Frühe Zeppeline: Dem Himmel entgegen

Von Joachim Mohr

Luftfahrt: Dem Himmel entgegen Fotos
Getty Images

Flugpioniere wie Ferdinand von Zeppelin und Otto Lilienthal eroberten im Kaiserreich die Lüfte. Anfangs waren Zeppeline den Flugzeugen überlegen.

Ferdinand Graf von Zeppelin war ein aufstrebender Leutnant in der Württembergischen Armee. Im Jahr 1863 ließ der 24-Jährige sich vom Dienst beurlauben, reiste in die USA und erlangte eine Audienz bei Präsident Abraham Lincoln. Dieser erlaubte dem jungen Mann aus Konstanz am Bodensee, als Beobachter die Nordstaaten-Armee im Amerikanischen Bürgerkrieg zu begleiten.

Am 19. August 1863 erlebte der deutsche Adlige etwas, das sein gesamtes weiteres Leben prägen sollte: In St. Paul im Bundesstaat Minnesota konnte er an einer Fahrt in einem Fesselballon teilnehmen. 200 bis 250 Meter hoch stieg er dem Himmel entgegen - eine Sensation. Das Erlebnis war für Zeppelin wie eine Erleuchtung. "Während ich über St. Paul schwebte, kam mir zum ersten Mal die Idee von meinem Zeppelin", notierte er später.

Doch erst einmal ging er zurück nach Deutschland in den militärischen Dienst. Erst 24 Jahre nach seinem Ballon-Abenteuer, er war inzwischen württembergischer Gesandter in der Hauptstadt Berlin, verfasste Zeppelin eine Denkschrift über die "Notwendigkeit der Lenkballone". Ihm war klar: Die Fluggeräte der Zukunft mussten lenkbar sein.

Im Jahr 1891 trat Zeppelin in den Ruhestand - wohl nicht ganz freiwillig. Er hatte in einer weiteren Denkschrift das preußische Oberkommando über württembergische Truppen kritisiert, sehr zum Unwillen Kaiser Wilhelms II..

Das Ende seiner militärischen Karriere war ein Glück für die noch am Anfang stehende Luftfahrt: Der 52-jährige Ferdinand Graf von Zeppelin machte sich nun mit Leidenschaft daran, Luftschiffe zu entwickeln.

Anfangs waren die Versuche wenig ermutigend. Sein erstes Luftschiff startete im Jahr 1900 von einer schwimmenden Halle auf dem Bodensee, Tausende Menschen schauten am Ufer zu - aber schon nach 18 Minuten musste das Fluggerät notlanden. Das zweite schwebte gut fünf Jahre später wiederum nur wenige Minuten und wurde anschließend am Boden von einem Sturm zerfetzt.

Erst sein "LZ 4" (Luftschiff Zeppelin) brachte den Durchbruch. Anfang Juli 1908 steuerte der Erfinder das Fluggefährt während einer zwölfstündigen Reise fast 400 Kilometer über die Schweiz. Die Menschen waren fasziniert.

Doch eine weitere Fahrt Anfang August endete in einer Katastrophe: In der Nähe von Stuttgart riss sich das Luftschiff bei starkem Wind aus seiner Verankerung am Boden, explodierte und brannte aus. Für den Pionier schien damit nicht nur ein Traum zerstört. Er war auch finanziell ruiniert.

Dennoch rettete ihn eine Zeppelineuphorie. Im gesamten Kaiserreich riefen Bürger eine nationale "Zeppelinspende" ins Leben. Innerhalb weniger Monate erbrachte die Aktion die Summe von über sechs Millionen Mark, was etwa dem Zehnfachen in Euro entspricht.

Drei Monate nach dem Unglück reiste Kaiser Wilhelm II. nach Friedrichshafen und besuchte Graf Zeppelin. Er verlieh ihm den höchsten preußischen Orden und nannte ihn "den größten Deutschen des Jahrhunderts". Zuvor hatte der sprunghafte Monarch ihn noch als "Dümmsten aller Süddeutschen" geschmäht.

Von 1900 bis 1914 wurden insgesamt 25 Zeppeline gebaut

Mit gefüllter Kasse ging der Zeppelinbau erfolgreich voran. Ab 1909 wurden die Fluggeräte in der zivilen Luftfahrt eingesetzt. Das Luftschiff "Deutschland", fertiggestellt 1910, konnte Fahrgäste in einer Passagierkabine mitnehmen. Bis 1914 beförderte die unter anderem von Graf Zeppelin gegründete Deutsche Luftschifffahrts AG auf mehr als 1500 Fahrten fast 35.000 Menschen - unfallfrei. Von 1900 bis 1914 wurden insgesamt 25 Zeppeline gebaut, auch das Militär erwarb einige Exemplare.

Auch wenn es aus heutiger Sicht verwunderlich erscheint: Anfang des 20. Jahrhunderts war noch nicht ersichtlich, dass das Flugzeug sich gegen das Luftschiff durchsetzen würde. Weil alles, was leichter als Luft ist, nach oben steigt, schien es für die meisten Zeitgenossen logisch, dass ein Zeppelin fliegt, aber eher unwahrscheinlich, dass Flugzeuge sich hoch in die Lüfte erheben würden.

Der damals bedeutendste Flugzeugpionier war der 1848 geborene Otto Lilienthal. Der Ingenieur aus Anklam in Vorpommern veröffentlichte 1889 sein Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst", das bis heute als eines der wichtigsten flugtechnischen Werke gilt.

Ab 1891 unternahm Lilienthal praktische Versuche: Er baute rund 20 Flugapparate, startete zu mehr als 2000 Gleitflügen, bei denen er teilweise über 250 Meter weit schwebte. 1894 ging einer der Gleiter, der sogenannte Normalsegelapparat, sogar in Serienproduktion.

"Der Anblick eines Mannes, der von großen, weißen Flügeln getragen wird"

Im August 1896 stürzte Lilienthal jedoch bei einem Flug in der Nähe von Rhinow westlich von Berlin aus rund 15 Meter Höhe ab. Er wurde, noch bei Bewusstsein, mit einem Pferdewagen in einen Gasthof in der Nähe gebracht, danach in ärztlicher Begleitung in einem Güterwagen nach Berlin transportiert. Dort starb er einen Tag später.

Lilienthal war der erste Mensch gewesen, der im Flug fotografiert wurde. Ein Augenzeuge schrieb damals: "Der Anblick eines Mannes, der von großen, weißen Flügeln getragen wird und über dir in großer Höhe mit der Geschwindigkeit eines Rennpferdes dahingleitet - das sind Eindrücke, die man niemals mehr vergessen kann."

Graf Zeppelin starb 1917 in Berlin. Das vorläufige Ende für seine Luftschiffe aufgrund des Versailler Vertrags erlebte er nicht mehr.

Der 1914 beginnende Erste Weltkrieg war der erste Konflikt, in dem Zeppeline und Flugzeuge zum Einsatz kamen. Bereits sechs Jahre zuvor, 1908, hatte der englische Schriftsteller H. G. Wells einen der einflussreichsten Zukunftsromane jener Zeit geschrieben: "The War in the Air". Darin greifen deutsche Luftschiffe eine Großstadt an, New York. "Beim Überfliegen zerstörten die Luftschiffe die Stadt. Am Boden ließen sie Ruinen und lodernde Feuersbrünste und aufgehäufte und verstreute Tote zurück", heißt es darin.

Ein ebenso höllischer wie wahrer Blick in die Zukunft des Krieges.

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1.
max_schwalbe 31.05.2013
Dass mit Wasserstoffgas gefüllte Zeppeline im 1. Weiltkrieg zur Bombardierung britischer Städte eingesetzt wurden, mutet geradezu unglaubwürdig an. Aber so war es tatsächlich. Die Zeppeline waren an der Unterseite schwarz gestrichen, um den Suchscheinwerfern der Städte zu entgehen. Der 1.WK ist und bleibt mit Sicherheit der einzige Einsatz von Zeppelinen als "Bomber". Zur Aufklärungszwecken oder Versorgungsstationen könnten sie aber noch heute eine Zukunft haben.
2.
tobik84 31.05.2013
man wusste damals schon, dass wasserstoff zu gefährlich ist und wollte auf helium umstellen. die amerikaner hatten sich sogar bereit erklärt das nötige helium zu liefern. aber da lief dann wieder irgendwas mit den nazis schief. ohne die hindenburgkatastrophe wäre das luftschiff sicherlich eine angenehme art des reisens
3.
Sergeij 31.05.2013
Zitat von sysopDPAFlugpioniere wie Ferdinand von Zeppelin und Otto Lilienthal eroberten die Lüfte. Anfangs waren Zeppeline den Flugzeugen überlegen. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/graf-zeppelin-und-otto-lilienthal-waren-pioniere-der-luftfahrt-a-902531.html
Das dem Fliegen schwerer als Luft die Zukunft gehören wird, war auch Graf Zeppelin schon relativ früh klar. Bei einem Vortrag vor der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 1910 sagte Graf Zeppelin dann auch schon sinngemäß, dass dem Fliegen mit Luftfahrzeugen schwerer als Luft die Zukunft gehören wird, würde es gelingen, Verbrennungskraftmaschinen mit hoher Leistung und hoher Zuverlässigkeit zu bauen. Die hohe Geschwindigkeit und die große Flughöhe würde das Fliegen mit großer Pümktlichkeit außerhalb der Wettereinflüsse ermöglichen (Anmerkung: denen Zeppeline ja immer ausgesetzt sind). Im Endeffekt hat er recht behalten...
4.
datsenfdöppche 31.05.2013
Gaf Zeppelin war nicht der erste, der ein lenkbares Luftschiff erfolgreich konstruierte.Bereits am 24. September 1852 erhob sich in Paris der Ingenieur Henri Giffard mit einem lenkbaren Ballon in die Lüfte. angetrieben war das Ungetüm sogar mit einer Dampfmaschine, trotz der Wasserstofffüllung! Zeppelin erfand lediglich das Starrluftschiff mit fester Außenkonstruktion um die Gaszellen. Darüber hinaus hat SpON die Ingenieure Ludwig Dürr und Hugo Eckener unterschlagen, ohne die Zeppelin niemals seine Luftschiffe hätte bauen können, da ihm das technische wissen dazu fehlte. Der eine konstruierte die nämlich die Dinger, der andere organisierte als Chef der Delag schließlich erst den regelmäßigen Flugverkehr. Zudem hatten sowohl Zeppelin als auch Wilhem zwo nie die Absicht gehabt, seine Luftschiffe für Bombenangriffe auf die Zivilbevölkerung Englands zu missbrauchen. Das war die perverse Idee von Peter Strasser, deer als Fregattenkapitän die Luftschiffe befehligte. Nun, er fand auch einen perversen Tod. Ob im übrigen das Flugzeug wirklich der endgültige Sieger ist, das werden wir sehen, wenn die fossilen Mineralölvorkommen zu Ende sind. Kerosinsäufer wie die B-747 und A-380 werden jedenfalls aussterben wie die Dinosaurier.
5. optional
max_schwalbe 31.05.2013
Ich sehe zwei Bereiche, in denen der Zeppelin dem Flugzeug überlegen ist: 1. Mittelgroße Zeppeline für touristische Rundfahrten oder Kreuzfahrten (da kommt es nicht auf Geschwindkeit an, Energieverbrauch viel geringer und leiser als Flugzeug/Helicopter, komfortables Reisen mit großen Platzangebot). 2.: Große Zeppeline für Schwertransporte. Um eine große Turbine durch Afrika zu transportieren, muss oft eine extra Straße dafür gebaut, Häuser abgerissen werden. Diese Riesenaufwand würde sich mit einem Luftschiff wie dem CargoLifter, wie er in Brandenburg gebaut werden sollte, lösen. Schade, dass den Investoren das Risiko zu groß war. Eine verpasste Chance.
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