Entwicklung überfordert zu sein. Dagegen hilft nur, im Kleinen Dinge zu tun, die einem das Bewusstsein verschaffen, dass man noch selbst etwas erreichen kann. Etwa indem man Dinge repariert - was du nicht selbst repariert hast, hast du nicht begriffen, lautet ein treffender Satz. Eltern müssen ihren Kindern beibringen, dass sie nicht machtlos sind, wenn eine Lampe nicht leuchtet, sondern dass sie nachschauen können, ob es an dem Schalter oder der Sicherung liegt, dass man den Fehler finden und beheben kann.

SPIEGEL: Sie können alles reparieren?

Heckl: Nein, aber das Bügeleisen meiner Frau schraube ich schon auseinander, wenn es nicht mehr heiß wird, und ich frage meinen Nachbarn um Rat oder gehe in ein Repair-Café.

SPIEGEL: Findet heute die Zukunft im Silicon Valley in Kalifornien statt?

Heckl: Dort herrscht zumindest eine fast naive Zukunftsgläubigkeit, die vieles ermöglicht. Außerdem sitzen dort Geldgeber, die bereit sind, Millionen für auf den ersten Blick verrückte Forschungsprojekte bereitzustellen.

SPIEGEL: Aus verrückten Ideen können sich wertvolle Erfindungen entwickeln?

Heckl: Die von Larry Page und Sergey Brin, beide Studenten an der kalifornischen Stanford University, Ende der Neunzigerjahre entwickelte Suchmaschine Google war von Anfang an nicht als kleine Software für eine kleine Bibliothek gedacht, sondern sollte gleich das gesamte Wissen der Menschheit erfassen. Die beiden haben groß gedacht - und damit auch großen Erfolg gehabt.

SPIEGEL: Wie weit wird uns der menschliche Erfindungsreichtum noch bringen? Werden Computer mit künstlicher Intelligenz irgendwann klüger sein als wir selbst?

Heckl: Ich persönlich bin da zurückhaltend, denn welche Maschine hat jemals eine Erfindung gemacht? Welcher Computer hat Hingabe, Leidenschaft, Verantwortungsbewusstsein und Liebe? Supercomputer erbringen natürlich mit ihren von Menschen programmierten Algorithmen Leistungen, die uns nicht möglich sind. Aber künstliche neuronale Netze werden und sollten wohl den Menschen nie in seiner Gesamtheit, zu der Ethik, Würde und Moral gehören, ersetzen können.

SPIEGEL: Computer können vieles besser als der Mensch, zum Beispiel Schachspielen.

Heckl: Natürlich beherrscht der kleinste Taschenrechner Dinge, die ich als Mensch nie kann: Er multipliziert etwa 79.812 mit 6257 in einer Picosekunde. Aber deswegen ist der Computer nicht intelligent! Er kann nur schnell Algorithmen abarbeiten, mehr nicht. Und natürlich kann ein Computer auch, gesteuert durch das Zufallsprinzip, Zeichnungen oder Musikstücke erstellen. Aber das ist keine Kreativität, es mag einem nur so vorkommen!

SPIEGEL: In der Arbeitswelt übernehmen immer häufiger von Computern gesteuerte Roboter Aufgaben von Menschen.

Heckl: Maschinen haben im Laufe der Geschichte immer wieder Menschen ersetzt, insbesondere bei schweren Arbeiten. So ziehen nur noch in wenigen Regionen der Welt Menschen einen Holzpflug, und das ist ja auch gut so. Aber trotzdem, Computer und in Zukunft noch mehr Roboter sind und bleiben für mich Hilfsmittel, die den Menschen, die sie bauen, für bestimmte Aufgaben dienen, nicht sie ersetzen sollten.

SPIEGEL: Herr Professor Heckl, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
~JB~ 07.11.2017
1. WC in der Antike
"Die Toilette mit Wasserspülung! Die hat uns aus dem Morast der Infektionskrankheiten des Mittelalters befreit." Eine Kanalisation gab es bereits in der Antike. Toiletten mit Wasserspülung sind keine Erfindung der Neuzeit. Hoffentlich ist der restliche Artikel nicht auch so unpräzise. Werde aber für einen Versuch nicht zahlen.
syracusa 07.11.2017
2. Naja
Naja, der Herr Heckl ist ja ganz nett, aber den meisten seiner Aussagen muss man doch schon deshalb zustimmen, weil es eben billige Gemeinplätze sind. Bezüglich seiner Aussagen zur fehlenden Kreativität der KI möchte ich ihm aber widersprechen. Als Wissenschaftler sollte er nicht die Tatsache ignorieren, dass auch die Kreativität des Menschen nicht göttlichen Ursprungs ist, sondern ein im Laufe der Evolution entstandenes natürliches Phänomen. Ihre Entstehung und ihre Wirkweise stehen für wissenschaftliche Erforschung offen, und nichts hindert uns, die Erkenntnisse dieser Forschung auch in die Programmierung eines zukünftigen KI einfließen zu lassen.
hikage 07.11.2017
3. immer wieder schade..
..wenn selbst angesehene Wissenschaftler eine Meinung zum Thema KI vertreten, ohne sich auch nur ein paar Minuten lang intensiver damit zu beschäftigen. Das Mindeste was man dann verlangen können sollte ist die Antwort 'Ich weiss es nicht, dazu habe ich keinerlei Expertise.' anstelle von 'Das glaube ich nicht'. Woher bitte kommt dieser Glaube?
michael.renper 07.11.2017
4. Wasserspülung
Zitat von ~JB~"Die Toilette mit Wasserspülung! Die hat uns aus dem Morast der Infektionskrankheiten des Mittelalters befreit." Eine Kanalisation gab es bereits in der Antike. Toiletten mit Wasserspülung sind keine Erfindung der Neuzeit. Hoffentlich ist der restliche Artikel nicht auch so unpräzise. Werde aber für einen Versuch nicht zahlen.
Es erscheint mir Sie wissen nicht so recht was eine "Wasserspülung" leistet und warum diese für die Hygiene derart bedeutend ist. Oder: Unwissenheit ist kein Freibrief andere Menschen der Ignoranz zu beschuldigen. Die wissenschaftlich Neugier fordert Dinge und Aussagen zu hinterfragen die man nicht versteht. Bei Ihnen ist eher der "Dunning Krueger Effekt" am Werke.
multi_io 07.11.2017
5.
Bzgl. "Neuronale Netze haben noch nie was erfunden": AlphaGo Zero -- die Weiterentwicklung von AlphaGo, die nur die Spielregeln als Eingabe bekommt und komplett ohne sonstiges menschliches Vorwissen selber Go lernt -- beginnt mit einem Spielniveau, das schlechter als jeder menschliche Anfänger ist, und "entdeckt" in weniger als 50 Stunden selbstständig bekannte und etablierte Go-Zugfolgen wie "Joseki", für deren Erarbeitung die menschliche "Go-Wissenschaft" Jahrhunderte brauchte. Im weiteren Lernverlauf verwirft die KI diese Zugfolgen dann wieder zugunsten offensichtlich noch besserer Strategien -- die kein Mensch bisher kannte. Wenn ein menschlicher Go-Spieler irgendwas gleichartiges vollbringen würde, würde man dem ohne weiteres ein hohes Maß an "Kreativität" zubilligen. Klar, das Ding kann einstweilen nur Go spielen und nicht über "Hingabe, Leidenschaft, Verantwortungsbewusstsein und Liebe" referieren. Es ist nur überhaupt nicht ersichtlich, wieso neuronale Netze im Allgemeinen nicht zu beliebigen "kreativen" Leistungen imstande sein sollten, und es hat auch noch nie einer dieser KI-Skeptiker eine objektive Definition für "Kreativität" angegeben, die über "kreativ ist alles, was Maschinen (noch) nicht tun" hinausgeht.
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© SPIEGEL Geschichte 4/2017
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