Frauen an der Macht: Gieriges Ungeheuer

Von Eva-Maria Schnurr

3. Teil: "Monstrum fatale" nannte der Dichter Horaz Kleopatra

Frauen an der Macht: Gieriges Ungeheuer Fotos
Corbis

Das "Verderben bringende Ungeheuer"

Es lag nicht nur an der aufrührerischen Frage, dass die regierenden Triumvirn Marcus Antonius, Octavian und Marcus Lepidus sofort ihre Leibwächter, die Liktoren, losschickten, um die Rednerin zu vertreiben. Es lag auch daran, dass es ein Zeichen von Krise war, wenn Frauen sich in die Politik einmischten. Denn zeigte es nicht, dass die bestehende Ordnung instabil geworden war, dass die Macht der Etablierten wankte?

Vor diesem Hintergrund bot Antonius seinem Gegner Octavian mit seiner Beziehung zu Kleopatra eine offene Flanke. Er beriet sich mit ihr gemeinsam in politischen Fragen und bezog sie in die militärischen Planungen ein. Leicht war es für die Propaganda Octavians, in Rom die Angst vor einem totalen Umsturz zu schüren: nicht nur vor einer fremden Macht, die es auf Rom abgesehen hatte, sondern vor einer machtgierigen Königin.

"Monstrum fatale" nannte der Dichter Horaz Kleopatra, das "Verderben bringende Ungeheuer". Dahinter ahnt man die römische Vorstellung von dämonischen Kräften, die Frauen über Männer ausüben, wenn ihnen nicht durch ihren Gatten oder ihre Familie klare Schranken auferlegt werden. Und gar nicht so indirekt traf ein derartiger Vorwurf auch Marcus Antonius, der angeblich immer mehr verweiblichte und nicht in der Lage war, die Ägypterin an seiner Seite unter Kontrolle zu bringen.

Livia und Octavia, die Antithesen der Kleopatra

Das genaue Gegenbild zu Kleopatra hatte Octavian in der eigenen Familie: Es war seine Schwester Octavia, die nach dem Tod Fulvias Antonius' vierte Gemahlin wurde. Sie galt als extrem tugendsam und so familienorientiert, wie man sich das in Rom nur wünschen konnte: Sie vermittelte zwischen Octavian und ihrem Mann, arrangierte die Verlobung zwischen Octavians Tochter und Antonius' Sohn Antyllus aus der Ehe mit Fulvia, ja ertrug duldsam sogar Antonius' Liaison mit Kleopatra.

Als Antonius 35 v. Chr. Octavias Unterstützung nach seinem erfolglosen Partherfeldzug zurückwies und sich später von ihr scheiden ließ, ist wenig darüber zu erfahren, wie es ihr ging. Ihr Bruder empfand den Schritt des Antonius als schwerste Demütigung seiner Familienehre.

Er reagierte, indem er seine Frau Livia und seine Schwester Octavia als römische Antithese zu Kleopatra aufbaute: Er verlieh ihnen die "Sacrosanctitas", einen Status, der sonst nur den Volkstribunen zustand und der sie vor Beleidigungen und körperlichen Angriffen schützte, er gestattete ihnen, über ihr Vermögen selbst zu verfügen, und er ließ Statuen von Livia und Octavia aufstellen - die ersten von noch lebenden Frauen in Rom überhaupt.

Ordnung der Geschlechter als politische Aufgabe Octavians

Obwohl er seiner Ehefrau und seiner Schwester damit mehr Rechte gab, als Matronen in Rom je gehabt hatten, ging es Octavian doch um die Restauration eines traditionellen Frauenbildes, das seine Familie vorleben sollte: Livia und Octavia wurden herausgehoben aus der Masse der Frauen, sie wurden zu Leitbildern der Sittsamkeit für alle Römerinnen und bildeten mit Octavian eine urrömische Herrscherfamilie in Konkurrenz zu jener von Kleopatra und Marcus Antonius in Ägypten.

Als Herrscher Augustus ermahnte Octavian adlige Frauen, nur ja ihre eigentliche Rolle als Ehefrau und Mutter zu erfüllen. Zur Belohnung durften sie nach der Geburt von drei Kindern selbst über ihr Vermögen entscheiden. Ehebruch - allerdings nur den von Frauen - stellte Augustus sogar unter Strafe und ließ gemeinsam mit seiner Frau Livia die Tempel der Pudicitia restaurieren.

Es ist, als habe er nur ja beweisen wollen, dass er das Land im Griff und mit der politischen Ordnung auch die Ordnung der Geschlechter wiederhergestellt habe. Und als habe er alles darangesetzt, dass die Macht der Männer, seine Macht, nicht noch einmal von Frauen wie Fulvia oder Kleopatra in Frage gestellt würde.

Ausgerechnet in der Familie hatte er mit seiner Politik nur mäßigen Erfolg: Seine einzige Tochter Julia war in Rom für ihre Affären berüchtigt. Unter anderem soll sie mit Iullus, dem jüngeren Sohn von Marcus Antonius und Fulvia, angebändelt haben. Sicherheitshalber verbannte Augustus sie deshalb ins Exil.

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1.
Oback_Barama 06.04.2012
"Kleopatra galt als unvergleichliche Schönheit ..." ???? Ja, wenn man Elizabeth Taylor als Kleopatra betrachtet. Eigentlich, wie die Hostoriker behaupten, soll die echte Kleopatra potthässlich gewesen sein.
2. Was ist schon Schönheit?
nethopper01 06.04.2012
Zitat von Oback_Barama"Kleopatra galt als unvergleichliche Schönheit ..." ???? Ja, wenn man Elizabeth Taylor als Kleopatra betrachtet. Eigentlich, wie die Hostoriker behaupten, soll die echte Kleopatra potthässlich gewesen sein.
Das behaupten nicht nur Historiker. Es gibt zeitgenössische Münzen mit dem Portait Kleopatras, die zeigen vermutlich ein durchaus realistisches Bild. Nach heutigen und wahrscheinlich auch nach römischen Massstäben war sie sicherlich keine Schönheit. Ihre Qualitäten müssen auf anderem Gebiet zu suchen sein, mit denen sie nacheinander wichtige Männer Roms so für sich einnehmen konnte. Die Charakterisierung Livias im Artikel finde ich etwas eigentümlich. Livia war übrigens wirklich sehr attraktiv, wie zeitgenössische Bildnisse bestätigen. Wenn eine Frau Roms wirklich machtbewusst und durchsetzungsstark war, dann Livia. Sie hat faktisch gemeinsam mit Augustus regiert und in seiner Abwesenheit eigenverantwortlich und unangefochten die Staatsgeschäfte geführt. Sie zum Feind zu haben war mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich. Viele römische Kaiser sind den Intrigen ihrer eigenen Frauen zum Opfer gefallen, wobei sich der Ehrgeiz wohl meist auf die Karriere der Söhne bezog. Dass Augustus die Ehe förderte und die Moral hochhielt, war wohl eher dem Aderlass aus dem Bürgerkrieg geschuldet. Rom brauchte schlicht Nachwuchs, um die Verluste an Gefallenen auszugleichen.
3. Sie haben das gut zusammengefaßt.
PrinzEisenerz 06.04.2012
Zitat von nethopper01Das behaupten nicht nur Historiker. Es gibt zeitgenössische Münzen mit dem Portait Kleopatras, die zeigen vermutlich ein durchaus realistisches Bild. Nach heutigen und wahrscheinlich auch nach römischen Massstäben war sie sicherlich keine Schönheit. Ihre Qualitäten müssen auf anderem Gebiet zu suchen sein, mit denen sie nacheinander wichtige Männer Roms so für sich einnehmen konnte. Die Charakterisierung Livias im Artikel finde ich etwas eigentümlich. Livia war übrigens wirklich sehr attraktiv, wie zeitgenössische Bildnisse bestätigen. Wenn eine Frau Roms wirklich machtbewusst und durchsetzungsstark war, dann Livia. Sie hat faktisch gemeinsam mit Augustus regiert und in seiner Abwesenheit eigenverantwortlich und unangefochten die Staatsgeschäfte geführt. Sie zum Feind zu haben war mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich. Viele römische Kaiser sind den Intrigen ihrer eigenen Frauen zum Opfer gefallen, wobei sich der Ehrgeiz wohl meist auf die Karriere der Söhne bezog. Dass Augustus die Ehe förderte und die Moral hochhielt, war wohl eher dem Aderlass aus dem Bürgerkrieg geschuldet. Rom brauchte schlicht Nachwuchs, um die Verluste an Gefallenen auszugleichen.
So wie Caesar und dann Antonius, klaer - die "orientalische Verführerin", die ja eigentlich girechischer Abstammung war. Das mit "machtgeil" stimmt, alle Ptole-maier waren das - eine Familie voll äußerst schlimmer Finger, die die ägyptische Kultur wie eine Maske trug.
4. Es war die Stimme!
alafesh 06.04.2012
Zitat von nethopper01Das behaupten nicht nur Historiker. Es gibt zeitgenössische Münzen mit dem Portait Kleopatras, die zeigen vermutlich ein durchaus realistisches Bild. Nach heutigen und wahrscheinlich auch nach römischen Massstäben war sie sicherlich keine Schönheit. Ihre Qualitäten müssen auf anderem Gebiet zu suchen sein, mit denen sie nacheinander wichtige Männer Roms so für sich einnehmen konnte. Die Charakterisierung Livias im Artikel finde ich etwas eigentümlich. Livia war übrigens wirklich sehr attraktiv, wie zeitgenössische Bildnisse bestätigen. Wenn eine Frau Roms wirklich machtbewusst und durchsetzungsstark war, dann Livia. Sie hat faktisch gemeinsam mit Augustus regiert und in seiner Abwesenheit eigenverantwortlich und unangefochten die Staatsgeschäfte geführt. Sie zum Feind zu haben war mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich. Viele römische Kaiser sind den Intrigen ihrer eigenen Frauen zum Opfer gefallen, wobei sich der Ehrgeiz wohl meist auf die Karriere der Söhne bezog. Dass Augustus die Ehe förderte und die Moral hochhielt, war wohl eher dem Aderlass aus dem Bürgerkrieg geschuldet. Rom brauchte schlicht Nachwuchs, um die Verluste an Gefallenen auszugleichen.
wie Historiker aus Textquellen schon vor einiger Zeit ermittelt haben, war das unvergleichlich Schöne an ihr die Stimme. Das ist auch schon in einer TV- Reportage transportiert worden. Ich bin etwas enttäuscht, daß der Spiegel noch nichts davon gehört hat und mit dem üblichen "...galt als unvergleichliche Schönheit..." aufmachen muß. Es wird wohl noch genauso lange dauern bis sich das in Journalistenkreisen herumspricht, wie die Tatsache, daß die "Machtergreifung" eine Sogenannte war.
5.
Oback_Barama 06.04.2012
Zitat von nethopper01Das behaupten nicht nur Historiker. Es gibt zeitgenössische Münzen mit dem Portait Kleopatras, die zeigen vermutlich ein durchaus realistisches Bild. Nach heutigen und wahrscheinlich auch nach römischen Massstäben war sie sicherlich keine Schönheit. Ihre Qualitäten müssen auf anderem Gebiet zu suchen sein, mit denen sie nacheinander wichtige Männer Roms so für sich einnehmen konnte. Die Charakterisierung Livias im Artikel finde ich etwas eigentümlich. Livia war übrigens wirklich sehr attraktiv, wie zeitgenössische Bildnisse bestätigen. Wenn eine Frau Roms wirklich machtbewusst und durchsetzungsstark war, dann Livia. Sie hat faktisch gemeinsam mit Augustus regiert und in seiner Abwesenheit eigenverantwortlich und unangefochten die Staatsgeschäfte geführt. Sie zum Feind zu haben war mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich. Viele römische Kaiser sind den Intrigen ihrer eigenen Frauen zum Opfer gefallen, wobei sich der Ehrgeiz wohl meist auf die Karriere der Söhne bezog. Dass Augustus die Ehe förderte und die Moral hochhielt, war wohl eher dem Aderlass aus dem Bürgerkrieg geschuldet. Rom brauchte schlicht Nachwuchs, um die Verluste an Gefallenen auszugleichen.
Es gibt ja eine verklärtes und romantisiertes Bild von der Antike, von Griechenland und Rom, und zwar von den jenen Religionskritikern wie Dawkins und Co. Die meinen in der Antike, in Griechenland und Rom herrschte früher große sexuelle Freiheit und Gleichberechtigung und dies und das..war alles prima alles toll und das ganze Moral-Zeug und die strengen Regeln, führte später erst das Christentum ein. Offenischtlich gab es die moralischen Regeln schon vorher, also lange vorm Christentum.
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