Faschismus in Europa "Absage an die bürgerliche Welt"

Wie konnte die radikale Rechte nach dem Ersten Weltkrieg so schnell aufsteigen? Historiker Robert Gerwarth über faschistische Bewegungen und die Unterschiede zu heutigen Rechtspopulisten in Europa und den USA.

Zum Jahrestag des Versailler Friedensvertrags demonstrierten NSDAP-Mitglieder in im Berliner Stadtzentrum. Das Abkommen ist da schon Makulatur
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Zum Jahrestag des Versailler Friedensvertrags demonstrierten NSDAP-Mitglieder in im Berliner Stadtzentrum. Das Abkommen ist da schon Makulatur

Ein Interview von und


Zur Person
  • Robert Gerwarth, der 1976 in Berlin geborene Historiker leitet das Zentrum für Kriegsstudien am University College Dublin. Bereits seine Dissertation über den "Bismarck-Mythos" wurde viel beachtet. Zuletzt veröffentlichte er "Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs" (Siedler-Verlag).

SPIEGEL: Der Soldat des Ersten Weltkriegs Adolf Hitler und der Kriegspropagandist Benito Mussolini stiegen kurz nach dem Krieg zu den Führern faschistischer Bewegungen auf. Waren Faschismus und Nationalsozialismus eine unmittelbare Folge des Kriegs, als politische Rache der Verlierer?

Gerwarth: Auf den Krieg folgte eine Zeit großer Verwerfungen und auch erheblicher Gewalt. Jahrhundertealte Staaten brachen auseinander, Revolutionen und Gegenrevolutionen prägten die Zeit. In diesem Klima wuchsen radikale Bewegungen heran. Hitler selbst kam noch nicht mit einer fertigen Ideologie aus dem Krieg. Aber er suchte das Extreme, anfangs sogar auf der linken Seite des Spektrums. So unterstützte er 1918/19 die kurzlebige Regierung des Sozialisten Kurt Eisner in Bayern. Erst danach wandte er sich der extremen Rechten zu. Was sicher auch mit den Friedensverhandlungen in Paris zu tun hatte. Deutschland war das größte Land auf der Verliererseite. Und in Italien sahen viele den Kriegsausgang als "verstümmelten Sieg", der den hohen Erwartungen nicht gerecht wurde.

SPIEGEL: Die Legende vom "Dolchstoß" aus der Heimat gegen das "im Felde unbesiegte" Heer konnte auch deshalb verfangen, weil trotz der Niederlage kein einziger alliierter Soldat deutschen Boden betreten hatte.

Gerwarth: Briten und Franzosen wollten sich nach langen Jahren des Kampfes nicht dem Risiko eines denkbaren Guerillakriegs in Deutschland aussetzen. Auch deshalb lehnten sie den Vorschlag des US-Generals John Pershing ab, auf Berlin zu marschieren und dadurch für klare Verhältnisse zu sorgen.

  • im Bucerius Kunst Forum

    Faschismus - Der Aufstieg einer europäischen Bewegung

    Der in Dublin lehrende Historiker Robert Gerwarth im Gespräch mit den SPIEGEL-Redakteuren Uwe Klußmann und Dietmar Pieper

    Dienstag, 6. Juni 2017, 20 Uhr

    Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, 20095 Hamburg

Tickets sind im Bucerius Kunst Forum und in allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.

SPIEGEL: Auch die Kommunisten bekamen nach dem Krieg viel Zulauf. War der Antikommunismus das zentrale Element des aufkommenden Faschismus?

Gerwarth: Ganz sicher war er ein zugkräftiges Thema. Mit der Machtergreifung der Bolschewiki in Russland 1917 hatte erstmals seit der Französischen Revolution wieder eine revolutionäre Bewegung in einer europäischen Großmacht triumphiert. Und diese Bewegung vertrat einen internationalen Anspruch, indem sie die Weltrevolution propagierte. Zwar war die Gefahr einer bolschewistischen Revolution in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern nicht allzu groß; weitverbreitet war aber die Furcht davor. Der starke Antibolschewismus des deutschen Bürgertums speiste sich aus der Furcht, der Sieg der Revolution in Russland könne sich in Deutschland wiederholen.

SPIEGEL: Deutsche Soldaten kämpften nach Kriegsende als Landsknechte in den Freikorps gegen die Bolschewiki. Unter diesen Kämpfern im Baltikum war auch der spätere Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz Rudolf Höß. War die exzessive Gewalt künftiger Nazis in den Freikorps schon eine Vorstufe zu den Verbrechen unter Hitler?

Mit diesem NS-Propagandaplakat warb das Freikorps Lüttwitz 1919 um Mitglieder
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Mit diesem NS-Propagandaplakat warb das Freikorps Lüttwitz 1919 um Mitglieder

Gerwarth: So weit würde ich nicht gehen. Aber wir sehen in diesen Kämpfen eine massive Entgrenzung der Gewalt. Zivilisten sind in diesen Konflikten nicht mehr "Kollateralschäden" in einem zwischenstaatlichen Krieg, sondern bewusstes Ziel von Angriffen, bei denen der Gegner vernichtet werden soll. Die Nationalsozialisten vereinnahmten später die Freikorps für sich, als Vorkämpfer des Dritten Reichs. Da geht es auch schon um den "Ostraum" als Zielgebiet für deutsche Expansion.

SPIEGEL: Wie konnte es überhaupt sein, dass in einem Land, das sich als demokratischer Rechtsstaat verstand, bewaffnete Haufen aufmarschierten, die militant gegen politische Gegner vorgingen. Wo war da das Gewaltmonopol des Staates?

Gerwarth: Die sozialdemokratisch geführte Reichsregierung baute anfangs auf die Freikorps, weil sie glaubte, deren Hilfe gegen linksradikale Aufständische zu brauchen. Im Baltikum wurden die Freikorps zunächst staatlich finanziert; als sie sich dann weigerten, nach Deutschland zurückzukommen, finanzierten sie sich fortan aus dem Land.

SPIEGEL: Also durch Raub und Plünderung?

Gerwarth: Das lief teilweise ähnlich wie im Dreißigjährigen Krieg, also durch gewaltsame Requisition. Der Begriff "Freikorps" war zunächst historisch positiv besetzt durch die Befreiungskriege gegen Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts. 1920 wurden die Milizen offiziell aufgelöst. Einige ihrer Mitglieder organisierten sich in "Wehrverbänden" oder Terrorzellen wie der "Organisation Consul", manche machten später bei der SS Karriere.

SPIEGEL: 1923 endeten die teilweise bürgerkriegsähnlichen Verhältnisse in Deutschland so wie in anderen europäischen Ländern. Doch nach einer kurzen Phase der Stabilisierung erschütterte ab 1929 die Weltwirtschaftskrise das Land. 1930 begann eine Übergangsphase mit autoritären Regierungen von Gnaden des Reichspräsidenten. Auch in Italien errichtete Mussolini seine Diktatur nicht über Nacht, sondern schrittweise seit 1922. Gewöhnten sich die Gesellschaften beider Länder allmählich an immer stärker autoritäre Verhältnisse?

Aus SPIEGEL Geschichte 3/2017

Gerwarth: Der Beginn der Weltwirtschaftskrise wurde zum Katalysator für den Durchbruch autoritärer Regime. Wir müssen uns daran erinnern, dass die NSDAP bei den Reichstagswahlen 1928 nur 2,6 Prozent erreichte - sie war eine Splitterpartei. In Italien hatte Mussolinis faschistische Partei schon 1925/26 ihre Alleinherrschaft errichtet. 1933 waren die meisten der 1918 gegründeten Demokratien in Europa autoritären Regimen gewichen.

SPIEGEL: Ende 1932 ging es mit der NSDAP, die zuvor ihre Stimmenzahl versiebzehnfacht hatte, wieder leicht bergab. Jetzt erhielt die Partei erhebliche Spendengelder aus Kreisen der Schwerindustrie und des Bankkapitals. Was erhofften sich diese Leute von Hitler?

Gerwarth: Es gab eine ideologische Annäherung konservativer Eliten an die NSDAP. Angesichts von bürgerkriegsähnlichen Straßenschlachten und einem Zuwachs an Wählern und Mitgliedern der Kommunisten, für die 1932 rund sechs Millionen Deutsche votierten, sehnten sich viele Konservative nach Ordnung. Sie wollten Hitler benutzen, um ihre Politik durchzusetzen. Das war ihr großer Irrtum im Januar 1933, als Konservative um Reichspräsident Paul von Hindenburg glaubten, sie könnten den NSDAP-Chef in einem von ihnen dominierten Kabinett einrahmen.

SPIEGEL: Hitler war im November 1923 mit einem Putsch in München kläglich gescheitert. Warum hatte er damals keinen Erfolg, anders als Mussolini ein Jahr zuvor beim Marsch auf Rom?

Gerwarth: Mussolini hatte 1922 eine Doppelstrategie gewählt: Einerseits befeuerten seine "squadristi" auf den Straßen den Eindruck eines eskalierenden Bürgerkriegs. Gegenüber den konservativen Eliten aber gab er sich als legitimer Politiker und als der einzige, der dieses Chaos beseitigen und wieder Ordnung schaffen könnte. Mit dieser Strategie gelang es dem "Duce", sich als Lösung eines Problems zu präsentieren, das er selbst geschaffen hatte.

SPIEGEL: Ahmte Hitler, dessen Partei 1923 außerhalb Bayerns noch schwach war, diese Strategie später nach?

Gerwarth: Hitler durchlief einen Lernprozess. Er war sich bewusst, dass er noch 1928 der Führer einer nach wie vor sehr kleinen Partei war. In der Wirtschaftskrise verstand er, sich als respektabler Politiker darzustellen, der sich nicht nur an die militanten Antisemiten wandte. Es gelang ihm, auch viele Industrielle zu gewinnen. Hitler verstand es, ganz unterschiedlichen Zuhörern zu erzählen, was sie hören wollten. Sein großes rhetorisches Talent und demagogisches Gespür kamen dabei wirkungsvoll zur Geltung.

Im Januar 1931 luden die Nazis auch die KPD und das Reichsbanner zu einer Kundgebung in Berlin: Walter Ulbricht spricht, Joseph Goebbels (links) stützt den Kopf auf
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Im Januar 1931 luden die Nazis auch die KPD und das Reichsbanner zu einer Kundgebung in Berlin: Walter Ulbricht spricht, Joseph Goebbels (links) stützt den Kopf auf

SPIEGEL: Die Schnittmenge von Naziführung und Großkapital ging im Hitler-Staat über die Gegnerschaft zum Kommunismus weit hinaus. Der spätere langjährige Vorstandssprecher und Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Bank Hermann Josef Abs war mit der "Arisierung" von Banken und anderen Unternehmen betraut und hat an der Einverleibung von Firmen in den von Deutschland besetzten Gebieten tatkräftig mitgearbeitet.

Gerwarth: Es spricht manches für die von Götz Aly vertretene These, dass Hitler sich die Zustimmung der Deutschen zum Dritten Reich durch soziale Wohltaten und dadurch erkaufte, indem er im Osten Möglichkeiten bot, sich zu bereichern. Die Industrie bekam Zwangsarbeiter und konnte deshalb ohne große Investitionen riesige Gewinne einfahren. Von der Expansion, dem eroberten Siedlungsraum, und dem genozidalen Raubmord an den Juden sollte daneben auch die arbeitende deutsche Bevölkerung profitieren.

SPIEGEL: Der Nationalsozialismus fand auch Anklang bei ehemaligen Anhängern der KPD. Manche machten sogar Karriere wie der frühere bolschewistische Kommissar Roland Freisler als Präsident des Volksgerichtshofs. Was machte die NSDAP attraktiv für einstige Kommunisten?

Gerwarth: Es war eine Zeit des ideologischen Extremismus, in der der Weg vom Linksradikalen zum Rechtsradikalen weniger weit war, als es uns heute erscheinen mag. Die Vorstellung, eine völlig neue Ordnung auf den Trümmern der bürgerlichen Welt von vor 1914 schaffen zu können, wirkte faszinierend.

SPIEGEL: Das heißt, links wie rechts glaubte man an gesellschaftliche Utopien?

Gerwarth: Ja, deshalb finden wir unter den Nationalsozialisten und den italienischen Faschisten, gerade in ihren Eliteorganisationen, viele ehrgeizige junge Universitätsabsolventen. Diese Parteien waren nicht nur für Arbeitslose attraktiv, wie sie etwa in die SA strömten. Es gab eine verbreitete Sehnsucht nach einem autoritären dritten Weg jenseits vom liberalen Kapitalismus, der durch die Wirtschaftskrise diskreditiert war, und dem Sowjetsystem.

SPIEGEL: Die Länder, die 1941 die Sowjetunion überfielen, sind heute bis auf Finnland alle in der Nato.

Gerwarth: Das weckt in Russland Befürchtungen. Und die politische Führung der Ukraine möchte auch in die Nato, vor allem, um die Grenze zu Russland zu sichern. In der Diskussion schwingen auch immer historische Bezüge auf die kurzlebige Unabhängigkeit Kiews 1918 und den Kampf der Ukrainischen Aufstandsarmee gegen die Sowjets im Zweiten Weltkrieg mit. Das sorgt bis heute in der Ukraine und Russland für heftige Kontroversen.

Mit theatralischen Inszenierungen demonstrierte die NSDAP ihre Macht: "Generalappell" am 23. März 1938 in der Berliner Deutschlandhalle
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Mit theatralischen Inszenierungen demonstrierte die NSDAP ihre Macht: "Generalappell" am 23. März 1938 in der Berliner Deutschlandhalle

SPIEGEL: Eine Besonderheit des NS-Regimes war der extreme Antisemitismus. Warum hat der sich gerade in Deutschland durchgesetzt?

Gerwarth: Antisemitismus war in der Zwischenkriegszeit europaweit verbreitet, die NSDAP ist aber nicht wegen ihres Antisemitismus zur stärksten Partei in Deutschland geworden. Hitler selbst allerdings war besessen von der "Rassenfrage" und der "Judenfrage". Für ihn war die Vorstellung zentral, der "Volkskörper" müsse sich von "Parasiten" gleichsam reinigen. Das war seine Agenda, die allerdings propagandistisch vor 1933 zeitweise in den Hintergrund trat, denn große Teile der Bevölkerung erreichte er dadurch nicht.

SPIEGEL: Aber später brach sich Hitlers Agenda auf furchtbare Weise Bahn.

Gerwarth: Ja, wobei selbst Hitler noch 1939 keine konkreten Planungen für einen Genozid an den Juden Europas hatte. In den Dreißigerjahren ging es vorrangig darum, die deutschen Juden durch konstante Schikanen und Druck zur Emigration zu zwingen. Der millionenfache Mord war das Ergebnis einer schrittweisen Radikalisierung der führenden Nationalsozialisten unter Kriegsbedingungen.

SPIEGEL: War das "Dritte Reich" kein System alter Nazis, sondern junger Nationalsozialisten?

Gerwarth: Aus der Kriegsgeneration sollte eine neue Elite hervorgehen, die die Wiedergeburt der Nation einleitet. Das war auch eine Absage an die bürgerliche Welt von vor 1914. Hitler fand in allen Altersgruppen Unterstützer, aber die Bewegung wollte vor allem die Jugend gewinnen. Auch das Spitzenpersonal des NS-Staats war relativ jung. Hitler war 43, als er an die Macht kam, Goebbels war 35, Himmler war 32, Heydrich gar erst 28. Das Regime besetzte den Begriff der Jugend, der Zukunft, ganz bewusst, um sich von den etablierten Honoratiorenparteien abzugrenzen.

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Robert Gerwarth:
Die Besiegten

Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs

Siedler Verlag; 480 Seiten; 29,99 Euro.

SPIEGEL: Neofaschistische Bewegungen mit altfaschistischem Personal waren in der Nachkriegszeit in Deutschland und Italien aktiv. In Italien saß der MSI, dessen Kürzel schon an Mussolini erinnerte, jahrzehntelang im Parlament. In der Bundesrepublik scheiterte die von früheren NSDAP-Mitgliedern geführte NPD 1969 knapp an der Fünfprozenthürde. Es gab in Deutschland nach dem Krieg Millionen Menschen, die von ihrer Jugendzeit im NS-Staat schwärmten. Warum wurde daraus kein politischer Machtfaktor?

Gerwarth: Die Unterstützer des Faschismus verschwanden natürlich 1945 nicht über Nacht. Dass faschistische Parteien aber eher marginalisiert blieben, lag in Deutschland sicher auch an der krachenden Niederlage des NS-Regimes 1945, die anders als 1918 keinen Raum für Dolchstoßlegenden ließ. Andererseits verhinderten aber auch rechtliche Instrumente jedweden Erfolg neofaschistischer Parteien in Deutschland. Die Sozialistische Reichspartei, die ungeniert versuchte, an die Ideologie Hitlers anzuknüpfen, wurde 1952 vom Bundesverfassungsgericht verboten, unter anderem wegen "Wesensverwandtschaft zum Nationalsozialismus".

SPIEGEL: Heute wird der Begriff Faschismus wieder häufig verwendet, angesichts der Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien und des Wahlsiegs von Donald Trump. Besteht die Gefahr eines Neofaschismus?

Autoritäre und populistische Politiker wie Donald Trump arbeiten auch mit faschistisch erscheinenden Methoden
AFP

Autoritäre und populistische Politiker wie Donald Trump arbeiten auch mit faschistisch erscheinenden Methoden

Gerwarth: Ich bin sehr skeptisch, ob man die neuen populistischen Bewegungen der Rechten im historischen Sinne als faschistisch bezeichnen kann. Es gibt da schon fundamentale Unterschiede. Abgesehen davon, dass Trump, anders als Hitler oder Mussolini, demokratisch legitimiert ist, gibt es etwa in den USA heute keinen bewaffneten Terror gegen Andersdenkende, keine politische Gleichschaltung. Die "checks and balances" scheinen zu funktionieren. So hob ein Bundesrichter die erste Verfügung des Präsidenten über einen Einreisestopp für Bürger muslimischer Länder wieder auf. So etwas wäre für einen deutschen Richter 1933 anders ausgegangen. Und viele Medien sind fest in der Hand von Trump-Gegnern. In Frankreich sehe ich auch nicht die Gefahr eines "faschistischen" Regimes, auch wenn die Situation dort etwas schwieriger einzuschätzen ist. Der Front National hat eine sehr andere Geschichte als die Republikanische Partei in den USA.

SPIEGEL: Der Gründer des Front National, Jean-Marie Le Pen, ist ein notorischer Antisemit.

Gerwarth: Ja, allerdings hat sich die Partei jüngst sehr deutlich von ihm distanziert, bis hin zu seinem Rauswurf 2015. Das Erfolgsgeheimnis von Marine Le Pen im Gegensatz zu ihrem Vater besteht darin, dass sie versucht, Wähler der konservativen Mitte anzusprechen. Sonst wäre sie am rechten Rand geblieben. Der Faschismusvorwurf zeugt von einer gewissen Hilflosigkeit gegenüber den rechtspopulistischen Bewegungen.

SPIEGEL: Der Vorwurf ist als größtmögliche Attacke gemeint ...

Gerwarth: ... zeigt aber nicht mehr die gleiche Wirkung, die er noch vor zehn Jahren hatte. Vor der Wahl im vergangenen November wurde etwa Trump vielfach als Faschist bezeichnet. Geschadet hat es ihm nicht. Und auch in Europa scheint sich der Begriff abzunutzen, was vielleicht auch an zunehmender Geschichtsvergessenheit liegt, die sich darin zeigt, dass die europäische Integration immer weniger als Friedensprojekt, als Lehre aus den beiden Weltkriegen gesehen wird. Das ist sicher bedauerlich. Denn aus historischer Perspektive hat der europäische Einigungsprozess zu einem beispiellosen Zeitalter des Friedens und des Wohlstands geführt.

SPIEGEL: Herr Gerwarth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Interview ist eine gekürzte Fassung, den vollständigen Beitrag können Sie lesen im Magazin SPIEGEL Geschichte "Faschismus. Das europäische Inferno". Einzelhefte gibt es hier, zur digitalen Ausgabe und zum Abo geht es hier. Mit Robert Gerwarth sprechen die SPIEGEL-Redakteure über das Thema am Dienstag, 2. Juni 2017, um 20 Uhr im Bucerius Kunst Forum (Rathausmarkt 2, 20095 Hamburg) - hier nähere Infos und Tickets .

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w.weiter 04.06.2017
1. Gelungen analytisch.
Extremisten, ob rechts oder links, oder gar religiös eingestellt, gehören mit rechtstaatlichen Mittel "bekämpft". Die Analyse der Vergangenheit, und Gegenwart, klingt immer gut, soll auch wertgeschätzt werden. Was hilft es aber den Opfern, wie am 03.06.2017 in London? Deren Hinterbliebenen ist es m.E. nach egal wo der Extremismus und Radikalismus seinen Ursprung fand. Den Worten müssen Taten folgen, ABER rechtstaatlich. (war selbst in den 70igern in Ulster, schrecklich. Geht aber wieder. Gott sei Dank.)
haresu 04.06.2017
2. Interessante Überschrift
Der das Interview leider nicht gerecht wird. Das Bürgertum war "bürgerlich" genug um antikommunistisch zu sein, nicht aber um demokratisch zu sein. Es war kein Bollwerk gegen den Faschismus und ob es heutzutage eines sein würde ist sehr fraglich. Die Widerstände, die Herr Gerwarth nennt, sind ja nicht zufällig Institutionen und Eliiten zuzuordnen. Das heutige Bürgertum lässt es sich zu großen Teilen gefallen, wenn AFD und Front einen Druck erzeugen von dem sie glauben, dass er ihren Interessen dient. Und mit diesen Parteien zusammen wird das Spektrum dessen, was noch als bürgerlich gilt, erweitert und besonders gern auch der Begriff des Faschismus aufgeweicht. Leider tendenziell auch hier. Verdeckt wird dabei vor allem die Tatsache, dass das "Bürgerliche" aber eben keineswegs die Grenze des Faschismus darstellt. Es hat den Faschismus gewählt und es wird ihn wieder wählen wenn er Sicherheit verspricht.
ludna 04.06.2017
3. Faschismusvorwurf,
"Und auch in Europa scheint sich der Begriff abzunutzen, was vielleicht auch an zunehmender Geschichtsvergessenheit liegt..." Nein, der Begriff nutzt sich ab weil er heute fast nie nicht zutrifft. Weder ist Trump noch die AfD faschistisch. Wer das behauptet ist in der Tat geschichtsvergessen.
lenslarque 04.06.2017
4. Nachfragen?
"So hob ein Bundesrichter die erste Verfügung des Präsidenten über einen Einreisestopp für Bürger muslimischer Länder wieder auf. So etwas wäre für einen deutschen Richter 1933 anders ausgegangen" Da hätte ich mir doch die eine oder andere Nachfrage gewünscht. Die nichtjüdischen deutschen Richter sind im Großen und Ganzen 1933 begeistert zu den "Fahnen" geeilt. Es gab aber auch Richter die gegen den sogenannten "Volkswillen" geurteilt haben, zumindest noch 1933/34 ohne persönliche Konsequenzen.
Osservatore 04.06.2017
5. Tiefere Gründe?
Zitat von w.weiterExtremisten, ob rechts oder links, oder gar religiös eingestellt, gehören mit rechtstaatlichen Mittel "bekämpft". Die Analyse der Vergangenheit, und Gegenwart, klingt immer gut, soll auch wertgeschätzt werden. Was hilft es aber den Opfern, wie am 03.06.2017 in London? Deren Hinterbliebenen ist es m.E. nach egal wo der Extremismus und Radikalismus seinen Ursprung fand. Den Worten müssen Taten folgen, ABER rechtstaatlich. (war selbst in den 70igern in Ulster, schrecklich. Geht aber wieder. Gott sei Dank.)
Das Problem ist doch damals wie heute, dass nicht nach den tieferen Gründen für Extremismus gefragt wird. Das wiederum würde diejenigen in Frage stellen, die Herr Gerwarth in Schutz nimmt, nämlich die sog. bürgerliche Elite. Stattdessen wird wieder einmal die im Historikerstreit kulminierte Gleichstellung von Links- und Rechtsextremismus beschworen. Historisch greift Herr Gerwarth zu kurz, wenn er den Aufstieg des Faschismus allein als Folge des 1. WK und des Sieges des Bolschwiki in Russland veortet. Antisemitische und im Sinne Gerwarths faschistische Einstellungen gab es schon reichlich auch im Kaiserreich, weit vor 1914. Warum war das so (offene Frage s.o.)? Eine eindimensionale Herleitung des Faschismus ist ahistorisch und interessengeleitet.
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