Seitenblick Brennendes Geheimnis

Eine "Wunderwaffe" rettet Byzanz über lange Zeit: das Griechische Feuer.

Wunderwaffe Seefeuer: Griechisches Feuer gegen Angreifer zur See
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Wunderwaffe Seefeuer: Griechisches Feuer gegen Angreifer zur See

Von SPIEGEL-GESCHICHTE-Autor Thorsten Oltmer


Seit Jahren schon wird Konstantinopel von einem muslimischen Heer belagert. Kalif Muawija hat die Metropole von See her eingeschlossen, kann sie aber weder aushungern noch einnehmen, denn über den Landweg kommt Nachschub hinein. So herrscht eine Pattsituation - aber da ist in der Stadt ja noch Kallinikos.

Der Ingenieur stammt aus Heliopolis, dem heutigen Baalbek. Er hat eine neuartige, wohl selbst entwickelte Waffe mitgebracht: eine wundersame Substanz, die, einmal entzündet, hell und heiß brennt. Damit, so hoffen die Belagerten, könnten sie endlich die Blockade aufbrechen. Um 678 setzen sie die neue "Wunderwaffe" zum ersten Mal ein. Die Wirkung ist verheerend: Zehntausende Araber sterben. Der Sieg der Christen ist überwältigend.

Was aber ist das Geheimnis des "pyr hygron", des flüssigen Feuers, wie man es damals nannte? Das genaue Rezept ist verlorengegangen, aber Forscher sind sicher, dass Erdöl den Hauptbestandteil des "Seefeuers" ausmachte.

Byzanz hatte Zugriff auf Ölquellen am Schwarzen Meer; alte Berichte nennen Dutzende oberflächliche Lagerstätten. In riesigen Amphoren wurde das Petroleum nach Byzanz transportiert. Dort mischte man Baumharz hinzu, wohl auch Schwefel und weitere Ingredienzien. Die Herrscher hüteten die Mischung als Staatsgeheimnis - und Monopol. Im Jahr 949 schrieb Kaiser Konstantin VII. an seinen Sohn Romanos: "Man muss des Griechischen Feuers wegen eifrig Sorge tragen und all diejenigen zurückweisen, welche das Geheimnis seiner Zusammensetzung kennenlernen wollen!"

"Napalm des Frühmittelalters"

Um dieses "Napalm des Frühmittelalters", so Historiker, effektiv einzusetzen, musste ein komplett neues Waffensystem entwickelt werden. Bei der Herstellung setzte man aus Gründen der Geheimhaltung auf strikte Arbeitsteilung. Nur der Kaiser und wenige Auserwählte kannten alle Einzelheiten.

Installiert wurde dieser frühe Flammenwerfer auf Dromonen, bis zu 50 Meter langen Kriegsschiffen mit maximal 300 Mann Besatzung. Im Unterdeck standen große Feuerbecken; hier erhitzte man das Gemisch in Kesseln. Von dort wurde die heiße, flüssige Masse mit Pumpen durch lange Schläuche in ein Rohr am Bug gepresst. Ein bronzenes Mundstück mit Zündvorrichtung, der "Siphon", spie die todbringende Masse auf die Decks gegnerischer Schiffe.

Bis zu 15 Meter weit reichte der feurig-brüllende Strahl. Dicker schwarzer Qualm verhüllte die Sicht. Im Nu brannten die gegnerischen Schiffe wie Fackeln. Das Teuflische an der Substanz, ganz ähnlich dem heutigen Napalm: Sie ist kaum zu löschen. Nur mit Essig, Sand oder Urin ließen sich die Flammen ersticken, berichteten Überlebende. In panischer Angst stürzten sich Matrosen in die See - umsonst, denn sogar auf dem Wasser verlosch die klebrige Masse nicht.

Lieber Ertrinken

941 wurde die Waffe gegen eine große Flotte der Rus unter Fürst Igor von Kiew eingesetzt. Mit ihren flachbödigen Booten waren die Slawen in Kleinasien gelandet und bedrohten die Hauptstadt, die gerade ohne Verteidigung war. In aller Eile wurden 15 alte Schiffe mit Feuerrohren an Bug und Heck ausgerüstet. Der Sieg war triumphal. Ein Chronist berichtet: "Die Rus sahen das Feuer kommen und sprangen über Bord. So zogen sie das Ertrinken dem Tod in den Flammen vor, denn ihr schwerer Harnisch ließ sie sinken."

Auch an Land gab es Einsatzmöglichkeiten. Katapulte verschossen mit Griechischem Feuer getränkte glühende Ballen aus Stoff oder Stroh auf die feindlichen Stellungen.

Ob die Waffe allein den Fall des Reiches wirklich jahrhundertelang hinausgezögert hat, ist zweifelhaft. Jedenfalls verschwand sie gegen Anfang des 13. Jahrhunderts aus den Berichten. Es war wohl auch der Mongolensturm, der das geschwächte Reich vom Ölnachschub abschnitt.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
z_beeblebrox 09.03.2014
1.
Zitat von sysopGetty ImagesEine "Wunderwaffe" rettet Byzanz über lange Zeit: das Griechische Feuer. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/griechisches-feuer-wunderwaffe-seefeuer-rettet-byzanz-a-954043.html
Interessante Geschichte. Bei einer so alten Historie sollte man allerdings die Jahresangaben mit "vor oder nach Christus" (v. Chr./n. Chr.) kennzeichnen. Nicht jeder Leser ist Geschichtsprofessor. Und der erwähnte Kaiser Konstantin VII ist doch der, welcher 905 n. Chr. in Konstantinopel geboren wurde und dort am 9. November 959 n. Chr. starb, oder? Hieß das Reich dann überhaupt noch Byzanz? Lese ich mir das durch: http://de.wikipedia.org/wiki/Byzantion sowie http://de.wikipedia.org/wiki/Byzanz "Konstantinopel, das 330 * n. Chr. * umbenannte Byzantion, Hauptstadt * Ostroms * (heute Istanbul)" bin ich bzgl. des SPON-Beitrages dann doch etwas verwirrt.
osnase92 09.03.2014
2.
Gebe meinem Vorposter Recht, ich studiere Geschichte, für den Artikel wären sie durchgefallen. Ansonsten interessante Geschichte, kannte das bisher nur aus gewissen Pc-Spielen
josifi 09.03.2014
3.
Zitat von z_beeblebroxInteressante Geschichte. Bei einer so alten Historie sollte man allerdings die Jahresangaben mit "vor oder nach Christus" (v. Chr./n. Chr.) kennzeichnen. Nicht jeder Leser ist Geschichtsprofessor. Und der erwähnte Kaiser Konstantin VII ist doch der, welcher 905 n. Chr. in Konstantinopel geboren wurde und dort am 9. November 959 n. Chr. starb, oder? Hieß das Reich dann überhaupt noch Byzanz? Lese ich mir das durch: http://de.wikipedia.org/wiki/Byzantion sowie http://de.wikipedia.org/wiki/Byzanz "Konstantinopel, das 330 * n. Chr. * umbenannte Byzantion, Hauptstadt * Ostroms * (heute Istanbul)" bin ich bzgl. des SPON-Beitrages dann doch etwas verwirrt.
Byzanz ist schon richtig und meint nicht nur die Stadt http://de.wikipedia.org/wiki/Byzantinisches_Reich Und wenn von Moslems, Kiew und vor allem dem Frühmittelalter die Rede ist, wird wohl niemand ernsthat an VOR Christus denken.
trafozsatsfm 09.03.2014
4. Byzantinisch und (Ost-)Römisch
Zitat von z_beeblebroxInteressante Geschichte. Bei einer so alten Historie sollte man allerdings die Jahresangaben mit "vor oder nach Christus" (v. Chr./n. Chr.) kennzeichnen. Nicht jeder Leser ist Geschichtsprofessor. Und der erwähnte Kaiser Konstantin VII ist doch der, welcher 905 n. Chr. in Konstantinopel geboren wurde und dort am 9. November 959 n. Chr. starb, oder? Hieß das Reich dann überhaupt noch Byzanz? Lese ich mir das durch: http://de.wikipedia.org/wiki/Byzantion sowie http://de.wikipedia.org/wiki/Byzanz "Konstantinopel, das 330 * n. Chr. * umbenannte Byzantion, Hauptstadt * Ostroms * (heute Istanbul)" bin ich bzgl. des SPON-Beitrages dann doch etwas verwirrt.
Tatsächlich "hieß" das Reich niemals "Byzantinisches Reich". Dieser Begriff ist erst von neuzeitlichen Historikern erfunden worden, um das mittelalterliche Reich vom spätantiken (Ost-)Römischen Reich zu unterscheiden. Und diese Unterscheidung beruht wiederum ausschließlich auf kulturellen Überlegungen und hat nichts mit staatsrechlichen Aspekten oder Eigenbezeichnungen zu tun. Die byzantinischen Kaiser betrachteten sich bis 1452 stets als römische Kaiser und ihr Reich als das Römische Reich. Die Bewohner des Reiches bezeichneten sich als Rhomaier (= Römer). Ich gebe zu, dass das etwas verwirrend ist, zumal man unglücklicherweise bei der Bezeichnung "Byzantinisches Reich" auch noch auf den alten griechischen Namen der Stadt zurückgegriffen hat, der zur Zeit der Existenz des gemeinten Reiches überhaupt nicht mehr gebräuchlich war.
bringer-of-light 09.03.2014
5. optional
Byzantinisches Reich ist eine Bezeichnung modernen Ursprungs für das oströmische Imperium. Die Byzantiner sahen sich selbst als Rhomaioi (Römer) und bezeichneten ihr Reich als Basileia ton Romaion. Das griechische Feuer verschwand wahrscheinlich, weil sich am Vorabend des vierten Kreuzzuges an der südöstliches Schwarzmeerküste das Kaiserreich Trapezunt unter den Groß-Komnenen gegründet bzw. sich diese Region verselbstständigt hatte. In den Wirren des vierten Kreuzzuges scheint auch das Wissen um die Herstellung dieses Brandmittels verlorengegangen zu sein
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